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Auf der Flucht in die Sucht

Warum Mädchen vor den Bildschirmen kleben

von Angelika Petrich-Hornetz

Als die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans ihre neueste Studie im September veröffentlichte, war das Thema Internetsucht kurzfristig in aller Munde. Der Bericht wartete mit einer Überraschung auf: Erstmals waren es nicht die Jungs, die ungewaschen, die Schule schwänzend und sich, dem Volksmund folgend, ausschließlich von ungesunder Pizza ernährend, stundenlang vor ihren Bildschirmen vergammelten, sondern ausgerechnet junge Mädchen.

Aus der Analyse der repräsentativen Studie - "Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)" - geht hervor, dass in Deutschland 560.000 Menschen von "Internetsucht" und 2,5 Millionen von "problematischer Internetsucht" betroffen seien, indem sie Merkmale einer Abhängigkeit zeigten, auch wenn "Internetabhängigkeit" bislang noch nicht einheitlich definiert worden ist.

Wie gewohnt liegen bei der "Internetabhängigkeit" insgesamt männliche Nutzer mit 1,2 Prozent Abhängigen unter den 14- bis 64-Jährigen vor den weiblichen. Doch in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen kam es mit je 2,4 Prozent zu einem Gleichstand der Geschlechter. Als "unerwartet" gilt dagegen das aktuelle Ergebnis, dass in der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen mit 4,9 Prozent vor allem Mädchen von Internetabhängigkeit betroffen sind, Jungen mit 3,1 Prozent, insgesamt sind es 4 Prozent (die anderen Altersgruppen liegen mit Abstand darunter).

Ähnliche Ergebnisse liefern die Zahlen für die so genannte "Problematische Internetnutzung". Die größte Gruppe sind auch hier wieder die 14- bis 16-Jährigen, wobei die Mädchen mit 17,2 Prozent die Jungen mit 13,7 Prozent deutlich überholt haben. Insgesamt (14- bis 64-Jährige) liegen mit 4,9 Prozent die männlichen Internetproblematischen zwar vor den weiblichen (4,4 Prozent), aber auch hier, in der Gruppe der 14- bis 24 Jährigen, überrunden Mädchen und junge Frauen mit 14,8 Prozent die Jungen und jungen Männer (12,4 Prozent).

Und damit sind wir wieder bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken: Den Grund für die neue Mädchensucht fanden die Forscher in den von den Befragten angegebenen Hauptaktivitäten im Netz: 77,1 Prozent Mädchen und Frauen nutzten nach eigenen Angaben soziale Netzwerke, aber "nur" 64,8 Prozent der Jungen und Männer. Online-Spiele, die von 33,6 Prozent der 14-24-Jährigen männlichen Nutzer als Hauptaktivität angegeben wurden, spielten bei den Mädchen und Frauen der gleichen Altersgruppe mit 7,2 Prozent nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle. Weitere Ergebnisse entnehmen Sie bitte der Studie, siehe unten.

Eine bereits in Auftrag gegebene Folgestudie mit klinischen Interviews soll nun die Hintergründe der hohen Raten problematischer oder suchthafter Internetnutzung junger Menschen und insbesondere von Mädchen erforschen. Man will mehr über die exzessive Nutzung von sozialen Netzwerken der Mädchen zwischen 14- und 16 Jahren wissen, die die Zahlen der weiblichen Nutzer hoch getrieben haben, und deren Gründe zumindest aus der Sicht der Wissenschaft noch weitgehend unbekannt sind.

Die vermeintliche Privatsphäre im Netz

Vielleicht hilft bei der Suche nach den Gründen der neuen Mädchen-Online-Sucht eine zweite Studie weiter, die ebenfalls zu erstaunlichen Ergebnissen führte. Kurz vor dem Erscheinen der PINTA-Studie hatte Zeit-Online über eine Studie aus den USA berichtet, die heraus fand, dass Kinder und Jugendliche ihre Privatsphäre keineswegs durch den Staat, Facebook oder Google bedroht sehen - sondern durch ihre Eltern.

