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Boulevard der Gene

Wie der Öffentlichkeit trotz laufender Forschung ein veraltetes Menschenbild eingetrichtert wird

von Angelika Petrich-Hornetz

Seit eines gewissen Autors, der vor wenigen Jahren ganze Volksgruppen in intelligent oder dumm einteilte, wissen wir Leser spätestens: Alles ist genetisch. Dabei hatte man damals noch gehofft, es gäbe angesichts der auf einmal bundesweit hergestellten Popularität des Themas endlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, was denn nun wirklich schon so weit erforscht ist, dass man sagen könnte, es wäre vererbbar oder auch nicht.

Aber so einfach ist es ja nicht, das liegt auch in der Natur der Sache, denn die Anatomie und Physiologie der Gene ist kompliziert. Die vor wenigen Jahren noch als so genannte "Müll-DNA" missachtete Epigenetik ist nur ein Beispiel dafür, dass man aktuell eigentlich nur eins sagen kann: Man weiß, dass man (noch) nichts weiß.

Andere Wissenschaftler verlangten und verlangen exakt diese notwendige Bescheidenheit für ihr Forschungsthema bislang vergeblich ein. Und ein aktuelles Beispiel scheint das auch noch zu unterstreichen: Es handelt sich um einen Mann aus den USA, bei dem vor rund zwei Jahren post mortem Y-Chromosome gefunden wurden, die älter als die ganze Menschheit sind, bzw. was man für diese Menschheit bislang hielt. Inzwischen weiß man wenigsten, dass noch mindestens tausend weitere Männer diese exotischen, bis dato gar nicht vorhandenen Gene in sich tragen - und an ihre Nachkommen weitergeben werden. Nicht vorhanden und ausgestorben ist davon gar nichts - das Beispiel zeigt lediglich, wie eingeschränkt unsere Wahrnehmung trotz oder gerade wegen der Informationsflut ist und immer wieder sein kann. Ebenfalls noch nicht so lange her ist der Fund von Fremdgenen in Müttern und ihren Kindern, denen es sogar gelang, die Grenze alle Grenzen, die Blut-Hirnschranke zu passieren. Das alles klingt allerdings eher nach einem einzigen, großartigen Abenteuer mit noch unbekanntem Ausgang oder nach Grundlagenforschung als nach gesicherten Erkenntnissen oder absehbaren Therapien. Werden nach Profit strebende Geldgeber auf die Ergebnisse solcher Forschungen lange genug warten können?

Die zeitlich davor liegenden Entdeckungen, wie z.B. die von Neanderthaler-Genen in Europäern und Asiaten, bzw. in allen, außer Afrikanern, waren genauso überraschend für die Fach- wie die Laien-Leserschaft und was zumindest diese Erkenntnisse betrifft, sogar bezeichnend: Zu gern nehmen wir die guten, schönen, im Sinne von uns angenehmen Eigenschaften wahr, aber: Igitt, Neanderthaler-Gene?
Wer wollte sich schon als Verwandter von Wilden in Fellen Gekleideten, aber ohne der Kulturtechnik Sprache mächtig zu sein, freiwillig outen? Zum Trost für all diese Verwandten: Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass Neandthaler doch der Sprache mächtig gewesen seien. Wie sehr aber hatte man sich vor dem Nachweis immer vehement dagegen gewehrt, mit denen verwandt oder verschwägert zu sein, also Genmaterial intus zu haben, als wäre es etwas Ekeliges, das sich nicht gehöre. Dabei dürfte man gerade auf solche Ressentiments in der Steinzeit eher wenig Rücksicht genommen haben und ist damit wahrscheinlich gar der modernen Gegenwart näher als es die Etikette des 18. Jahrhunderts je war.

Wie sehr wir aber immer noch gern dem Märchen eines einfachen Schemas, welches die Genetik aber nie war und nie sein wird, anhängen sieht man an den Quoten, die Schlagzeilen wie "Krankheit X ist genetisch bedingt" rund um den Globus erreichen, von denen andere Nachrichten nur träumen können. Die Vererbbarkeit fasziniert das Publikum weltweit. Sie hat nämlich etwas Unumstößliches, Unvermeidbares und damit Schicksalhaftes: Niemand, so scheint es, kommt an ihr vorbei. Ob ein bemitleidenswertes Kind, das an einer schweren vererbbaren Krankheit leidet oder eine junges Mädchen, das ein ebenmäßiges Gesicht geerbt hat und mit seiner unverschuldeten Schönheit alle anderen überstrahlt: Hier trennen sich ohne jedes Zutun irgendeiner persönlichen, individuellen Leistung Glück von Pech und Erfolg von Misserfolg - und prägen vielleicht sogar das ganze Leben. Ausgerechnet die populärwissenschaftliche Verbreitung der Genetik lässt damit ein uraltes Menschenbild wieder auferstehen: das angeblich, gänzlich unvermeidbare Schicksal ist wieder da. Der Mensch, einst Spielball der Natur und der Götter, ist jetzt ein mindestens ebenso willenloser Spielball seiner Gene und der seiner Vorfahren. Was in jüngster Vergangenheit auch zu den bekannten Auswüchsen führte, die an Rassismus kaum noch zu überbieten sind.

