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Das Interpretationsprogramm

Anwendungen in vollendeter (Un-)Vollkommenheit

von Angelika Petrich-Hornetz

Die Technik als solche ist keine Sache der Interpretation. Wenn Dummheiten aus einem Computer herauskommen, dann hat jemand vorher auch Dummheiten eingegeben. So einfach ist das. Selbstverständlich ist es auch bei dem in diesem Hause verwendeten Schreibprogramm ganz genau so. Der Rechtschreibkorrektur wurden ihre Vorgaben programmiert, und so verhält diese sich dann auch. Dazu gehört u.a., dass dem Wörterbuch einige Begriffe fehlen, die der Anwender laufend hinzufügen, also nachliefern könnte, insbesondere Eigennamen. So wäre das Wörterbuch ganz einfach, den eigenen Anforderungen entsprechend, optimierbar, ein Problem, das also sehr leicht zu lösen wäre. Nur, ist es inzwischen so, dass die exotischen "Vorschläge", die diese Korrektur anbietet, jeder Logik entbehren, so dass niemand mehr, der einmal in den Genuss kam, noch ein Interesse daran entwickeln konnte, das Programm zu vervollkommen. Und so blieb es bis heute so unvollkommen wie es ist. Zwar fragt man sich, wer das einst verzapft hat, aber quält sich lieber weiter damit herum, per Hand zu korrigieren.

Ein paar Beispiele, rein zum Vernügen?

So wurde in den Nachrichten vom 14. März aus "Queen Elizabeth", der Kosename "Queen Lisbeth", aus "Verkehrsminister Ramsauer" entstanden in der automatischen Korrektur die Varianten "Verkehrsminister Ramses", "Verkehrsminister Versauern" oder "Verkehrsminister Süßsauer". Und die EU-Kommissionsvize "Viviane Reding" dichtete dieses Korrekturprogramm in "Vitrine Redigierung" um. Ähnlich fehlerhaft fielen Ortsnamen der Korrektur zum Opfer, sowie weitere Begriffe. In den Nachrichten vom 14. März wurde aus der dortigen Siegertrophäe die "Siegermächte", aus der "Schleusenanlage in Brunsbüttel", die "Schleuserkriminalität in Umschütteln".

In den Nachrichten zum Familienkongress, auch vom März, wurden aus den "familienfreundlichen" die "automatenfreundlichen" oder "katzenfreundlichen" Arbeitszeiten sowie aus den "familienbewussten" nun die "kalorienbewussten" Arbeitszeiten. Das hat schon etwas von einer guten Beobachtung der demografischen Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit: Jawohl, katzenfreundlich, automatenfreundlich und kalorienbewusst! So haben moderne Arbeitszeiten der weitestgehend kinderlosen Gesellschaft heutzutage in Deutschland zu sein!

Die Saugfähigkeit der öffentlichen Haushalte

Einen "Anstieg des Renteneintrittsalters" korrigierte das Schreibprogramm in einen "Anstieg der Meteoriteneinschläge" um. Auch hierin könnte man dem Programm durchaus einen Sinn für die öffentliche Wirkung von rentenpolitischen Ideen zuschreiben. Aus der "Tragfähigkeitslücke der öffentlichen Haushalte" wurde die "Saugfähigkeit" derselbigen oder (zweiter Vorschlag) die "Zurechnungsfähigkeit der öffentlichen Haushalte". Spätestens bei diesen beiden Vorschlägen wird der geneigte Leser verstehen, dass wir irgendwann, ganz langsam damit anfingen, unserem Schreibprogramm einen gewissen Grad von künstlicher Hoch-Intelligenz nicht mehr ganz absprechen zu können.

Aus "Air Berlin" wurde "Mir Berlin" und aus dem Namen des neuen BER-Chefs "Hartmut Mehdorn" konstruierte das Programm allerdings aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Vorschläge a) "Sehdorn" und b) "Methadon" und zeigte damit wahrscheinlich wieder nur seine Neigung, mit Eigennamen überhaupt nichts anfangen zu können. Maschine ist eben doch Maschine.

Flughafen Schönfärbend und die Buenos Airlines

Als es aber aus "Schönefeld" dann "Schönfärbend", "Schönrede" oder "Schönfärbe" machen wollte, kamen wieder ein paar Zweifel auf, ob es nicht doch mehr könnte, als es tatsächlich manchmal preisgeben wollte.
Aus der ZDF-Sendung "Terra X" wurde jedoch lediglich "Terrine X" gezaubert und aus der "Taskforce" für Zypern ein "Tastknopf" für Zypern. Der verhandlungsgebeutelte Präsident Zyperns, "Anastasiades" wurde zum Präsidenten "Anzutastendes". Selbst den Papst ließ die Rechtschreibkorrektur nicht unangetastet, aus dem "Lateinamerikaner" machte das Programm einen "Altamerikaner" und aus seinem freundlichen "Buona Sera" eine "Button Serie". Aus seinem Geburtsnamen baute das Programm gar eine "Orgel Maria Bergeweise" und aus der Hauptstadt Argentiniens "Buenos Aires" eine gänzlich neue Fluggesellschaft namens "Buenos Airlines".

Kanzlerkandidat Steinreich und Generalmarsch Gröle

Auch die Gewerkschaften mussten leiden, das geforderte "Lohnplus" wurde in "Lohnwalzung" umbenannt. Für den Bundeskanzlerkandidaten der SPD, Herrn "Steinbrück" schlug das Programm Kanzlerkandidat "Steinbutt" oder Kanzlerkandidat "Steinreich" zur Auswahl vor. Für Herrn Gysi wurde Herr "Gymnasium" und Herr "Physik" vorgeschlagen. Wer könnte sich da schon noch entscheiden? Den "Generalsekretär" der CDU, Herrn "Gröhe" taufte das Programm allen Ernstes in "Generalsmarsch Gröle" um. Und "Claudia Roth" wurde per Entertaste zu "Frau Rothschild" umfunktioniert. Das muss jetzt aber wirklich reichen.

Die Sache ist nur die: Nicht wenige dieser ulkigen Korrekturvorschläge sind nicht nur lustig, sondern auch alles andere als politisch korrekt. Sie sind damit nicht nur unvollkommen, sondern sogar einfach unmöglich! Gleichzeitig heitern sie jedoch jeden auf, der diese "Korrekturen" ablehnen oder rückgängig machen, und das heißt, vorher lesen muss: Immerhin wird jeder noch so trockene Text damit wirklich nicht öde - spätestens beim Korrigieren ist man wieder hellwach - dank des Eigenlebens eines schlichten Programms.
Das gibt zu denken: Wie schnarchend langweilig wäre es wohl, das Leben, würde alles immer fehlerfrei und ständig reibungslos funktionieren?


2013-04-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto Banner: ©aph

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