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Interview mit Joachim Jacobi - Zentrale Schülerdatenbank

E-Interview mit Joachim Jacobi, Staatssekretär im Hessischen Kultusministerium und Vorsitzender der KMK-Statistik-Kommission
Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz

Wirtschaftswetter: Herr Jacobi, kürzlich warnten die Datenschutzbeauftragten anlässlich ihres zweitägigen Treffens in Naumburg vor den Plänen der Kultusministerkonferenz, eine zentrale Schülerdatenbank mit Daten und Identifikationsnummern von allen, rund 12 Millionen Schülern einzuführen. Den Big-Brother-Award hat die KMK dafür auch schon eingeheimst. Können Sie als Vorsitzender der KMK-Statistik-Kommission unseren Lesern verständlich erklären, was eine solche Masse an Schüler-Daten bewirken soll?

Joachim Jacobi: Erwartet wird von uns, dass wir unseren Kindern eine gute Schulausbildung und gute Weiterbildungsmöglichkeiten als Grundlage für den künftigen Arbeitsmarkt schaffen. Für einen zielgerichteten Einsatz der Ressourcen und für eine Erfolgskontrolle ist eine verlässliche Datengrundlage zweifellos nötig. Dazu wollen wir die in den Schulen bereits vorhandenen Daten anonymisiert gezielter als bisher auswerten.
Sicherlich unstrittig ist die Tatsache, dass wir für die Bildungspolitik wissen müssen, wie viele Schüler wann in welche Schule gehen werden. So wissen wir zwar bisher, dass die Schülerzahlen in den nächsten 15 Jahren aufgrund des demografischen Wandels rückläufig sein werden. Wir wissen auch, dass dies nicht in allen Bildungsgängen so ist. Wir erwarten zum Beispiel bis zum Jahr 2020, dass über 50 Prozent der Schüler die Hochschulreife erlangen werden. Ferner wissen wir, dass die Entwicklung in den neuen Bundesländern eine andere ist als in den alten Bundesländern.
Wir müssen, um ein weiteres Beispiel zu nennen, doch genauer wissen, wie die Programme zur besseren Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund wirken und der Anteil dieser Schüler, die höherwertige Abschlüsse erreichen, ansteigt.
Die derzeitige Diskussion über die Schülerdatenbank beruht leider auf einigen grundsätzlichen Irrtümern: Wir wollen keinen gläsernen Schüler. Neue Schulverwaltungssoftware macht nichts anderes als vorhandene Daten in einem System zu erfassen und Verwaltungsvorgänge zu optimieren. Erst in einem nächsten Schritt kommen Auswertungsverfahren für die Statistik, die mit dem Datenschützern abgestimmt sind, zur Anwendung. Im Gegensatz zur Schule interessiert sich die Statistik überhaupt nicht für einzelne Schüler, wohl aber für das Bildungssystem insgesamt.

Wirtschaftswetter: Welche Schüler sollen erfasst werden, die von allgemein bildenden Schulen oder auch Privatschüler?

Joachim Jacobi: Privatschulen spielen eine wichtige Rolle und werden gerade in Hinblick auf Öffentlich-Private-Partnerschaft auch weiter eine wichtige Rolle spielen. Von daher würde ein relevanter Sektor fehlen, würden nur öffentlich-rechtliche Schulen erfasst.

Wirtschaftswetter: Welche Daten werden erhoben und wer soll Zugriff haben?

Joachim Jacobi: Die KMK arbeitet am Entwurf eines Kerndatensatzes, der keine anderen Daten enthält als die in der Verwaltung bereits vorliegenden über Schüler, Lehrer und die Schule selbst. Herr über diese Daten bleiben in jedem Fall die Länder. Wie die Daten am sinnvollsten und effektivsten ausgewertet werden können, darüber wird noch diskutiert.

Wirtschaftswetter: Und wann werden die einzelnen Datensätze wieder gelöscht bzw. wie lange werden diese aufbewahrt?

