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Der Wirtschaftswetter-Mann des Jahres 2014

Seit 2013 erlaubt sich das Wirtschaftswetter, die undotierte Auszeichnung "Wirtschaftswetter-Mann des Jahres" zu verleihen. Damit wird einmal im Jahr ein Mann mit Klasse ausgezeichnet, der sich aus unserer Sicht einer herausragenden, unbezahlbaren Lebensleistung (sie wäre zu teuer) im Sinne von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten rühmen kann, die unter größtem persönlichem Einsatz und gegen allergrößte Widerstände durchgesetzt werden musste, und die unabdingbar mit dem Fortschritt der Menschheit verbunden ist. Im Jahr 2013 kürten wir deshalb Edward Snowden zum Mann des Jahres, unser Mann des Jahres 2014 ist:

Juan Carlos I. von Spanien

Begründung:

Juan Carlos von Spanien wurde 1938, in der Zeit des Staatsstreichs und des Franco-Regimes in Rom geboren und war der älteste Sohn des Thronfolgers. Sein Vater Juan de Borbón y Battenberg war seit 1941 Oberhaupt des spanischen Königshauses, das seit der Erklärung Spaniens zur Repbulik und dem spanischen Bürgerkrieg im Exil lebte. Der spanische Diktator Francisco Franco ging mit Juan Carlos' Vater jedoch einen Handel ein. 1947 erklärte Franco zunächst Spanien zur Monarchie, doch ohne König, sondern mit ihm selbst als alleiniges Staatsoberhaupt. Ein Jahr später einigten sich Franco und Juan de Borbón darauf, dass der älteste Sohn Juan Carlos in Spanien zum Nachfolger Francos erzogen werden sollte. 1969 folgte das Gesetz der Thronfolge und 1975 wurde Juan Carlos König.

Juan Carlos wurde damit zu einer Schachfigur seines Vaters und gleichzeitig des spanischen Diktators. Er sollte damit von Kindesbeinen an nicht nur früh von seiner Familie getrennt - mit 10 Jahren musste er allein nach Spanien reisen - und stattdessen in Militärakademien hart gedrillt werden, sondern vor allem für die nächsten Jahre tadellos funktionieren, damit später ein lupenreiner faschistischer König aus ihm würde. Die Kindheit und Jugend von Juan Carlos fand damit nicht statt. Zunächst schien der Plan Francos aufzugehen: Interviews aus den frühen 70er Jahren zeigen einen jungen, inzwischen erwachsenen Thronanwärter, der sich Reportern und Öffentlichkeit als angeblich glühender Verehrer des spanischen Diktators zeigte. Dass er dabei u.a. auch Verfassungsrecht studiert hatte, blieb unbeachtet. Was der angehende König wirklich dachte, behielt er für sich und galt damit in der Öffentlichkeit bis auf Weiteres als treuer Ziehsohn Francos, von dem niemand irgendetwas erwartete, erst Recht keine historischen Taten größeren Ausmaßes.

Das sollte sich ändern: Bereits zwei Tage nach dem Tod Francos, nach der Proklamation zum König, erklärte der 37-jährige Juan Carlos I. am 22. November 1975 in seiner Antrittsrede das Ziel einer freien und modernen Gesellschaft, und die Einbeziehung aller in Entscheidungsprozesse. Er erklärte, der "König aller Spanier" zu sein, und sprach sich für Verfassung und Gerechtigkeit aus. Damit überraschte der gerade ernannte König nicht nur die Spanier, sondern auch den Rest der Welt. Die Stunde des Königs hatte geschlagen, auf die er sich jahrzehntelang vorbereitet hatte, nämlich die entscheidene Rolle im Demokratisierungsprozess Spaniens - Transición genannt - einzunehmen. Und die war wortwörtlich von Erfolg gekrönt: Mit satten 88 Prozent nahm die spanische Bevölkerung 1978 die Verfassung an, die aus der ehemaligen Diktatur eine parlamentarische Monarchie machte.

