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Obacht, junge Frau

Erste Folge

Familienpolitik suggeriert: Ohne Vertrag keine Kinder!

von Angelika Petrich-Hornetz

...Obacht, junge Frau, heißt unsere neue Kolumne, die unter dem Eindruck der vergangenen Wirtschaftswetter-Ausgaben steht. In denen mussten wir feststellen, dass die Zeit nie ausreichen wird, um vor sämtlichen Klippen für junge Frauen von heute auch nur marginal zu warnen. Aber die sind überall - entweder als uralte Relikte vergangener Zeiten noch vorhanden oder sie schießen, auch in Deutschland, ganz neu wie Pilze aus dem Boden, nicht zuletzt dank der demografischen Entwicklung, von der offensichtlich auch die politische Klasse immer mehr geblendet wird. Die Kombination bietet wachsende Nachteile für junge Frauen: Immer mehr gesellschaftliche Gruppen stellen immer mehr und immer höhere Ansprüche an junge Frauen, aber möglichst billig soll es sein. Das heißt für Sie: Wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie wenig dafür bekommen, für das, was sie alles leisten sollen. Wie Sie in dieser Folge lesen werden, werden Sie am wenigsten für sich selbst haben, wenn sie sich zwischen Beruf und Kind aufreiben lassen: Wenn Sie sich das gefallen lassen, werden vor allem andere etwas von Ihnen haben. So abstrus es zunächst klingen mag, es ist durchaus ernst gemeint: Das Leben hält für junge Frauen wieder eine ganze Menge Fallen bereit. Bevor Sie sich auf diese einlassen, brauchen Sie Sicherheiten: Fordern Sie Sicherheiten, und zwar von all jenen, die selbst so viel von Ihnen verlangen. Sie müssen damit beginnen, Verträge zu schließen und zu verhandeln. Wenn nichts mehr geht, suchen Sie sich am besten sogar anwaltlichen Beistand. Unter diesen Umständen wird es wirklich höchste Zeit, unseren Erfahrungsschatz (mit-) zu teilen - in einer fortlaufenden Kolumne, die von den Wirtschaftswetter-Autorinnen mal komisch, mal ernst, mal bissig, mal heiter, mal allgemein, mal persönlich, mal hochaktuell, mal aktualisiert betextet wird. Unserer wichtigster, grundsätzlicher Rat: Lassen Sie sich nicht über den Tisch ziehen! ...

Thema: Familienpolitik. Wir starten mit zwei heißen Eisen, nämlich dem sich bereits ankündigenden Bundestags-Wahlkampf und was die Parteien danach - mit weitreichenden Folgen - jungen Frauen in der Familienpolitik auftischen wollen, und zwar: Die Union will die Einführung des Betreuungsgeldes an eine bessere Anrechnung in der Rente für vor 1992 geborene Kinder koppeln - und die SPD sowie auch die Grünen wollen das Ehegattensplitting abschaffen, aber nur für Jüngere.

Wie Sie sich jetzt wahrscheinlich schon denken können, ergeben sich aus beiden Plänen eine Reihe neuer Unannehmlichkeiten bis hin zu ernsten Gefahren, vor allem für junge Frauen: Das Betreuunggeld der Union - von seinen Gegnern verächtlich "Herdprämie" genannt - soll jungen Müttern, die sich (theoretisch) gegen eine Betreuung ihrer Kinder ab einem Alter von einem Jahr in einer Kinderkrippe entscheiden, einen Ausgleich für den Aufwand der Eigenbetreuung zahlen.
Da sie keine staatlichen Betreuungsleistungen in Anspruch nehmen, sind diese Mütter für die öffentliche Hand deutlich billiger als die anderen. Kinderkrippen müssen öffentlich großzügig bezuschusst werden, damit sie überhaupt existieren können, ähnlich wie Altenpflegeheime: für teures Personal, für die Ausstattung von Räumlichkeiten, die allen gesetzlichen Ansprüchen genügen usw. usf. Doch in der Öffentlichkeit wird die Umkehrung suggeriert: Die selbst betreuenden Mütter wären, so lamentieren die Herdprämie kritisierende Politiker, angeblich teurer als die berufstätigen, weil das Betreuungsgeld für Kinder unter drei Jahren angeblich dazu führe, dass Mütter womöglich mit 100 (ab 2013) bis 150,- Euro (ab 2014) Euro im Monat liegen blieben und daher - nicht erwerbstätig - weder Steuern noch Sozialabgaben zahlten. Dabei lassen sich die vielzitierten Kosten des Betreuungsgeldes mit 1,45 Milliarden Euro pro Jahr ab 2014 einfacher ausrechnen als die kompliziertere Aufrechnung, was öffentliche Betreuung in Milliarden pro Jahr (und pro Kind) kostet. Oder haben Sie in den letzten Wochen und Monaten etwas darüber gelesen?

