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Loriot und seine Kinder

Gegenwärtig und künftig ohne Lametta

von Angelika Petrich-Hornetz

Der Satz: "Ich bin mit ihm aufgewachsen!" war eine der häufigsten, spontanen Reaktionen, die Journalisten zu hören bekamen, als sie sich nach dem Befinden der je "Zurückgelassenen" seit dem Ableben des großartigen Humoristen Vicco von Bülow alias Loriot im August 2011 erkundigten.

Ja, wieviele Kinder hatte denn dieser Mann mit dem Chirurgenblick und zurückhaltenden Gesten nur gehabt? Die Antwort ist einfach: mindestens eine komplette Generation - in Ost und in West. Da Loriot gemeinsam mit seiner kongenialen Partnerin Evelyn Hamann 1987 auch in Ostberlin auftrat sowie im geteilten Deutschland überall gelesen wurde, ist er noch vor der Wiedervereinigung zu einem gesamtdeutschen Phänomen geworden. Ein besonderes war er jedoch für die Generation der Babyboomer, die in der Tat "mit Loriot" aufwuchsen - und deren natürlich gegegebene jedwede Qualen als Kinder von Eltern durch seinen bestechenden Humor im Wesentlichen abnahmen. Schließlich persiflierte Loriot vor allem erwachsene Menschen. Die Jodelschule von Loriot tauchte dabei in der Realität der Kinder der 70er Jahre wahlweise als Batikkurs oder Häkelbüddel-Club der Mütter wieder auf. Und den Verkäufer im Herrenbekleidungsgeschäft gab es wirklich, dessen Verkaufstalent auch das echte Kind am eigenen, realen Vater begutachten konnte, weil dessen Anzugshosen wahlweise zu kurz oder zu lang ausfielen.

Dazu beigetragen, damit auch von seinem Talent profitiert, haben die öffentlich-rechtlichen Sender, als diese begannen, Loriot auszustrahlen und damit seine Sketche per TV in allen deutschen Wohnzimmern empfangen werden konnten. Die ganze Nation kringelte sich fortan vor Lachen am heimischen Fernsehgerät. Natürlich lachten damals auch die Eltern der - inzwischen sichtbar in die Jahre gekommenen - Babyboomer mit. Die selbstkritscheren Exemplare erkannten sich selbst - die weniger Weisen hielten die Überzeichnungen des unnachahmlichen Nachahmers Loriot wahrscheinlich stets für die der ihrer Mitmenschen. Die Kinder dieser Erwachsenen jedoch, die in diesen Jahren allein schon durch ihre (in Deutschland nie mehr erreichte) Überzahl in dem Glauben aufwuchsen, die Welt gehöre eines Tages selbstverständlich ausschließlich ihnen, lachten dagegen besonders unbeschwert - nämlich vermeintlich über "ihre" Erwachsenen. Daneben genossen - jedenfalls die meisten - außerdem die letzten Ausläufer der 68er-Bewegung, weil inklusive weniger strengerer Erziehungskonzepte, die zumindest einen Hauch vom Geist der Freiheit vermittelten, der damals durch die Klassenzimmer zog. Da filmte Loriot aber bereits den kommenden Siegeszug der Benimmschule im einundzwanzigsten Jahrhunderts schon einmal vor.

Der auf dem roten Sofa stets etwas steif wirkende Herr im Anzug mit den tiefblickenden Augen führte dieser fröhlichen, dauer-kichernden Jugend sehr fein formuliert die Schwächen ihrer Vorgänger-Generation vor, die diese zumindest in sehr groben Zügen längst selbst entlarvt hatte. Von nicht wenigen unbemerkt, vermittelte Loriot damit den Babyboomern gleichzeitig die - zumindest für sie selbst - nahezu selbstverständliche Gewissheit, dass die Zukunft gewiss genauso fröhlich - zusammen mit dem Fortschrittsglauben jener Zeit "bestimmt" sogar eine bessere sein werde. Immerhin waren wir die ersten Schülergenerationen, die Lady Hesketh-Fortescue und Gwyneth Molesworth dank regelmäßig erhaltendem Englisch-Unterricht fehlerfrei aussprechen konnten, ganz im Gegensatz zu vielen Eltern. Dank soviel Internationalität: Englisch in der Schule, Loriot und Disco76 - war z.B. die Autorin dieses Artikels als Elfjährige felsenfest davon überzeugt, in Deutschland habe jedes Kind gleiche Bildungschancen, die Emanzipation der Frauen werde spätestens in ein paar Jahren weltweit, erfolgreich abgeschlossen sein und im neuen Jahrtausend werde es auf der Erde "natürlich" kein einziges verhungerndes Kind, geschweige denn Kriege oder Sklaven mehr geben. Ach!

