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25 Jahre Wiedervereinigung

DDRisierung

Das neue Diktat der genormten Kollektiv-Kindheit

von Angelika Petrich-Hornetz

Bild DirigierenVor Kurzem regte sich Altbundespräsident Roman Herzog (CDU) über eine Überregulierung durch die EU so sehr auf, dass er mit einem Brief an die Kanzlerin und den Bundestag reagierte, in dem er ein Recht der Nationalparlamente einforderte, sich gegen den europäischen Regulierungswahn und die "exzessive Normenproduktion" zur Wehr setzen zu können. Er hätte die zahlreichen Publikationen des Bundesfamilienministeriums und die Artikel der Tageszeitungen zur Familienpolitik der vergangenen 14 Jahre studieren sollen und dann feststellen müssen, dass der Regulierungswahn bereits im eigenen Land fantastische Blüten treibt. Zum Beispiel forderte eine Landes-Parteikollegin von Herzog erst vor kurzem - anders als noch vor den Bundestags- und EU-Wahlen, als sie noch für die Wahlfreiheit für junge Eltern warb - ganz genau das Gegenteil von Deregulierung, nämlich die Abschaffung des Betreuungsgeldes und damit auch der Wahlfreiheit, verbunden mit dem ernstgemeinten Vorschlag, das Geld dafür sollte lieber in Weiterbildungs- und Sprachkurs-Gutscheine für Eltern zwecks deren Berufsqualifizierung gesteckt werden. Wenn das kein klassischer Regulierungwahn ist, was ist es dann?

Der Streit ums Betreuungsgeld und andere Vorstellungen von Politikern darüber, wie Familien zu handeln, zu leben und zu sein haben sind für die Gegenwart und jüngere Vergangenheit ganz typische Regulierungswahnwitze aus Deutschland - und nicht aus Europa. Damit ist der Disput um die so genannte "Herdprämie" auch nur ein Beispiel von vielen, warum sich immer mehr Eltern hierzulande inzwischen fragen, wieso sie, insbesondere seit dem Millieniumswechsel, immer mehr den Eindruck gewinnen müssen, die deutsche Regulierungsswut bezüglich des Familienlebens nehme langsam dramatische Züge an. Das Gefühl, es würde immer mehr reglementiert, überwacht und bevormundet, hat sich eingeschlichen, das Wort "DDRisierung" macht die Runde und dürfte sich damit vielleicht eines Tages noch echte Chancen auf einen künftigen Eintrag in den Duden ausrechnen können.

Scheinbar schon ewig wird um das Betreuungsgeld gestritten, als sei es die Heilige Kuh mütterlicher Erwerbsbeteiligung sowie kindlicher Bildungschancen. Dabei ist es gar nicht sicher, ob mehr Eltern tatsächlich mehr arbeiten würden oder könnten oder Kinder tatsächlich besser gefördert werden, würde es diesen Obolus für die Zu-Hause-Betreuung von Kleinstkindern bis drei Jahren gar nicht oder nicht mehr geben. Aber neue Studien zu "Betreungsbiografien" (u.a. von 5-Jährigen im neuen "Bildungsbericht 2014") hatten ergeben, es würden mehr Kinder "bildungsferner" Haushalte sowie "mit Migrationshintergrund" weniger häufiger in den Genuss von frühkindlicher Bildung (unter drei Jahren) sowie Sportvereinen und Musikunterricht geraten. Und diese Haushalte produzierten deshalb 5-Jährige mit geringeren sprachlichen Fähigkeiten, so dass der weitere Ausbau der "Institutionalisierung der Kindheit" als besserer Förderer sprachlicher Fähigkeiten somit breits in trockenen Tüchern sein dürfte.

Laut Statistischem Bundesamt wurden mit Stichtag 1. März 2013 bundesweit 29,3 Prozent (2012: 27,6 Prozent) der unter Dreijährigen in Kindertagesstätten oder Einrichtungen der Kindertagspflege betreut. In den westdeutschen Flächenländern lagen die Quoten zwischen 19,9 (NRW) und 28,2 Prozent (Rheinland-Pfalz), in ostdeutschen zwischen 47,2 Prozent (Sachsen) und 57,7 Prozent (Sachsen-Anhalt), die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin zählten 23,2, 38,4 und 43,7 Prozent betreute Unter-Dreijährige.