In der Realität, in der Sie leben müssen, reicht dieser Betrag natürlich keineswegs für das Leben eines Schwerenöters aus, sondern würde den jungen Müttern nur ein bisschen zu Gute kommen, die schlicht und einfach keinen Krippenplatz finden - entweder temporär oder gar nicht. Auch das ist knallharte Realität, in der Sie immer noch leben müssen: Nach wie vor ist die Nachfrage nach Krippenplätzen höher als das Angebot, mit nur wenigen Ausnahmeregionen. Die meisten Mütter suchen wirklich händeringend eine Kinderbetreuung, nehmen die wahnwitzigsten Anreisen und Bedingungen dafür in Kauf - und würden deshalb dieses bisschen Geld ebenfalls zu Kinderbetreuung verwenden, zum Beispiel als Zusschuss zum Salär einer wenigstens stundenweise zur Verfügung stehenden Tagesmutter oder anderer Betreuungspersonen oder als Benzingeld für den dazu nötigen Transport. Selbst in Form von Kinderbekleidung oder als Beitrag für eine eigene Altersvorsorge für die wegen Krippenmangel temporär nicht berufstätigen Mütter wäre dieses Geld gut angelegt. Es ist übrigens noch nicht lange her, da wurde diesen Müttern öffentlich von Politikern vorgeworfen, sie würden das Geld versaufen. Warum hat eigentlich noch nie einer dieser Politiker alten Menschen vorgeworfen, sie würden ihre Rentenerhöhung versaufen? Dass Alkohol- und Medikamenten-Abhängigkeit in Rentnerhaushalten aber ebenso ein vorhandenes, und wie der jüngste Drogenbericht zeigt, sogar ein immer größer werdendes Problem ist, wird nur allzu gern unter den Teppich gekehrt.

Das Betreuunggeld war und ist in allen Parteien, sogar innerhalb der Union umstritten, dort besonders bei den Frauen. Schließlich stimmten die Unions-Frauen diesem Obolus zu Gunsten junger Frauen doch noch zu, aber nicht ohne eine Gegenleistung für sich selbst zu verlangen. Das, obwohl die eigene Erziehungsleistung, in der Natur der Forderung liegend, offensichtlich schon ein paar Jährchen her ist - und die Sicherheiten wesentlich größer waren. Schließlich gelten für die älteren Generation noch alte, großzügige Scheidungs-, Unterhalts- und Witwenrenten-Regeln, die die Jüngeren schon gar nicht mehr kennen. Warum also ältere Unionsfrauen befürchten, die Jüngeren würden angeblich "besser gestellt" werden als sie selbst - kann man sich nur damit erklären, dass sich nicht nur jeder, sondern inzwischen auch jede selbst die Nächste ist. Obacht, junge Frau, daran erkennen Sie nun, dass Ihnen a) nichts geschenkt wird und b) wie hart ihre eigene Müttergeneration verhandelt können: Tun Sie es Ihnen gleich, lassen Sie sich die Butter nicht vom Brot nehmen!

