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30 Jahre Terre des Femmes

Schwerpunktthemen-Interview mit Geschäftsführerin Christa Stolle anlässlich des 30-jährigen Bestehens von Terre des Femmes
Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz.

Wirtschaftswetter: Frau Stolle, Ihre Organisation Terre des Femmes thematisiert Gewalt gegen Frauen sowohl im Inland als auch im Ausland, setzt sich u.a. gegen Kinderehen, Frauenhandel und entrechtete Frauen auch in "Friedenszeiten" ein. Woher kommt dieser Frauenhass, dem weltweit Frauen, aber auch Kinder zum Opfer fallen?

Christa Stolle: Die Arbeitsschwerpunkte von Terre des Femmes - häusliche Gewalt, Gewalt in Namen der Ehre, weibliche Genitalverstümmelung sowie Zwangsprostitution und Frauenhandel – zeigen bereits, dass die Menschenrechte von Frauen auf der ganzen Welt verletzt werden. Gewalt gegen Frauen, und damit natürlich auch Mädchen, ist ein gemeinsames Merkmal aller patriarchalen Gesellschaften. Weltweit wird, wie die UNO berichtet, jede dritte Frau einmal geschlagen, vergewaltigt oder anderweitig missbraucht. Gewalt wird zum Teil als gesellschaftlich akzeptiertes Mittel angewendet, um die völlige Kontrolle über Mädchen und Frauen zu gewinnen und Dominanz auszuüben. Dies ist ein Motiv, welches auch in vielen anderen Gewaltbeziehungen, z.B. bei Müttern, die ihre Kinder schlagen, eine große Rolle spielt. Generell ist Gewalt, die in der Familie ausgeübt wird, die meist verbreitete Form der Gewalt. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um Männergewalt gegen Frauen und Kinder.
Zudem wird in streng patriarchal geprägten Gesellschaften die Ehre der gesamten Familie häufig vom Verhalten der weiblichen Familienmitglieder abhängig gemacht, welche bei Verstößen nur durch deren Bestrafung wiederhergestellt werden kann.

Wirtschaftswetter: Kinder in Kriegsregionen erfahren auch nach dem Krieg oft sehr heftige Gewalt. Entrechtete Frauen werden weltweit von ihren Männern geschlagen oder auf andere Weise traumatisiert. Männer, aber auch Frauen schlagen wiederum ihre Kinder. Welche Auswirkungen hat diese Kette der Gewalt auf eine Gesellschaft?

Christa Stolle: In Post-Konflikt-Situationen ist mit einem Waffenstillstand meist noch kein Frieden im eigentlichen Sinn erreicht. Gerade in solchen Gesellschaften gilt es große Herausforderungen zu bewältigen, damit nicht neue Gewalt entsteht. Oft sind in den Köpfen der Menschen Feindbilder gewachsen und haben sich Gräben zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen manifestiert. Gerade im Hinblick auf Gewalt gegen Frauen und Kinder spielt in Nachkriegszeiten eine wichtige Rolle, dass es kriegsbedingt viele von Frauen allein geführte Haushalte gibt. Diese „ungeschützte“ Situation wird häufig von Männern ausgenutzt. Dazu kommt, dass Männer versuchen, ihre durch einen verlorenen Konflikt verletzte „Würde“ wiederherzustellen, indem sie Schwächere wie Kinder und Frauen dominieren. Vor dem Hintergrund eines zusammengebrochenen staatlichen Gewaltmonopols und der damit meist einhergehenden Armut entsteht so eine Grundlage, auf der eine friedliche Gesellschaft nur sehr schwer wieder zu erreichen ist.
Diese Kette der Gewalt ist aber nicht auf Konfliktsituationen beschränkt, sondern stellt auch in Friedenszeiten eine schwerwiegende Beeinträchtigung für die Gesellschaft dar. Menschen, die z.B. in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, neigen dazu, als Erwachsene ihren Kindern oder Schwächeren Gewalt anzutun. Es entsteht ein Kreislauf der Gewalt, bei dem oft unbewältigte psychische und körperliche Misshandlungen eine ausschlaggebende Rolle spielen. Dies heißt jedoch keinesfalls, dass alle Opfer von Gewalt auch automatisch zu Tätern oder Täterinnen werden. Andere Wirkungszusammenhänge dürfen natürlich nicht vernachlässigt werden. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft sind in jedem Fall massiv. Zum einen natürlich auf der individuellen Ebene für die Opfer, aber auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene.

