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Dr. h. c.

Ein Doktortitel für besondere (wissenschaftliche) Verdienste

von Angelika Petrich-Hornetz

Jüngst bekam die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan von der Lübecker Universität den Doktortiel honoris causa, also ehrenhalber, verliehen, für ihre Verdienste um den Erhalt der Universität, für die im Übrigen die ganze Stadt mit Herzblut gekämpft hatte, nachdem ein paar schleswig-holsteinische Parteigenossen Schavans dieser zuvor kategorisch den Garaus erklärt hatten.
Der eigentliche Witz an dieser Verleihung ist der, dass Frau Schavan erst kurz zuvor von ihrer Universität der akademische Doktortitel wegen eines dort festgestellten Plagiats in ihrer Arbeit aberkannt wurde, also sozuagen erst einmal "raus aus die Kartoffeln - und dann wieder rein in die Kartoffeln". Einen derart flinken Wechsel vom Doktor zum Nicht-Doktor und wieder zurück zum Doktor hatten die Öffenlichtkeit sowie die Medien zuvor noch nie gesehen, was beide zweifelsohne überforderte. Und gerade diese Geschwindigkeit, die doch Hoheitsgebiet der Medien ist, macht auch den eigentlichen Esprit dieser umstrittenen Verleihung aus: Kommentoren der Befürworter- und Kritikerseite kamen definitiv nicht mehr hinterher, was nun gerade aktuell war und was sie nun zuerst kritisieren oder beklatschen sollten.

Wenn man sich einmal umschaut, passt jedoch alles zusammen. Der honoris causa ist nicht selten so exotisch wie seine Begründungen und Umstände, mit und unter denen verliehen wird, sowie seine Trägerinnen und Träger selbst. Und das gibt dem Witz der Geschwindigkeit noch ein gewisses Extra-Etwas: Ausgerechnet eine konservative, katholische Poltikerin befindet sich nun im exzentrischsten und illustresten Kreis der Doktor-Titelträger dieser Welt.
So hält z.B. Pop-Ikone und -Legende Elton John, der nichts Geringeres als eine Weltkarriere hinlegte, die Ehrendoktorwürde der Royal Academy of Music, Elton John war dort einst Stipendiat. Genauso der frühere Student der Wirtschaftswissenschaften Mick Jagger, der ohne Abschluss Ehrendoktor gleich zweier Universitäten wurde - der London School of Economics and Political Science und der University of London. US-Schauspieler und -Regisseur Ben Affleck wurde erst im vergangenen Jahr von der renommierten Brown University zum "Doktor der schönen Künste" erklärt. Anders als Affleck wurden John und Jagger zusätzlich auch noch seinerzeit von der englischen Königin zum Ritter geschlagen und dürfen sich seitdem "Sir" nennen.

In Deutschland haben wir keine Königin, auch wenn viele Bundeskanzlerin Angela Merkel längst für eine halten mögen, die unter einer inzwischen unüberschaubar gewordenen Anzahl von nationalen und internationalen Auszeichnungen mittlerweile allein zehn Ehrentdoktortitel diverser Universitäten führen darf. Bundesarbeitsagenturchef, Frank-Jürgen Weise kann sich immerhin mit einem Ehrendoktortitel der Universität Bamberg schmücken. Damit haben wir aber immer noch keine Ritter und keine Damen - wie die Engländer. Bei uns gibt es stattdessen das Bundesverdienstkreuz. Mit dem darf man sich zwar nicht "Sir" nennen, aber als Verdienstkreuzträger gilt man ebenfalls als ehrenvolles und damit wichtiges Mitglied der Gesellschaft.

Der ehemalige Minsterpräsident des Landes Schleswig-Holstein Peter-Harry Carstensen bekam gleich zwei davon, 1996 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2013 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterblatt - das für "besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem oder ehrenamtlichen Gebiet" verliehen wird. Im selben Jahr wurde dem Dipl.-Agraringenieur und Landwirtschaftslehrer auch die Ehrendoktorwürde der Christian-Albrechts-Universität Kiel für seine Verdienste um die schleswig-holsteinische Landwirtschaft verliehen. Bundespräsident Joachim Gauck würdigte in seiner Rede zum Großen Bundesverdienstkreuz u.a. die Bürgernähe des ehemaligen Landesvaters und dessen Personifizierung Schleswig-Holsteins als das "Gesicht des Landes".
Weitere Ausgezeichnete mit dem Großen Bundesverdienstkreuz sind u.a. Hildegard Hamm-Brücher, Hans-Dietrich Genscher, Berthold Beitz, Konrad Zuse, Carl Friedrich von Weizsäcker, Vicco von Bülow und Pina Bausch, aber auch die ehemaligen und aktuellen "Landesväter-Kollegen" Harald Ringstorff und Klaus Wowereit.

