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Von Zauberstäben und Spätzlehexen

Fast 55 Jahre und noch immer leise: Für gute Geister im Küchenalltag ist High-Tech Teufelszeug

von Annegret Handel-Kempf

Gute Fee Seit 80 Jahren erfreuen sich amerikanische Hausfrauen an der großen Küchenmaschine KitchenAid „mit Planetenrührerwerk und Direktantrieb“. Doch auf deutschen Verbrauchermessen zwischen München und Hamburg, Saarbrücken und Passau schlägt seit fast 55 Jahren der Schweizer „Zauberstab“ bamix Eheleute und Singles in seinen magischen Bann.

War er nun ein Kochlehrling, der Anfang der 50er Jahre genug vom aufwendigen Reinigen großer Küchenmaschinen aus den USA hatte? Und der dem Kochgut mit einer höheren Drehzahl zu Leibe rücken wollte, indem er die Welle – weniger spritzgefährdet - im Inneren des Gefäßes laufen ließ?
Oder war er ein Schweizer Ingenieur, der Mitleid mit seiner Mutter hatte, die Tag für Tag mit Raspeln und Rühren ihre Hände ermüdete? Wollte er ihr deshalb einen Motor mit Griff in die Hand geben, der für sie „unten“ arbeitete? Oder war er gar ein Zauberlehrling, der auch kleinste Küchen in Gourmet-Tempel verwandeln wollte? - Die Mythen werden immer phantasievoller, doch die Grundidee des Roger Perrinjaquet aus Lausanne, dessen Schweizer Patent mit der Nummer 288357 vom 16. Mai 1953 die Herren Geschwend und Springler (ESGE) erwarben, bleibt einfach: Einen Motor in die Hände von Hausfrauen und Spitzenköchen zu legen, der sie einfach zu Topleistungen befähigt.

„Ganz locker aus dem Handgelenk“, mahnt Daniela Falkner, im Hauptberuf Menüplanerin in einem Grazer Spitzenrestaurant, während sie auf Verbrauchermessen überall in Deutschland vorführt, wie mit Hilfe des 850 Gramm leichten „bamix der Zauberstab“ aus dem Hause ESGE AG, Schweiz, sekundenschnell Öl und weitere Zutaten in Mayonnaise verwandelt werden. „So fix sind Sie noch nicht mal zur Haustür raus“, kommentiert sie, und eine wahre Heerschar von Zuhörern nickt.
„Den Zauberstab ohne Gegendruck arbeiten lassen. Sonst überhitzt er und der Motor geht kaputt“, rät die adrette Vorführerin. Geduldig beantwortet sie alle Fragen nach raffinierten Rezepten und nach besserem Gelingen.
„Wir wollen keine Verkäufer, die unter Druck stehen“, sagt Personalplaner Joseph Raggam, der im Hauptberuf Maler ist. „Im Sinne von Beus bringe ich Leute zusammen, die eine Sozialskulputur aus Interessen und Interessiertheit schaffen. Lotte Grenwald ist eigentlich Musikerin. Andie Cayne ist Sängerin und tritt auch mit dem Sohn von Ringo Starr auf.“

Besser als Fernsehwerbung

Gegenseitig stecken sich die Zuhörer mit ihrer Begeisterung an, funktionieren mit ihrem Erfahrungsaustausch besser als Fernsehwerbung. Anheimelnd altmodisch lockt der Zauberstab alle herbei: Großmütter und Mütter, die gleich die Enkelinnen mitbringen, für deren Aussteuern die dritte Generation des ESGE-Zauberstabs angeschafft wird.
„Den da hab’ ich mit meinem Zauberstab groß bekommen“, verschafft sich eine ältere Dame am Messestand der Erich Adam Warenhandelsgesellschaft Gehör und deutet auf einen 30jährigen Hünen neben sich, der verlegen lächelt. „Ich habe vier Enkelkinder mit dem Zauberstab aufgezogen“, trumpft ihre Nachbarin auf.

Von pürierter Babynahrung bis zur selbstgemixten Bio-Kräuterlimonade auf Selleriebasis – die Einsatzmöglichkeiten des von amerikanischen „Blender“-Tischmodellen inspirierten Zauberstabs-Stars scheinen grenzenlos. Doch da es 1953 einen „Starmix“ bereits gab, wurde der erste Stabmixer nach „battre et mixer“ (schlagen und mischen) einfach bamix genannt. Ein Journalist lobte diesen als „wahren Zauberstab der Hausfrau“ – und so hieß er in Deutschland fortan „Zauberstab“.

„Und jetzt kaufen wir den Neuen doch“, versucht gerade drei Köpfe weiter ein älterer Herr einen Ehestreit um den SG 2000 mit ergonomischem Zwei-Stufenschalter zu beenden. „Meinen 60-Watt-Stab habe ich von meiner Mutter geerbt und er tut’s immer noch wunderbar“, will sich seine Gattin vom lieb gewordenen Helfer nicht trennen. „Der kommt nicht weg, damit schlage ich in der alten Kinderwanne das Zuckerwasser für meine Bienen auf“, beruhigt sie ihr Gatte, der Imker. Schließlich ist der gute Geist vielseitig und mixt, püriert, emulgiert, lockert, schlägt und mahlt.
„Schauen Sie, mit welcher Kraft sich der Hefeteig aus sechs Pfund Mehl reinzieht und über das Messer läuft“, schwärmt indes Falkner. „Wer hat denn noch keinen Zauberstab?“

Seit Oktober 1954 wurden vom Original nach Angaben des Herstellers in den fünf Kontinenten mehr als sieben Millionen Geräte verkauft. Lediglich in den USA ist der Run auf Platz sparende Stabmixer weniger groß als etwa in Japan oder Europa – die Beliebtheit großer Küchenmaschinen wie der „KitchenAid“ - KS90, 300 Watt-Motor, zehn Kilogramm Eigengewicht - war dort nicht mehr zu brechen.

