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Bankautomat des Grauens

von Angelika Petrich-Hornetz

Er kam mir sofort gruselig vor, als ich am Samstag den Tankstellenshop betrat. Klobig, riesig, schmuddelig, abstoßend. Ein seltsames, speckiges Monstrum aus einer längst verwehten Zeit prangte in dem Laden, wohlweislich in eine schummrige Ecke verbannt, aber dennoch triumphierend-präsent zwischen Zeitschriftenregal und Personaleingang, Zutritt verboten. Selten, wahrscheinlich nie gewischt, beherbergte er mit Sicherheit massenhaft organisches Leben aus den vergangenen dreißig Jahren. Das an sich schon hässliche Grau seiner geriffelten, dicken Kunststoffoberfläche war allzu offensichtlich mehr als alt. An mehreren Stellen hatte sich der Kunststoff von der langen Einwirkungszeit des Drecks aus mehreren Jahrzehnten schmutzig-gelb bis orange-braun verfärbt.

Der Bildschirm war ebenfalls viel zu klein für das aktuelle Jahrhundert und schmutzig verschmiert obendrein. Es fehlte ihm lediglich noch der moddrige Geruch eines verwesenden Tümpels, um das Bild eines Horrorautomaten abzurunden, doch der wurde wahrscheinlich nur vom Benzingeruch seiner Umgebung unabsichtlich überdeckt.

Er wirkte wie eine Symbol für eine Zeitreise in eine Ära,in der stets alles zu groß, zu schwer und zu protzig war oder auch nur gewichtiger sein wollte, als es die eigentliche Substanz jemals war - wie die ersten Handys - Riesenknochen. Oder diese nach hinten monströsen, grauen Bildschirme der Börsen aus der Zeit, als eine Firma nach der anderen aus dem Boden schoss, die mit Luft handelten und aus dem Nichts Geld zu machen versprachen und denen stets ein gieriges Publikum dankbar folgte. Zweifelsohne war auch dieser veraltete, gruselige Bankautomat ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert, aus einer untergegangenen Kultur, die dann so schlicht wie kleinlaut an ihrer mangelhaften Soft- und Hardware scheiterte und die sich in ununterbrochener Selbstbespiegelung nur noch selbst für das Größte hielt. So stand er da: Seht her, ich bin noch da! Ich bin noch da! Ich, ich, ich!

Hätte ich nur auf meinen Instinkt gehört. Er sagte kategorisch: "Alarmstufe Rot, du wirst (!) Ärger bekommen!" Mein Verstand konterte: "Du musst jetzt tanken!" Meine fusionierten Diplomaten- und Schadensbegrenzungsabteilungen, die zu vermitteln versuchten, setzten sich schließlich durch: "Tanke lieber nur so viel, wie du Bargeld bei dir hast."
Ich steckte die Karte in den Widerling. Er fraß sie. Das Display war durch die verdreckte Scheibe kaum zu erkennen. Ich gab meine Pin-Nummer ein. Das Monstrum schwieg. Meine Karte kam heraus, aber nur ein Stück. Dann schlüpfte sie wieder zurück. Das gleiche Schauspiel wiederholte sich. Ich starrte fasziniert auf diese Aufführung, so etwas hatte ich noch nie erlebt.

Vor dem Hintergrund des auf einmal nachtschwarzen Bildschirms tauchten nun giftgrüne Buchstaben auf. Wieder fühlte ich mich in eine vage Vergangenheit von vor rund dreißig Jahren versetzt: MS-DOS? C64? Amiga? Bob Marley, war doch schon 1981 gestorben? Die Karte ruckte noch einmal hin und her. Die giftgrünen Buchstaben sendeten irgendeine Nachricht- oder eher eine Behauptung - des Problems: Ihre Karte kann nicht ausgegeben werden, weil ..., ich versuchte es zu entziffern. Mittendrin brach die Information plötzlich ab. Konnten die Menschen im letzten Jahrhundert schneller lesen? Der Bildschirm blieb schwarz. Ich war fassungslos.

Ich ging zu der Tankstellen-Verkäuferin. Kein anderer Kunde im Laden, ich fragte sie, was mit dem Ding los sei. Mit spitzer Stimme beschied sie mir: "Dann muss ja etwas mit Ihrem Konto sein! Es ist meistens etwas mit dem Konto, wenn die Karte eingezogen wird." Nein, versicherte ich ihr redlich wie ein Schaf und immer noch unter Schock stehend, mit meinem Konto wäre alles in Ordnung, mein ganzes Leben lang wäre mir so etwas noch nie passiert, und die Karte wäre auch noch relativ neu, hörte ich mich tatsächlich die reibungslose Funktionalität meiner Bankkarte einer Tankstellen-Verkäuferin anzupreisen. Sie hätte auch vor zwei Tagen noch ohne das klitzekleinste Problemchen funktioniert. Aber die Verkäuferin beharrte darauf und fuhr mit spitzer Stimme fort, dass irgendetwas mit meinem Konto oder meiner Karte "nicht in Ordnung" sein müsse.