Auffällig an den Betreuungszahlen ist, dass diese in Ostdeutschland regelmäßig deutlich höher ausfallen als in Westdeutschland, auch bei den gegebenen Betreuungsangeboten zeigte sich in allen möglichen Studien bislang, dass Ostdeutschland homogener und Westdeutschland heterogener in der Kleinkindbetreuung ausfällt. Das Betreuungsgeld ist laut einer weiteren Studie ausgerechnet im Bundesland Bayern am beliebtesten (gefolgt von NRW und Baden-Württemberg). Dabei galt dieses Bundesland bislang nicht gerade als Hort für bildungsferne Haushalte. Im Vergleich zu anderen Bundesländern hat es auch keinen exorbitant höheren Anteil von Haushalten mit Migrationshintergrund. Und über mangelnde Wirtschaftskraft konnte man sich in Bayern zumindest in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht gerade beklagen. Die heterogene Betreuungslandschaft hat den Bayern offensichtlich nicht geschadet, wie dies Gegner des Betreuungsgeldes gern behaupten, ganz im Gegenteil, die von Politik und Wirtschaft offiziell so gern geforderte Diversität an Stelle von immer gleicher werdenden familiären Lebensformen könnte sich demnach wirtschaftlich auszahlen.

Das wirft Fragen auf, u.a. wie homogen soll die Betreuung von Kleinkindern in Deutschland noch werden und warum?. Und warum sollte die Betreuung durch Tages-Eltern angeblich besser als diejenige durch die eigenen gewährleistet sein? Auf beides findet man keine wissenschaftlich fundierte Antwort, es sei denn, es handelt sich um Einzelkinder, die bei einer Tagesmutter nachweislich in dem Fall tagsüber öfter einen Zugang zu anderen Altersgenossen finden, wenn die Eltern den ganzen Tag lang arbeiten. Ansonsten halten sich messbare Erfolge des laufenden Feldversuchs bisher in Grenzen.

Dafür greift die vom Alt-Bundespräsidenten Herzog kritisierte "exzessive Normenproduktion" aus ur-deutschen Landen schon deshalb zwangsläufig immer mehr um sich, weil der Ausbau staatlicher Kinderbetreuung, die im Gegensatz zur alten DDR wengistens noch nicht gänzlich zentral gesteuert wird, zweifelsohne eine vergleichbare Qualitätssicherung benötigt. Und im Zuge der schlicht notwendigen Implementierung einheitlicher Qualitätsstandards öffentlicher Betreuung wird bereits das Aufwachsen von jüngsten Kindern in Betreuungseinrichtungen zwangsläufig standardisiert und homogenisiert. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Vielfalt von und in Familien und ihren bislang noch sehr unterschiedlichen Lebensformen. In einem gesellschaftlichen, zunehmend homogenen Umfeld werden - immer seltener werdende - Abweichungen folglich nicht mehr als heterogen, im Sinne einer Vielzahl unterschiedlicher Konzepte, sondern lediglich als inhomogen, im Sinne von, als nicht dem gewünschten Standard entsprechend empfunden und folglich als störend definiert - sowie sanktioniert. Vor diesem Hintergrund wird das Fazit noch wacher Geister innerhalb der Lehrer- und Erzieher-Gewerkschaft GEW nach der Lektüre des aktuellen Bildungsberichts 2014 verständlich, Zitat: "Exklusion ist an der Tagesordnung", Zitatende.

Ärgerten sich Eltern in Westdeutschland vor zehn bis zwanzig Jahren noch darüber, dass ihre Sprösslinge, die sie unter dem Einsatz ihres Einkommens und privater Lebenszeit großzogen, und zwar weitestgehend alleingelassen von einer wachsenden kinderlosen Mehrheit, von dieser höchstens abfällig als "Privatproblem" herabgewürdigt wurden, verfällt das Ganze jetzt lediglich in das andere Extrem einer Unkultur: Eltern müssen sich nun gefallen lassen, dass sich der Staat seit Beginn der 2000er Jahre dieses "Privatproblems" immer mehr bemächtigt und genauso zunehmend und selbstverständlich Befehlsgewalt über die dazugehörigen Eltern verlangt. Kinder sollen nun nach immer gleicheren Standards zu den angeblich wertvolleren Staatsbürgern, Steuerzahlern und Sozialversicherungspflichtigen herangezogen werden, die es damit die Kinder von noch vor zehn und zwanzig Jahren angeblich gar nicht sein konnten.
Das hat ein deutliches Geschmäckle einer Heilslehre: Auf einmal ist es also wieder da, das sozialistische Familienleitbild mit maximal zwei Kindern und zwei in Vollzeit berufstätigen, verheirateten Eltern. Auch schon der fehlende Pluralismus in der ehemaligen DDR vermittelte Familien einst von oben, mit zentral gesteuerten Standards stets die "richtigen Werte" und die "richtige Ideologie" und damit das "richtige Leben". Man sollte den Alliierten spätestens jetzt noch einmal ausdrücklich dafür danken, dass sie Westdeutschland der Möglichkeit einer wiederholten zentral gesteuerten Indoktrination einen Riegel vorgeschoben haben.

