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Interview mit DIW-Forschungsdirektorin Dr. Elke Holst

Schwerpunktthemen-Interview mit Privatdozentin Dr. Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies und Ökonomin am DIW Berlin
Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz.

Wirtschaftswetter: Frau Dr. Holst, fühlen Sie sich im Hier und Jetzt komplett emanzipiert?

Dr. Elke Holst: Komplett ist vielleicht zu viel gesagt, aber sicherlich habe ich es einfacher als meine Mutter oder meine Großmütter. Emanzipation ist aber erst dann erreicht, wenn Frauen und Männer tatsächlich die gleichen Chancen haben, ihre eigene Lebensperspektive zu verwirklichen - zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Das ist heute aber immer noch nicht der Fall. Einstieg, Aufstieg und Bezahlung - hier haben Frauen im Schnitt nach wie vor das Nachsehen. Im Übrigen steht noch die Emanzipation der Männer im Hinblick auf die veränderten gesellschaftlichen Realitäten aus; hier geht es um ihre Teilhabe im familiären Bereich.

Wirtschaftswetter: Die meisten Frauen sind berufstätig und immer mehr leben von ihrem eigenen Einkommen. Immer mehr Frauen arbeiten, wenn auch noch mäßig vertreten, in Leitungsfunktionen. Frauen machen das bessere Abitur, sie fahren gerne - und besser Auto, sie sind Forscherinnen und Unternehmerinnen, ihnen werden Auszeichnungen verliehen, sie vermehren das Erbe und vererben selbst. Was fehlt den Frauen in Deutschland Ihrer Meinung nach noch - und vor allen Dingen?

Dr. Elke Holst: Ich nenne drei Beispiele, echte gleiche Chancen für Frauen und Männer, staatliche Rahmenbedingungen aus einem Guss zur Erreichung dieses Ziels und Weitblick für die Folgen des eigenen Handelns im Lebensverlauf. Die Anreizsysteme in Deutschland setzen derzeit gegensätzliche Signale. Einerseits dämpft etwa das Ehegattensplittung oder die über den Ehemann abgeleitete soziale Sicherung der Ehefrau deren Aufnahme einer existenzsichernden Beschäftigung; diese konservieren vielmehr den Anreiz zur Abhängigkeit von einem „Ernährer". Oftmals sind sich die Frauen nicht über die langfristigen finanziellen Folgen dieser Abhängigkeiten bewusst, etwa bei Scheidung oder Arbeitsverlust des Partners. Andererseits wird eine hohe qualifizierte (Aus-)Bildung – auch in männerdominierten MINT-Studiengängen und Berufen – und eine weiterhin wachsende Erwerbstätigkeit von Frauen in allen EU-Staaten angestrebt und mit zahlreichen Maßnahmen gestützt. Hier ist dringend eine Harmonisierung im Sinne einer Modernisierung der Rahmensetzungen in Deutschland notwendig. Davon abgesehen ist natürlich eine ausreichende und zuverlässige Unterstützung bei Erziehung und Pflege unverzichtbar. In den Betrieben sollte eine flexiblere Organisation der Arbeit Frauen und Männern eine gemeinsame Beteiligung an familiären Aufgaben ermöglichen. Heute wollen auch Männer mit ihren Kindern mehr Zeit verbringen und sie aufwachsen sehen. Je mehr sich die Aufgaben zwischen den Geschlechtern vermischen, desto stärker dürften sich Strukturen auf dem Arbeitsmarkt zurückbilden, die die Nachteile aus der Familienarbeit auf ein Geschlecht konzentrieren.

Wirtschaftswetter: Wenn Sie die Unterschiede in den Regionen und Staaten sehen, wie Frauen leben: Was ärgert Sie aktuell wo am meisten?

Dr. Elke Holst: Mich ärgert nicht nur, sondern mich entsetzt auch, dass Frauen in vielen Teilen der Erde immer noch massiv unterdrückt, verstümmelt und vergewaltigt werden. Unglaublich viele Frauen haben keine Chance auf Bildung und Selbstbestimmung. Dagegen mutet es fast als Luxusproblem an, dass mich in Deutschland das große Verharrungsvermögen konservativer Vorstellungen zu den Fähigkeiten und Eigenschaften von Frauen stört. Talente können sich nicht entfalten, ihre Potenziale werden nicht genutzt, vorhandene Strukturen werden zementiert – auch Machtstrukturen, die den notwendigen Wandel hemmen. Mich stört, dass im Zusammenhang mit der Besetzung von Spitzenpositionen mit Frauen von Unternehmensseite meist gebetsmühlenartig immer wieder zu hören ist, warum das nicht geht, anstatt dass Wege aufgezeigt und beschritten werden, mit denen das selbst gesetzte Ziel von mehr Frauen auch in Top-Positionen umzusetzen ist. Ein Zusammenhang dieses Anliegens mit dem zuvor genannten besteht insofern, als dass Frauen vermutlich mehr Mitgefühl mit ihren drangsalierten Geschlechtsgenossinnen haben und mehr Frauen an der Macht daher eher dazu beitragen könnten, den vorhandenen Missstand abzuschaffen.

Wirtschaftswetter: Wie denken Sie über Slutwalks?

Dr. Elke Holst: Dass diese Bewegung so viel Zulauf von insbesondere jungen Frauen erreicht hat, zeigt, dass sexuelle Selbstbestimmung und Unversehrtheit auch in der westlichen Welt heute noch ein Problem ist. Dass sich Frauen für eine Emanzipation in diesem Bereich einsetzen, finde ich gut.

Wirtschaftswetter: Über welche Entwicklung mit Bezug zur Gleichstellung können Sie sich so richtig freuen?

Dr. Elke Holst:
- dass in vielen Ländern Frauen gesetzlich garantierte gleiche Rechte wie Männer haben;
- dass Frauen ihr lange erkämpftes Recht auf Bildung immer erfolgreicher wahrnehmen;
- dass immer mehr Frauen ihren Lebensweg selbstbestimmt gehen wollen und das auch immer besser können.

Weitere Informationen: DIW Berlin


2011-11-09 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz + Interviewpartnerin PD Dr. Elke Holst
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer
Foto Elke Holst: ©Alfred Gutzler, DIW Berlin
Foto Banner: ©Cornelia Schaible

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