Doch die Literatur wächst, nicht nur die wissenschaftliche, und so ziehen bisher gewonnene noch magere Erkenntnisse sowie vorhandene Halberkenntnisse nicht nur in die Medien ein, sondern immer weitere Kreise: Selbst in der Kinderliteratur ist es längst zu einer unumstößlichen Wahrheit geworden, dass es genetisch bedingte und allein dadurch unheilbare Krankheiten gibt, unter denen Kinder leiden - und weit verbreitet seien sie auch noch dazu. Hat(te) "Michel aus Lönneberga" nicht etwa ADHS? Niemand stört sich noch daran, wenn inzwischen sogar fiktive, literarische Figuren ungeniert von Hinz und Kunz diagnostiziert werden. Im Gegenteil, jeder diagnostiziert jeden, wird zum Normalzustand einer immer mehr problemorientierten Gesellschaft, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Beim Lesen von zwei Kinderbüchern, eines aus dem Jahr 1998 und eines von 2008 fielen uns zunächst zehn Jahre Unterschied auf, rechnerisch, gefühlt waren es mindestens zwanzig Jahre rückwärts , die einige Fragen aufwerfen: In beiden Büchern haben die Protagonisten übrigens alleinerziehende Mütter. Auch deren Image muss in den vergangenen zehn Jahren massiv gelitten haben: Ist die Mutter aus dem Jahr 1998 noch eine kluge, wortgewandte und des Kochens und Backens dennoch mächtige, gleichfalls denkende wie einfühlsame Frau, die einem ganz normalen, seriösen Beruf nachgeht und sich ansonsten rührend um ihr Kind kümmert, mit dem sie viel Zeit verbringt, ist die "neue Alleinerziehende" in der Literatur eine Nachtclubtänzerin mit auffallend vielen Äußerlichkeiten, u.a. langen, hochdekorierten Fingernägeln und ebensolchen (blondierten) Haaren sowie Schuhabsätzen und kurzen Röcken, deren höchste Kochkunst in Fischstäbchen besteht und die im Leben ihres Kindes weitestgehend durch Abwesenheit glänzt. Zwar ist sie wie ein wärmender "Kümmer-Ofen" durchaus sporadisch ansprechbar für ihren Nachwuchs ist, doch meistens muss sie wegen ihres Jobs tagsüber häufig schlafen oder sitzt beim Friseur. Das scheint sie nicht weiter zu stören, während die alleinerziehende Mutter von 1998 tatsächlich noch leidet, wenn es ihrem Kind schlecht geht.

In beiden Büchern finden sich noch weitere Charaktere, die genauso wie die Hauptpersonen detailreich ausgestattet und beschrieben werden. Was die Bücher unterscheidet: Während das Buch von 1998 Jahren eher eine Alltagsgeschichte erzählt, mit ebensolchen, typischen Problemen eines Schülers, die sich am Ende alle als lösbar herausstellen, so dass am Ende Zuversicht, Optimismus und Hoffnung für eine - noch offene - Zukunft vermittelt werden - zieht in einen anfänglich fast ähnlich beschriebenen Alltag, der aber deutlich skurrileren Figuren, einerseits im krassen Gegensatz stehenden "minderbegabter" und "hochbegabter" Kinder - normal Begabte gibt es offenbar nicht mehr - des neuen Kinderbuches ganz plötzlich eine noch viel skurrilere, zweite (Krimi-)Geschichte mit noch verrückter Handelnden in das Buch ein, die an reine Fantasy grenzt.

Der Einbruch kommt so schicksalhaft und unumstößlich in die Geschichte wie die unheilbaren Intelligenzquotienten seiner Protagonisten, die sich erstaunlich kaum verändern, sondern am Ende der Geschichte eigentlich genauso sind, wie sie es am Anfang waren. So soll offenbar vermittelt werden, dass diese so gut sind, wie sie sind, während die Kinderhelden im älteren Kinderbuch alle eine persönliche Veränderung erleben, eine Entwicklung durchmachen, die nicht immer einfach ist, die sie am Ende aber anders, erwachsener werden lässt, und die damit schmerzhaft aber notwendig ist und schließlich zu einem guten (offenen) Ende führt, mit deutlich optimistischen Aussichten. Was ist nun realististischer: Dass sich Kinder entwickeln oder dass sie genetisch bedingt so bleiben, wie sie sind?

