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Frau Dr. E. liebt die Abendsonne

Auszug aus dem gleichnamigen Roman
von Juliane Beer

Eine Ärztin, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen scheint, wird eines Tages von ihrer jungen Patientin ins Vertrauen gezogen. Die Berichte des Mädchens über eine kleinbürgerliche Familie, die die psychische Erkrankung der Mutter auf groteske Weise zu vertuschen versucht, lassen längst vergessene Gespenster auferstehen.
In Juliane Beers neuem Roman Frau Dr. E. liebt die Abendsonne, der im Februar 2015 erscheint, geht es um den Umgang mit Mädchen und das unbedingte Gehorsamkeitsgebot für Töchter – gestern wie heute.

Romanauszug:

Benni hat ein wenig prägnantes Bild bei mir hinterlassen. Ich weiß bloß noch, dass er schwerfällig war. In jeder Hinsicht. Schwerfällig, aber lieb und gutmütig. Wir waren beide in der Vorpubertät, er ein Jahr älter als ich, es war harmonisch mit ihm, geruhsam. Streit gab es nicht. Auch akzeptierte er, offenbar ohne jede Eifersucht, dass seine Mama mich abends häufig zum Essen mitbrachte und während der gesamten Mahlzeit nur Augen für mich hatte. Vermutlich war im Vorfeld darüber gesprochen worden.
Als ich mit 17 von zu Hause fortging brach auch der Kontakt zu Benni und seiner Familie ab. Ich musste alles hinter mir lassen. Auch oder gerade diese Familie, die mir so wohl gesonnen war. Ich wollte, oder besser: ich konnte unmöglich noch länger ihr bedauernswertes Mädchen sein.
Danach haben wir uns nicht mehr gesehen oder gehört. Benni beabsichtigte damals Kommissar zu werden. Um die Bösen zu verhaften. Herrje, die Bösen, wer soll das sein?
Sein Vater wünschte sich, dass er Jura studierte und Anwalt würde, aber Benni meinte, der Beruf des Anwalt wäre nicht das Richtige für ihn, den wenig Angriffslustigen, und mit dieser Erkenntnis mochte er wohl nicht ganz daneben gelegen haben. Ob Kommissar das richtige für ihn war, maßte ich mir nicht zu beurteilen an.

Was mich damals ganz gefangen nahm war die Wohnung, in der die Familie lebte. Die Abende in der riesigen labyrinthartigen Altbauwohnung unterm Dach in der Glockengießergasse habe ich nie mehr vergessen. Erst recht nicht den Treppenflur des alten Ganghauses. Dunkel, endlos. Es roch wie in einer alten katholischen Kirche. Bennis Mama bemerkte mein Erschaudern und nahm mich bei der Hand. Wir stiegen empor, vorbei an allen Küchen, die jeweils außerhalb der Wohnungen auf halber Treppe mit einem Fenster zum Flur lagen. Ich hatte das noch nie irgendwo gesehen. Benni kannte es nicht anders und erzählte mir einmal, bei seinen Freund*innen zuhause beschliche ihn ständig das Gefühl, es spielten sich Geheimnisse ab. Und zwar in den Küchen, in die er keinen Einblick hatte.
Seine Mama, warm, lebhaft, das braune Haar immer zu einem dicken Zopf geflochten, drückte mich lachend an sich, wenn wir endlich das verwinkelte Treppenhaus bezwungen hatten und oben angekommen waren, wo die Sonne durch eine schmale Dachluke fiel. Ab jetzt tat ich, als sei dies hier meine Familie. Ansonsten hätte ich die nun folgenden Stunden, während denen deutlich wurde, was für eine Arschkarte ich gezogen hatte, nicht ertragen. Perfekt gelang mir mein Spiel nie. Ich blieb das Mädchen, dem man es für ein paar Stunden schön machen wollte, obwohl Benni und seine Eltern es mehr oder weniger erfolgreich vermieden, wohltätig zu wirken.
Ich, das zu schützende fremde Element lief durch die verwinkelte Wohnung, die an eine Rekonstruktion im Museumsdorf erinnerte. Parkettböden, Schiebetüren mit Glaseinsätzen, die Decken tief. Verzierte Kachelöfen, die noch in Betrieb waren. Und immer wieder führten schmale Gänge in weitere kleine Zimmerchen und Kammern. Zunächst sagte ich Benni guten Abend. Er bat mich in sein Zimmer, wo er um diese Zeit am Schreibtisch saß und seine Schulaufgaben machte. Ich strich währenddessen durch sein Reich, kroch unter dem großen Holzbalken hindurch in den Turm, ein weiteres kleines Zimmer, in dem die runden Wände mit Postern gepflastert waren. Jimmy Page hing, seine Doppelhals-Gitarre bearbeitend, über der Dachluke. Daneben Rockmusiker, die ich nicht kannte aber kennenlernte, weil Benni mir ihre Schallplatten vorspielte. Ich stand im Turmzimmer, stellte es mir als mein Zimmer vor, war Bennis Schwester, träumte durchs Dachfenster in den Lübecker Abendhimmel, bis Benni seine Schreibtisch-Klemmleuchte auf mich richtete. „Spott an!“ Ich sähe aus wie Schneewittchen aus dem Märchenbuch, ob ich das wüsste?
Ich hatte es schon häufig gehört.
Ich weiß noch, wie ich Jimmy betrachtete, der seine Gitarre liebkoste, während seine dunkle Mähne ihm ums Gesicht fegte, dann an Bennis strahlende Mama dachte, und mich fragte, wie ein Junge, der ein solches Leben geschenkt bekommen hatte, auf die Idee kam, Kommissar zu werden, um Böse zu jagen, ja überhaupt begreifen konnte, dass es Menschen auf der Welt gab, die als böse galten.

Wir wurden zum Essen gerufen. Über drei schmale Holzstufen gelangten wir hinauf in eine letzte Ebene unter dem Dach. Die Wände waren schräg, ein Erwachsener konnte gerade eben stehen. Bennis Vater, ein bärchenhaft korpulenter Schreiner wie aus dem Bilderbuch, war gerade dabei, ein Blech duftenden Streuselkuchen aus dem mit Holz beheizten Ofen zu ziehen. Er begrüßte auch mich, als gehörte ich mit zur Familie, und ich versuchte, mein Spiel lückenlos weiter zu treiben.
Abends gab es hier ein opulentes Mahl, da beide Eltern über Tag arbeiteten. Meistens eine Suppe, ein Fischgericht, danach selbstgebackenen Kuchen, Kirschgrütze, süße Sahne und Tee mit braunem Kandiszucker.
Ich habe noch immer den Geschmack von all diesen Leckereien auf der Zunge. Es waren verwirrende Abende. Wunderbar, und doch schämte ich mich die ganze Zeit fürchterlich. Wie dachten diese Leute über mich? Natürlich wussten sie Bescheid. Aber sie versuchten ihr bestes, es mich nicht spüren zu lassen. Wie alle Eltern der Welt fragten sie, was ich später einmal machen wollte, und als ich antwortete, ich wollte mich anstrengen, damit es meinen Mitmenschen besser ginge, stellten sie auch diese Frage nie wieder.


Frau Dr. E liebt die Abendsonne erscheint im Februar 2015 im Hamburger Verlag Marta Press


2015-01-01, Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Foto + Foto-Banner: ©aph

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