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Der Demotivation entkommen

Das eigene Leben führen statt verbringen

von Angelika Petrich-Hornetz

Every step of the way we will find us
Hal David

No Parking

Lebst du noch oder bist du schon tot? Frei nach einem Slogan einer bekannten Möbelkette, sitzen Sie, nein, hocken Sie vor dem Bildschirm, während Sie diesen Artikel lesen. Vegetieren Sie auch sonst weitestgehend vor sich hin?. Und das, obwohl Ihnen als intelligenter Mensch durchaus bewusst ist, dass dieses Leben unter Umständen und je nach Glaubensrichtung. das einzige bleiben wird, das Sie jemals auf Erden werden führen dürfen? Trotzdem Ihnen solches durchaus bewusst ist, verbringen Sie die meiste Zeit (Ihres Lebens) damit, dieselbe totzuschlagen? Damit schlagen Sie nur einen: sich selbst.

Für Unternehmen hat Dr. Reinhard K. Sprenger mit seinem neuen Buch, Mythos Motivation, Kritik an wenig zielführenden Motivationssystemen in Firmen formuliert, mit denen diese ihre Mitarbeiter zwangsbeglücken. Er stellt die Theorie der extrinsischen Motivation nicht nur in Frage, sondern hält sie für nicht existent. Die eigene Leistungsbereitschaft und - fähigkeit eines Mitarbeiters und dessen Leistungsmöglichkeiten, die ihm in einem Unternehmen angeboten werden, bedingen dagegen einander. Das Zusammenspiel sei verantwortlich dafür, ob ein Mitarbeiter seine Talente tatsächlich auslebt, was schließlich auch zum messbaren Erfolg des Unternehmens beiträgt, so Sprenger in einem Spiegel-Online-Interview. Motivation könne daher nur jeder selbst entwickeln, Reize von außen träfen lediglich auf schon Vorhandenes. Belohnung von einzelnen Mitarbeitern demotiviere dagegen lediglich die anderen, die Nicht-Belohnten. Belobigungen, Auszeichnungen und Bonussysteme führten darüber hinaus zu immer schlimmeren Verwerfungen, so Sprenger, letztendlich zerstörten diese die Vertrauensbasis eines zusammenarbeitenden Teams bis hin zur Belegschaft eines Unternehmens.. Zielführender sei es, die ganze Belegschaft am Erfolg eines Unternehmens zu beteiligen, nicht das Ich und das Gegeneinander, sondern das Wir zu fördern. Wie Sie der persönlichen Demotivation entkommen, dazu ein paar Tipps vom Wirtschaftswetter, vor allem dieser: Führen Sie Ihr Leben statt es nur zu verbringen.

Tapetenwechsel wider Routine und Stumpfsinn

Um der dauernden Demotivierung, die uns zügig ereilen kann, sind wir auch noch so leistungsbereit, zu entkommen, müssen wir hellwach sein oder hellhörig werden. Morgens helfen vielleicht noch die Tasse Kaffee oder das Wach-Duschen, nach fünf Minuten Wasserstrahl, merken Sie spätestens, dass Sie nicht mehr im Bett liegen. Über den Tag reißen wir die Augen dennoch nicht mehr staunend auf, wenn wir stets nur auf dasselbe starren. Ein anderer Blickwinkel muss her und den kann sich nicht jeder einfach auf Knopfdruck ausdenken, bei ewig gleichbleibender Realität. Außerdem werden auch Geübte durch das Verharren in derselben Position am gleichen Ort ähnlich stumpfsinnig wie Menschen mit wenig Vorstellungskraft. Also: Ändern Sie öfter einmal Ihre Position. Stehen Sie auf und gehen Sie ein Stück, am Besten natürlich nach draußen. Schon Goethe wusste, die besten Gedanken entstehen - wie von selbst – beim Gehen, Wandern und Spazieren. Manche rennen sogar. Trauen Sie keinem Jogger, der ihnen sagt, er laufe lediglich aus Gründen körperlicher Fitness, der Geist ist mindestens genauso wichtig. Gedanken traben vorwärts, und zwar so weit, wie Ihre Beine Sie tragen können. Manch ein Gedanke kommt Ihnen dann sogar entgegen - nur losgehen, anfangen, sich selbst in Gang setzen, das müssen Sie selbst erledigen.. Das kann niemand auf der Welt für Sie übernehmen.

