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Bye-bye Bildung, Demokratie adieu I

Ein Lehrstück in fünf Akten

von Angelika Petrich-Hornetz

Prolog - Kindsein nur zwischendurch und stückchenweise

Es war einmal ein Kind, das hatte einen schlechten Start ins Leben, weil es von Geburt an immer wieder unter Infektionen litt. Gleichzeitig wurde es immer resilienter. Erstere hätten das Kind fast umgebracht, Letzteres rettete sein Leben.

KinderwagenKaum auf der Welt, bekam es hohes Fieber. Das setzte sich fort, stoisch, durch die Kindergartenzeit, durch die Grundschule. Der erste Kinderarzt stand vor einem Rätsel. Nachdem dieser in Rente ging, stand der zweite vor einem Rätsel. Es war schwer und kompliziert: für das Kind, für die Eltern und für die Geschwister. Es folgten elf quälende Jahre voller Ungewissheit und hin- und hergerissenen Emotionen - zwischen Hoffnung und Ernüchterung, zwischen Zuversicht und Verzweiflung - und Unmengen schlaflose Nächte. Mindestens alle vier Wochen war das Kind richtig krank, das Fieber lag stets bei 40 Grad und dauerte wenigstens sieben Tage lang, ob mit oder ohne Medikamente, manchmal auch länger, selten kürzer. Es hatte Halsschmerzen, es hatte Kopfschmerzen, es hatte Bauchschmerzen, es tat alles weh, es hatte Schüttelfrost, es konnte plötzlich nicht mehr laufen. Wenn es krank war, war es blass wie eine Wand.

Es fiel in diesen elenden Phasen regelmäßig zurück, von einem gesund und fröhlich wirkenden Kind in ein fieberndes, hilfloses, wimmerndes Bündel, das 24 Stunden am Tag der Pflege bedurfte. Und dann, ob das Fieber fünf, sieben oder zehn Tage lang gedauert hatte, fiel es eines schönen Tages ab, einfach so, genauso regelmäßig, genauso plötzlich, wie es gekommen war, scheinbar ohne jeden Anlass. Das Kind hatte auf einmal wieder eine rosige Gesichtsfarbe. Es sah dann aus, als wäre vorher nie irgendetwas gewesen. Die Eltern, erfahrene Eltern, das Kind hatte drei ältere Geschwister, hatten so etwas vorher noch nie zuvor erlebt. Und dann wurde es wieder krank, einfach so. Es litt, es fieberte, es quälte sich. Die mysteriöse Krankheit machte das Kind und die Eltern langsam wahnsinnig.

Sie lernten, damit umzugehen. Sie lernten zum Beispiel: Wenn die Familie im Sommer einen Tag am Strand verbrachte, planschte das Kind mit seinen Geschwistern fröhlich im Wasser. Am nächsten Tag war es krank. Wenn die Familie zu Hause blieb, um eine zu große körperliche Belastung von vornherein zu vermeiden, war das Kind am nächsten Tag genauso krank. Also fuhr die Familie wieder zum Baden. Am nächsten Tag wurde das Kind wieder krank. Aber so hatte es wenigstens vorher noch einen schönen Tag erlebt. Die Eltern dachten nur noch an jetzt. Sie lebten in der Gegenwart. Die Zukunft war unsicher. Wenn es dem Kind zu schlecht ging, blieb die Familie eben einfach zu Hause, auch im Sommer. Während sich die Nachbarskinder im Freibad amüsierten, spielten sie viele Brettspiele, zum Beispiel Monopoly. Es fiel niemandem auf, dass das Kind schon ziemlich früh die Bank bedienen konnte. So konnte es später bei der Einschulung: nichts außer wunderbar einen Stift halten sowie zählen und rechnen. Und man tat vor dem Kind einfach so, als sei es das Normalste auf der Welt, bei dreißig Grad im Schatten Brettspiele zu spielen und Pfefferminztee zu schlürfen.

