Wirtschaftswetter-Logo         Bild Wirtschaftswetter-Kinderseite, Schwerpunkt Emanzipation, Link Kinderseite


Ein mittelschönes Leben

Ein eindringliches Buch über die Abgründe des Lebens für Kinder

Buchvorstellung von Annegret Handel-Kempf

Ein nachdenkliches Buch über die Folgen des Konsumierens und miteinander Wetteiferns soll den Auftakt der Tipps für gut lesbare Kindergeschenke bilden. Wirtschaftswetter hat für Sie und Euch das 29 Seiten kleine Büchlein „Ein mittelschönes Leben“ gelesen, in dem alles „mittel“ ist, bis gar nichts mehr so ist, wie es war und sein sollte.

Eigentlich ist es ganz einfach, das Leben, möchte man meinen. Der Erfolg, sollte man denken. Schlicht, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Doch die Fallen werden früh gestellt. Schon in der Grundschule, wenn es darum geht, wer in welche weiterführende Schule gehen darf, und wer nicht. Die Siebmechanismen sind da gnadenlos, schon bei den Kleinen, noch nicht einmal Zehnjährigen.

Deshalb ist es gut, dass Kirsten Boie jetzt ein Buch für Acht- bis Zehnjährige geschrieben hat, über „Ein mittelschönes Leben“: Ein Kinderbuch über Obdachlosigkeit.

Denn nach wie vor sind die Abstürze aus einem ganz normalen Leben in ein Vegetieren ohne Zuhause häufiger, wenn Bildung und Ausbildung nicht in akademischen Sphären passieren.

Noch vor wenigen Jahrzehnten versuchten Eltern in ihrer Erziehung den Spagat hinzubekommen, dass jeder Mensch und jede Ausbildung und jeder Beruf gleich viel wert sind – dass ihr Kind aber dennoch lernen und sich anstrengen und in seinem Leben etwas hinbekommen sollte.

Jetzt müssen Kinder schon frühzeitig vor dem völligen Absturz gewarnt und ihnen die ungeheure Problematik des Wieder-Hochkommens vor Augen geführt werden.

Denn selbst mit einer soliden Ausbildung ist Arbeitslosigkeit nicht utopisch. Hand- und Produktionsarbeit sind rar und schlecht bezahlt, im Deutschland des dritten Jahrtausends.

Zu weit entfernten Zielen und möglichst oft in den Urlaub zu fahren, sowie reichlich neue Kleidung, sind hingegen oft Standard und Status-Symbole geworden. Sie sind schon im Vergleich der Kinder untereinander in der Grundschule scheinbar wichtig. Wie viel wichtiger ein liebevolles und warmes Zuhause sind, in denen die Familienmitglieder Zeit füreinander haben, zeigt Boies sozialkritisches Buch, das sie in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Obdachlosenmagazin Hinz & Kunz entwickelt hat.

Es thematisiert, wie schnell die zur Selbstverständlichkeit gewordenen Urlaube ein kleines Familienglück an den Rand des Abgrunds treiben können.

Da muss der Mann, der keinen Namen hat, weil er wohl für so viele Namenlose in den Fußgängerzonen stehen soll, zunächst ganz viele Überstunden machen, damit er die Urlaube bezahlen kann.

Wohnung, Auto, Heimeligkeit sind der Familie nicht genug. Obwohl der Verzicht auf die teuren Urlaube den Papa früher nach Hause brächte, ihm Zeit fürs Fußballspielen ließe, ihm Raum fürs Kümmern um Mama Simone und die Kinder Luca und Leonie gäbe. Obwohl er ohne die Trips nach Mallorca das tägliche Familienglück leben könnte, statt nur müde bei einer Flasche Bier einzuschlafen

Irgendwann hat Simone einen neuen Freund, der Zeit für sie hat, während der ausgelaugte Papa allein mit den Kindern zuhause sitzt. Als der sich wehrt, kommt es zur Scheidung.

