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Rente mit 67 ohne Ausnahme?

Interview mit Marlies Brouwers, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats und Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB)

Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz


Wirtschaftswetter: Die Regierung will die Rente mit 67 ohne Ausnahme umsetzen, die Opposition, die selbst an der Regelung beteiligt war, zweifelt nun an der Machbarkeit. Frauen gingen in den vergangenen Jahren häufig schon vor dem allgemeinen Renteneintrittsalter von bislang 65 Jahren in den Ruhestand. Welche Folgen wird die Rente mit 67 für Frauen haben?


Marlies Brouwers: Die Rente mit 67 wird für Männer wie Frauen insoweit die gleichen Folgen haben, weil sie wegen des fehlenden Arbeitsplatzangebotes den Zeitraum verlängern wird, in dem Abschläge auf die erworbenen Rentenansprüche wegen des „vorzeitigen“ Renteneintritts vorgenommen werden. Die Rente mit 67 ist daher faktisch ein Rentenkürzungsprogramm. Da die durchschnittliche Frauenrente aus selbsterworbenen Ansprüchen um ca. 50 % unter der durchschnittlichen Männerrente liegt, werden Frauen von diesen Kürzungen noch härter betroffen sein als Männer. .

In einem wichtigen Punkt sind Frauen durch das Gesetz zur Anpassung der Regelaltersgrenze an die demografische Entwicklung und zur Stärkung der Finanzierungsgrundlagen der gesetzlichen Rentenversicherung sogar mittelbar diskriminiert: Frauen erreichen wesentlich seltener als Männer die 45 ununterbrochenen Beitragsjahre, die erforderlich sind für einen abschlagsfreien Renteneintritt im Rahmen der Rente für besonders langjährig Versicherte. Auch der Gesetzgeber war sich ausweislich der Gesetzesbegründung (S. 31) dessen bewusst. Er hat also sehenden Auges diskriminiert. Dies, obwohl der Europäische Gerichtshof Haushaltserwägungen, konkret die Stärkung von Finanzierungsgrundlagen, nicht gelten lässt als Rechtfertigungsgrund für mittelbare Diskriminierungen. Der DEUTSCHE FRAUENRAT musste demnach bereits aus diesem Grund das Gesetz ablehnen.


Wirtschaftswetter: Im Lebenslauf von Frauen findet sich häufig zwei längere Phasen der Doppelt-Belastung mit den üblichen Vereinbarkeitsproblemen zwischen Beruf und Familie: in jungen Jahren, wenn Kinder großgezogen werden und später, wenn Eltern oder Schwiegereltern gepflegt werden müssen: Wie wirken diese Phasen auf die Renten von Frauen und welche Veränderungen würde Ihrer Meinung nach ein heraufgesetztes Renteneintrittsalter von 67 Jahren verursachen?


Marlies Brouwers: Die von Ihnen angesprochenen Phasen wirken sich typischerweise rentenmindernd dann aus, wenn wegen der Wahrnehmung von Familienaufgaben die Erwerbstätigkeit unterbrochen oder reduziert wird. Dies und die europaweit – bezogen auf Männerlöhne - um ca. 23 Prozent unterdurchschnittlichen Frauenlöhne führen dazu, dass die durchschnittliche Frauenrente aus selbst erworbenen Ansprüchen um ca. 50 Prozent unter der durchschnittlichen Männerrente liegt.
Dennoch waren auch diese Renten nicht verschont geblieben von den Rentenkürzungen der letzten Jahre und werden auch durch die neuerlichen Kürzungen im Zusammenhang mit der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters nicht verschont werden. Die Folge wird sein, dass Frauen zunehmend in Altersarmut fallen, wenn sie nicht über das Auffangnetz der Hinterbliebenenrente gesichert sind. Bekanntlich wird die Hinterbliebenenrente unter Hinweis auf die hohe Erwerbsbeteiligung und gute Berufsqualifikation der Frauen als unzeitgemäß angesehen und unterliegt ebenfalls regelmäßigen Kürzungen. Auch der DEUTSCHE FRAUENRAT setzt sich für eine eigenständige Existenzsicherung auch im Alter ein. Dazu gehört eine gute Infrastruktur, die es ermöglicht, Familienaufgaben mit Erwerbsarbeit zu vereinbaren und Erwerbsunterbrechungen vermeiden hilft. Nur dann kann die bekannte gute Berufsqualifikation der Frauen auch zur eigenständigen Existenzsicherung über kontinuierlich ausgeübte, sozial abgesicherte Vollzeiterwerbsarbeit mit beruflichen Aufstiegschancen führen.


Wirtschaftswetter: Was halten Sie von den aktuellen Forderungen einiger Wirtschaftsexperten, ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren anzustreben?

Marlies Brouwers: Wer die Rente mit 67 ablehnt, wird die Rente mit 70 nicht befürworten – insbesondere dann, wenn sich die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes nicht verbessert haben.

Weiterführender Link: Deutscher Frauenrat


2010-08-13 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartnerin Marlies Brouwers
Fotos Themenbanner: ©aph

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