Sonne tanken

Die Sonne wirkt auf den Organismus in vielfältiger Weise. Jeder kennt zumindest ansatzweise, die miese Laune, die einen beschleicht, wenn es wochenlang regnet oder die Nächte lang und dunkel sind, wie sie es auf der Nordhalbkugel auch in Kürze bald wieder sein werden. Nicht umsonst liegt Weihnachten in der dunkelsten Jahrszeit - allein die Vorfreude erhellt uns nicht nur das adventliche Wohnzimmer, sondern erheitert auch das Gemüt. Gerade im Herbst und Winter ist es wichtig, so oft die Sonne scheint, die eigene Nase vor die Tür zu strecken, Sonne zu tanken sowie frische Luft einzuatmen, um dem andauernden, demotivierendem Muff zu entkommen. Und dazu müssen, sollten, können Sie nicht anders, als sich selbst in Bewegung zu setzen.

Informationsflut eindämmen

Die Informationsflut ist für den modernen Menschen zeitweise ein Problem. So mancher, der sich tagsüber mit Kursen und Bilanzen herumschlägt und abends den Fernseher einschaltet, sieht wieder die Kurse über die Mattscheibe flimmern.. Da hilft nur eines: Abschalten. Es gibt auch Menschen, die sehen und hören negative Schlagzeilen und brechen ob dieser fast in Tränen aus. Ein paar Stunden später oder vielleicht an einem einfach weit weniger stressigen Tag, können auch diese dann wieder die miesesten Neuigkeiten der Welt wegstecken, die sie dann als weniger demotivierend empfinden. Überlegen Sie, was Sie alles leisten, geleistet haben und was Sie noch verarbeiten können, was Sie sich heute noch leisten können aufzunehmen und zu verarbeiten. Ansonsten: Abschalten, Ausruhen, Auftanken. Die Motivation zur Ruhe will genauso erkannt werden wie die zur Aktion.

Rückzug, Ausruhen, Ablenkung, Ausbalancieren

Ab- und zu einmal so richtig Nichtstun, richtig ausschlafen, den freien Tag verbummeln, in der Bücherei, in die Gedichte, Musik- oder Film-Sammlung oder eine Sportveranstaltung eintauchen, in einer Plauderei oder eine andere (Roman-) Welt versinken, lenkt definitiv ab und entspricht dem Tapetenwechsel, den man natürlich auch wörtlich nehmen kann. Manche Menschen renovieren ständig, und manche reisen oft und viel. Motivation hat immer etwas damit zu tun, vorhandene Talente und brachliegende Gehirnwindungen zu wecken und zu reaktivieren, während sich die eher ausgelatschten Pfade ausruhen dürfen. Das eine macht für das andere Platz, schenkt Raum und Zeit. Anregung und Abregung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nichts anderes ist mit Work-Life-Balance gemeint.

Sich sammeln und neu sortieren

Horchen Sie in sich hinein und erkunden Sie, was Sie wirklich wollen. Wollen Sie wirklich morgen mit den Freunden in dieses Konzert mit dem Musiker, den Sie schon immer so schrecklich fanden? Oder zum zehnten Mal zu Tante Frida am ersten Weihnachtstag Gans mit Rotkohl essen? Wenn Ihnen Wiederholungen Spaß machen und Traditionen Freude bereiten, haben Sie ein Motiv und es ist in Ordnung. Sie merken es: Sie fühlen sich dann wohl und keineswegs demotiviert. Wird die sich wiederholende Veranstaltung jedoch nur noch als reine Pflichtübung empfunden, an der Sie innerlich längst nicht mehr teilnehmen und dessen Ende Sie sehnlichst herbeiwünschen – dann geben Sie diese auf, so wie Sie alles so weit wie möglich ablegen sollten, das Sie dauerhaft demotiviert. Manchmal ist es auch – Schockschwerenot – sogar der Arbeitsplatz und Sie müssen sich auf den mühsamen Weg begeben, sich einen neuen zu suchen oder gar den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen – oder dauerhaft im Elend verharren. Und wer will das schon, wer hält das lebenslänglich aus?