Wirtschaftswetter: Können Sie den Anteil der Bevölkerung in Deutschland und anderen Ländern einschätzen, der die Kette der Gewalt nicht für ein legitimes Mittel der Familienführung hält?

Christa Stolle: Eine genaue Schätzung abzugeben ist hier natürlich schwierig. Aber wenn wir davon ausgehen -wie eine repräsentative Studie des Familienministeriums belegt - dass rund 25 Prozent der Frauen in Deutschland im Alter von 16 bis 85 Jahren schon einmal oder mehrmals körperliche oder sexuelle Gewalt in der Beziehung durch Beziehungspartner erfahren haben, dann müssten wir davon ausgehen, dass es in 75 Prozent der Partnerschaften und Familien keine Probleme, zumindest gegenüber Frauen, gibt. Allerdings gehen wir noch von einer hohen Dunkelziffer aus. Ich denke, dass in Deutschland der Anteil der Bevölkerung, der Strafe und Gewalt als legitimes Mittel in der Kindererziehung ansieht, rückläufig ist und sich in den kommenden Jahren verringern wird. Nicht zuletzt aufgrund einer klaren gesetzlichen Regelung, die seit dem Jahr 2000 Kindern das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung zugesteht, und aufgrund guter Öffentlichkeitsarbeit zahlreicher Verbände, u.a von Terre des Femmes. Weiterhin ist aber häusliche Gewalt gegen Frauen weit verbreitet. In ihrem eigenen Heim leben Frauen in Deutschland am gefährlichsten.
In zahlreichen anderen Kulturen wird Gewalt an Frauen bis zu einem gewissen Grad als Mittel zur Durchsetzung und Erhaltung von kulturellen und familiären Normen öffentlich geduldet und toleriert. In einigen Teilen der Welt wird Männern sogar das ausdrückliche Recht zugestanden, Frauen zu bestrafen, wenn sie sich nicht an die Normen halten.
Gewalt an Mädchen und Frauen findet unabhängig von Kultur und Religion auf der ganzen Welt statt.

Wirtschaftswetter: Welche Rollen spielen Frauen bei der Unterdrückung anderer Frauen und Kinder?

Christa Stolle: Patriarchale Gesellschaften können natürlich nur dann bestehen, wenn auch die Frauen, die in diesen Gesellschaften leben, dieses Modell mittragen. Im Fall der weiblichen Genitalverstümmelung werden die Beschneidungen an Mädchen von Frauen selbst vorgenommen. Oft werden die Frauen für ihr Verhalten gesellschaftlich belohnt. Im Fall der Beschneiderinnen geht diese Tätigkeit einher mit einem sehr hohen gesellschaftlichen Ansehen und ist außerdem wirtschaftlich lukrativ. Hinzu kommt, dass in einigen Teilen der Welt unbeschnittene Töchter oder Mädchen, die ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe verloren haben, als nicht mehr heiratsfähig gelten und damit nicht überlebensfähig sind. Die gesellschaftlich verankerten Normen erlegen hier also auch ökonomische Zwänge auf. Frauen leben oft in sozialer und wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihren Männern oder männlichen Verwandten. Deshalb ist es so wichtig, dass Frauen auf der ganzen Welt ein selbstbestimmtes und unabhängiges Lebens führen können. Und dafür kämpft Terre des Femmes seit mittlerweile 30 Jahren.

Wirtschaftswetter: Wie muss Ihrer Meinung nach die Unterstützung der deutschen Politik aussehen, damit nationale und internationale Projekte für Mädchen vor Ort erfolgreich geführt werden können?

