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Familienpolitik

Die Familienpolitik muss sich ändern: Arbeitszeit-Dimming für Eltern, statt Ganztagsfremdbetreuung ab dem Kreissaal

Ein Kommentar von Annegret Handel-Kempf

Die Familienpolitik der Bundesregierung bewirkt nicht das, was sie soll, nämlich der Volkswirtschaft nutzen – so der Tenor des, dem Spiegel zufolge, „Zwischenberichts“ einer Studie im Auftrag des Familienministeriums; eines Zwischenberichts, von dem man dort aber nichts wissen will.

Die eigentliche Frage ist: Wollen die Familien denn, was Politik und Wirtschaft wollen? Ist das auch ihr Ziel und wohin führt die Effizienz-Familienpolitik von Regierung und Wahlprogrammen langfristig?

Verzerren die angeblichen Ergebnisse solcher Studien und Meinungsumfragen nicht die Realität, weil Eltern, die sich um Kinder, Beruf, Haushalt und oft auch noch pflegebedürftige Angehörige kümmern, gar nicht die Zeit haben, die entscheidenden Fragen nach ihren Wünschen an die Politik zu stellen? Wo bleiben Liebe und Geborgenheit versus Sehnsucht, Heimweh, Vermissen, Verlassenheitsgefühle?

Der Effekt der Nichtinformiertheit solcher Gutachten: Die Ziele der diskutierten und teils praktizierten Familienpolitik sind dreist und unmenschlich.

Frauen sollen mit vollem Einsatz dort arbeiten, wo sie Geld für ihre Arbeit bekommen, damit sie möglichst viel davon über Sozialabgaben und Steuern an den Staat abgeben können. Da die Wirtschaft aber auch künftig fleißige Heranschaffer eines üppigen Staatseinkommens benötigt, müssen die weiblichen Arbeitnehmer parallel Kinder bekommen – während der Jahre, in denen sie frisch, gut ausgebildet und den Arbeitgebern noch nicht zu alt sind, um im Unternehmen eine Freude an Effizienz, Optik und jugendlicher Widerspruchslosigkeit abzugeben.

Das Ideal der Ganztags-ohne-Familie-Politik heißt: Schwanger sein ohne Beschwerden, ein paar Tage vor und ein paar Wochen nach dem Baby-Auswerfen beurlaubt sein vom Job. Und dann aber wieder ran an die Arbeit fürs Bruttosozialprodukt und Shareholder-Value – damit die Familienpolitik „erfolgreich“ ist, während die Muttermilch und die darin enthaltenden Schutz- und Geborgenheitsstoffe rigoros abgepumpt werden.

Und die Kinder? Sollen bei der Arbeitsweltzentrierung nicht stören und schon früh auf widerstandsloses Funktionieren für die Steigerung des Wirtschaftswachstums, zugunsten der Geldbeutel einiger Weniger, eingeschworen, geprägt und „gebildet“ werden. Kinderkrippe, ein paar Wochen nach der Geburt, und später Ganztagskindergarten und –schule sind die modernen Modelle einer „glücklichen Kindheit“ 2013, in der Kinder nicht mehr frei und unbeschwert ihre Seele baumeln lassen, ihr Gehirn bei ungeplantem Spielen in gemütlicher Privatheit entwickeln und Selbstsicherheit durch den präsenten Rückhalt bei Familienangehörigen entwickeln können. Therapeuten, Förderangebote und Tabletten werden schon richten, was dem Nachwuchs an unbeschwerter Kindheit, der kostbarsten Zeit im Leben, am Erleben und Erlernen der Lebenslust entgeht.

Eltern, die monieren, dass sie ihre Kinder nicht bekommen haben, um sie von sich weg zu organisieren und zu finanzieren, sondern um Alltagsglück mit ihnen zu genießen und sie mit Liebe selber großzuziehen, werden als rückständig beschimpft. Halbtagskindergartenplätze sind kaum noch zu bekommen, untergraben auch die finanzielle Ausstattung der Kitas, die meist nur noch Tagesstätten sind.

Statt Zeit Zuhause und mit Geschwistern zu verbringen, werden die Kleinen in immer neuen Projekten in Kindergärten und Schulen beispielsweise damit vertraut gemacht, dass Essen erzeugt und zubereitet werden muss. Zwischen Job, Ganztagsbetreuung und Schlafengehen bleibt bei den Kids daheim häufig keine Zeit mehr übrig, ganz selbstverständlich in der Familie die Planung, Verantwortung und das befriedigende Ergebnis einer solchen magenfüllenden Alltagsbanalität zu praktizieren. Projekterfahrung und Massenküchen, die hoffentlich nicht krank machen, ersetzen das gemeinsame Kochen und Essen am Familientisch, das verbunden wäre mit dem Austausch über Freuden und Probleme des Tages, und der tröstenden Unterstützung, die aus dem Gespräch mit der Familie resultieren. Klingt altmodisch, ist aber wichtig, auch und gerade heute, in Zeiten, in denen falsches Essen krank macht und der Druck von allen Seiten wächst.

Die Krönung der Entziehung der Kinder aus der heimischen Schutz- und Glückssphäre: Der Staat delegiert seine Betreuungs- und Erziehungsaufgaben an diejenigen, die aufgrund zölibatärer und lebensfremder Vorgaben am wenigsten davon verstehen, nämlich die Kirchen und ihre Sozialeinrichtungen. Finanziert aus staatlichen Geldern und Gebühren, die von den unermüdlich berufstätigen Müttern und Vätern erwirtschaftet werden, sind dort, nach lebensfremdem Muster vorsortierte, Erzieherinnen und Erzieher damit beschäftigt, den Kindern alles andere als objektive Prägungen und Wertvorstellungen zu vermitteln.

