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Die Diktatur der Dummen

Wie unsere Gesellschaft verblödet, weil die Klügeren immer nachgeben

Von Brigitte Witzer

Buchbesprechung von Angelika Petrich-Hornetz

Der Titel ist Programm. Das Buch, folgerichtig, zweiteilig: zunächst die Bestandsaufnahme, wie es um den Fortschritt der verblödeten Gesellschaft, also auch inklusive uns selbst, bestellt ist - und im zweiten Teil die Maßnahmen, die zu treffen sind bzw. wären -, beschreibt ein inzwischen an vielen Symptomen sichtbar werdendes, großes Problem, das bereits seit einigen Jahren unterschwellig durch die Republik geistert und damit ein unangenehmes, gleichwohl sehr populäres Thema aufgreift: Werden wir tatsächlich immer dümmer? Wenn ja, warum, wie sehr und wie schnell und kann man das jemals wieder abstellen?

Die Autorin Brigitte Witzer ist dabei etwas Besonderes, denn sie verfügt als ehemalige Geschäftsführerin und als Professorin über Insiderwissen aus der Wirtschaft und aus dem Wissenschaftsbetrieb, so dass sie genau weiß, wovon sie schreibt. An manchen Stellen liest man diesen Umstand auch deutlich heraus und fragt sich als Leser dann schon fast verzweifelt, was den klugen Köpfen dieses Landes überhaupt noch an ernstzunehmenden Berufsmöglichkeiten bleibt? Die Autorin selbst hat für sich eine Antwort gefunden, indem sie sich konsequent aus der Tretmühle verabschiedete, sie gab sowohl ihre Konzernkarriere als auch ihre Uni-Lehrtätigkeit auf und ist bis heute als freie Unternehmensberaterin tätig.

Das Buch ist in Ich-Form geschrieben, was bereits einige Bausch-und-Bogen-Kritiker auf den Plan rief, von denen man sich nicht beeindrucken lassen sollte, denn die persönliche Form, so nehmen wir jedenfalls an, wurde lediglich deshalb absichtlich gewählt, um sich von einer verallgemeinernden Schreibweise zu distanzieren, die ihrerseits schon immer für viele Dummheiten gesorgt hat, aber gar nichts über die Qualität aussagt.

Im ersten Teil, der mit 184 Seiten den größeren in Anspruch nimmt und sich damit ausreichend Raum gibt, lässt die Autorin nichts aus, um den Lesern die Strukturen und Methoden der Massen-Verdummung per Fremdbestimmung (die Autorin verwendet die Begriffe "Außensteuerung" sowie den Gegensatz "Innensteuerung"), die inzwischen in den Alltag jedes Einzelnen eingezogen sein dürfte, aufzudecken.
Sie beginnt u.a. mit dem seinerzeit mitreißenden Film "Ideocracy", dessen Zweit-Sichtung auch heute noch lohnend ist und kommt über die 147 Firmen, denen die Welt (noch vor der Lehmann-Pleite) gehörte und denen wir, so oder so, alle zuarbeiten und damit verpflichtet sind, sowie über eine so fulminante wie erhellende Medienschelte bis zum maroden Bildungs- und schließlich zum Wirtschaftssystem, über deren Zustand sich auch der bisher unbedarfte Leser keineswegs mehr wundert, spätestens dann nicht mehr, wenn er vorher alles sorgfältig gelesen hat.
Das, was derzeit in zu vielen Schulen und den meisten Universitäten stattfindet, nennt sie zum Beispiel ins Schwarze treffend "Wissensmast" - Schüler und Studenten als gemästetes (dummes) Vieh - und bezeichnet die Abkehr des Bildungswesens in Deutschland vom humboldtschen Menschenbild als einen der wichtigsten Beiträge zur weiteren, erfolgreichen Verblödung der Gesellschaft und damit auch der kommenden Generationen. Diesem hohen Anspruch folgend, spricht sich Witzer vehement gegen eine "übergriffige" Einflussnahme der Wirtschaft auf Schule und Hochschule aus, die sie genau erläutert. Nicht zuletzt beschreibt die Autorin an mehreren Stellen den von zunehmender Verdummung bestimmten Alltag des Einzelnen und so erkennt sich die Leserin, der Leser ständig wieder und fühlt sich bestätigt in der Annahme, dass es hier nicht mehr so ganz mit rechten Dingen zugehen kann, wenn sich einmal mehr wieder nur der, die oder das Blödeste durchsetzt.