Zurück zu den Ehrendoktorinnen- und Ehrendoktoren. Was vor allem zählt, scheint der Erfolg und nicht der Abschluss zu sein: US-Rockstar Steven Tyler erhielt 2005 die Ehrendoktorwürde der University of Massachusetts Boston, zuvor hatte ihn das Berklee College of Music bereits von der Pflicht enthoben, (seinem Publikum) irgendeinen Abschluss vorweisen zu müssen und verlieh ihm 2003 den Abschluss ehrenhalber. Eine der aktuellsten Ehrendoktorwürden (der Geistewissenschaften) wurde jüngst Rapper Puff Daddy verliehen, bzw. sie wird es erst noch: Am 10. Mai 2014 wird sich damit einer der bekanntesten Vertreter seines Musikstils vor den Studenten der Howard University in Washington für die Auszeichung bedanken, an der er einst zwei Jahre, ohne Abschluss, selbst studiert hatte.
Computergenie und Microsoft-Gründer Bill Gates, der schon mit 14 Jahren seine erste Firma gründete, verbrachte seine Studentenzeit an der berühmten Harvard University indes bekanntermaßen vorwiegend im Computerraum und verließ die sehr heiligen Hallen der Bildung deshalb ohne Abschluss, was Havard nicht davon abgehalten hat, dem Abtrünnigen im Jahr 2007 die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Und das war nicht die einzige: U.a. bereits seit 2002 darf Gates den Ehrendoktorhut der Königlich Technischen Hochschule von Stockholm tragen, 2005 ernannte die englische Königin den US-Amerikaner zum Knight Commander des Order of the British Empire, und gemeinsam mit seiner Frau Melinda erhielt Gates auch die Ehrendoktorwürde der University of Cambridge.
Anders als Gates gilt Country-Sängerin Dolly Parton als Hingucker und erhielt 2009 für ihre langjähriges wohltätiges Engagement die Ehrendoktorwürde der Universität Tennessee in Knoxville. Der österreichisches Muskelmann, Schauspieler und kalifornische Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger wurde gleich mit drei Ehrendoktortiteln (Universität Wisconsin, die private Chapman University und ebenfalls die private USC) behängt.
In Deutschland zählen u.a. auch der ehemalige Mr. Tagesthemen, Ulrich Wickert und der Unternehmer Carsten Maschmeyer zu den Ehrendoktoren. Den Rekord aber hält laut Wikipedia der katholische Theologe Theodore Hesburgh, der es mit 150 Ehrendoktortiteln ins Guinness-buch der Weltrekorde schaffte. Sogar ein Asteroid wurde nach ihm benannt.
Last but not least hat nun jüngst die philopsophische Fakultät der Universität Rostock mit den Vorbereitungen begonnen, den ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden mit einem Ehrdoktortitel auszuzeichnen. Am 9. April entschied der Rat der Fakultät, ein Verfahren zur Verleihung der Ehrendoktorwürde zu eröffnen, zuvor hatten sieben internationale Gutachter die wissenschaftliche Bedeutung von Snowdens Enthüllungen über die Abhörpraktiken der USA bestätigt. Gewürdigt werden soll Snowden u.a. als Aufklärer, der dafür nichts Geringeres, als seine bürgerliche Existenz geopfert hat. Damit stehe er in der großen Tradition amerikanischer Bürgerrechtler, außerdem für seinen "substanziellen Beitrag zu einem neuen globalen Diskurs über Freiheit, Demokratie, Kosmopolitismus und die Rechte des Individuums in einer global vernetzten, digitalen Welt". Erst eine weitere Abstimmung des Fakutäts-Rates wird zu einer endgültigen Enscheidung führen.

Geneigte Leser werden wahrscheinlich feststellen, dass sie dem einen oder anderen Ehrendoktortitel entschieden mehr zustimmen würden als jenem oder welchen, so unterschiedlich sind die Trägerinnen und Träger und "die Sache", um derer diese sich mehr oder weniger verdient gemacht haben. In schönster Regelmäßigkeit melden sich nach jeder Verleihung die Stimmen, die den Dr. h.c. sogar gleich ganz abschaffen wollen, denn dahinter stünde doch gar keine Leistung.
Aber das wäre schade, denn wer jetzt den Universitäten diese Freiheit nehmen wollte, zu ehren, von dem diese erfrischend eigensinnig glauben, dass diesem oder dieser Ehre gebühre, der opferte eine schöne, weil sehr freie Tradition, und hinerließe damit nichts als schnöde Leere.
Wer gar eifersüchtig reagiert, an dem sei es doch selbst, sich in den (steinigen) Dienst von Wissenschaft und Wahrheit zu stellen und eine Unversität zu beeindrucken, indem er oder sie irgendeinen Zugang dazu findet - und sei es, wohltägigen Zwecken zu dienen, die Landwirtschaft zu fördern, ein Computerimperium zu gründen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Völkerverständigung voranzutreiben, für Aufklärung zu sorgen, sich für die Wissenschaft mit Parteikollegen anzulegen, ein Millionenpublikum musikalisch mitzureißen und so weiter und so fort.
Ob das nun wirklich ehrenvoll genug ist, entscheiden die Universitäten und Fakultäten glücklicherweise selbst - und deshalb geht es auch da gleichzeitig genauso gerecht und genauso ungerecht zu wie überall auf der Welt. Es wird nicht jede Leistung als solche überhaupt erkannt, andere werden heillos überwertet, so dass es scheint, diesen würden die Auszeichnungen nur so hinterhergeworfen. Für all jene finanzkräftigen aber immer noch titellosen Investoren, die nichts vorzuweisen haben, außer ihrem Geld und gar nicht mehr wissen, wohin damit in Zeiten unsicherer Märkte, wird es, solange es noch Ehrentitel gibt, vielleicht Zeit, sich endlich einmal für irgendetwas von wissenschaftlicher Bedeutung zu interessieren - und damit so oder so, schlicht in Menschen zu investieren. Wer weiß, vielleicht wird ja gerade das eines Tages tatsächlich noch gebührend gewürdigt.


2014-04-20
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto Banner: aph

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