Der banale Grund für die kirchliche Dominanz: Die Kommunen leiden unter Finanznot, bekommen aber mehr Fördergeld aus der komplizierten Finanzgestaltung im föderativen System, wenn sie sich nicht selbst um eine objektive, offene Erziehung der Kinder und Jugendlichen kümmern, sondern Betreuung und Wertebildung an die mehrfach subventionierten, kirchlichen Einrichtungen outsourcen - an Einrichtungen der Kirche, die sich gegen eine kritische Überwachung ihres Handelns stoisch wehrt, wie die Ereignisse um die Aufklärung der Missbrauchsfälle in kirchlicher Obhut zeigen.

Damit nicht genug: Weil anscheinend nicht mehr genügend Zeit in den Familien da ist, Kinder aufzuklären, werden die Heranwachsenden ab der vierten Klasse nicht nur in den entsprechenden Unterrichtsfächern, sondern auch in diversen Projekten während der Unterrichtszeit mit dem Thema „Sexualität“ konfrontiert. Ungefragt werden etwa an staatlichen Gymnasien in Bayern die Eltern zur Kasse gebeten, um Aufklärungstage zu finanzieren, in denen die Schüler „liebevoll und einfühlsam“ von Mitarbeitern des MFM-Projekts der Erzdiözesen, an Spielstationen und „als Agenten“, auf die Vorgänge in ihren Körpern eingestellt werden. Die Jungen lernen Zervixschleim in Form von Schokoriegeln kennen, die Mädchen lutschen an einem sauren Stäbchen, um sich das Scheidenmilieu vorzustellen, der Muttermund wird mit einem Fahrradschloss symbolisiert, und die weiblichen „Forscher“ bekommen eine „Eizelle“ mit der Email-Adresse der Referentin mit nach Hause, die Jungs aber kein Kondom. Tatsächlich abenteuerlich, worüber stolz auf den Webseiten des MFM-Projekts und in den dort aufgereihten, gutgläubigen Presseveröffentlichungen berichtet wird. Hunderttausende Kinder wurden in zwölf Jahren in Deutschland und darüber hinaus von der katholischen Kirche „aufgeklärt“. Streng getrennt voneinander, strikt auf „natürliche Verhütung“ fokussiert.

Sollen Kinder wirklich so an das Thema „Liebe“ herangeführt werden, während die Eltern sich mehr und mehr im Beruf verausgabennoch weniger Zeit mit ihren Kindern und kaum mehr Einflussmöglichkeiten auf die Prägung ihres eigenen Nachwuchses lassen? Ist ganztags weg von den Eltern der Politik ganze Weisheit? Wird nicht vergessen, dass da, wo keine Zeit für einen liebevollen Umgang miteinander in der Familie bleibt, auch kein Vorbild und Automatismus für eine solidarische Gesellschaft und friedliche Welt vorhanden sind?

Warum wird nicht einfach die Arbeit in den eigenen Familien der beruflichen Arbeitszeit zugerechnet und entsprechend bezahlt, sowie angemessen der Rentenversicherung zugerechnet? Warum gibt es kein gesetzlich vorgegebenes Arbeitszeit-Dimming für Väter und Mütter? Wenn die erwirtschafteten Gewinne gerecht verteilt würden, könnten Eltern auch bei reduzierter, außerfamiliärer Arbeitszeit von ihrem Einkommen mit ihren Kindern gut leben.

Warum werden den Familien nicht vom Staat qualifizierte und vertrauenswürdige Haushaltshilfen zur Seite gestellt, damit die Zeit außerhalb des Jobs nicht vorwiegend mit Putzen, Waschen und Schrubben verbracht werden muss, statt sie „qualitativ zu nutzen“ - wie die Minimal-Familienzeit gerne beschönigend von Befürwortern des Ganztagsjobs für Mütter und Väter angepriesen wird?

Familien wollen zusammen sein, nicht einander entfremdet ihr Leben verbringen und sich zu Tode rödeln, bevor sie das Erarbeitete aus Rentenkassen und von Pflegeversicherungen abholen.
Die Familienpolitik muss sich ändern: Hin zum lebendigen Familienglück, und weg von entbehrungsreicher Aufopferung nach katholischer Lehre, um sich erst nach dem Tod in einem Himmelreich den Lohn für die Entbehrungen im Leben abzuholen.

Erst wenn Familie ganz unübersehbar Freude und ein modernes Spaß-Image spiegelt, werden auch wieder mehr Frauen Kinder bekommen, statt sich bei Facebook eine Ersatz-Familie zu suchen, die man auch im Job dabei haben kann. Warum sollte eine Ganztagsversorgung der Kinder, mit gleichzeitigem Maximal-Re-Investment in die Volkswirtschaft durch die Eltern, einen Anreiz darstellen, Kinder zu bekommen und gemeinschaftlich unglücklich zu werden? Wo bleiben in den aktuellen Familienpolitik-Planungen Raum und Zeit für die Liebe als Familien-Motivator?


2013-02-05 Annegret Handel-Kempf

Text: © Annegret Handel-Kempf
Fotos Banner: ©aph

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