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Zur erreichbaren Sommerruhe

Abschalten mit Konsequenz und bewährten Tools

von Angelika Petrich-Hornetz

Endlich Sommer, endlich Ferien, endlich Urlaub, endlich Zeit und - und mit niemandem feilschen, verhandeln, streiten oder irgendetwas besprechen müssen. Nur die Medien fürchten das Sommerloch. Die meisten Erwerbstätigen haben überhaupt nichts dagegen, wenigstens einmal im Jahr (oder im Leben) für ein paar Tage unauffindbar für den Chef, die Kunden oder die Kollegen zu sein.

Haben Sie überhaupt jemals einen Betriebsrat zu Gesicht bekommen, der zu "Papa gehört am Samstag mir!" aufrief? Und wann haben Sie das letzte Mal einen Vorgesetzten erlebt, der Ihnen in freundlicher Fürsorge zu rief: "Feierabend, Ihnen ein schönes Wochenende, erholen Sie sich!" Oder Kollegen und Kunden, die Ihnen ein verlängertes Wochenende vollkommen neidlos gönnten? Na?

Aber Sie kommen nicht drum herum, um die notwendige Erholung. Und weil es nun auch langsam, aber sicher doch zu einem öffentlichen Thema wurde, dass es parallel zur Arbeitslosigkeit in Deutschland eine etablierte Überarbeitungskultur gibt, treibt jetzt auch die Bundesministerinnen das Thema um. Dort heißt es aber nicht nicht Hoch- und Dauerverfügbarkeit mit Überstunden, Überarbeitung und nicht selten Unterbezahlung als Sahnehäubchen, sondern schlicht: Erreichbarkeit. Die dauernde Erreichbarkeit sei das eigentliche Übel, das uns krank mache, bekundete Bundesarbeitsministerin von der Leyen erst vor kurzem medienwirksam. So etwas geht vor den großen Ferien natürlich herunter wie Öl. Bundesfamilienministerin Schröder pflichtete ihr sogleich bei, kein Wunder, musste sie auch, wünschten sich doch laut allen aktuellen Umfragen die meisten überarbeiteten Eltern eigentlich nur noch eines, nämlich mehr Zeit für die Familie.

Ende Juni, nur wenige Tage vor der Ferien der ersten Bundesländer, stimmten dann auch die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen in den Chor ein und warnten, dass Arbeitgeber, die von der Dauer-Verfügbarkeit ihrer Mitarbeiter am meisten hätten, nicht vergessen sollten, dass nicht nur die Freizeit in den Ruhezeiten allein den Mitarbeitern - und nicht der Firma - gehörten, sondern auch die Pausen.

Die Pausen hätte so mancher dank Dauererreichbarkeit sicher schon fast vergessen. Während Frau von der Leyen also noch an das Handy-Geklingel im Feierabend und im Urlaub dachte, denken wenigstens die Unfallkassen noch an die Pausen, dieses einst schwer erkämpfte Relikt - aus dem zwanzigsten Jahrhundert, das auch im 21. Jahrhundert noch irgendwo existiert, und gerade jetzt so besonders notwendig geworden sind.

Die Warnung kommt nicht von ungefähr, weil die Unfallkassen nur zu gut wissen, wie viel es die Gesellschaft kostet, wenn ausgelaugte Mitarbeiter ohne Frühstückspause, aber mit einer Überstunden-Endmoräne in den Knochen und unter ständigem Telefongeläut immer komplexere Aufgaben erfüllen müssen: Das passt einfach nicht zusammen, das geht auf die Dauer schief.
Dabei betonen die Unfallkassen, dass nicht nur die heute üblichen dauersendenden Kommunikationskanäle die Beschäftigten stressen, sondern vor allem auch überlange Arbeitszeiten und insbesondere das Wegfallen von Pausen während der Arbeit - als störungsfreie Ruhephasen - Gift für die Arbeitsproduktivität und für die Unfallpräventition sind. Sie fordern daher die Unternehmen auf, dafür Sorge zu tragen, dass gesetzliche und betriebliche Bestimmungen der Arbeits-, Ruhe- und Pausenzeiten eingehalten werden.

Und das heißt, dass Kommunikation und Erreichbarkeit per Handy und Co nicht nur am Feierabend, sondern möglichst auch während der Arbeitszeiten geregelt werden sollten. Nicht nur in den Pausen sollte das Telefon aus sein, sondern ebenfalls während der Arbeitszeit, damit wenigstens störungsfreie Arbeitsphasen ermöglicht werden - zu Gunsten der Konzentration, der Produktivität und nicht zuletzt der Unfallvorbeugung. Die Erreichbarkeit per Mobiltelefon während der Arbeitszeit muss bewusst geplant und organisiert werden. Auch die Beschäftigten selbst können einiges dazu beitragen, indem sie z.B. ihre privaten Smartphones während der Arbeitszeit konsequent abschalteten, so der eindringliche Rat der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGU) zum Thema.

Einer gesetzlichen Regelung widerspricht der Bundesverband der Personaler (BPM), der solche Forderungen, wie sie Bundesministerin von der Leyen, aber auch die Gewerkschaften vorschlugen, zurückweist. Laut BPM wären Verbote zur Erreichbarkeit von Erwerbstätigen in der Freizeit "nicht zielführend", heißt es in einer Presseaussendung des Verbandes, der sich für mögliche Regelungen der Erreichbarkeit auf betrieblicher Ebene ausspricht.

Derweil macht sich der Werbe-Spot eines Autoherstellers auf seine Art über ständige digitale Erreichbarkeit sowie generell über Social Media lustig, indem er sein Fahrzeug als mobiles "Kommunikationstool" mit "Meet-Funktion" bewirbt, schließlich könne man mit einem Auto tatsächlich einen "echten Freund" treffen. Stellen Sie sich das einmal in Ihrer aktuellen, persönlichen Dauer-Erreichbarkeit-Gestresstheit leibhaftig vor: Sie schalten nach Arbeitsschluss wirklich alle digitalen Kommunikationsrouten ab und fahren einfach los, auf einer realen Straße, und besuchen einen Freund. Das Auto gilt neben dem Bad seit jeher als einer der letzten Rückzugsorte für erwachsene Menschen. Gestärkt von himmlischer Ruhe kommt man aus diesen wieder hervor. Sie könnten natürlich auch ganz einfach ein paar Freunde zum Essen einladen - und ausschließlich (Smartphone ausschalten nicht vergessen!) mit ihnen reden - oder sich genauso gut erholsam schlicht und lächelnd anschweigen. Herrlich! Und danach gäbe es auch keine faulen Ausreden mehr, man hätte sich nicht richtig erholen können, weil doch ständig das Handy klingelte ...


2012-07-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Banner: ©aph

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