Dabei bewahrt Brigitte Witzer stets den Humor, die ein oder andere Spitze lässt die Leser erleichert lächeln, bei einem eigentlich sehr ernsten Thema, denn, wie dreist sich die Diktatur der Dummen in den vergangenen Jahrzehnten bereits durchsetzen konnte und wie sehr die Demokratie dadurch bereits in Gefahr geraten ist, ist natürlich alles anders als zum Lachen. Denn genau dies ist das eigentliche Problem - sie nimmt nämlich sich selbst und die Leser nicht in ihrer Kritik aus: Eine kultivierte, ständig witzelnde, falsch angebrachte Bescheidenheit, die es zulässt, dass sich auch die Klügsten damit begnügen, sich höchstens noch einen Scherz über die Dummheit zu erlauben und sich ansonsten von ihr abwenden und zurückziehen, entzieht sich damit auch der eigenen Verantwortung, sich selbst und der Gesellschaft gegenüber. Und so etwas hatte und hat fatale Folgen.

Und damit zum zweiten Teil, der Übernahme von Verantwortung für den Zustand unserer Demokratie und gegen eine zunehmende Kapitulation: "Holen wir uns unser Leben zurück!" heißt es durchaus wie ein Schlachtruf. Die Lösung besteht in einer Einstellungsänderung, die allen folgenden Handlungen vorausgeht. Es ist aber zunächst die Veränderung von Blickwinkeln und die selbst verantwortliche Beschaffung von Information, die wir für jedes Handeln benötigen, denn die Medien, so weiß der Leser bereits aus dem ersten Teil, servieren schon lange keine unabhängigen Informationen mehr auf dem Silbertablett, die zur Übernahme von Verantwortung, für mehr Autonomie sowie für mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aber notwendig wären, sondern publizieren inzwischen vorwiegend "veröffentlichte Meinung" an Stelle von "öffentlicher Meinung".

Brigitte Witzer ermuntert dazu, sich aus der Vereinnahmung durch (u.a. Werbe-, Marketing-, Medien-) Diktate und damit schließlich konsequent aus den ausbeuterischen Täter-und-Opfer-Hierarchien tatkräftig zu verabschieden, die in der historischen Entwicklung Deutschlands tief verankert sind - was auch eine Erklärung dafür ist, warum sie so erfolgreich sind - und andere erst gar nicht mehr in solche hineinzubefördern.
Das ist nicht immer einfach, ganz schnell wird man selbst auch einmal zum "Diktator" und fällt im Alltag immer wieder auf solche herein. Manchmal erfordert es auch eigentlich schon Altbekanntes, wie, sich von seiner eigenen, defizitären Haltung zu trennen und schlicht mehr den eigenen Wahrnehmungen zu trauen und sich damit mehr der Gegenwart und seinen eigenen Potentialen zuzuwenden. Für die Arbeitswelt schlägt sie einen kooperativen Stil vor - an Stelle von fruchtloser Kontrolle. Ersterer gilt als probates Mittel gegen jede reine Hauen-und-Stechen-Gesellschaft. Dazu sind, so die Autorin, aber auch einige wichtige Voraussetzungen notwendig, nach denen sich geneigte Leser vielleicht schon sehnten, z.B. sollten Prestigeobjekte nicht mehr Anerkennung finden als Projekte, die den ganz normalen (Unternehmens)-Alltag ausmachen und die Dinge inhaltlich voranbringen.
Schon das dürfte für einige eine regelrechte Revolution bedeuten, in einer Zeit, in der effekthaschende Präsentationen grundsätzlich mehr Erfolg haben als jede noch so gute Sacharbeit. Dabei betont Brigitte Witzer jedoch am Ende ihres Buches, ihr gehe es gerade nicht um eine Revolution, sondern höchstens um eine "freundliche Übernahme", so dass Wirtschaft, Politik, Medien und Bildung wieder dem Menschen dienten - und nicht umgekehrt.

Ein kluges Buch mit mutigen Thesen, deren Umsetzung man nur noch viel Erfolg wünschen kann und sollte.

Weitere Informationen:
Die Diktatur der Dummen
Wie unsere Gesellschaft verblödet, weil die Klügeren immer nachgeben
von Brigitte Witzer
Paperback, Klappenbroschur, 272 Seiten
ISBN: 978-3-453-20054-8
Verlag Heyne/Random House


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2014-10-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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