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Hochwasser in Passau

Nach der Flutkatastrophe: Die Studierenden organisieren das große "Rama Dama" und packen kräftig mit an

Passauer sind stolz auf "ihre Studenten"
von Annegret Handel-Kempf

Mitten im Sommersemester machte die Uni Passau Pause. Prüfungen und Vorlesungsbetrieb wurden bis 10. Juni ausgesetzt, Bibliotheken und andere Räume in den Tagen zuvor allmählich wieder geöffnet: Je nach Stand der Wasserpegel und dem Voranschreiten der Aufräumarbeiten. Von der schlimmsten Flutkatastrophe seit 500 Jahren in der Dreiflüssestadt bleibt auch die 35 Jahre junge, direkt am Inn gelegene Hochschule nicht unberührt. Nicht nur von Wasser und Schlamm: Studenten und Ehemalige schnappen sich Schaufeln und helfen. Zwei Tage nach dem ersten Aufruf durch Studentenvertreter waren schon 1.500 studentische Bürger überall in Passau am Buddeln, Schleppen und Räumen.

Über Uni-Homepage und -Blog wurden die mehr als 10.000 Studenten frühzeitig gewarnt, sich von Passau fernzuhalten. Doch traditionell kommen viele der Lernenden an der interkulturell ausgerichteten Hochschule aus anderen Ländern und gerne auch aus Norddeutschland. Nicht zuletzt aus Neugier auf den Kontrast zu ihrem bisherigen norddeutsch-kantigen Küstenleben, den ein Studium im äußersten Süd-Zipfel Deutschlands verspricht. Die aus weiter Ferne angereisten Nordlichter verlassen während des laufenden Semesters ihre Unistadt kaum, sind also vor Ort.

Auch wenn das Passauer Idiom in nördlich-großgewordenen Ohren süßlich-wellig klingt, hat das Leben in der von Donau, Inn und Ilz durchzogenen Stadt ebenfalls kantige Seiten – und aktuell sogar gewaltige Fluten. Auf die könnten die Studierenden aus Hamburg, Flensburg und Kiel sicherlich verzichten. Doch da sie nun einmal da sind, als ein schlimmeres Hochwasser über die Stadt hereinbricht, als es die Spitzenpegel-gewohnten Passauer jemals erwartet hätten, helfen sie einfach mit.

Von den studentischen Mitgliedern der Fachschaft INFO ging die Initiative aus: Passau räumt auf! Mit gewaltiger Resonanz. Auch die anderen Fachschaften, Mitarbeiter- und Studentenvertretungen haben sich dem Aufruf angeschlossen.

Die Studierenden tragen sich deshalb schon seit Beginn der Flutkatastrophe via Internet in die Helferlisten von „Passau räumt auf!“ ein.
Einmal erfasst, werden sie täglich neu für Wasser- und Schlammbrennpunkte eingeteilt und eingesetzt. Die jungen Leute schaufeln tonnenweise schweren Matsch und Müll weg. Obwohl der Dreck durch Benzin, Lacke und sonstige Giftstoffe aus überschwemmten Bereichen gefährlich verunreinigt ist. Eine weitere Web-Liste in einem anderen Formular koordiniert Sachspenden. Übernachtungsmöglichkeiten bei Uni-Angehörigen werden ebenfalls angeboten.

Der untere Bereich im „PHILO“ der Philosophischen Fakultät war partiell überflutet; das Untergeschoss des FIM-Gebäudes der Informatiker und Mathematiker, „Aquarium“ genannt, sogar komplett voll trüber Brühe. Im Zwischengeschoss des Institutsgebäudes waren Steckdosen untergetaucht. Die Innsteg-Aula, in der auch Prüfungen geschrieben werden, war in Überkopfhöhe vollgelaufen.

Doch die Studenten kümmern sich nicht nur um ihre Uni-Wasserschäden. Neben der Fachschaft INFO, sind die Studierendenvertretenden der Fachschaft PHILO die eifrigsten Hilfe-Organisatoren. Die nicht nur virtuell anzutreffende Helferzentrale ist im Koordinierungsbüro der Fachschaft der geisteswissenschaftlichen Fächer angesiedelt und dort auch telefonisch erreichbar. Sach- und Essensspenden werden über diese zentrale Koordinationsstelle verteilt.

Im Originalton der Fachschaft INFO, die rund 500 Studierende aus den Bereichen Informatik und Mathematik vertritt, las sich der erste Hilfeaufruf vom 3. Juni, Montag, 8.07 Uhr, auf dem Uni-Blog, Campus Passau Blog, so:
„Nachdem langsam aber sicher der schlimmste Punkt erreicht sein dürfte, beginnen bereits die Überlegungen für die Aufräumarbeiten. Viele Studierende und Mitarbeiter stehen schon jetzt in den Startlöchern und möchten helfen. Um die vielen Kräfte zu bündeln, sollen auf diesem Wege alle Freiwilligen gesammelt werden, um zu Beginn der Aufräumarbeiten so viele Leute so schnell wie möglich aktivieren zu können."

