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Madame Mittelstand und ihr öffentlich finanziertes Küchenpersonal

Zum Muttertag 2012
von Angelika Petrich-Hornetz

Gräfin von und zu

Der Glaubenskrieg um das Betreuungsgeld, abfällig "Herdprämie" genannt, treibt immer bizarrere Blüten. So echauffierte sich jüngst die französische Journalistin Cécile Calla im Spiegel ("Madame oder Mütterchen?") über Kleinkinder betreuende Mütter, weil Arbeit schließlich keine "hübsche Lifestyle-Option" sei und propagierte anschließend ausgerechnet genau das, nämlich, Zitat "das ehemals für den Adel gültige Ideal der Frau, die trotz Familie ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommt" Zitatende.

Zurück auf Start

Demnach erwarte die französische Gesellschaft, dass die Frau nach der Geburt "schnell wieder zurück" in den Beruf gehe, dass sie "schnell wieder" ihre Rolle als Frau spiele und genauso "schnell wieder" auf allen Gebieten ihre Unabhängigkeit zu erlangen habe. Das hat etwas von husch-husch, hopp-hopp, zack-zack, schnell-schnell zurück - ins alte, infantile Leben.
Schnell wieder zurück ins alte Leben - und zur Jungmädchenfigur. Das steht für eine veraltete Auffassung am Ende des vergangenen Jahrhunderts, in der das höchste Ziel von westlichen Müttern darin zu bestehen schien, mit vierzig noch attraktiv zu sein sowie sich beruflich selbst zu verwirklichen, um dann mit 60 in die sexy Rente - und auf Kreuzfahrt zu gehen. Das waren noch Zeiten für Hedonistinnen.
Und: Wer soll das eigentlich sein - "die Frau"? Kennen Sie die etwa? Ist es die da oder die da?

Die Finanziers von Madame und Monsieur

Die Geldgeber dieses lustvollen Lebensstils sind zunächst die Steuerzahler. Die und damit der Staat lassen es sich einiges kosten, damit Frauen in Frankreich, umsorgt von Tagesmüttern, Vorschulen und Kitas mit großzügigen Öffnungszeiten, im Alltag vorwiegend unbehelligt von ihren eigenen Kindern ihrem Erwerbsleben nachgehen können. Kinderkosten sind steuerlich absetzbar, Durchschnittsverdiener-Familien ab drei Kindern zahlen keine Steuern, Kindergeld gibt es obendrauf. Auch für zu Hause gönnt man sich den einen oder anderen Babysitter, den man von der Steuer absetzen kann.
*Doch wer eins und eins zusammenzählt, ahnt es: Die größten Profiteure des Systems sind die Väter. In einem Artikel über das Familienleben in Frankreich der Zeitschrift "Eltern" sagte die Soziologin Kerstin Ruckdeschel dazu, Zitat: "Die Zuständigkeit der Frauen für Kinder ist unbestritten. Die sozialpolitischen Regelungen führen nicht zu einer Gleichstellung von Männern und Frauen, sondern stellen, polemisch ausgedrückt, eine Art Vertrag zwischen Staat und Müttern zur Entlastung der Väter dar." Zitatende, Quelle, Eltern: Familienleben in Frankreich

Savoir Vivre

Das hedonistische Lebens-Modell hat noch einige Schönheitsfehler mehr, nicht nur die in beiden Ländern unterschiedlichen Arbeitszeiten. Die in Frankreich gesetzlich verankerte und trotz Änderungen immer noch weit verbreitete 35-Stunden-Woche gilt als Vollzeitarbeit. Das Renteneinstrittsalter wurde jüngst von 60 auf - im Vergleich zu Deutschland magere - 62 Jahre hochgesetzt. Mit der niedrigen Wochen-Stundenzahl können sich französische Mütter einen ganzen Tag in der Woche frei nehmen, die Arbeitsstunden auf die anderen Tage verteilen, faktisch eine Viertage-Woche.
Welche Mutter hätte die nicht gern?
Deutsche Damen und Mütter hingegen, die nicht in der Metallindustrie beschäftigt sind und deshalb regelmäßig in 40, 42 - und mit den üblichen Überstunden auch in 50 Wochenstunden - Vollzeit schwitzen, gelten hierzulande mit einer 35-Stunden-Woche höchstens als Teilzeitkräfte. Mit einer Viertage-Woche à la française würden Mütter in Deutschland aber sicher genauso entspannt dem Savoir Vivre frönen können, wie ihre französischen Kolleginnen. Stattdessen ruinieren sie sich mit dem Gerenne zwischen Kita, Schule und Arbeitsplatz bis auf Weiteres ihre eigene Gesundheit, so dass man getrost daran zweifeln darf, dass alle deutschen berufstätigen Damen mit Kindern das Renteneintrittsalter von hierzulande 67 Jahren überhaupt erreichen werden. Doch das nimmt die deutsche Gesellschaft seit Jahr und Tag ganz gelassen hin, bis niemand mehr Lust auf die Rolle "Mutter" hat, weil bereits die Auslastung durch die Rolle des Arbeitstieres hinreichend anstrengend ist.