Diese Müttergeneration, die mehr Rente für die Erziehungsleistung für alle ihre vor 1992 geboren Kinder fordert, und zwar anässlich dafür, dass heutige junge Mütter (theoretisch) Betreuungsgeld erhalten, sind diejenigen, die allerdings früher viel öfter und länger zu Hause geblieben sind als Sie. Dafür gab es meistens, aber nicht immer gute, Gründe: Früher gab es noch viel weniger Kinderkrippen als heute, und die Öffnungzeiten der damaligen Kitas waren in der Regel alles andere als vereinbar mit dem Beruf. Dafür gab es aber immerhin eine wachsende Zahl Hortplätze für Grundschüler, die werden nämlich gerade, ganz aktuell zu Gunsten von Krippenplätzen abgebaut. Früher waren außerdem die Arbeitszeiten, die eigenen und die der Ehemänner oder Partner, deutlich regelmäßiger und die Arbeitsplätze waren sicherer als heute. Zusätzlich bezogen die Mütter von 1986 bis Ende 2006 das einkommensabhängige Erziehungsgeld, bis zu 300 Euro pro Monat für satte zweite Jahre. Zudem beziehen die heute klagenden Witwen eine Hinterbliebenenrente von 60 Prozent der Rente ihres verstorenen Versicherten. Bei ab 1962 geborenen Ehepartnern oder Ehen, die ab 2002 geschlossen wurden, gibt es jedoch nur noch 55 Prozent.

Die offizielle Begründung der verspäteten Begünstigung für vor 1992 geborenen Kinder ist folgende: Erst für nach 1992 geborene Kinder wurden seinerzeit die drei Jahre Kindererziehungszeit eingeführt, davor wurde dem Rentenkonto in der Regel dem der Mutter nur ein Jahr gutgeschrieben. In Euro ist der Unterschied etwa so: für ein vor 1992 geborenes Kind erhält die Erziehende, und natürlich auch der Erziehende, später ungefähr dreißig Euro Rente, für nach 1992 geborene Kinder erhält die spätere Rentnerin, der spätere Rentner ungefähr achtzig Euro. Inzwischen ziehen ältere Mütter gegen diese Stichtagsregelung vor Gericht, um auf diesem Wege eine höhere Erziehungsrente zu erstreiten. Wenn sie sich durchsetzen, kann man Ihnen, junge Frau, nur raten, ebenfalls vor Gericht, durch alle Instanzen zu ziehen, um gegen die Stichtagsregelungen oder mindestens für die Aufrechnung vom alten Erziehungsgeld sowie der alten Witwenrente zu klagen, damit die älteren Mütter nicht alles, und die jungen Mütter gar nichts mehr bekommen.

Aber allgemein: Ganz schön happig, oder? Ganze dreißig Euro oder ganze achtzig Euro für ein jahrzehntelang währendes Ehrenamt - zu Gunsten der Zukunft dieses Landes bei gleichzeitig steigendem, eigenen Armutsrisiko proportional zur Kinderzahl? Vor diesen Zahlen kann man sich nur fragen, warum nicht längst Millionen Frauen protestierend vor den Deutschen Bundestag gezogen sind, weil sie von der Politik nur allzu offensichtlich über den Tisch gezogen worden sind, und zwar jahrzehntelang. Aber das sie es nicht taten, sondern es zuließen, ohne sich je darüber zu beschweren, können nun nicht auch noch die heute jungen Frauen allein ausbaden: Schließlich haben nicht Sie, sondern andere den Rentengroschen vorangegangener Müttergenerationen verfrühstückt - und sollten zur Kasse gebeten werden.

Die Presse indes kreischte angesichts dieser "großzügigen" Entschädigung eines jahrzehntelangen Arbeitsverhältnisses ohne einen Pfennig dafür zu sehen: Die Rentekasse werde gesprengt. Die Aufstockung der Alte-Mütter-Rente soll nach grober Schätzung nämlich mit etwa 200 Millionen Euro Belastung für die Rentenkasse im ersten Jahr starten und bei einem zweistelligen Milliardenvertrag enden. Zumindest das erste Jahr könnte man locker mit einem Weihnachtsbaum-Aufschlag von ein paar Cent finanzieren (700 Millionen Euro gaben die Deutschen 2011 für ihre Weihnachtsbäume aus).