Dana Boyd und Alice Marvick befragten 163 Jugendliche über mehrere Jahre und diese hatten gänzlich andere Vorstellungen von Privatsphäre als Erwachsene. U.a. galten persönliche Interessen und deren Austausch, zum Beispiel die Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung oder Lieblings-Aufenthaltsorte nicht als besonders privat und damit vor den Blicken anderer als schützenswert. Jugendliche suchten in sozialen Netzwerken , wie die meisten anderen Menschen auch, vor allem Anerkennung, und die bekäme man ihrer Sicht nach eben nur, wenn man Interessen (mit-)teilt. Dagegen wurde das Innenleben - Gefühle und Gedanken - sehr wohl als privat und schützenswert angesehen, so Boyd und Marvick weiter. Die Privatsphäre definierten Kinder Jugendliche aber grundsätzlich als elternfreie Zone. Und die zu finden wird für die Kids von heute immer schwerer. So ist es leicht, den Bezug zum stundenlangen Verbringen in Netzwerken herzustellen: Wenn die Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen keinen anderen Freiraum mehr lassen, als den Computer, das Internet und soziale Netzwerke - tummeln sich diese folglich exakt dort.

Das eigene Zimmer, das auch Eltern ungefragt betreten, fiele als privater Rückzugsraum für Jugendliche und Kinder jedenfalls aus, so die Studie. Aber auch andere elternfreie Zonen sind inzwischen knapp geworden: Dass auch der öffentliche Raum Kindern und Jugendlichen keinen eigenen Raum mehr überlassen will, ist in den Medien immer wieder ein Thema und nicht nur durch die Klagen ruhebedürftiger Anwohner gegen Kindergärten und Bolzplätze ausreichend dokumentiert. Treffen, bei denen Kinder und Jugendliche ohne Aufsicht Erwachsener, also tatsächlich allein unter ihresgleichen zusammenkommen, nahmen innerhalb von einer Generation deutlich ab. Immer häufiger sind betreuende Erwachsene in allen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen präsent, in denen sie früher noch durch weitestgehende Abwesenheit glänzten. Selbst die Schule als zum größten Teil elternunabhängiger, selbstständig von Schülern und Lehrern betriebener Lebensraum der Wachstumsphase, existiert längst nicht mehr - aus vielen Gründen, u.a. auch aus finanzieller Not heraus, wird die so genannte Elternarbeit immer notwendiger, folglich weiter ausgebaut.

Da aber Eltern auch immer mehr damit beginnen, ihre Schützlinge auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken zu kontrollieren, und weil auch Lehrer, Ausbilder und Mitschüler Profile lesen können, entwickelten Jugendliche, so die US-Studie, für ihre Botschaften inzwischen eigene, verschlüsselte Schreibweisen und Sprachen. Mit dieser entwickelten Kinder und Jugendliche in Netzwerken gleichzeitig ganz eigene Normen und Werte und die dazugehörigen ungeschriebenen Regeln, zum Beispiel, dass das Mithören und Mitlesen von "Gesprächen" technisch zwar möglich sei, sich aber nicht gehöre.

Was sagt uns das? Wahrscheinlich nur eine uralte Tatsache, nämlich, dass auch die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen gewahrt werden muss und sie sich so schlicht wie einfach nicht 24-Stunden lang von ihren Eltern kontrollieren lassen wollen. Bei den so transparenten wie durchgetakteten Tagesabläufen von vielen Kindern und Jugendlichen, die einen eher an einen Arbeitnehmeralltag mit Stechuhr als an eine unbeschwerte Jugend erinnern, wird aber gerade das zunehmend schwieriger.

Also suchen sich Kinder und Jugendliche Wege und Plätze, an denen sie sich ungestört "bewegen" und äußern können. Auch daran, dass sich Mädchen gern treffen und stundenlang ungestört miteinander unterhalten möchten, ist so gar nichts Neues zu finden, und erklärt, dass diejenigen unter ihnen, die diese Möglichkeit nicht in der realen Welt haben, diese in der virtuellen Welt suchen - und finden.