Auf diese Weise hatte das Kind stückchenweise und zwischendurch ein richtig schönes Leben und lustige Erlebnisse. Aber es waren im Vergleich zu den vielen Fieberphasen viel zu wenige. Und es gab einfach zu viele negative Stunden, Tage, Monate, Jahre, als dass man diese etwa auch nur irgendwie ignorieren, schöner gestalten oder gar schöner hätte reden können. Auch nicht die wiederkehrenden Schmerzen, das wiederkehrende Leiden des Kindes, die wachsenden Sorgen der Eltern und die ständigen Arztbesuche. Anfang des dritten Kindergartenjahres, von dem das Kind wieder genauso viel verpasst hatte, wie alle Jahre zuvor, hatten die Eltern 360 Fiebertage gezählt. Sie wussten nun, das Kind hatte bereits ein ganzes Jahr seine Lebens verpasst. Sie hörten auf zu zählen. Die Mutter und das Kind stapften nach Fiebertagen einfach weiter, trotzig durch den Park, in Richtung Kindergarten, gegen den Wind, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Kind kam in die Grundschule. Im Sommer davor erlebte es die erste längere gesunde Phase seine Lebens: drei ganze Monate Leben. Die Familie atmete auf. Kurz nach der Einschulung kränkelte es wieder regelmäßiger. Die Klassenlehrerin verstand es nicht, die Eltern konten ihr nicht mehr sagen, als das, was sie wussten und ihnen die Ärzte sagten. Nach den ersten Jahren ließ sich die Lehrerin auf Bitten der Eltern von den Schulpsychologen beraten, die sich vorher das Kind selbst angesehen hatten. Sie beruhigten die Lehrerin, und das Kind wurde auch endlich in Ruhe gelassen und lebte sichtbar auf. In der dritten Klasse erkrankte das Kind in immer kürzeren Abständen, so dass es überhaupt nicht mehr richtig gesund wurde. Die Ärzte entschieden, dass die Mandeln entfernt werden, die bei so gut wie jedem Infekt beteiligt waren. Danach war das Fieber nicht mehr so hoch, es blieb jetzt unter 40 Grad, aber es kam immer wieder. Es dauerte jetzt aber länger, bis das Fieber wiederkam - und es blieb nicht mehr so lange. Das war schon ein Gewinn, aber es hörte immer noch nicht auf. In der Schule gab es auf einmal Förderung für das Kind, ein Stunde in der Woche Deutsch. Nach einem halben Jahr wurde ihm die wieder gestrichen. Die Eltern waren viel zu beschäftigt und zu erschöpft, um nachzufragen. Das Kind war irgendwie lebendig durch die Grundschulzeit gekommen.

Auf der Suche nach intelligentem Leben

Der Arzt forschte inzwischen weiter. Er machte den nächsten Test (das Kind hatte im Lauf seines Lebens schon unzählige davon hinter sich gebracht), dieses Mal einen anderen, speziellen und fand ein kleines Leck im Immunsystem, vererbt, seltene Erkrankung oder auch nicht, weil: Die meisten davon betroffenen Menschen bemerken es nicht einmal. Darum geht auch kaum einer von ihnen zum Arzt und darum ist es so schlecht untersucht und erforscht. Eines aber wurde immer klarer: Es musste immer noch etwas Zweites dazukommen, bei diesem Kind waren es die Mandeln. Der Arzt konnte die Eltern nun beruhigen: Die Prognose war sehr gut, das Kind müsste "lediglich seine Kindheit überstehen." Die Eltern waren erleichtert, die Aussicht, es würde dem Kind eines Tages besser gehen, fühlte sich gut an, die Jahre voller Ungewissheit fingen an, immer mehr zu einem Relikt der Vergangenheit zu verblassen. Das Kind wurde über den Sommer nun tatsächlich gesünder, es bekam nur noch kurz andauernde Infekte, höchstens zwei, drei Tage. So, wie es aussah, glaubte einem sowieso niemand, dass es überhaupt jemals krank gewesen war. Es wurde also tatsächlich besser, ganz genau so, wie der Arzt es gesagt hatte. Und gerade noch rechtzeitig, denn es kam nun in die weiterführende Schule, das Gymnasium des Geschwisterkindes, das in der Unterstufe eine sehr kluge Klassenleitung erleben durfte.Das Kind ging deshalb zuversichtlich in die neue Schule. Intelligente Lehrkräfte schaden nie, dachten die Eltern, die darum ebenso zuversichtlich der Zukunft entgegen blickten. Die Schule wurde über die Krankengeschichte informiert, falls das Fieber doch noch einmal wiederkommen sollte.

