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Echte Kerle von heute

Und warum sie auf die Loser von gestern nicht mehr warten können

von Angelika Petrich-Hornetz

Ina Deter sang 1982 "Neue Männer braucht das Land". Ob sie damals geahnt hatte, dass es mit der Erfüllung dieses Wunsches über dreißig Jahre dauern würde?
Es war schließlich der Whistleblower Edward Snowden, 1983 geboren, der den Mut aufbrachte, die Welt über eine mächtig groß gewordene Branche nicht nur zu informieren, mit welchen technischen Raffinessen und mit welchem exorbitanten, für die Steuerzahler teuren, Personalaufwand diese ihre eigenen Staatsbürger sowie die anderer Staaten aushorcht und überwacht, sondern über nichts Geringeres aufklärte, in was für einer Welt wir eigentlich leben, die sich vollmundig die "freie " nennt. Das einstige "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" bekam im Sommer 2013 auf einmal eine ganz andere Bedeutung, und organisiert sich seitdem erstaunlich zügig weiter in einen global agierenden Überwachungsstaat um, dessen Ausmaße ohne Edward Snowden wohl kaum einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden wären. Unter größter persönlicher Gefahr stellte sich dieser junge Mann damit gleichermaßen seiner Verantwortung und der Öffentlichkeit.

Und nun, vor kurzem Thomas Hitzelsperger, 1982 geboren, der sich für ein nicht weniger wichtiges und für ihn persönlich auch kaum weniger gefährliches Thema der Öffentlichkeit ausliefert und damit ebenfalls großen Mut und Verantwortunggefühl beweist. Beide bieten nun Angriffsfläche, die bereits genutzt wird - und Feiglinge deshalb tunlichst meiden. Hitzelsperger wählte zwar, im Gegensatz zu Snowden, der sich quasi aus dem "aktiven Erwerbsleben" heraus outete, das Karrierende und damit ein Mindestmaß an Möglichkeit, sich zeitweise vor zu viel Rummel etwas zurückziehen zu können, doch er war mit seinem Anliegen genauso konkret und offen wie Snowden, so bleibt auch er bis auf Weiteres ganz genauso persönlich angreifbar.

Chapeau, Hut ab, vor diesen mutigen, jungen Männern, die sich damit gegen eingefahrene Strukturen positionieren, die von ihren Vorgänger-Generationen erfunden wurden und verteidigt werden. Bevor solche Strukturen Krisen verursachen, sind sie wenig sichtbar, weil deren Akteure aus offensichtlichen Gründen lieber im Verborgenen agieren, vorwiegend ältere Männer, die damals wie heute nichts Besseres zu tun haben, als ihren jeweils veralteten Status Quo aufrecht zu erhalten. So auch seinerzeit der weißrussische Präsident, 1954 geboren, der 2012 die Parole "Lieber Diktator als schwul" herausgab, ein Motto, das in seiner bitteren Ironie für die heutige Zeit wenigstens noch unfreiwillig komisch wirkte. Komisch sind die immer größeren Machtkonzentrationen der Babyboomer-Bosse, die 1952, 1953 oder 1962 geboren wurden, dabei längst nicht mehr. Sie sind inzwischen entweder Großaktionäre ganzer Staaten und Regionen oder sitzen im Gefängnis, sofern ihnen nach einem langen Leben in Saus und Braus irgendwann doch noch wahlweise der Fiskus, die Öffentlichkeit, direkte oder indirekte Opfer auf die Schliche gekommen sind. Die "Babyboomer" oder "Generation Jones" stellte veraltete Machtverhältnisse schon immer selten in Frage. Das hat sie ihren älteren Geschwistern, ihrer Eltern- und Großelterngeneration überlassen und präsentierte sich gerade für diese deshalb auch überraschend materialistisch orientiert, in einem Spektrum von naiv bis zynisch.

Wie viel Mut nun die nächste Generation in allen Erdteilen bei "solchen Eltern" bereits bei der Erkundung der Realität aufbringen muss, zeigen aktuell auch einige junge Männer im Libanon, die sich dagegen wehren, wie ein 16-Jähriger, der als zufällig anwesender Passant bei dem Attentat auf Ex-Finanzminister Mohammed Schatah mit weiteren Menschen ums Leben kam, zum Märtyrer aufgebaut werden soll. Die jungen Männer fordern deshalb mit ihrer Kampagne "I Am Not A Martyr", dass solchermaßen zu Tode Gekommene endlich als Gewalt-Opfer und nicht von unterschiedlichen Interessensgruppen (älterer "Führungskräfte") zu Märtyrern stilisiert werden. Sie fordern, dass Verbrechen beim Namen genannt und Attentäter endlich als die Verbrecher verurteilt werden, die sie sind. Doch allein die Anerkennung der Realität einzufordern, dass in jeder korrupten Gesellschaft ständig sinn- und grundlos gestorben wird, ist für junge Leute heutzutage schon erstaunlich gefährlich.