Sogar die Ehemaligen helfen

Auch wenn die Invasion „preußischer“ Studenten von den Einheimischen in den ersten Uni-Jahrzehnten misstrauisch beäugt wurde, fühlen sich viele „Zugroaste“ hier mittlerweile so zuhause und akzeptiert, dass sie für immer bleiben. Spätestens seit sich Ende der 1980er-Jahre die Wählergemeinschaft „Studenten für Passau“ gründete und nachfolgend Stadträte ins Kommunalparlament entsandte, die sich auch um Bürgeranliegen jenseits des studentischen Tellerrandes kümmerten, sind beide Bevölkerungsgruppen versöhnt.

Die wechselseitige Verbundenheit und Hilfsbereitschaft zeigt sich auch in diesen Tagen, in denen die Studenten fest mit anpacken, um Passau wieder „auszuplacken“, und Einheimische vorbeikommen, um sie mit Brotzeit und Kaffee bei Kräften zu halten.
Eine Mitarbeiterin des AlumiClubs lobt, bevor sie selber wieder zum Helfen geht: „Die Studierenden helfen überall und nun sind auch die Passauer stolz auf "ihre" Studenten.“

Doch auch Uni-Absolventen, die weit in der Welt verstreut sind und viele Ehemaligen-Stammtische gegründet haben, um die Erinnerung an Passau und seine gemütlichen Seiten wachzuhalten, fragen sich dieser Tage, wie sie der notleidenden Stadt helfen können.
Der Vorstand des AlumniClubs, des Ehemaligenvereins der Uni Passau, stellte der Universität jetzt 3.000 Euro Soforthilfe aus der Kasse der Alumni-Vereinigung zur Verfügung. Denn, wie beschrieben, wurde auch der direkt am Inn und wenige Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt gelegene Uni-Campus in Mitleidenschaft gezogen.

Im Vergleich zur Gesamtsituation jedoch nicht so brutal und in seinen Dimensionen bereits absehbar: Auch dank studentischer Hilfe innerhalb des Campus-Bereichs. Allein am 5. Juni schaufelten 250 Studierende dort Schlamm.
„Die Innstraße auf der Höhe zwischen NK und Mensa ist … noch nicht frei – viel fehlt aber nicht mehr, der Schlamm ist weg, es steht nur noch ein bisschen Wasser. Es ist enorm, was die Hilfskräfte heute gemeinsam geschafft haben!“ vermeldet die Uni-Kommunikation beispielsweise am Abend des 6. Juni in einem Uni-Blog-Kommentar.

Insgesamt sind die Gebäude- und Sachschäden laut Uni-Kommunikation „erheblich“. Auch das hochmoderne, gerade erst eröffnete Zentrum für Medien und Kommunikation in der Innstraße ist betroffen, möglicherweise seine im Doppelboden verlegte Technik im Eimer. Die PC-Pools in den Kellern des nebenangelegenen Informatiker-Gebäudes wurden von zu viel Wasser ausgeknockt.

Wo die moderne Technik versagt und der Hochwasserschutz mancherorts zu wenig Beachtung fand, hilft immerhin zwischenmenschliche Hilfe, um Schäden und Not abzumildern. In einem Aufruf an seine Mitglieder in aller Welt schreibt der AlumniClub:
„Passau und die Universität benötigen jegliche Unterstützung und jede helfende Hand, um die Schäden zu beseitigen!“
Auch die Absolventen aus 35 Jahren Uni-Geschichte können sich unter Passau räumt auf! in die Liste der Helfer eintragen.

Gut ein Fünftel der Passauer Bevölkerung machen die Studenten aus. Alle Ehemaligen zusammengerechnet, gibt es über den Erdball verstreut mittlerweile sicherlich viel mehr Ex-Passauer mit nicht-niederbayerischen Wurzeln, als aktuell in Passau Geborene leben. Historische Häuser, deren Fundamente möglicherweise irreparable zerstört wurden, können auch die engagiertesten Helfer, selbst in großer Zahl nicht retten. Doch den mehr als 50.000 Menschen, die jetzt in der Dreiflüsse-Stadt leben, können sie das Weitermachen ermöglichen: Egal, ob Studenten oder Nicht-Studenten.


2013-06-07, Annegret Handel-Kempf

Text: © Annegret Handel-Kempf
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