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Das Fest der Alten

Ein Nachwort auf kinderlose Weihnachtstage

von Juliane Beer

Kinder zu bekommen ist zwar wieder modern, war aber höchst unbeliebt in der Generation, die nunmehr ihr 45. Lebensjahr überschreitet und voller Grauen dem 50. entgegen sieht. Die Generation 45+ ist damit heillos verloren. Der Zug ist abgefahren - für dieses Leben zumindest. Ein paar ganz Mutige wagten es vor-vorletztes Jahr noch, kurz vor Ladenschluss ein Kind zustande zu bringen (Stichwort Elterngeld), aber das ist ein ganz anderes Kapitel.

Betrachten wir nun diejenigen, die bereits mit Beginn der Pubertät zum Punk übergelaufen und dort geblieben sind. Bis heute. Mit ganzer Seele. Dem individuellen Modewandel zum Trotz. Dass man allerdings auch als Vertreter dieser Generation eines Tages tatsächlich alt wird, sogar über vierzig Jahre alt, damit war damals noch nicht zu rechnen.

Jetzt ist es soweit. Jetzt steht man da. Zwar nicht mehr mit blau gefärbtem Irokesenhaarschnitt - aber die Revolution hallt noch in den alten Ohren, als hätte sie erst gestern stattgefunden. No Future! hat sich in Wahrheit als Bluff erwiesen. War eigentlich zu erwarten, dass es doch immer weiter geht.

Die alten Punks haben das natürlich rechtzeitig begriffen, zumindest was den beruflichen Teil des Daseins angeht. Ohne größere Zumutung Kohle machen, lautete das Motto. Verbeamtet ist zwar keiner, dafür hat der eine oder die andere mittlerweile eine Professur - in Kunst, Philosophie - die Richtung eben. Oder man bildet das Prekariat des Kunstbetriebs: freiberufliche Schreiber, Musiker und Maler - jederzeit bestell- und wieder abbestellbar.
Auch das sind die alten Punks.Immer machen und tun, ohne geregelten Urlaub und bürgerlichen Sonntag. So weit so gut.

Aber jetzt ist Weihnachten. Pause. Ganze sieben Tage Pause, aber nicht freiwillig. Erzwungene Ruhepause, gerade jetzt. Nichts mehr gibt es am wichtigsten Möbel der Alten, am PC, an den letzten sieben Tagen des Jahres zu tun. Das ganze Jahr über wird eine Pause gewünscht, eine kleine Arbeitsflaute herbeigesehnt, im Hochsommer sowieso: sich einmal nicht - weiß wie ein Käse - als selbst ausgebeuteter Sklave outen zu müssen. Aber die Flaute kommt erst zu Weihnachten.

Dann aber zuverlässig. Und sie zwitschert: Es ist Weihnachten! Das Fest der Kinder. Doch hier sind keine. Keine Kinder nirgends! Und die Ersatzkinder, all diese Texte und Bilder und Lieder und Filme, mit denen ihr euch das ganze Jahr über hingebungsvoll beschäftigt, ohne Pause, liebe alte Punks: sie streiken zu Weihnachten. Lassen euch einfach allein. Undankbar? Möglich. So ist die Welt nun einmal, warum sollte es hier eine Sonderregelung geben?!
Was nun?

Mit Mühe etwas dauerhaft Geliebtes neben sich. Aber damit Weihnachten feiern? So richtig mit Festessen und Bescherung? Muss nicht sein. Nein, lieber nicht. Wie kleine silbrige Geister würden die den alten Punks zustehenden Kinder aus dem Meer der ungeborenen Seelen emporsteigen in die belebte Welt und um die Beine dieser Möchte-Gern-Eltern schwirren. Könnte traurig werden.
Oder sogar gefährlich. Bekanntermaßen explodieren die meisten Paar-Konstruktionen ohne Nachwuchs im Urlaub oder an Feiertagen.