Obacht: Wenn das geradezu billige Betreuungsgeld schon vor dessen Einführung gegen die viel teureren staatlichen und kommunalen Betreuungsleistungen ausgespielt und mit ähnlich teuren Rentenerhöhungen für Menschen, die längst keine eigenen Kinder mehr zu betreuen haben, erkauft werden soll, wird es sich sowieso nicht lange halten können. Wahrscheinlich wird es bald reduziert oder sang- und klanglos wieder abgeschafft werden. Das bedeutet für Sie, dass Sie es mitnehmen und klug in ihre Kinder oder Altersvorsorge investieren sollten, doch wie gesagt, nach unserer Einschätzung wird es kassiert werden, die Aufstockung der Renten für ausschließlich ältere Mütter wird aber wahrscheinlich bleiben, nicht nur wegen dem Unionsbeschluss und weil sich einige Mütter durch die Instanzen klagen, sondern weil es politisch durchsetzbar ist: Junge Mütter wehren sich nicht.

Dagegen können Sie auf kommunalpolitischer Ebene lautstark protestieren, wütende Briefe an die Bundespolitik schreiben oder gründen Sie eine neue Partei und ziehen selbst in den Wahlkampf. Immerhin hatte es im vergangenen Jahr etwas so Exotisches wie die Piratenpartei auf Anhieb geschafft. Das sollte jungen Frauen ein Vorbild sein, es diesen nachzutun, schließlich werden sie in allen Parteien bis heute eher schlecht vertreten. Auf der menschlichen Ebene ist das alles natürlich auch nicht schön: Weder kinderlose Männer und Frauen, Väter oder berufstätige Mütter, also die, die das Glück haben, eine zu ihrem Beruf passende Betreuung für ihr Kind gefunden zu haben, noch die älteren Frauen (und damit früheren Mütter), die einst selbst betreuten, ob gewollt oder nicht, gönnen jungen Frauen mit Kindern (von heute) offenbar dieses bisschen Geld.

Wer es von Ihnen noch nicht weiß: Kinder sind heutzutage wahnsinnig teuer, viel teurer als früher. Wenn wir uns in den achtziger Jahren zum Beispiel noch über gewollt kinderlose Menschen aufregten, die Kinder abfällig als "vermeidbares Betriebsrisiko" bezeichneten, sprechen diese - und noch ganz andere! - heute längst vom Luxusgut Kind, das man sich erst einmal leisten können müsse. Das klingt in etwa so, als konnten Sie, als Lieschen Müller aus der Mittelschicht, gleich wieder damit aufhören, überhaupt von einem eigenen Kind zu träumen. Selbst eine Adoption ist viel zu teuer, aber, könnte man nur noch sarkastisch fragen, Vielleicht ist es ja bald wieder soweit, dass Sie wenigstens als Amme arbeiten können? Leider ist durchaus etwas Wahres daran, und eine miese Politik hat viel dazu beigetragen, dass Kinder immer teurer werden: Das dreijährige Erziehungsgeld wurde in ein einjähriges Elerngeld umgewandelt - nicht nur für Studentinnen mit Kinder ein sattes Minusgeschäft. Es gab haufenweise kostenlose Angebote für Kinder und Familien, es gab Unterhalt für geschiedene, erziehende Elternteile, es gab mehr Hinterbliebenenrente und so einiges an Sozialleistungen mehr. Wenn vor zwanzig Jahren ein Kind zwar auch schon ein Risiko war, dann wurde für dieses Kind und den betreuenden Elternteil aber gleichzeitig privat und öffentlich wesentlich besser gesorgt, als es heute der Fall ist.

Und da die Arbeitswelt so ist, wie sie ist, unter anderem global - oder wollten die Deutschen etwa schon heute aus Afghanistan abziehen, gibt es dort etwa Teilzeitarbeitsplätze mit täglichen Heimflügen am frühen Nachmittag? - wurden auch die Arbeitszeiten lediglich punktuell besser: Die meisten Väter oder Mütter können sich nicht aussuchen, wo und wie lange sie arbeiten, ganz im Gegenteil - die zeitliche Belastung am Arbeitsplatz nimmt eher wieder zu.

So bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder es wird flächendeckend die Hochverfügbarkeits-Kinderbetreung eingeführt, die 24 Stunden am Tag in Bereitschaft sein muss, oder die Teilzeit arbeitenden oder gar nicht arbeitenden, betreuenden Elternteile müssen mitfinanziert werden. Bis das aber in hundert Jahren entschieden sein wird - oder die Politik endlich Rahmenbedingungen für Wahlfreiheit schafft (an die wir persönlich nicht mehr glauben), sitzen Sie ohne eine verlässliche, regelmäßige Kinderbetreuung plus eine ebenso verlässliche Notfalltruppe für den Krankheitsfall definitiv in der Falle. Inzwischen sind die Gesetze so, dass alle Ansprüche an Sie stellen werden, gerade wenn Sie Mutter werden, ohne dass Sie selbst auch nur irgendeinen eigenen Anspruch durchsetzen werden können. Leider fällt es den meisten jungen Frauen erst auf, wenn sie schon in der Falle sitzen.

Ein Anpruch auf einen Hortplatz? Lächerlich: So etwas gibt es gar nicht. Und mancher Betreuungsplatz, der offiziell als Anspruch in der Kinder- und in der Kinderkrippenbetreuung gilt, heißt noch lange nicht, dass dieser auch tatsächlich zu Ihren Arbeitszeiten passt. In der Praxis bleibt alles an Ihnen hängen. Ob Sie allerdings in einer Stimmung, in der Sie sich inzwischen nicht nur von am Arbeitsplatz ewig lang anwesenden kinderlosen Männern und Frauen, sondern inzwischen auch von anderen Müttern (mit toller Kinder-Betreuung im Rücken) sowie älteren Damen, die damals stets alles selbst und besser als Sie gemacht haben, anfeinden lassen müssen, überhaupt noch Kinder in die Welt setzen möchten, das ist Ihre ganz persönliche, sehr schwere Entscheidung.

Und dies gilt natürlich genauso unter den Regeln des nächsten Vorschlags der angeblichen "Oppostion", die allen Ernstes das Ehegattensplitting abschaffen will, aber - natürlich, was sonst, ganz exklusiv: nur für Jüngere. Das bedeutet nicht nur für Alleinverdiener- und Zuverdienerinnenfamilien, über die die SPD die Nase rümpft, sondern für alle Familien, in denen ein Elternteil beruflich kürzer treten muss, weil Kinder zu versorgen sind, massive Steuererhöhungen, bei gleichbleibenden bis steigenden Ausgaben. Auch damit kommt für junge Frauen, die Kinder haben oder planen, im Ergebnis nichts anderes dabei heraus, als die beständige Fortsetzung der Doppelt- und Dreifachbelastung, unter der die gegenwärtigen Mütter schon genug ächzen.

Zugegeben, es ist längst überfällig, dass dieses Relikt aus einer Zeit, in der so gut wie alle, die verheiratet waren, gleichzeitig Kinder hatten, sich immer noch nicht mit der Tatsache anfreunden konnte, dass es seit geraumer Zeit auch unverheiratete Elternpaare und immer mehr Alleinerziehende gibt - und vor allem, immer mehr Ehepaare ohne Kinder. Ein Update, eine Anpassung an die Gegenwart, wäre also dringend notwendig. Nur sieht diese Realität leider nicht so aus wie in Politiker-Visionen.

Wer sich als Wirtschafts- und Finanzgemeinschaft "Familie derart aneinanderkettet, dass aus einem Topf gewirtschaft wird, (allein das nachzuvollziehen, fällt urbanen Singlehaushalten mit einer einzigen Steueridentifikationsnummer zunehmend schwer), der hat - gerade mit Kindern - auch eine ganze Menge Ausgaben, die sich Menschen ohne direkten Kinderkontakt immer schwerer vorstellen können. Und um nicht schon wieder Afghanistan als Beispiel dafür zu nennen, wie traumtänzerisch die Politik mit den tatsächlichen Arbeitszeiten von Elternpaaren umgeht, nehmen wir einfach einen Schichtarbeiter in der Autoindustrie oder auch einen jungen Assistenzarzt, der sich heutezutage auch keine Riesensprünge mehr erlauben kann, der aber, wie die anderen Genannten auch, definitiv nicht mit Kindern vereinbare Arbeitszeiten hat - aber Kinder.