Ein Anflug von Verständnis für ihre Reaktion machte sich in mir breit, während ich doch jetzt eigentlich angestrengt überlegen müsste, was nun zu tun wäre, schließlich fehlte mir für diese Situation die schlichte, praktische Erfahrung. Ihre Reaktion war dagegen die einer Erfahrenen: Die vielen Leute, die sie täglich zu sehen bekommt, können ihr schließlich auch viel erzählen und haben das sicher auch schon oft und ausgiebig getan.

Ich entschloss mich, zunächst einmal die Tankfüllung zu bezahlen und dann die auch mit diesem grässlichen Automaten erfahrenere Verkäuferin um Rat zu fragen, was denn im Fall einer eingezogenen Karte zu tun wäre, und zwar zuerst, wie lange es nun dauern sollte, bis ich meine Karte wieder bekäme. Sie antwortete bestimmt und beflissen zugleich: "Das geht ganz schnell!"
"Der" (irgendein Mann, also) käme "nachher", und "holt die wieder 'raus", fuhr sie fort. Nur irgendeine konkrete Zeitangabe konnte mir die Verkäuferin nicht geben. "Das geht ganz schnell", versicherte sie dagegen noch einmal. Auf dem Automaten prangte ein Aufkleber in Augenhöhe, mit einer "Service-Nummer" - für den Fall, dass irgendetwas sei, den genauen Wortlaut erinnere ich nicht mehr, aber es wirkte auf diesem Ding zunächst so vertrauenserweckend, als würde dieses Grauen eines Bankautomaten jede Woche mindestens zwanzig Karten verkosten. Andererseits war es wenigstens ein Trost und weckte meine Hoffnung auf eine zügige Lösung des Problems. Auf meine Bitte hin, notierte mir die Verkäuferin dann auf einem Zettel diese Service-Telefonnummer, von der nun offensichlich meine finanziellen Zukunftsaussichten abhingen und ich verließ diesen Ort des Schreckens, unter inzwischen ziemlichen Zeitruck.

Praktischerweise lag das Handy wieder zu Hause. Wenn dieser grauenhafte Automat das aufgefressen hätte, hätte er sich ruhig wochenlang Zeit lassen können, es wieder auszugeben, ich vergesse es ständig. Endlich, am Zielort angekommen, entdeckte ich in dem Örtchen eine Telefonzelle und versuchte dann insgesamt fast zwei Stunden lang, zwischen zwei Terminen, insgesamt etwa sieben Mal jemanden unter dieser angeblichen "Servicenummer" zu erreichen.
Aber wie es in der Servicelandschaft mancher Unternehmen wohl so ist, war am Samstag einfach niemand zu erreichen. Jedes Mal antwortete nur eine automatischen Ansage: "Diese Nummer ist vorübergehend nicht erreichbar, bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt wieder."

Mit jedem Mal, wurde ich ärgerlicher. Aber, wenn doch Kriminelle am Werk gewesen waren, der Bankautomat genau wie ich ein Opfer von Manipuliation??? Nach einer weiteren Stunde zu Hause angekommen, startete ich den meiner Meinung nach letzten Versuch unter dieser blöden Servicenummer intelligentes Leben zu erreichen. Prompt meldete sich ein ausgesprochen gut gelaunter Mitarbeiter, der mir sodann fröhlich beschied, dass ich meine Karte in ungefähr drei Wochen wiedersehen werde. Wie bitte? Drei Wochen? Warum nicht gleich drei Monate? Ich hätte ihn am liebsten genauso aufgefressen wie sein Gruselautomat drei Stunden zuvor meine Karte.
Ich sagte ihm, die Tankstellenverkäuferin hätte doch aber die Information ausgegeben, das "ginge ganz schnell". Er erwiderte zu meiner großen Überraschung: "Na, wenn sie das sagt, hat sie vielleicht bessere Informationen." Solche bestens koopierenden Firmen nenne ich ein Freudenfest für jeden Kunden. Ich fragte ihn, ob er denn nun wüsste, wie lange es dauerte oder ob er es doch nicht wüsste? Naja, druckste er herum, zunächst in diese Richtung - diese langen drei Wochen lägen ausschließlich an der langen Bearbeitungszeit meiner Hausbank, dann wieder in jene Richtung - außerdem, "die Frau", die die Einsatzfahrten "von denen", (also, irgendwelchen Männern, siehe oben, vermutete ich) koordiniere, würde ja am Wochenende auch gar nicht arbeiten, sondern nur von montags bis freitags, deshalb dauere das auch "etwas". So, so. Ich wurde wütend, konnte mich allerdings noch nicht sofort entscheiden, wofür: Für diese unüberhörbare, mangelnde Solidarität der unterschiedlichen Abteilungen "dieses Hauses" untereinander oder für die mangelnde Einweisung dieses Bank-Mitarbeiters in zielorientierter Kundenkommunikation, die aber beide wegen des grauenhaften Kartenschluckers dringend von Nöten wären - oder für dieses internationale Bankunternehmen, in dem offenbar nichts funktioniert, nicht nur das Automaten-Monstrum nicht.

