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Notizen aus den USA

36. Folge

Wenn Kinder Kriegen spielen

von Ines Kistenbrügger

Cartoon, brüllendes Kind Da hätte ich beinahe lauthals aufgelacht, als ich gestern das Time Magazine gelesen habe. Ist es doch an einer Schule in Massachusetts verboten in den Pausen Kriegen auf dem Schulhof zu spielen. Dieses uns allen bekannte Spiel, das manchmal Ticken oder auch Fangen heißt, sei zu gefährlich. Die Lehrer hatten Angst, dass Eltern die Schule verklagen, falls sich bei einem solchen Spiel ein Kind verletzen würde. Außerdem sei dieses Spiel schlecht für das Selbstwertgefühl des Kindes falls es immer dran sei. Nun werden also die Amerikaner zu ihrer eigenen Karikatur. Bald gibt es nicht einen Abschnitt des Alltages, der nicht durch irgendein Gesetz geregelt ist. Da bin ich mir fast sicher.

Dahingegen erscheint es geradezu normal, dass Amerikanern nicht nur Dating Services den Weg leichter machen, den Partner für das Leben kennen zu lernen. Nein, es gibt mittlerweile auch Break-up Services, falls der Partner fürs Leben nun doch nicht das ist, was er sein soll: Mr. Oder Mrs. Right.

Shannon Doherty moderiert eine Trennungsshow - da bin ich einmal gespannt wie sich die Einschaltquoten halten. Mit Sicherheit ist diese Show unterhaltsamer als die üblichen Herz-Schmerz-Veranstaltungen, wie wir sie kennen. Statt der Überraschung - dein Arbeitskollege ist in Dich verliebt - kommt nun ein: Überraschung, Dein Freund liebt Dich nicht mehr. Wer schon denkt, seine Liebe im Fernsehen zu gestehen sei absurd, der wird vielleicht gänzlich vom Glauben abfallen, wenn es darum geht jemandem schonungslos seine Nichtmehrliebe beizubringen.

Und es geht auch noch einfacher. Im Fernsehen muss man ja noch persönlich erscheinen. Das ist bestimmt für einige nachteilig. Aber, immerhin, es gibt das Internet. Hier können alle erdenklichen Services angewählt werden, von Telefon-Trennung bis Affentrennung. Was ist eine Affentrennung? Dem Partner wird ein Stofftier-Affe mit einer Urkunde Dump U zugeschickt. Hinterher wird dann noch einmal telefonisch nachgehakt, ob der Betroffene die Message verstanden hat. Und das alles ist unter 100 US-Dollar zu haben - wenig Geld, um dafür direkten Streit und böse Wort zu vermeiden. Und man muss noch nicht einmal eine E-Mail schreiben, von der ich bisher immer dachte, dies sei die unterste Stufe der Trennungsmöglichkeiten.

Haben Amerikaner Angst vor Berührungen und persönlichem Kontakt? Man muss es langsam annehmen, jedenfalls solange der Kontakt nicht eindeutig positiv ausgelegt werden kann. Unangenehmes wird direkt umgangen. Entweder per Gesetz oder es wird ein Service eingeführt, der dieses Unangenehme für einen übernimmt. Bedenken Sie einmal, was für ein Potenzial das ergibt, um die Zahl der Arbeitslosen auch in Deutschland zu reduzieren. Trennungs-ServiceMacht Euch selbständig. Ich zum Beispiel vermisse einen Service wie Trete meinen Nachbarn gegen das Schienbein, weil er schon wieder seinen Müll in meine Mülltonne geworfen hat oder Mach eine Schramme in das Auto meines anderen Nachbarn, warum fährt der auch ein Auto, was ich mir selbst nicht leisten könnte.

Man könnte meinen, ich habe etwas gegen die Amerikaner. Nein, das stimmt nicht. Ich bin auch nicht gewalttätig und würde meine Nachbarn nie treten. Nur manchmal glaube ich jedoch, dass wir Menschen die Welt in eine Richtung bewegen, die unsere Menschlichkeit ad absurdum führt. Nicht alles muss leichter gemacht und nicht jede mögliche Gefahr gebannt werden. Manchmal muss man auch Unangenehmes durchmachen. Denn immerhin wird so der Charakter geformt. Darum schreibt doch lieber eine E-Mail, wenn Ihr Euch von Eurem Partner trennen wollt. Oder noch besser noch: Geht hin und redet mit ihm. Und wenn Ihr Kinder seht, die Fangen spielen, spielt doch einfach mit.


Detroit, 2006-10-30 © Ines Kistenbrügger
Text: © Ines Kistenbrügger
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz

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