Na, junge Frau, wie fühlt sich diese für Sie vielleicht jetzt noch wage Vorstellung an, nie wieder so viel Geld wie ohne Kind bei gleichzeitig steigenden Ausgaben in der Tasche zu haben, weil nur einer noch "so richtig, anständig" Vollzeit arbeiten kann? Ein ganz alltägliches Beispiel? Die Kita von nebenan ist heillos überfüllt und kann leider erst in zwei Jahren wieder aufnehmen. Bedauerlich! In zwei Jahren ist nämlich Ihr bislang sicher geglaubter Job leider längst weg. Demnächst haben Sie also "dank moderner Familienpolitik" noch viel weniger Einkommen, weil Sie höhere Steuern zahlen werden, obwohl Sie nichts anderes verbrochen haben, als ein Kind zu bekommen.

Das Vorhaben, das Ehegattensplitting wieder einmal exklusiv nur für die jüngeren Ehen abschaffen zu wollen, legt der kinderfeindlichen Familienpolitik höchstens noch eine Schippe mehr auf und erinnert an die ebenfalls alternden Gewerkschaften, die in den vergangenen vierzig Jahren auch nur noch die Pfründe der älteren Arbeitnehmer zu retten pflegten. Gleichzeitig nickten sie lauend ab, dass Auszubildende und jüngere Arbeitnehmer zu immer schlechteren Konditionen eingestellt werden können. Heute ist das Gejammer über die europäische Jugendarbeitslosigkeit groß - schließlich sollen "ausgerechnet die" doch die Älteren finanzieren.

Die einzige, halbwegs ehrliche Art, das Ehegattensplitting abzuschaffen, das einst tatsächlich, genauso wie die Hinterbliebenenrente lediglich die Versorgung vorhandender Kinder plus einem betreuenden Elternteil sichern sollte, wäre die Abschaffung für kinderlose Ehepaare und auch das dürfte nicht einmal komplett geschehen, weil auch Ehepartner wegen der heute üblichen beruflichen Hochverfügbarkeit plus Globalsierung eher selten überall gleich große Einkommen erwirtschaften können, selbst wenn sie noch so möchten. Doch nur damit, mit Lohngerechtigkeit und Einkommensgleichheit wäre auch die notwendige Geschlechtergerechtigkeit beim Einkommen gewährleistet, die eine unabdingbare Voraussetzung für eine gleiche Besteuerung darstellt. Aber Politiker aller Parteien sehen gar nicht hin, sondern erträumen sich notorisch das in ihren Augen einzig wahre Familienmodell zweier vollerwerbstätiger Elternteile, das in der Praxis nur leider allzu selten existiert.

Die meisten, angeblichen Doppelverdiener-Ehen und "doppelt" verdienenden Familien mit Kindern sind nämlich exakt diejenigen, über die bestens in der Gegenwart und im Alter versorgte Politikerinnen und Politiker momentan medienwirksam die Nase rümpfen, nämlich die, in denen die Frauen hinzuverdienen. Selbst das passt nicht mehr ins gewünschte Familienlebensmodell der Parteien, denen man vorwerfen muss, ständig das Pferd von hinten aufzuzäumen, wenn sie nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass Frauen überhaupt erst finanziell gleichwertige, berufliche Karrieren vorweisen können. Stattdessen will die Politik zuerst die gleichen Steuersätze kassieren und ruiniert junge Frauen und Mütter von heute damit noch mehr als deren Vorgängerinnen-Generationen. Nur ist es leider immer noch Realität, dass Frauen weniger verdienen, zu schlechteren Konditionen eingestellt werden und mit Kind eher wieder aus dem Arbeitsmarkt rausfliegen als Männer. An die Abschaffung des Splittings für von vorneherein kinderlose Ehepaare werden sich die Parteien jedoch nie heranwagen, aus blanker Angst vor dem Verlust ihrer Wählerschaft, deren Mehrheit sich inzwischen aus kinderlosen Haushalten rekrutiert. Dafür, dass auch alle anderen, arbeitenden Haushalte bald dazu werden, strengt sich die Politik derzeit mächtig an.