Nur nichts überstürzen

Geben Sie sich für Veränderungen zur Steigerung Ihrer Motivation und Lebensqualität Zeit. Bitte nicht gleich heute das Haus verkaufen ohne Ihre Frau, Ihren Mann und die Kinder zu informieren und dem Chef statt Guten Morgen zu bescheiden, Sie hielten ihn schon immer für einen ausgemachten Hornochsen. Was in Witzen erheiternd wirkt, kann in der Realität auch einfach eine vorübgehende falsche Einschätzung der eigenen Lage sein. Und wenn Sie schon von der derzeitigen Lage demotiviert sind, bringen Sie sich nicht in eine noch schlimmere hinein, also:

Bergziegenverfahren

Nichts überstürzen. Wenn Sie bislang viel Zeit totschlugen, kommt es auf die fünf notwendigen Minuten und paar Tage kluger Überlegtheit jetzt auch nicht mehr an, im Gegenteil. Arrangieren Sie alle Tätigkeiten, die auf Sie regelrecht einzustürzen scheinen, in eine sinnvolle Reihenfolge und verlangen Sie nicht von sich, als Multitasking-Wunder des Jahres bekannt zu werden. Seien Sie mit sich geduldig. Nicht alles muss heute erledigt oder entschieden werden, sondern das Dringenste zuerst, dann das Zweitwichtigste, das danach Wichtige ein bisschen später, das darauf Folgende - erledigen Sie gleich morgen, der Rest bekommt sinnvolle Termine. Die Bergziege lässt auch nichts für Sie Schmackhafte stehen oder liegen, aber sie klettert Stück für Stück den Berg hinauf, von unten nach oben, von A nach B und nicht umgekehrt und sie rast nicht: Ein Berg ist keine Autobahn, ein Ziege kein D-Zug.

Die anderen sind nicht wichtiger als Sie

Während Sie im Bergziegenverfahren solide die Eiger Nordwand besteigen, rauscht plötzlich ein Gipfelstürmer an Ihnen vorbei: Da kann einem allein schon vom Zuschauen schwindelig werden. Fallen Sie beim Hinschauen nur ja nicht hinunter. Es kann durchaus demotivierend wirken zu lange zuzusehen, wie anderen angeblich alles leicht fällt, wofür wir uns möglicherweise richtig anstrengen müssen.. Man kennt die Geschichten von Musikern, die ihre Geige im Rhein versenkten, weil sie ein Konzert besuchten und plötzlich gewahr wurden: An den Stargeiger des Abends kämen sie nie vorbei. Das sollen Sie ja auch gar nicht und das ist damit gemeint, wenn es heißt: Bauen Sie keine Luftschlösser (diese zerplatzen wirklich!), sondern setzen Sie sich vernünftige, nämlich erreichbare Ziele.

Wer spornt Sie an, wer hält Sie auf, wenn nicht Sie selbst?

Wer sich selbst erkannt hat, wie soll der unmotiviert sein?, frei nach Brecht, Zitat: Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Lernen Sie sich selbst kennen und schielen Sie nicht zu sehr darauf, was andere schaffen, können, haben - sondern fragen Sie sich, was Sie selbst ganz allein schaffen können, was Sie selbst wollen und möchten. Entdecken Sie ihre eigenen Fähigkeiten und bauen Sie diese konsequent aus. Jeder Mensch beherbergt einen regelrechten Schatz an außergewöhnlichen Fähigkeiten und manchmal liegt die Kunst auch nur in ihrer klugen Kombination, die Sie einzigartig und erfolgreich macht. Brach-liegen-lassen ist jedenfalls die schlechteste Alternative. Und meiden Sie demotivierende Neider. Menschen, die Ihnen suggestive Löcher in den Bauch fragen, um etwas zu finden, was Sie schlechter und die Frager automatisch besser stellt, sind höchstens rhetorisch interessant. Als Legitimations-Werkzeug durch Schuldzuweisung zu dienen, ist der Wahrheitsfindung selten dienlich, Ihnen sowieso nicht. Ein Loch im Selbstbewusstsein anderer zu füllen, wird ein einzelner Mensch außerdem kaum leisten können. Wer seine Legitimation nicht selbst findet, sucht sie bei anderen vergeblich.