Das Schema und die Personen des neuen Kinderbuchs könnte im Gegensatz zur deutlich skizzierten Umgebung der Heute-Zeit des alten Kinderbuches unter Austausch von ein paar Requisiten (Amphoren statt TV-Gerät, Kirche statt Bingo-Club) indes ohne Weiteres von der Gegenwart in eine andere Zeit, und zwar zurück in die Vergangenheit versetzt werden, u.a. ins Mittelalter oder in die Antike, als das Schicksal noch mächtig war, dagegen Individualität, Persönlichkeit und die Leistung des Einzelnen eher wenig bis nichts galten. Ob der Held seinen Freund in Neukölln, im antiken Rom oder im mittelalterlichen Münster sucht und anschließend findet: Die Macht der Gene ist in diesem Kinderbuch so allgegenwärtig wie die Götter der Antike, denen man sich nicht entziehen kann.
Dass sich ein solches uraltes, vordergründig neuen, absolutistischen (Gen-)Göttern huldigendes und damit dem Schicksal schwer ergebenes, beengtes Menschenbild ausgerechnet jetzt in der Kinderliteratur wiederfindet und damit in einer Gegenwart wiederholt, in der die Vielfalt und die Möglichkeiten des Menschen in Wahrheit so groß sind, wie noch nie, ist schon erstaunlich, wenn nicht sogar erschütternd.

Aber vielleicht hängt auch das zusammen. Während wir immer mehr Angst vor der Vielzahl der Möglichkeiten und dem Unbekannten haben, in dem Grenzen zu verschwimmen scheinen, innerhalb derer alles und gleichzeitig nichts machbar zu sein scheint und wir damit wie das Kaninchen gebannt die Schlange anstarren, und wir uns nicht entscheiden können, wohin wir gehen wollen, lauert hinter dieser großen, unbekannten, geradezu drohenden Freiheit in unserem Zögern eine noch viel gefährlichere Schlange, nämlich die tiefe Sehnsucht nach Sicherheit und letzten Antworten, die damit aber noch viel mehr Unmögliches verspricht, nämlich dass solche Antworten einfach seien und dass uns alle Entscheidungen zu unserem eigenen Besten abgenommen würden, schließlich können wir doch nichts für unsere Beschränktheit, wir sind zufällig hier oder dort hineingeboren worden, wir haben alles geerbt.

Wieso sollten wir es also überhaupt versuchen, das Unmögliche möglich zu machen, zu viel zu denken und mehr Freiheit und Glück erstreben zu wollen, als uns bereits von Geburt an (genetisch) zuteil geworden ist? Es ist doch auch so schön bequem, es fühlt sich so gut an, dieses sichere Schubladendenken und diese eingebildete Selbstsicherheit, die es uns erlaubt, uns selbst grundsätzlich als schlau geboren und die Nachbarn, ebenfalls genetisch bedingt, als genauso dumm geboren zu definieren. Soviel Einfachheit suggeriert nur ein Schema F.

Ja, wieso? Weil so ein Menschenbild so eindimensional ist, dass man sich auch gleich wieder freiwillig in Ketten und damit in eine wortwörtliche Sklavengesellschaft begeben könnte, oder weniger dramatisch genauso gut Horoskope studieren könnte. Die haben immerhin noch eine im Vergleich relativ "große Vielfalt von zwölf Stereotypen" zu bieten, während einige der angeblichen Genexperten, in Wahrheit üble Populisten, derzeit mit Menschenbildern um sich werfen, die lediglich noch drei oder gar zwei Varianten (dumm oder intelligent) von Gen-Schubladen vorsehen. Aber ob man sich in die wirklich stecken lassen will, um diese Entscheidung, kommt wirklich niemand herum und genau das könnte ein guter, bodenständiger Anfang vom Ende eines uns drohenden biologistisch reduzierten Menschenbildes sein, das nichts weniger bewirkt, als die Re-Etablierung des Untermenschen. Und so dumm sind wir doch nun auch wieder nicht, dass wir das nicht längst gemerkt hätten und darauf hereinfielen, oder?

Das einzige, was jetzt noch fehlt, wäre eine per EU-Richtlinie in nationales Recht umzusetzende Einführung der Steinzeit-Diät, denn die soll angeblich auch rein genetisch bedingt besonders gesund für den Homo Sapiens sein.


2014-01-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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