Obacht: In allen Parteien besteht die Tendenz, Ältere zu bevorzugen und Jüngere zu benachteiligen. Machen Sie sich die Mühe, und lesen Sie zur Bundestagswahl im nächsten Jahr die Parteiprogramme ganz genau durch und fragen Sie vor Ort bei ihren Abgeordneten nach, was man - mit Ihnen! - nach der Wahl vorhat. Vor allem jüngere Frauen, die Kinder haben oder planen, werden immer mehr, und zwar massiv und nachhaltig belastet. Die Politik zurrt damit die Doppelt- und Dreifachbelastung von jungen Eltern, insbesondere jungen Müttern, auch weiter lebenslänglich fest. Entlastung ist bis auf Weiteres nicht in Sicht.

Zum Beispiel hatte schon die frühere SPD-Justizministerin trotz ihrer "Unterhaltsrechtsreform" bis auf Weiteres bei Scheidung und Trennung amtlich fest- und fortgeschrieben, dass kein getrennter Elternteil bis heute jemals auch nur ansatzweise dazu verpflichtet werden kann, sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Dabei steht das im Grundgesetz. Wenn Sie also selbst keine Regelung zur Kinderbetreuung getroffen haben, entweder mit entsprechenden Einrichtungen und, oder dem Vater Ihrer Kinder, sitzen Sie nach einer Trennung künftig in der schlimmsten Falle, schlimmer als vor dieser "Reform": Sie müssen für sich selbst sorgen, sind zur Erwerbstätigkeit in Vollzeit verpflichtet, sobald das Kind drei Jahre alt ist und müssen gleichzeitig allein fürs angeblich so "gemeinsame" Kind sorgen, ob sie nun tatsächlich eine Betreuungeinrichtung haben oder nicht. Die Rechte aber, die müssen Sie teilen. Niemand in der privaten Wirtschaft würde sich jemals auf so einen Sklavenvertrag einlassen.

Unterhalt bekommt nur das Kind, wenn überhaupt, ein Großteil der Unterhaltspflichtigen zahlt auch dem eigenen Kind gar nichts oder nur ab- und zu etwas. Im Jahr 2010 erhielten (von ingesamt 2,2 Millionen unterhaltsberechtigten minderjährigen Kindern + etwa eine Million volljähriger Kinder) rund 500.000 Kinder, also etwa ein Viertel aller minderjährigen Kinder Unterhaltsvorschuss, weil ihre Väter oder Mütter nicht zahlen konnten oder wollten. Im gleichen Jahr lebten 13,1 Millionen minderjährige Kinder in Deutschland (etwa zwei Millionen weniger als im Jahr 2000).

Wenn Sie die Gefahr von finanzieller Not vermeiden wollen, müssen Sie vor jedem Kind aushandeln, zu welchen Bedingungen Sie für diese Anstrengung überhaupt noch bereit sind, sonst werden Sie mit Sicherheit über den Tisch gezogen, ihre Kinder im Übrigen ganz genauso. Dass aber in der Praxis wie seit eh und je sich allein schon durch dafür zur Verfügung stehende Zeit vorwiegend zahlende Elternteile einen Vollzeitarbeitsplatz leisten können und damit ein eigenes, auskömmliches Einkommen inklusive besserer Altersvorsorge - und diese damit später ebenfalls mit noch höheren Milliardenbeiträgen bei Renten- und Krankenkassen ins öffentliche Kontor einfallen, interessierte und interessiert bis heute nicht einen einzigen Politiker. Generationengerechtigkeit? Geschlechtergerechtigkeit? Im Wahlkampf nur Schlagworte, die in der Praxis nach der Wahl ins Gegenteil verkehrt werden.