In der Schule wurde für ein Gymnasium erstaunlich viel gerangelt und geprügelt. Zuerst dachten die Eltern gemäß ihrer Erfahrung, das würde sich schnell legen. Es gibt schließlich Lehrer, die Anfangsquerelen gewöhnlich zügig abstellen können, wussten die Eltern. Es gab in der Klasse einen Jungen, der stolz darauf war, wie viele Schläge er schon heldenhaft eingesteckt und ausgehalten hatte. Entsprechend stolz und mutig teilte er auch aus. Es gab einen,der hatte auffällig seltsame Ideen und ausgerechnet dieser fand den Kontakt zu dem Kind. Und es gab einen, der hatte noch viel seltsamere Einfälle, man hätte sie auch schlicht Gemeinheiten nennen können. Wenn er niemanden ärgern konnte, langweilte er sich. Das Kind bot sich als Objekt zum Ent-Langweilen geradezu an, so naiv, wie es dank seiner vielen verpassten Lebenszeit noch war. Diese drei sollten in den nächsten zwei Jahren sehr viel dazu beitragen, dem Kind zu schaden. Sie schoben ihm zum Beispiel ihre eigenen Missetaten erfolgreich in die Schuhe - mit sensationellem Erfolg.

Aber das Kind fuhr kurz nach Einschulung auch auf Klassenfahrt. Es kam vergnügt wieder zurück. Bis auf einen anstrengenden, kilometerlangen Marsch und diversen Insektenstiche aus der Herberge war es mit der Fahrt zufrieden. Doch als sie drei Tage zuvor abgefahren waren, hatte die Klassenleitung der Mutter noch am Bahnhof zugeraunt: "Wir müssen reden." Folglich machte sich die Mutter drei Tage lang unnötige Sorgen, worum es sich handeln könnte.
Es kam zu einem Gespräch, in dem der erstaunten Mutter als hauptsächlichem Vorwurf mitgeteilt wurde, das Kind hätte noch ein Stück Brot im Mund gehabt, als eine Lehrerin bereits den Klassenraum betreten hatte. Die Mutter konnte es kaum fassen, dass sie für solch eine Kleinigkeit zu einem Gespräch bestellt worden war. Die Art, wie die Klassenleitung dabei kommunizierte, wirkte nicht nur wegen dieser Lächerlichkeit seltsam auf die Mutter, nämlich so, als spräche diese nicht die ganze Wahrheit, und damit nicht das aus, was sie eigentlich sagen wollte. Wozu dann überhaupt ein Gespräch? Die Klassenleitung hatte außerdem noch eine Vertrauenslehrkraft mitgebracht, und was mit dieser jemals besprochen wurde, erfuhren die Eltern nie. Nichts zu erfahren, was in dieser Klasse eigentlich vor sich ging, genau das war die übliche Art der Klassenleitung "zu kommunizieren". Wie weit diese dabei gehen konnte, sollten die Eltern aber erst sehr viel später erfahren.

Die Mutter vergaß das vollkommen überflüssige "Meeting" schon bald, sie hatte Wichtigeres zu tun. Dabei war dieses Gespräch ohne einen einzigen konkreten Hinweis auf nur irgendein ernstzunehmendes Fehlverhalten des Kindes zumindest der erste ernstzunehmende Hinweis darauf, dass in dieser Klasse etwas nicht so war, wie es an einer Schule normalerweise sein sollte.

Außer Gefecht

Anfang November bekam das Kind Bauschmerzen und musste Ende der Woche zwei Tage aussetzen. In der Stadt ging ein Magen-Darm-Infekt herum, so dass deshalb kein großer Anlass zur Sorge bestand. In der nächsten Woche konnte es wieder in die Schule gehen. Am zweiten Tag kam es mit starken Magenkrämpfen nach Hause. Es hatte, so gab es kleinlaut zu, auf eine Wette hin ein Glas Tuschwasser getrunken, dafür aber nicht den versprochenen Preis, sondern heftige Bauchschmerzen bekommen. Die Mutter schimpfte nur kurz mit dem Kind, wie konnte es nur so dusselig sein, gerade weil es doch kurz zuvor schon Bauchschmerzen gehabt hatte - bis es regelrecht zusammenbrach. Es bekam Durchfall, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen und das Ganze wurde von einem massivem Aufstoßen begleitet, anfangs mit Fieber, das im weiteren Verlauf mal verschwand, mal wieder auftauchte. Das ganze Magen-Darm-Drama sollte jetzt noch acht lange Wochen so weiter gehen. Das Kind war damit komplett außer Gefecht gesetzt.