"Aber ihre Automaten arbeiten am Wochenende?", fragte ich ihn schnippisch, wobei mir bewusst war, dass es nie eine Antwort geben würde, weil die darin enthaltende Systemkritik grundsätzlich niemanden interessierte, außer gequälte Automatenopfer. Also schickte ich ihm, ohne seine Antwort abzuwarten, aus reiner Dankbarkeit, dass er wenigstens mit mir sprach, hinterher, er könne ja gar nichts dafür, für diese miese Organisation und dass der Bankautomat seiner Bank spinnt, auch nicht, dass die Männer jetzt nicht arbeiteten, so dass das "alles" so oder so drei Wochen lang dauern würde, auch, dass "die Frau" nicht arbeitete, die die Einsatzplanung für "die Männer" machte, dass ich kein Geld bekäme, und am Wochenende nun leider nichts zu essen hätte, und auch nichts für die Unternehmensstruktur seiner Bank, die offenbar so schlecht wäre, dass sie sich aus reiner Langeweile zur eigenen Unterhaltung sowie zur Teil-Beschäftigung ihrer derzeit wenigen tätigen Mitarbeiter an Samstagen eben an den Kunden anderer Hausbanken schadlos halten müssten.
Der Ärmste, das war zu viel, er gab mir einen Tipp. Ich könnte mich einfach an meine Bank wenden, die würde dann meine Karte sperren und mir eine neue geben, das ginge dann (wirklich) schneller. Dabei hatte er doch gerade eben meiner Hausbank angelastet, dafür verantwortlich zu sein, dass es drei Wochen lang dauern sollte?

Also rief ich meine Bank - und die arbeiteten sogar am Wochenende, und auch am Wochenende konnte man von dort mein Konto sehen. Und da war, wie vermutet, alles in Ordnung, es gab einfach nichts zu bemängeln, das einen Karteneinzug gerechtfertigt hätte. Daran lag es also nicht. Die Karte wurde gesperrt - eine große Sorge weniger. zwischenzeitlich hatte ich schon mehrfach gedacht, der gruselige Tankstellen-Bankautomat wäre tatsächlich von einer Diebesbande heimgesucht und umfunkioniert worden. - und ich nur eines ihrer ersten, frühmorgendlichen Opfer.

Drei Tage nach dem ganzen Theater kam die neue Karte. Zehn Tage später traf ein kleinlauter Entschuldigungs-Brief von der Bank dieses speckigen Horrorautomaten ein: Man konnte sich gerade so zu einem Neben-Satz des Bedauerns hinreißen und den Grund nennen: Es wäre ein "technischer Fehler" gewesen.
Kein Wort von außerordentlichem Bedauern, dass dieses Unternehmen damit etwa ganz ungebeten und im Alleingang lauter "unangenehme" Umstände verursacht hatte, die ohne ihr eigenes blödes Verschulden nie aufgetreten wären. Nur ja nicht vom hohen Ross steigen und einsehen, dass es einfach schlecht organisiert ist, wenn Automaten Karten grundlos fressen und unter den tollen "Servicenummern" stundenlang niemand zu erreichen ist.

Vierzehn Tage später - in damit unerwarteter "Schnelligkeit" - traf die in dem grauenhaften Bankautomaten verloren gegangene Karte ein, per Einschreiben von irgendeiner Technikfirma. Eine Woche später tankte ich wieder an dieser Tankstelle - und die Verkäuferin von damals sprach mich von sich aus an. "Wissen Sie", sagte sie,"der (also, offenbar ein Mann) hat an dem Tag drei Karten 'rausgeholt!" Aber sie selbst und ihre Kollegen wären sehr zufrieden. Wie schön für sie.

Trotz des Mutes der Verkäuferin, der zu bewundern ist. Wenn die Bank nur ansatzweise so zuverlässig arbeitet wie dieser speckig-dreckige Gruselkasten, was ich, zumindest hinsichlich des Informationsgehaltes von Auskünften, leider bereits feststellen musste, kann man wohl nur froh sein, rechtzeitig gewarnt worden zu sein. Dieser Automat? Nie wieder! Diese Bank? Gott bewahre, wer weiß, wen und was die außer Bankkarten noch alles verfrühstücken.


2012-10-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Banner: ©aph

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