Und zum von inzwischen in allen Parteien bevorzugten Familienmodell: Vater und Mutter arbeiten beide Vollzeit und kümmern sich beide gleichermaßen um die Kinder - was schon in der Theorie eine unlösbare Rechenaufgabe ist: Ja, ein solches gibt es tatsächlich, und zwar hier und da, und dann funktioniert es auffällig häufig nur dann, weil noch relativ junge Großeltern (aber die müssen bald selbst bis 67 arbeiten, das wird noch spannend) in Wohnortnähe leben und den Springerdienst zur Enkelbetreuung komplett übernehmen. Da haben Sie die einzige Hochverfügbarkeits-Kinderbetreuung, die bis heute existiert - sogar bei leichten Erkältungskrankheiten mit mäßigem Fieber. Politiker aller Parteien haben verschlafen oder einfach vergessen: Es handelt sich um ein Wunschmodell, höchstens nur um ein einziges Familien-Modell, eines unter vielen. Und auch diese Normfamilie mit ein, zwei Kindern wird es bald nicht mehr geben, wenn junge Frauen die auch in diesem Modell enthaltene Doppelt- und Dreifachbelastung nicht mehr klaglos hinnehmen: Warum sollten sich zwei erwachsene Menschen auch sehenden Auges auf Jahre hinaus überarbeitet und übermüdet durchs Leben schleppen, für alles bezahlen, allein füreinander sorgen, und dann haben vor allem alle anderen etwas davon?

Unser Rat: Heiraten Sie nicht, die Ehe bietet keine Vorteile mehr für Sie: Jeder hat sich selbst zu versorgen, das Ehegattensplitting ist angezählt und und im Pflegefall bekommen Sie vielleicht schon bald eher einen Betreuer vor die Nase gesetzt, anstelle ihres Angetrauten. Das Wichtigste: Bestehen Sie auf Sicherheiten, für sich und ihre Kinder, bevor Sie welche bekommen. Setzen Sie höchstens nur ein Kind in die Welt, am besten nur "ein halbes", weil Sie Folgendes beachten sollten: Unbedingt muss vorab die Kinderbetreuung vertraglich geregelt werden, ab einem Kindes-Alter von einem, spätestens drei Jahren, zuerst mit Ihrem Partner - in was auch immer für einem Ehe- oder Nichtehemodell - und zwar so, dass er sich in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren genauso um das gemeinsame Kind zu kümmern und es zu finanzieren hat, wie Sie selbst es vertraglich (wenn nötig, notariell beglaubigt oder auf die Bibel schwörend) geloben. Alles andere, ob Ehe oder nicht, ist zweitrangig, bietet keine Sicherheiten mehr. Die in Deutschland geplanten und vorhandenen gesetzlichen Rahmenbedingungen für Familien werden schlechter, insbesondere für junge Mütter. Gepaart mit den Träumereien realitätsentfremdeter Politiker plus einer immer mehr fordernden, alternden Gesellschaft lassen diese Ihnen, junge Frau, keine andere Wahl, als vor allem die Kinderbetreuungsfrage hieb- und stichfest zu regeln. Wenn Sie es nicht tun, besteht die Gefahr, dass Sie von allen anderen schamlos ausgenutzt werden - und das kann Sie unter Umständen in der Tat lebenslänglich ruinieren.

Schwanger 2012Damit sind natürlich ab sofort eine Reihe von Berufen nicht mehr zur Familiengründung geeignet: Polizisten, Ganztagslehrer, Bundeswehrsoldaten, Ärzte, Krankepflegepersonal, Feuerwehrleute, Schichtarbeiter aller Branchen, Reisende, Manager, Einzelhandelskaufleute und Buchhalter, Lkw-Fahrer, Informatiker, Blumenhändler, Piloten, Bäcker, Monteure, Gastronomie (die ganze Branche ...) usw. usf. Ja, welcher Mann kommt als potenzieller Vater für gemeinsame Kinder überhaupt noch in Frage, dem Sie täglich die Klinke in die Hand reichen werden? Vielleicht noch ein paar Verwaltungsbeamte und Angestellte - mit möglichst gleitenden Arbeitszeiten - , Frührentner und Pensionäre, Teilzeitarbeiter und ein paar Selbstständige, die nie expandieren wollen. Ist es das Familienglück, von dem Sie schon immer geträumt haben? Nein? Na, dann findet das Familienpolitikervolk vielleicht auch noch eine andere Doofe, die ohne einen knallharten Kinderbetreuungsvertrag in die Falle tappt, als ausgerechnet Sie.


2012-01-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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