Das Küchenpersonal

Der nächste Schönheitsfehler ist das öffentlich finanzierte Personal für so ein entspanntes Familienleben, in dem es wegen staatlicher Betreuung zwar weniger Beziehungsstreit ums Kochen und Betreuen gibt, aber das damit eben auch ordentlich verteuert wird, zu Lasten aller. Und während Madame Mittelstand (aber insbesondere Monsieur, s.o.) die Hände frei hat, um ihrer gut bezahlten 35-Stunden-Woche nachzugehen, bekochen, unterrichten, bespielen, trösten, pflegen, beschäftigen und schaukeln unzählige andere fleißige Hände die Kinder zu allen nur erdenklichen Zeiten, und damit nicht selten auch zu nicht mehr ganz so großzügigen Arbeitsbedingungen wie die der mittelständischen Herrschaft.

Adel für alle?

Wann fand noch mal die französische Revolution statt? Mitnichten ist das französische Adels-Modell federführend in der modernen, europäischen Kinderbetreuung, wie die Autorin des oben genannten Artikels meint, im Gegenteil. Das Leben im Adelsstand für alle wird es nie geben. Die für deutsche Mütter geradezu luxuriöse anmutende Aufwertung des persönlichen Lebens durch die staatliche Übernahme der Erziehung wird mit Schulden bezahlt, die der Staat Frankreich in der Gegenwart macht und die in der nahen Zukunft ausgerechnet die Kinder bezahlen werden, deren Eltern einst davon profitierten. Und damit zahlen diese Kinder später die Eintrittsgelder für das Savoir Vivre ihrer Mittelstands-Eltern, die sich in der Tat wie der alte Adel gebaren, denn auch der lebte zu gern auf Kosten anderer.

Back To The Eighties

Das Leben von Madame mag verführerisch klingen, führt jedoch in die Irre und damit tatsächlich zurück, aber keineswegs in ein unabhängiges Leben, weil sich kein Staat die Finanzierung einer Adelsgesellschaft mit Millionen Mitgliedern leisten kann. Es wird Abstriche geben, im schlechtesten Fall werden die einen weiter voll- und damit bestens versorgt sein, die anderen schlechter oder gar nicht. Die Selbstverwirklichungstrips von Teilzeit arbeitenden Französinnen haben den faden Beigeschmack der 1980er Jahre, als in Europa Öl, Geld und Champagner noch in Strömen flossen und das Berufsleben höchstens ein paar Stunden des Tages und ein paar Tage die Woche Lebenszeit kostete.

Die Nobelpreis-Frage

Dass solche Zeiten längst der Vergangenheit angehören, werden auch die Franzosen feststellen. Sie werden sich sehr bald überlegen müssen, wie sie die Qualität in der staatlichen Kinderbetreuung sicherstellen wollen, wenn Löhne und Gehälter nicht mehr ausreichend steigen, während aber die Arbeitszeiten steigen, die Jobs unsicherer und schlechter bezahlt werden, weil die Kassen leer sind. Die Deutschen fragen sich währenddessen genauso, wie sie die Betreuung und Ausbildung ihrer Kinder bei solchen Arbeitsmarktverhältnissen langfristig finanzieren und sichern können. Wer die Antwort auf diese, eine der wichtigsten Zukunfts-Fragen Europas findet, ist mindestens nobelpreisverdächtig.
Gegenwärtig hat weder in Deutschland noch in Frankreich jemand auch nur irgendeine Lösung parat, aber, soviel ist sicher, die albernen Streitereien um das vor diesem Hintergrund geradezu lächerlich billige Betreuungsgeld sind reine Zeitverschwendung, weil die beiden größten Volkswirtschaften Europas sich langsam beeilen sollten, praktikable Antworten zu finden: Die biologische Uhr der Industrienationen tickt.


2012-05-12 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Banner: ©aph

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