Aus der Schule traf ein paar Tage später lediglich eine schriftliche Missbilligung ein, das Kind hätte angeblich andere Kinder mit Absicht angerülpst. Dies war bereits der zweite von den Eltern zu diesem Zeitpunkt übersehene Hinweis darauf, dass ihr Kind an dieser Schule nicht erwünscht war. "Wir dulden so etwas nicht an unserer Schule!", hatte die Klassenleitung auftrumpfend auf das Papier geschrieben. Dass ein Kind krank werden kann? Über diese offensichtliche grobe Fehleinschätzung hinaus, hatte die Mutter solche altbackenen Formulierungen im königlichen Wir-Format in zu diesem Zeitpunkt 21 Jahren Schulelternschaft noch nie zuvor aus dem Mund auch nur einer einzigen Lehrkraft gehört. Sie zweifelte das erste Mal ernsthaft am Verstand dieser Klassenleitung. Doch zum weiteren Grübeln hatte sie keine Zeit:
Das Kind sollte in in den nächsten acht Wochen mehrmals für mehrere Tage stationär und viele Stunden lang an vielen weiteren Tagen ambulant im Krankenhaus, bei diversen Fachärzten, bei seinem Kinderarzt, inklusive zahlloser, anstrengender Untersuchungen verbringen. Die Mutter und das Kind waren nur noch unterwegs - oder es lag flach, geschüttelt von Bauchkrämpfen und Kopfschmerzen, Vater und Geschwister hielten Haushalt und Alltagsleben aufrecht. Am Ende der zweimonatigen Odyssee stand lediglich fest, dass eine Infektion stattgefunden hatte, aber welche und durch welche Erreger hervorgerufen, konnten die Ärzte nicht mehr feststellen. Während es im Krankenhaus war, musste das Kind auch einen Leistungstest machen. Es kam heraus, das Kind sei "genau da, wo es hingehört, auf einem Gymnasium".

Ausradiert

Nach den ersten vier Wochen des Dramas, als die Symptome einen Tag lang vorübergehend etwas nachließen, sagte das Kind, es vermisste langsam die Schule. Es wurde von einer netten Klassenkameradin über die ganze Zeit mit Hausaufgaben versorgt, die es damit schaffte, das Kind acht Wochen lang auf dem Laufenden zu halten. Die Ärzte wollten zu dem Zeitpunkt das Kind, kurz vor Weihnachten, noch einmal stationär aufgenehmen, mit dem Versprechen, sie würden den Grund nun sicher finden. Das Kind wollte nicht. Es wollte einfach nur gesund "sein" und wieder in die Schule gehen. Da kam die Mutter auf die Idee, ihm das Klassenfoto zu zeigen, das noch vor der Erkrankung aufgenommen worden war, damit es daran glauben konnte, die Ärzte machten es jetzt erst einmal gesund und dann könnte es wieder zur Schule gehen. Sie riefen gemeinsam das Klassenfoto auf der Webseite auf und waren geschockt: Das Kind war aus dem Klassenfoto radiert worden. Die Eltern erfuhren nie, wer veranlasst hatte, das Kind quasi in Luft aufzulösen, als wäre es in der Schule nie vorhanden gewesen. Es handelte sich wohl um den dritten Hinweis darauf, dass dieses Kind in dieser Schule nicht erwünscht war. Aber solche Spitzfindigkeiten hätten nur Menschen richtig deuten können, die nicht normal-gutgläubig und nicht (noch) voller Vertrauen in die Schule waren, wie die Eltern. Das Kind wurde auf Nachfragen der Mutter wieder in das Foto eingefügt. Der Schock saß trotzdem. Die absichtliche Ausgrenzung des Kindes war, ohne dass die Eltern es schon ahnten, bereits zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange.

Anfang 2013 hatte das Kind es endlich geschafft: Es hatte zwar fast zehn Kilo abgenommen, aber es war sichtbar und endlich gesund, nur noch etwas blass um die Nase. Es ging wieder in die Schule. Die Mutter hatte die Schule und die Klassenleitung in den acht Wochen telefonisch und per E-Mail auf dem Laufenden gehalten. Von der Klassenleitung kam einmal eine Nachricht zurück: Man müsse dann sehen, wie man das Kind wieder integrieren könne und wünschte alles Gute. Das klang mehr gequält als - einladend. Dass sich in den vergangenen zwei Monaten - mit Ausnahme der Hausaufgaben-Übermittlerin-Familie - ansonsten niemand aus der Schule bei dem Kind oder seinen Eltern gemeldet hatte, darüber wunderten sich die Eltern erst sehr viel später, mitten im Geschehen waren sie viel zu sehr beschäftigt.