Doch wie lange hält das noch vor, angesichts von TTIP und TiSA? Auch die Einrichtungen zur staatlichen Kontrolle, bislang individueller Elternsschaft werden immer mehr, und auch, wenn einiges Neues davon sinnvoll erscheint, weil es einige Kinder noch rechtzeitig aus tatsächlich untragbaren häuslichen Verhältnissen rettet, gab es vor der schleichenden DDRisierung der Familie schon genug entsprechende und gute Einrichtungen, die allerdings, und zwar bis heute, eher unter chronischer Unterfinanzierung leiden, als dass sie etwa nicht genau wüssten, was zu tun sei. Eltern als solche stehen inzwischen viel mehr unter öffentlicher Beobachtung und einem viel größeren Druck, einer rapide alternden Gesellschaft eine leistungsfähige und funktionierende junge Generation "abliefern zu müssen" - als noch vor ein paar Jahren, s.o., als die Gesellschaft noch nur zu gern nichts anderes wollte, als möglichst von der ganzen Brut in Ruhe gelassen zu werden. Diese 180-Grad-Wendung ist kein Wunder vor dem Hintergrund, dass künftige Rentenbeitragszahler bald wortwörtlich allein jeweils für Zwei (Ruheständler) aufkommen werden müssen. Dafür braucht es offenbar wieder Fünf-Jahres-Pläne und leicht lenkbares Humankapital anstelle von individuellen Kindern, die man sich nun einfach nicht mehr leisten kann und will, geschweige denn, dass jemand aus mangelndem Interesse an einer Planwirtschaft, frei nach dem alten Fritz, hier etwa noch "nach seiner Faßon selich werde".

Darum wird auch nichts mehr dem Zufall überlassen, sondern an Kindern und Eltern immer mehr herumgedoktert und herumgezerrt, die sich gefälligst der "richtigen Erziehung" und damit den "richtigen Ideologien" von Kollektiven anzupassen haben, die teilweise in langsam gefährlich werdenden Ausmaßen die Grundlagen unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu verlassen drohen. Wer glaubt, er bekäme mit der Vermittlung einer einzig wahren Erziehungs-Ideolgie etwa eine konforme Generation, wird sich eines Tages noch böse wundern, wenn diese bemerken sollte, wie sehr sie über den Tisch gezogen wurde, von einer Vorgänger-Generation, die im Alter auch nichts anderes erwartet, als lediglich gut versorgt zu werden, wie man u.a. an der breiten Zustimmung zu Mütterrente und Rente mit 63 und den entsprechenden Wahlerfolgen ablesen kann. Trotz des drohenden Demografiedesasters als eine mögliche Erklärung, stellt sich dennoch die bislang unbeantwortete, sehr ernste Frage, mit was die nächste Generation eigentlich konform gehen soll, wenn es denn nicht unsere freiheitliche demokratische Grundordnung sein soll? Ein regide reguliertes, einziges Familienmodell steht zumindest konträr zur, von Politik und Wirtschaft (zumindest in Sonntagsreden) gepriesenen, Vielfalt, die allerdings eine der wichtigsten Voraussetzungen für jede erfolgreiche demokratische Gesellschaft ist. Und welche Sorte junger Generationen einfältige Erziehung hervorbringt, darüber dürfte es wohl gerade in Deutschland inzwischen mehr als genug schlechte Erfahrungen sowie daraus erhellende Erkenntnisse geben.

Bild Schwanger in der DDRisierungWie immer steckt der Teufel außerdem im Detail, was häufig übersehen wird: Einiges, das keineswegs nur Eltern in Bayern, NRW und Baden-Württemberg und vor allem deren Kinder aus der öffentlichen Betreuung ins private Betreungsumfeld, inklusive Betreuungsgeld flüchten lässt, ist keineswegs immer Bildungsferne, weniger Erwerbstätigkeit oder der Migrationshintergrund als solcher, sondern immer wieder gern etwas sehr Konkretes, zum Beispiel das a) im Jahr 2014 immer noch schlicht quantitativ und qualitativ mangelnde Betreuungsangebot sowie b) die aktuelle Kantinenkost in heutigen Betreuungseinrichtungen, die in den jüngsten Untersuchungen dementsprechend heftig bemängelt wurde. Kleine Kinder wollen nun einmal konsequent nicht essen, wenn es ihnen ganz schlicht und einfach nicht schmeckt. Dann werden sie aufmüpfig, zum Glück. Und nichts essen geht in Ganztagsbetreuung einfach nicht (lange) gut. Für muslimische Eltern und Kinder ist die vorhandende, deutsche Einheitsküche in viel zu vielen Betreuungseinrichtungen somit schlicht und einfach ungenießbar. Auch der Ausbau von institutioneller Kinderbetreuung und "Elternbildung" wird Allgemeingültiges daher wohl kaum jemals abschaffen können - Heilsideologien hin oder her - , als da unter anderem wäre: Liebe geht durch den Magen.


2014-07-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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