Joachim Jacobi: Wenn wir künftig auch Aussagen über Bildungsverläufe ermöglichen wollen, müssen Daten über längere Zeit - ich betone jedoch: anonymisiert - gespeichert werden. So wissen wir bis heute nicht statistisch gesichert, wie viel Prozent der Schüler, die eine Jahrgangsstufe wiederholen, den Bildungsgang doch noch erfolgreich abschließen. Die Länge des Speicherungszeitraums ist im Detail noch zu besprechen und keineswegs entschieden.

Wirtschaftswetter: Wahrscheinlich die Ihnen am häufigsten gestellte Frage: Wie wird der Schutz der registrierten Schüler garantiert, so dass Daten zum Beispiel nicht in falsche Hände geraten? Können Sie Letzteres überhaupt ausschließen?

Joachim Jacobi: Intelligente IT-Sicherheitskonzepte können heute Missbrauch sehr weitgehend verhindern. Wenn jemand die Daten missbrauchen wollte, wäre ein Zugriff auf statistische Daten für ihn der schwierigste Weg.

Wirtschaftswetter: Stimmt es, dass auch "Schulprobleme" in die Datei aufgenommen werden? Wie sind diese definiert: Schulverweise oder auch die Fünf in Mathe?

Joachim Jacobi: So stimmt das natürlich nicht, schon gar nicht bezogen auf konkrete Schüler. Natürlich wird zum Beispiel die Anzahl der Wiederholer wie bisher erfasst, da diese für die Planung der Schule notwendig ist, aber auch für Aussagen über die Gründe erfolgreicher oder weniger erfolgreicher Bildungsverläufe.

Wirtschaftswetter: Die KMK äußerte sich bislang dahingehend, dass es zu wenig Kenntnisse über die sozioökonomischen Hintergründe und Bildungsverläufe von deutschen Schülern gäbe. Ist denn dazu gleich die Erfassung von allen Schülern notwendig?

Joachim Jacobi: Zunächst will ich betonen, dass die Bildungsforscher zwar gern sozioökonomische Daten hätten, diese aber im Kerndatensatz der KMK ausdrücklich nicht vorgesehen sind. Da ist nämlich die Datenschutzproblematik schon beim Erfassen vorhanden.
Ansonsten gilt aber, dass wir nur mit einer genügend großen Anzahl relevanter Daten statistisch gesicherte Aussagen über Entwicklungen machen können. Es geht ja auch darum, ohnehin vorhandene Daten zu nutzen und nicht immer Sondererhebungen per Stichprobe machen zu müssen. Das ist auch vom Aufwand her die bessere Möglichkeit für unsere Schulen.

Wirtschaftswetter: Das Bundesamt für Statistik arbeitet zum Beispiel auch mit kleineren Befragen wie dem Mikrozensus und erhält daraus interessante Bestandsaufnahmen von Haushalten, Arbeits- und Familienformen. Würden zur Ermittlung von Bildungsverläufen nicht auch ähnlich reduzierte Erfassungen und vorhandene, repräsentative Studien ausreichen?

Joachim Jacobi: Für bestimmte Fragestellungen ist das sicher eine sinnvolle Ergänzung. Eine enge Zusammenarbeit mit den Statistischen Landesämtern besteht in solchen Fragen bereits jetzt.

Wirtschaftswetter: Und eine Frage zum Schluss: Gibt es einen konkreten Zeitplan zur Einführung - wie ist der aktuelle Stand?

Joachim Jacobi: Zunächst ist beabsichtigt, dass bis zum Schuljahr 2008/09 der Kerndatensatz in allen Ländern eingeführt wird. Die Diskussion über eine Schüler-ID und gemeinsame Datenhaltung hat eben erst begonnen. Dazu werden wir im Frühjahr 2007 kompetente Diskussionspartner und Experten in einem Workshop der KMK an den Tisch holen, um alle Facetten insbesondere die des Datenschutzes zu beleuchten. Die KMK sucht für die auf Statistikdaten gestützte Erforschung von Bildungsverläufen Konsens mit den Datenschützern, keinen Konflikt. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gemeinsam gelingen wird.

Weitere Informationen:
KMK - Kultusministerkonferenz

Hessisches Kultusministerium

2006-11-09 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartner Joachim Jacobi

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