Christa Stolle: Die Stärkung von Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter muss ein Querschnittsthema auch in den Außenbeziehungen Deutschlands sein – sowohl im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit als auch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Drittstaaten. Zusätzlich muss die deutsche Regierung klar für die Einhaltung von Frauenrechten in den Partnerländern stehen. Hier reicht die Abgabe reiner politischer Willenserklärungen nicht aus. Staaten, die die Rechte von Frauen – und Menschen – missachten, verletzen oder Regierungen, die ihre Bevölkerung nicht vor Menschenrechtsverletzungen schützen, müssen unmissverständlich aufgefordert werden, diese Praxis zu beenden. Auch wirtschaftliche Interessen dürfen in Fällen von Menschenrechtsverletzungen nicht über dem Schutz der Frauen- und Menschenrechte stehen. Darüber hinaus muss die deutsche Politik die wichtige Rolle von Nichtregierungsorganisationen wie Terre des Femmes bei der Stärkung von Frauenrechten anerkennen und fördern. So benötigen lokale Frauenorganisationen natürlich ausreichende finanzielle Unterstützung, um ihre Arbeit nachhaltig gestalten zu können. Schlussendlich sollte die Bundesregierung, um ein glaubwürdiger Partner zu sein, die Rechte von Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter im eigenen Land sicherstellen.

Wirtschaftswetter: Neben anderen Organisationen weist auch Terre des Femmes immer wieder darauf hin, wie wichtig es sei, Frauen weltweit an Friedensprozessen wie Friedenseinsätzen, Friedenskonferenzen und an der Sicherheitspolitik zu beteiligen. Gibt es nennenswerte Fortschritte?

Christa Stolle: Die Beteiligung von Frauen an Prozessen des politischen Dialogs und der Friedenssicherung sowie bei Friedensverhandlungen auf der ganzen Welt ist unerlässlich für eine effektive und nachhaltige Konfliktbewältigung und Friedenssicherung. Die internationalen Grundlagen wurden mit der UN Resolution 1325 geschaffen, die im Jahr 2000 einstimmig vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet wurde. Diese schreibt vor, Mädchen und Frauen in Kriegsgebieten besonders zu schützen und fordert eine stärkere Beteiligung von Frauen bei friedensschaffenden Missionen, Friedensverhandlungen und dem Wiederaufbau.
Bisher sind die Erfolge bei der Durchsetzung dieser Resolution eher mäßig. Zwar sind heute geringfügig mehr Frauen an internationalen Missionen in Krisengebieten und bei Friedensverhandlungen beteiligt. Die Mehrheit der internationalen Staatengemeinde hat es bisher jedoch nicht geschafft, wie 2005 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan gefordert, einen nationalen Aktionsplan zu verabschieden. Auch die Bundesregierung hat bisher keine systematische Strategie für die Umsetzung der Resolution 1325 vorgelegt. Wir fordern daher von der Bundesregierung und vor allem den für die Umsetzung der Resolution zuständigen Ministerien - Auswärtiges Amt, Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie Familien- und Justizministerium - unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure einen Aktionsplan aufzustellen.
Damit würde die wichtige Rolle von Frauen in Konfliktsituationen und Friedensprozessen endlich gebührend anerkannt werden. Terre des Femmes ist vor diesem Hintergrund besonders erfreut, dass der Friedensnobelpreis mit Ellen Johnson-Sirleaf, Leymah Roberta Gbowee und Tawakkul Karman an drei Frauen ging, die durch ihren mutigen Aktivismus und politisches Engagement in ihren jeweiligen Kontexten friedlich und trotzdem effektiv an einem demokratischen Umbruch in ihrer Gesellschaft beteiligt waren. Hoffentlich ist dies ein Signal auch für die Bundesregierung und andere Staaten weltweit.

Weitere Informationen: TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V.


2011-10-15 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz + Interviewpartnerin Christa Stolle
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer
Foto Christa Stolle: ©TERRE DES FEMMES e.V.
Foto Banner: ©Cornelia Schaible

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