Der Mann, der auch einmal ein Kind mit einem normalen Leben und Erwartungen war, wie Boie wunderschön einfach und eindringlich immer wieder darstellt, ist nun ganz allein. Und irgendwann arbeitslos. Das dann nicht mehr. Dafür ist er einsam in einer neuen Stadt, wo er sich komplett neu ausstattet. Auf Pump.

Wie so oft im Deutschland unserer Tage werden auch an seiner neuen Arbeitsstelle viele Menschen entlassen, weil gespart werden muss oder soll. Da erfährt der Leser nicht, ob nur mehr Gewinn für die Kapitalgeber erwirtschaftet werden oder das Überleben des Unternehmens gesichert werden soll, als die zuletzt Eingestellten auf die Straße gesetzt werden.
Der Weg zu einem kompletten, „mittelschönen“ Leben auf der Straße ist für den schuldenüberfrachteten Mann ohne Namen nicht mehr weit. Sollten seine eigenen Kinder ihn da mal sehen, hofft er, von ihnen nicht erkannt zu werden.

So ist das mit dem Leben auf Pappe, von dem auch die Statements Obdachloser im Anhang des Buches deutlich künden. Wo eine Badewanne der größte Wunsch ist. Oder man selbst das Wünschen einstellt.

Die Idee zu einem Kinderbuch über Obdachlosigkeit ist gut, auch wenn Eltern die Geschichte unbedingt zusammen mit ihren Kindern lesen sollten. Die hübschen Zeichnungen aus der Feder von Jutta Bauer federn die Traurigkeit der Story etwas ab und machen sie für Kinder leichter zugänglich.

„Ein gutes, ein wichtiges Buch“, sagen berühmte Literaturkritiker so gerne über Perlen der Literatur.

Dasselbe ließe sich über „Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie und Jutta Bauer auch sagen - muss man sogar sagen: unbedingt lesenswert, von der ganzen Familie.

Eine Fortsetzung ist denkbar:
Wie das kleine, große Glück nicht nur durch die Zwangsjacke Konsum, sondern auch durch die Irrwege der Finanzwelt, garniert von Fehlentscheidungen der Politik, kaputt gemacht wird. Diese Unarten, die sogar die Statistik einst reicher Länder mit immer mehr mittellosen Bewohnern füllen, sind Kindern noch schwerer zu vermitteln. Und nicht nur ihnen.

Übrigens: Wer nicht so viel Geld für die gebundene Neuausgabe ausgeben will, der kann auf die halb so teure broschierte Variante zurückgreifen.

Über Kirsten Boie:
Als sie ihr erstes Kind adoptiert, erlaubt ihr das Jugendamt nicht, weiterhin als Lehrerin zu arbeiten. Deshalb macht sie sich daran, herrliche Fiktion für Kids und die merkwürdigen Mühlen der regelstrotzenden Erwachsenenwelt treffsicher zu vereinen: „Paule ist ein Glücksgriff“ (1985) ist das erste von sechzig und mehr Büchern, mit denen Kirsten Boie, geboren 1950 in Hamburg, Sympathien bei Kindern und Kritikern abräumt. Alltagsnahe Literatur und diese für Minis zu schreiben, ist ihr persönlicher Spagat, mit dem sie selbst im Kinderfernsehen begeistert. Kein Wunder, dass Boie mit ihren Histörchen, in denen sie auch Freud und Leid von Rittern, Prinzessinnen und Piraten nicht vergisst, 2007 den Sonderpreis des Deutschen Jungendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk erringt.

Zum Buch:
Kirsten Boie, Ein mittelschönes Leben,
Oktober 2011, gebunden, 32 Seiten
Alterempfehlung: ab 8 Jahren – aber bitte nur in Begleitung Erwachsener!
ISBN 978-3-551-51764-7

Bei Amazon kaufen: Ein mittelschönes Leben


2011-11-28, Annegret Handel-Kempf
Text: © Annegret Handel-Kempf

zurück zu: Kinderseite

zurück zu: Startseite 

wirtschaftswetter.de
© 2003-2017 Wirtschaftswetter® Online-Zeitschrift