Doch die Franquisten der Armee und Guardia Zivil gaben keine Ruhe und versuchten am 23. Februar 1981 - in Spanien "23-F" genannt -, mit einem Staatsstreich, die alte Macht wieder an sich zu reißen, um eine neue Militärdiktatur einzurichten, General Tejero stürmte das Parlament, während dort gerade der neue Ministerpräsident von Spanien gewählt wurde, es wurde geschossen. Die gesamte Regierung war in diesen dramatischen Stunden in den Händen der Putschisten und damit handlungsunfähig. Die Putschisten behaupteten, im Namen des Königs zu handeln. Zum zweiten Mal schlug die Stunde des Königs von Spanien, der sich in diesem gefährlichen Machtvakuum als Oberbefehlshaber der Streitkräfte (in Uniform) u.a. mit seiner entschiedenen, nächtlichen Fernsehansprache für Demokratie und Verfassung einsetzte und schließlich das Militär auf seine Seite ziehen konnte, das dem Aufruf des Königs folgte, zurück in die Kasernen zu kehren. Gegen Mittag des 24. Februars war der ganze Spuk vorbei, die Parlamentarier kamen frei. An der Person Juan Carlos I. kann damit der Übergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie sowie das Scheitern des Putsches und die Fortsetzung der Demokratie festgemacht werden. Spätestens seit 23-F gilt der Monarch damit als ein Garant für die Demokratie.

Diese Lebensleistung, vor allem, die Kunst, "die Klappe zu halten" und dann im entscheidenen Moment, trotz größter persönlicher Gefahr, das Richtige zu tun sind herausragend und untrennbar mit Juan Carlos I. verbunden, der während seiner "Erziehung" im Franco-Regime auf jegliche pro-demokratische Äußerungen nicht nur wegen Gefahr für Leib und Leben verzichten musste, da er faktisch in der Geiselhat Francos latent gefährdet war, sondern vor allem, weil das Ziel und der Plan zur Demokratisierung Spaniens gescheitert, und damit das Leben von Millionen Spaniern gefährdet worden wäre. So viel persönlicher Einsatz, so viel Selbstdisziplin, so viel Durchhaltevermögen, Mut und gutes Timing in einem Menschen vereinigt, ist äußerst selten.

Vor diesem Hintergrund ist es auch kein Wunder, dass der spanische König als Oberhaupt der Organisation Ibero-Amerikanischer Staaten beim Treffen der lateinamerikanischen Staaten im Jahr 2007 für Diskussionen sorgte, allerdings ein weltweites Publikum höchst beeindruckte sowie amüsierte, als er dem die Rede Zapateros penetrant unterbrechenden Chavez ein so bestimmt wie ruhig geäußertes "¿Por qué no te callas?" - "Warum hälst du nicht die Klappe?" entgegenwarf. Dass der spanische König mehr als alle anderen Staatoberhäupter weiß, wann jemand wirklich seinen Mund halten sollte, dürfte niemand anzweifeln. Unter spanisch sprechenden Jugendlichen erhielt der Spruch regelrechten Kultstatus, er wurde vertont, verfremdet und zum geflügelten Wort und Witz.
Nachdem der Elefantengott sich wieder beruhigt hatte, entschloss sich Juan Carlos nun dieses Jahr zum Rücktritt, um den Thron für seinen Sohn Felipe freizumachen, der, wie vom König damals so gewünscht, beim Putsch als 13-Jähriger an der Seite seines Vaters war - und damit zum Augenzeugen der dramatischen Ereignisse wurde - in einer Nacht, die beinahe dafür gesorgt hätte, dass Spanien in die Diktatur zurückgefallen wäre.
Nicht zuletzt hat Juan Carlos I. damit gleich zweimal, mit seiner Art der Resilienz, Europa ein ganz anderes, schöneres Gesicht gegeben.

Das Wirtschaftswetter verneigt sich vor einem großen, demokratischen "Wiederholungstäter": Juan Carlos I. von Spanien.


2014-06-13, Angelika Petrich-Hornetz
*Der Name ist der Redaktion bekannt
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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