Was die Homophobie betrifft, ist es dagegen ein Treppenwitz der Sportgeschichte, dass in den Fußballstadien auf der ganzen Welt, auch von Homophoben "We are the champions!" inbrünstig geschmettert wird, diese hinreißend hingebungsvolle Sport- und Fußballhymne für den jeweiligen Sieger jedes Sportgroßereignisses, die einst Freddy Mercurys begnadetem Sonschreibertalent entsprang. Und nicht nur das, Mercury schrieb auch "Barcelona", die Hymne für die Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona.

Trotz allen Lobs, das Snowden, Hitzelsperger, den mutigen Libanesen und allen anderen mutigen, jungen Männer nun von allen Seiten wortreich bekundet wird, sie leben weiter gefährlich, denn die haben sich damit offen mit ihrer eigenen Elterngeneration angelegt, und damit einer herrschenden Klasse von vorwiegend 40- bis 60-Jährigen. Es handelt sich um eine Generation, die als Kinder zumindest in Deutschland zum großen Teil relativ sorgenfrei aufgewachsen und - vor diesem Hintergrund - als Erwachsene erstaunlich spießig geworden sind. Nur zehn bis zwanzig Jahre vor dem Ruhestand dieser nicht nur in Deutschland bestbesetzten Generation, scheint ein großer Teil geradezu von Panik beseelt zu sein, dass ihnen das vor allem Vererbte und das bisschen selbst Erreichte exakt durch solche jungen Männer wie Snowden, Hitzelsperger und Co wieder weggenommen werden könnte. So werden diese Söhne entsprechend vehement bekämpft.

Wenn sich dann mal einer aus der eigenen Babyboomer-Generation tatsächlich leistet, ebenfalls aus der Deckung zu kommen und einem modernen Männer- und Vaterbild auch nur ein bisschen zu entsprechen, bekommt er es nicht nur mit den Geschlechtsgenossen, sondern gleich auch mit den Frauen seiner eigenen Generation zu tun, wie der neue Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), 1959 geboren, der an Mittwochnachmittagen seine Tochter höchstpersönlich vom Kindergarten abzuholen pflegt, um sich daraufhin Kommentare gefallen lassen zu müssen, dass er genau das als Bundesminister zu unterlassen und gefälligst 100-prozentigen Einsatz im Beruf zu zeigen habe, Zitat "Einen Teilzeitminister Gabriel darf es nicht geben", Titel eines Kommentars der Welt, von Dorothea Siems, 1964 geboren. Und die Linke beschied im Bundestag der neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), 1958 geboren, die sich für mehr Familienfreundlichkeit des Arbeitgebers Bundeswehr einsetzen will, Zitat von Inge Höger, 1950 geboren: "Es gibt keine Teilzeitkriege und keine familienfreundlichen Militäreinsätze", die Auslandseinsätze gehörten abgeschafft. Mit Argumenten, wie, es zähle a) nur huntersprozentiger Einsatz und b), es gäbe keinen Teilzeitkrieg, es gäbe keine Teilzeit-Minister, keine Teilzeit-Jobs usw. usf., verhindern deren Vertreter bis auf Weiteres, dass Eltern in Deutschland, die wegen ihrer Kinder Teilzeit arbeiten müssen, überhaupt noch ein einziges Wort mitreden dürfen und biedern sich politisch höchstens noch der erzkonservativen US-Tea-Party an, ganz so, als hätte es die Erkenntnis, dass 100-prozentige Anwesenheit nicht unbedingt mit 100-prozentiger Leistung identisch ist, nie gegeben, eine auch noch im Jahr 2014 doch überraschend präsente Rückwärtsgewandtheit.

Wo will die Linke mit den vielen Bundeswehr-Familien nun hin und was will sie mit ihnen machen, bis es so weit sein sollte, dass der Krieg weltweit abgeschafft ist? Die Grünen bezweifeln indessen die Finanzierung besserer Kinderbetreuung von Bundeswehr-Mitarbeitern, etwas, das sie für alle anderen Familien doch sonst immer einfordert und zeigt sich damit ebenso verknöchert wie die Linke, deren Wählerschaft übrigens auch immer älter wird, ähnlich wie die Kommentatoren, die Gabriel ein paar Mal im Jahr ein paar Stunden Vatersein missgönnen. Zahlreiche weitere Vertreter dieser Altersklassse, die notorisch für veraltete Strukturen plädieren, zeigen, dass sich die Masse der Babyboomer immer offensichtlicher als unfähig erweist, mit der Zeit zu gehen oder auch nur irgendetwas langfristig zum Besseren zu verändern.