Auch die Netten müssen einmal draußen bleiben

Nervensägen, Frager, Besucher, selbst liebe Freunde und Verwandte verträgt man nicht immer und zu jeder Zeit, auch die Netteren unter ihnen jedenfalls nicht 365 Tage im Jahr oder 24 Stunden am Tag: Machen Sie Termine und lassen Sie sich nicht gängeln. Kein erwachsener Mensch kann und wird von Ihnen verlangen, dass Sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit den Anliegen anderer auseinandersetzen. Auch Sie haben ein ebenso wichtiges Anliegen, nämlich motiviert durch Ihr eigenes Leben zu gehen. Und dieses Leben gehört ausschließlich: Ihnen. Entscheiden Sie soweit es geht stets selbst, mit wem Sie ihre (Lebens-)Zeit verbringen wollen. Bleiben Sie allein, wenn Ihnen danach ist und gehen Sie unter Menschen, wenn Sie Gesellschaft wünschen. Sprechen Sie ruhig jemanden an, als Thema immer geeignet: das Wetter. Jemanden mit Sinn für einen Smalltalk und für Humor werden Sie sogar in Deutschland unter Ihnen bis dato völlig unbekannten Menschen finden. Und der Vorteil in Deutschland: Hier können Sie sich sogar mit wildfremden Menschen über Politik unterhalten, ohne dass diese gleich beleidigt sind. Ist das nicht nett? Anderswo kann das Thema nämlich durchaus verpönt sein, sogar im Scherz.

Spielen Sie mit

Entdecken Sie die Möglichkeiten – nämlich Ihre eigenen. Manche kennen sich bereits in jungen Jahren erstaunlich gut, die meisten dann noch nicht hunderprozentig und für alle gilt, dass lebenslanges Lernen auch lebenslanges sich selbst Kennenlernen bedeutet. Jeder hat sie schon einmal gelesen oder gehört, die Bekenntnisse von ab 40-Jährigen, die wie aus heiterem Himmel einem mehr oder weniger interessiertem Publikum plötzlich verkünden, sie kennen sich nun selbst und wüssten daher auch erst jetzt, was sie ganz genau wollen.

Nun, das können Sie auch, nur hört es nie auf: Erfahrungswerte bilden sich beim Spielen. Sie wissen irgendwann, diese Wohngegend, Fußball oder dieser Job liegt Ihnen nicht, aber vielleicht Eishockey, der andere Stadtteil oder eine andere Firma? Nehmen Sie an etwas Außergewöhnlichem teil, um das Spielen wieder zu lernen. Sie sind ein Schrank von einem Mann? Warum nicht trotzdem einmal einen Tanzkurs besuchen und den eigenen Sinn für Rhythmus und Ästhetik finden? Sie sind die Zierlichkeit in weiblicher Person, und leiden schon ihr Leben lang unter Zwergenwitzen? Lernen Sie auf einen Boxsack einzuschlagen und sich zu verteidigen, allein Ihre neue, unter Anleitung, selbst erarbeitete Haltung lässt Sie größer erscheinen, dabei stehen Sie nur fester auf der Erde. Lernen Sie Japanisch, wenn ihnen danach ist, und sparen Sie auf eine Reise zum Mount Everest, wenn Sie nur die Berge von Mallorca kennen, die Sie schon seit zwanzig Jahren in Folge besichtigen. Und das Beste für lesende Demotivierte: Den Blick über die eigenen oder die Bücherregale der nächsten öffentlichen Bücherei schweifen lassen, hineingreifen und eine neue Seite (des Lebens) aufschlagen – hat auch noch niemandem geschadet.

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Ein bewegtes Leben aus eigenem Antrieb

Motivation ist nicht alles, jedoch fast alles, weil Sie mit ihrer Hilfe Ihren ganz eigenen Weg gehen, Ihr eigenes Leben führen können, statt es nur irgendwie zu verbringen. Es ist zugegeben nicht einfach, sich selbst und die eigenen Motive zu erforschen und dann auch noch danach zu handeln. Die Sicherheitsnetze des Lebens sind für Experimente zudem begrenzt. Die eigene, kostbare Lebenszeit mut- und nutzlos herumzubringen ist wohl das Gegenteil von übermütiger Selbstverwirklichung, doch Mut ist nicht Übermut und ohne Mut zu sich selbst, schlagen Sie Ihre Zeit lediglich tot. Nur wir selbst können herausfinden, was wir wirklich wollen, was uns wirklich gut-tut und uns motivieren, sagt Sprenger. Ja, aber: Passende Anregungen oder Leistungsmöglichkeiten von außen angetragen – werden gern in Empfang genommen, so als hätten wir die ihnen entsprechenden Rezeptoren längst im Kopf. Die demotivierenden Einflüsse hingegen schalten Sie lieber ab – so konsequent, wie es nur irgendwie geht, damit Sie Ihr Leben nicht nur verwalten. Und dann bleibt bei soviel Bewegung in Ihrem Leben nur noch eines zu sagen: Bon Voyage!

2006-10-01 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos: © Cornelia Schaible

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