Also, besser Weihnachten als Fest ganz einfach ignorieren? Sich lediglich über ein paar freie Tage freuen? Das tun (wenn es sein muss auch zu zweit), worauf das ganze Jahr über verzichtet werden musste? Den Stapel Bücher unterm Schreibtisch weglesen, alle neuen und alten guten Filme im Kino ansehen, einen Spaziergang durch den Wald machen?

All das wird nicht getan. Wird sein gelassen. Stattdessen wird (bevorzugt allein) die lästige Frage niedergekämpft, ob es sich beim vorliegenden Dasein um ein todschickes Leben oder ein tragisches Schicksal ohne das vermeintlich Glücklichste im Leben, nämlich Kinder, handelt.

Die ganz Sensiblen unter den 45-Plus-Alten fallen jetzt einer Regression anheim (zu regressivem Verhalten kommt es laut Psychologie in Folge psychischer Überforderung und Frustration). Setzten sich in den Zug wie vor fünfundzwanzig Jahren, fahren zu Mama. Vollkommen normal, dass da ein Weihnachtsbaum für die späten Mädchen und Jungen steht, und es Plätzchen, Gänsebraten und Geschenke gibt. Mama übrigens findet dieses Setting nach wie vor auch ganz normal. Papa, schon ein bisschen verwirrt, aber noch ehrlich interessiert am Familienleben teilnehmend, fragt leise in Richtung seiner Gattin: „Wie alt ist der Kleine doch gleich dieses Jahr geworden?!“
Nun denn.

Weitaus größer ist zum Glück die Gruppe der Gemäßigten unter den alternden Punks. Die würden sich für so eine Vorstellung schämen. Also beugen sie einer Regression vor. Laden bereits Ende November ihre ebenfalls kinderlosen Genossen für den Abend des Vierundzwanzigsten ein. Doch im Laufe eben eines solchen Abends, so ungefähr nach der dritten Flasche Wein, kommt man entweder auf Weihnachten zu Kindertagen zu sprechen oder stellt fest, dass die eigene Wohnung voll und ganz auf ein Leben als alleinstehender Alternder ausgerichtet ist, auf jeden Fall nicht auf Weihnachten mit Kindern. Als ob jemand danach gefragt hätte.
Und wie halten es die ganz Harten?

Sie tragen die Konsequenzen. Laden sich niemanden ein, lassen sich nirgendwo hin einladen, auch oder erst recht nicht an den Familienweihnachtsesstisch. Geschenke haben sie auch niemandem gemacht - durch die Stadt hetzen und nutzloses Zeug zusammenklauben? Unter aller Würde! Die ganz Harten stehen das Fest der Kinder allein und bei lebendigem Leibe durch - drei Tage Einzelhaft. Ruhe ohne Mails, Abgabe- und Termindruck, Telefonanrufe, Abendveranstaltungen, auf denen man sich blicken lassen muss.

Lediglich ein bisschen Weihnachtsschokolade, ein Stück Lachs und eine Flasche guten Rotwein haben sich die ganz Harten im Vorfeld besorgt, heimlich verschämt, aber das versteht sich ja von selbst. Und dann: Ist man ein Glückspilz ohne zwischenmenschliche Verpflichtungen, dessen Leben, außer zwischen dem 24. und 30. Dezember, jeden Tag Überraschungen parat hält (?), sinnieren die Harten beim Verkosten der Leckereien ganz bewusst und konzentriert. Oder ist man ein armer Tropf, der nie das Geschrei vor Übermüdung oder Überregung oder Enttäuschung über langweilige und vermisste Gaben einer eigenen Brut unterm Weihnachtsbaum erlauschen durfte?
Die Frage bleibt natürlich offen.
Man kommt im nächsten Jahr darauf zurück.

Bild Lesebrille


2011-01-01 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Fotos Themenbanner: ©aph
Illustration: ©aph

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