Selbst nur noch wenige Jahre, kurz vor ihrem eigenen Ruhestand stehend, wenn sie bald für immer verstummen wird, hat es diese Generation trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit nicht einmal geschafft, die unzähligen eingeschlechtlichen Herrenrunden in der Wirtschaft und in den genauso zahlreichen öffentlichen Gremien, inklusive Bundestag durch eine paritätische Besetzung mit Frauen und Männern zu modernisieren. Allein schon darüber muss man sich wundern, hatten doch die ganze, unangenehme Vorarbeit zur Emanzipation bereits die Großmütter, Mütter oder älteren Schwestern bereits erledigt und den Babyboomern damit ein bequemes Nest gebaut. Doch die streiten lieber herzhaft darüber, welches private Lebensmodell das angeblich einzig Wahre sei oder überwachen, wie die NSA-Chefs Alexander, 1951 geboren und Inglis, 1954 geboren sowie die US-Sicherheitsberaterin Rice, 1964 geboren, lieber alle anderen Lebensmodelle statt endlich mehr Demokratie umzusetzen. Von einer Generation, die angeblich so gut ausgebildet ist, wie keine andere zuvor, hätte man tatsächlich mehr erwarten können. Sie wird es auch auf den letzten Metern bis zu ihrem massenhaften Ruhestand nicht mehr schaffen, irgendetwas zu bewegen, obwohl sie selbst von Kindesbeinen an auch sozial so gut abgesichert war wie keine andere zuvor, u.a. in Deutschland. Sie hätte damit für zukunftsfähige Veränderungen jeden Handlungsspielraum gehabt und hat ihn verspielt, den Handlungsspielraum, den sie der nächsten Generation nicht mehr über- und hinterlassen wird.

Diese Generation - erfreuliche Ausnahmen bestätigen leider nur die Regel - wird in die Geschichte hauptsächlich dadurch eingehen, dass sie in ihrer Bequemlichkeit keineswegs nur versuchte, die Vergangenheit lediglich nahtlos im 21. Jahrhundert fortzusetzen, sondern anstrebte, die Vergangenheit im Rückwärtsgang sogar noch zu übertreffen, indem sie den Raubkapitalismus früherer Jahre entweder reanimierte oder zuließ und exakt damit weltweit Regionen den Weg zurück in die Steinzeit ebnete.

Früh erwachsen werden muss nun dagegen die ihnen folgende, in diesen Irrsinn hineingeborene Generation, die ab den 1980er Jahren in eine von durchgeknallten Finanzjongleuren in den Schwitzkasten genommene Welt gesetzt wurde, als das Gros ihrer Eltern noch weitestgehend damit beschäftigt war, allein aus Gründen persönlicher Bereicherung soziale Errungenschaften und funktionierende Gemeinwesen in Gelddruckmaschinen, Ramschpapiere sowie marode Schneeballsysteme zu pulverisieren und schießlich auch die letzten Ressourcen des Planeten zu verfrühstücken.
Unbeeindruckt von diesem immer sichtbareren Versagen eines veralteten Neo-Konservativismus und Neo-Liberalismus, im Sinne Ronald Reagans und Margaret Thatchers, werden seit rund dreißig Jahren in einem immensen Tempo bis heute ungeniert auch noch die letzten Schranken weltweiter Ausbeutung regelrecht weggerammt. Die neue Generation wird somit gezwungen sein, genauso vehement gegen die blinde Gier und Bequemlichkeit ihrer eigenen Elterngeneration vorzugehen, so wie sich einige ihrer Vertreter schon jetzt mutig in die Öffentlichkeit stellten, denn sie hat gar keine andere Wahl, die rapide alternden Babyboommer werden ihr sonst nichts mehr übrig lassen.

Es bleibt dieser jungen Generation vorerst nur ein Trost, der moralische Sieg, den gänzlich altersunabhängig alle erfahren, die mutig für die Freiheit eintreten. Es war deshalb auch kein 40-Jähriger, kein 50-Jähriger und auch kein 60- oder 70-Jähriger, sondern der vergangenes Jahr verstorbene Stéphane Hessel, der 2010, im biblischen Alter von 93 Jahren, die Jugend der Welt mit seinem Essay "Empört Euch!" (Idignez-vous!) dazu aufrief, sich endlich gegen diese üble, unmenschliche, globale Entwicklung zur Wehr zu setzen, um den Werten des Sozialstaats und der Menschenrechte wieder mehr Geltung zu verschaffen. 30 Jahre nach 1984 wird es auch langsam Zeit, dass sich etwas ändert und wieder echte Kerle die Bühne betreten, um die geistig verknöcherten Loser zu ersetzen, die sonst noch alles kaputt schlagen werden, bevor sie abtreten.


2014-01-14, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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