Auf der Flucht vor der Kontrolle der Erwachsenen

Auf der Flucht vor der Kontrolle der Eltern tauchen sie ins Netz ab, in ihre vermeintlich eigene Welt. Und die Jungen, die in Online-Spielen versinken? Zahlreiche Exemplare fliehen auch heute vor elterlicher Kontrolle und Druck eher auf einen Fußballplatz, und bleiben dort genauso stundenlang "kleben" - ebenfalls: unter sich. Und was ist mit Lesern, diesen Bücherwürmern mit sehr wenigen sozialen Kontakten? Kürzlich machte sich ein Radio-Kommentator anhand dieser über die Internetsuchtstudie lustig. Es ist etwas dran: Stunden- und tagelanges Lesen fördert wahrlich nicht unbedingt soziale Kontakte.

Aber auch das in den Vorgänger-Generationen übliche männliche Verbringen ganzer Nachmittage mit dem Schrauben an Mofas, Motorrädern und ersten, eigenen Autos ließ lediglich die Pflege der sozialen Kontakte zu Mitschraubenden und Fachsimpelnden zu. Und das Problem mit dem Ungepflegtsein hatte mancher der Beteiligten auch, allerdings galt der Geruch nach Benzin und Öl damals noch als schick. Später schraubten ebenfalls zahlenmäßig sehr reduzierte Kreise in diesen Garagen die ersten Personalcomputer zusammen.

Weniger schick ist dagegen schon der Geruch nach stehender Luft und man könnte der Versuchung erliegen, allein schon deshalb das Vorhandensein von Internetsucht auch gar nicht in Abrede zu stellen. Doch wenn man die Ergebnisse der Studien betrachtet, kommt man nicht umhin festzustellen, dass Erwachsene, die sich um die Sprösslinge wegen der Suchtgefahr des Internets ernsthafte Sorgen machen, vor allem darum kümmern müssen, ihre Kontrollmechanismen zu überdenken und ihren Kindern andere Freiräume zu lassen. Alle Generationen befanden sich auf der Flucht vor der Kontrolle ihrer Eltern - und in allen Generationen landeten dabei manche in der Sucht.

Fakt ist, auch den Eltern wird es nicht leicht gemacht, weil es auf der anderen Seite immer heißt, Eltern hätten keine Ahnung davon, was ihre Kinder im Netz treiben würden. Hier also das richtige Maß zu finden ist alles andere als einfach, genauso wenig, wie es im richtigen Offline-Leben für Eltern nicht einfach ist, den goldenen Mittelweg zwischen Beschützen und Loslassen zu finden. Aber diese Auseinandersetzung muss sein.

Mädchen und ComputerDer im Mai verstorbene Pädagoge Wolfgang Bergmann warnte stets vor dem Kontroll- und Förderwahn der die Kindheiten gegenwärtig prägt und der zu Überforderung führen kann. "Lasst eure Kinder in Ruhe" lautet der Titel des Buches, in dem Bergmann die Problematik beschrieben hat. Auch bei der frühkindlichen Förderung gilt es, die Grenzen zwischen sinnvoller Förderung und Förderwahn, der bis hin zu echtem Karrierestress von bereits jüngsten Kindern ausarten kann, zu erkennen bzw. wiederzufinden.

Keine einfache Aufgabe, aber immer noch besser, als dass gestresste Karrierekids irgendwann gleich alles über den Haufen werfen und auf der Flucht vor ihren Eltern und anderen Kontrollinstanzen total in die Sucht nach sozialen Netzwerken abgleiten, die bekanntlich selbst nicht gerade mit einem Mangel an Kontrollwahn und Datensammelwut glänzen - und im Extremfall im Leben von Kindern und Jugendlichen langfristigen Schaden anrichten können.

Es gibt aber auch etwas Tröstliches an der Internetsucht, nicht zuletzt gibt es andere Süchte, die wesentlich schwieriger zu kurieren sind, aber ebenfalls, zumindest anfangs immer etwas mit der Flucht in vermeintliche Freiräume zu tun haben: Die Internetsucht hat nämlich einen entscheidenden Vorteil vor anderen, aber durchaus etwas mit der brutalsten Therapie-Art der Rauchersucht - von einem Tag auf den anderen - gemeinsam: Man muss "nur" (zeitweise) den Stecker ziehen.

Weitere Informationen: Die PINTA-Studie


2011-10-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz

Foto Banner: © Cornelia Schaible

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