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Arbeit kann zu einem langsamen und qualvollen Tod führen

Ausschnitt aus dem gleichnamigen Buch von Juliane Beer

Groteske um eine Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Neukölln, die an ihrem Schreibtisch eine Schwarzarbeit-Agentur eröffnet. Hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten, aber das versteht sich ja von selbst

von Juliane Beer

Am Sonntag regnet es. Frau Paesch hat keine Lust, spazieren zu gehen, obwohl sie es sich gestern vorgenommen hat. Gestern war das Wetter schön, die Sonne schien, draußen liefen die Leute in Sommersachen herum, aber Frau Paesch wollte die Hausarbeiten hinter sich bringen. Sie war nur halbherzig bei der Sache gewesen, zwischendurch schaute sie immer wieder aus dem Fenster, einmal ertappte sie sich sogar bei dem Wunsch, das schöne Wetter möge für heute aufhören, damit sie in Ruhe saugen, wischen und bügeln könne. Papa saß ständig im Weg.
„Du sitzt im Weg!“, schimpfte sie hier und da und wusste natürlich, dass sie nicht wegen Papa so übellaunig war, zwar auch, aber nicht nur, sondern vielmehr wegen des Staubs und der Krümel und Flusen die unter der Woche auftauchten, immer wieder, ohne dass ihr Auftauchen auch nur den kleinsten Sinn in sich barg.
Zuletzt aber war es wieder ordentlich und sauber, Papa saß auf seinem angestammten Sofaplatz, und Frau Paesch war doch irgendwie zufrieden.
Und jetzt ist es Sonntag, und draußen regnet es. Frau Paesch sieht aus dem Fenster, aber es ändert sich nichts. Unten zieht ein Demonstrationszug vorbei. Man soll gegen diesen Krieg sein. Frau Paesch ist nicht gegen diesen Krieg. Sie fragt sich, wie man gegen oder für Krieg sein kann. Man debattiert doch auch nicht darüber, ob man seinen Nachbarn im Streitfall erschlagen dürfen soll oder nicht.
Wie jeden Sonntag öffnet gegenüber die Bäckerei für zwei Stunden, die ersten Kunden warten schon vor der Tür, Männer, wahrscheinlich von ihren Frauen zum Kuchen holen geschickt. Frau Paesch ist nach wie vor froh, dass sie nie geheiratet hat, auch wenn Papa sie deshalb seinerzeit zu einem Nervenarzt geschickt hatte, der an dieser ihrer Entscheidung aber letztlich auch nichts ändern konnte. Nervenart hin oder her, Frau Paesch konnte sich etwas Lustigeres vorstellen, als unendgeldlich Dienstleistungen zu verrichten und sich dann später, wenn sie abgearbeitet und dick geworden war, unterwürfig zu schämen. Ihre Mutter hatte recht gehabt, entscheidet Frau Paesch immer wieder in solchen Momenten.
Abgehauen!, nannte Papa das, was sie getan hatte. Nichts getaugt habe sie, erklärte er der Tochter. Damit war das Thema erledigt gewesen. Nachfragen zwecklos.
Und vor der Bäckerei stehen natürlich auch nur junge Männer.
Ab einem gewissen Alter kann man seinen Mann nicht mal mehr zum Kuchen holen schicken, selbst das hat in den Augen der anderen etwas Tragisches. Die Frau alt, ihre Gesichtzüge locker, der Mann reif und interessant, so sitzt man sich dann also unter ungleichen Voraussetzungen gegenüber. Und isst ein Stück Kuchen, obwohl es gerade erst ein reichliches Mittagessen gegeben hat. Ein ziemlich trauriges Unterfangen, wie Frau Paesch findet. Aber junge Frauen denken offenbar häufig nicht so weit. Als letztes Jahr das frisch verheiratete Paar im Haus gegenüber noch keine Gardinen vor den Fenstern hatte, konnte man ihnen Sonntagnachmittag beim Kuchen essen zusehen. Frau Paesch hatte nachdenklich am Fenster gestanden. Die beiden lagen auf einem weißen Leinensofa, der Mann zog vorsichtig das Papier vom Kuchenpaket ab, hielt es wie ein Tablett auf der flachen Hand, sie grub ihre Gabel in eines der Teilchen, fütterte ihn, leckte Sahne von seiner Oberlippe. Danach umgekehrt.

Schließlich hatten die beiden sich geküsst. Der Kuchen war unwichtig geworden. Das Paar stand auf und verschwand lachend in einem der hinteren Zimmer, wobei sie sich an den Händen hielten...
Frau Paesch seufzt. Mittlerweile haben die beiden Gardinen vor den Fenstern. Man kann nicht mehr zuschauen, wie es weitergeht mit ihnen. Wer weiß, vielleicht ist die junge Frau ja mittlerweile auch abgehauen. Und der junge Mann holt am Sonntagnachmittag den Kuchen für sich allein. Um sich ein wenig zu trösten.
Draußen prasselt der Regen aufs Pflaster. Frau Paesch setzt sich zu Papa aufs Sofa und zieht eine Illustrierte aus der Couchtischablage hervor.

Die ganze Geschichte - im Dezember 2010 bei Edition Schwarzdruck


2010-10-01 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Fotos Themenbanner: ©aph
Illustrationen: ©Angelika Petrich-Hornetz

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