Auch der deutsche Alltag hat sich seit Beginn der Sendezeit von Loriot nur rudimentär verändert. Tatäschlich werden immer noch Jodeldiplome abgelegt, damit "die Frau etwas Eigenes hat". Auch die männliche Bekleidungssituation hat sich in der breiten Öffentlichkeit nicht wesentlich verbessert. Selbst das Frühstücksei ist auch in modernen Ehen ein immer noch beliebtes Thema. Automaten blieben so tückisch wie bisher, hinzugekommen, ist lediglich die Computervariante, die nicht nur Politessen Kopfzerbrechen bereitet. Und der gemütliche Teil des Weihnachtsfestes findet auch in den besten Familien angeblich immer noch statt, nachdem die Kinder bereits ins Bett gebracht worden sind. Auch die festtäglichen Geschenkeschlachten sind kaum bescheidener geworden. Der Opa Hoppenstedt von heute und morgen war in keinem Weltkrieg mehr aber schon bei Nato-Einsätzen dabei. Immer und überall Loriot!

Von wegen, Loriots Humor tat niemandem weh. Er war als sehr guter Beobachter bildlich so "hunds-gemein", dass er seine Umwelt sezierte, jedoch derart elegant in Bild und Ton brachte, dass viele (bis heute) gar nicht merken, dass sie selbst gemeint waren oder sind - und keineswegs nur die anderen. Auch heute noch wäre jeder besinnliche Familie-Frieden in dem Moment dahin, trüge ein Jugendlicher zu Weihnachten nur einmal ohne Vorwarnung Loriots "Advent, Advent" unterm Baum vor. Und wie trocken Loriot den Wettlauf der menschlichen Peinlichkeiten, aufgezeichnet hat - dabei nur ein ganz kleines bisschen, das berühmte Quentchen, übertrieb - sucht seinesgleichen. Ansonsten bildete er lediglich die deutsche Realität ab.

Deshalb fehlt er gerade uns, denen, die mit ihm aufgewachsen sind, heute umso mehr. Welchen Sketch er wohl zum MC 5000, entworfen hätte? Oder welche Karikaturen hätte er, wenn er sich herabgelassen hätte, über aktuelle (politische) Zeitgenossen gezeichnet? "Der Wähler fragt" auch heute noch. Solche Fragen tauchten allerdings schon vor vier Jahren auf, als Evelyn Hamann ihr Tränen lachendes, trauerndes Publikum zurückließ: Wie hätte sie Mütter in frühkindlichen Bildungseinrichtungen dargestellt? Allein die Vorstellung! Auch die Winselstute und die Jodelschnepfe dürften heute noch hochaktuell sein. Schon der Gedanke, was die beiden daraus gemacht hätten - ist mindestens so köstlich, wie der Blick von Loriot in die Kamera, der stets diszipliniert auf dem Fernsehzuschauer ruhte, welcher derweil wiehernd vor Lachen von seinem Sofa zu rutschen pflegte. Man wusste ja immer bei diesem Blick, gleich wird es wahnsinnig komisch. Mit Garantie, jedoch ohne Verfallsgarantie.

Wahrscheinlich ist es für ihn selbst ein Glück, seinen 90. Geburtstag nicht mehr in der medialen Gegenwart erleben zu müssen, angesichts der sich jedes Jahr steigerenden, geradezu überbordernden Sympathiebekundungen, die ihm in seinen letzten Lebensjahren zuteil wurden - und die der preußischen Seele stets etwas unangenehm ist, deren oberste Maxime schließlich die Vernunft und nicht die Gefühlsduselei ist. Stellen Sie sich vor, er hätte mit 90 schon wieder zu Beckmann müssen und wäre etwa nach traumatischen Kindheitserlebnissen im Sandkasten befragt worden. So ist er darum herumgekommen, sich mit weiteren - realen - Peinlichkeiten abmühen zu müssen und hat das schlechte Timing, dass er Frau Hamann vor vier Jahren noch vorwerfen musste, schließlich wieder zurechtgerückt.

Und so sitzen wir hier nun - allein, verlassen, zurückgelassen, wir, die deutschen Babyboomer, Loriots versammelte Kinder. Mit unseren ach so glücklichen Kindheiten in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, schauen wir traurig auf unseren Heinzelmann, der heute auch nicht anders funktioniert als schon vor dreißig Jahren. Natürlich passen wir inzwischen selber höllisch darauf auf, dass uns ja kein anderer die uns zustehende Hälfte des Kosakenzipfels wegnimmt. Vielleicht wird uns - dieser im acrylfarbenen Kindheitsglück hängen gebliebenen Generation - nach Loriots Tod nun endlich doch noch klar, dass wir, derart vater- und humorlos geworden, uns vielleicht einmal selbst etwas einfallen lassen müssen! Zugegeben, es sind sehr, sehr, sehr große Fußstapfen, die Loriot dieser Generation vorgesetzt - und schließlich auch hinterlassen hat. Früher war mehr Lametta. Jetzt müssen wir Ärmsten neben allen anderen Problemen auch noch unseren eigenen Witz entwickeln!


2011-08-30 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©aph

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