Alle über den Fachhandel, beziehungsweise auf Messen erhältlichen Zauberstäbe werden im kleinen Dorf Mettlen in der Schweiz hergestellt. Zu Zeiten, als Küchenmaschinen noch wie Helicopter dröhnten und die Wiege des Babys vom Nachbarn zum Schaukeln brachten, wurde ein vibrationsarmer, leiser Motor speziell für den Zauberstab entwickelt, der im eigenen Werk produziert wird. Dessen Schutzhaube, die das gefahrlose Eintauchen des robusten Metallstabs selbst in kochendes Kochgut garantiert, ist gegenüber dem Pioniermodell M 60 unverändert. Der Metallstab wird bis auf Nanometer präzise gebaut und verlässt das Werk erst, nachdem er auf seine Laufgenauigkeit bei Turbogeschwindigkeit bis zu 17.000 Umdrehungen getestet wurde.

Unveränderte Aufsätze

Die drei Standard-Aufsätze Multimesser, Quirl und Schlagscheibe passen auf das bauchige Pioniermodell ebenso wie auf das vom Grafen Bernadotte designte 60er Jahre-Modell der zweiten Generation (M 75) und auf die dritte Generation. „Einschalten, ausschalten und unter fließendem Wasser sauber machen“, ist Falkner inzwischen beim Eis Anrühren aus Magermilch und gefrorenen Himbeeren, und damit beim Verkaufen selbst angelangt.
„Alte Zauberstäbe nehmen wir in Zahlung“, sagt Adams-Geschäftsführer Hans B. Rathke. „Weltweit gibt es etwa 50 angebliche Zauberstäbe verschiedenster Hersteller, bis hin zum Billigprodukt aus Thailand. Doch Zaubern können Sie nur mit dem Original Zauberstab, der zuverlässig funktioniert und dessen Name markenrechtlich geschützt ist.“
Ein wehmütig blickender, alter Mann, der einen Zauberstab in der Hand hält, murmelt vor sich hin. – „Selbstgespräche älterer Leute sind an unserem Stand häufig“, erklärt Raggam. „Mit Zauberstäben sind unwahrscheinlich viele Erinnerungen und Emotionen verbunden. Das rührt uns.“

Ohne „Minna“ geht es nicht

ZauberstabVerbrauchermessen sind in Deutschland beliebt, gerade im Frühjahr und Herbst treibt es viele Menschen auf Ausstellungen rund ums heimische Wohl: Das Herz von Fernsehmoderator Peter Frankenfeld schlug für „Minna“, die 1950 „geborene“ manuelle Universal-Küchenmaschine von Braucke, Bielefeld, aus Edelstahl mit fünf Einsatzscheiben und Saftpresse, deren Saugfuß nach 15 oder 20 Jahren kostenlos ersetzt wird (etwa 90 Euro auf Messen, rund 125 Euro im Katalog Manufaktum). Das Verkaufen der Minna hatte Frankenfeld in schlechten Zeiten ernährt. Aus Dankbarkeit führte er sie bis zu seinem Tod immer am ersten Messetag in Hamburg vor. So wie Helga Kaiser es seit 40 Jahren und Brigitte Kaschewski seit 25 Jahren täglich auf allen Messen tun. „Die Minna geht in die Erbmasse. Mit leichtem Kurbeln wird alles schnell und leise, ohne Strom geraspelt und gerieben. Der lange Hebel drückt alles sauber an. Dadurch bleibt die Minna bis zum Schluss sauber“, sind sie von ihrer „Minna“ überzeugt. Manuell funktioniert auch die Moulinex „vielseitig durch fünf verschiedene schnittstarke Metallscheiben“ gut.

„Aus ländlichen Haushalten und Kleingastronomien ist die Kenwood-Profi-Küchenmaschine mit ihrem einzigartigen Planetargetriebe gar nicht wegzudenken“, ist Rita Reiter „total happy“ mit der englischen Kenwood Chef Classic KM 410 (750 Watt; mit Mühle und Schnetzelwerk). „Kunden kaufen die Kenwood für ihre Kinder“, schwört auch sie auf Tradition. „Alles, was Kraft braucht, einfach rein geben. An Motor und Getriebe ist kein Teil aus Kunststoff. Repariert wird auf Kulanz.“

Doch was nützt der schönste Teig, wenn doch erst noch Spätzle daraus geformt werden müssen. Hier kommt weibliche Magie ins Spiel, die „Spätzle-Hexe“, die während der gesamten Benutzungsdauer nicht vom Topf über dem siedenden Wasser genommen werden muss: Auf der einen Seite wird der Teig durch die Löcher der Spätzle-Hexe geschabt, aus der anderen Hälfte des Topfes werden die fertigen Spätzle aus dem Wasser geschöpft. Das kann kein Computer.


2006-07-01 by Annegret Handel-Kempf
Text: © Annegret Handel-Kempf
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz

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