Die Freude über die Rückkehr des lange fehlenden Kindes währte in dieser Klasse überraschend kurz: Nur vier Tage nach seinem ersten Schultag, erreichte die Mutter eine Nachricht, die Klassenleitung möchte gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin der Familie einen Hausbesuch abstatten, nachdem sie sich acht lange Wochen nicht ein einziges Mal blicken gelassen hatten. Die Eltern lehnten ab. Trägt die Besichtigung des elterlichen Wohnzimmergarnitur zu einer objektiveren Beurteilung von Schulleistungen bei? Und was sollte eine völlig fremde Person in Form irgendeiner bis dato unbekannten Schulsozialarbeiterin in einer Familie, die nach so einer schweren und langen Erkrankung jetzt nur noch eines benötigte, nämlich die wohlverdiente, überfällige Erholung? Die Mutter vereinbarte einen Termin in der Schule, immer noch nichtsahnend. Sie erfuhr bei diesem Gespräch aber nicht, wie das Kind nun noch fehlenden Stoff aufholen oder gar, welche Förderung es von der Schule eventuell "angeboten" bekommen könnte oder irgendetwas anderes Sinnvolles oder Zielführendes: Die Mutter wurde von zwei Seiten (wie naiv, allein und damit ohne Zeugen dort zu erscheinen ) mit den exotischsten Vorwürfen eingedeckt, die sie jemals in einem Schulgebäude zu hören bekommen hatte. Doch dazu später, vor diesem Gespräch sollte nämlich noch etwas sehr viel Exotischeres passieren.

Schulterror

Nur knapp drei Wochen nach der Rückkehr des Kindes in die Schule, rief bei der Mutter zu ihrer sehr großen Überraschung die Polizei an, die damit, im Gegensatz zur Klassenleitung, die Eltern nun ganz nebenbei endlich darüber aufklärte, was in dieser Schule und insbesondere in dieser Klasse eigentlich vor sich ging: Ein Elternteil in der Klasse des Kindes hatte, und zwar bereits vor vier Wochen - und damit in Abwesenheit des Kindes um Weihnachten herum - allen Ernstes Anzeige gegen die Eltern des Kindes wegen des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung erstattet.
Es war leicht herauszufinden, dass es sich dabei um den Vater des Jungen handelte, der immer so seltsame Einfälle hatte. Der Vater hätte sich angeblich "Sorgen gemacht", so die Polizei, weil das Kind solange nicht in der Schule war. Warum dieser Vater, wenn er sich angeblich so viele Sorgen gemacht hatte, dann aber das Kind mit seinem Sohn nicht ein einziges Mal im Krankenhaus besucht hatte, konnte der Polizist leider nicht sagen, dem das alles offenbar auch nicht ganz geheuer war. Gleichzeitig oder gerade deshalb wollte er auch tunlichst gar nichts falsch machen. Das Ergebnis lautete: Im Zweifel gegen die Angeklagten. Es lebte die Demokratie (schon lange nicht mehr).

Und damit wurde es nun richtig abstrus: Wegen der Anzeige dieses Vaters hätte die Polizei nach eigenen Angaben dann mehrmals bei der Klassenleitung in der Schule angerufen. Die Eltern waren von der Klassenleitung darüber nicht ein einziges Mal informiert worden, was sich hinter ihrem Rücken in der Schule ihres Kindes abspielte. Die Klassenleitung hatte dann nichts Besseres zu tun, als das schutzbefohlene Kind, das in dem angegebenen Zeitraum noch krank war, vor der Polizei als angeblich verhaltensauffällig zu diskreditieren. Die persönliche Meinung irgendeiner Lehrkraft reichte also vollkommen aus, um noch viel weiter zu gehen. Wegen dieser großmannsüchtigen "Einschätzungen" eines (der Mutter von Anfang an höchst unsympathischen) Vaters und einer Klassenleitung, die sich damit selbst ad hoc zum Experten für Verhaltensauffälligkeiten erklärte (während sie es später ständig ablehnte, die dafür wirklich zuständigen und ausgebildeten schulpsychologischen Experten* in ihre Klasse zu lassen), hätte die Polizei die Anzeige des Vaters dann an das Jugendamt weiterleiten müssen, so die Polizei nach eigenen Angaben.
Das war der nächste, der schwerwiegendste sowie inzwischen xte Hinweis darauf, dass dieses Kind in dieser Klasse offensichtlich mehr als nur unerwünscht war. Kaum, dass es genesen und wieder zurück in der Schule war, scharten sich gleich mehrere "Erwachsene" um das Kind, um es schwer zu beschädigen. Dieses Mal begriffen auch endlich die bisher vertrauensseligen Eltern, dass das, was in dieser Klasse vor sich ging, einfach nicht mehr normal sein konnte.

Ein paar Tage später folgte das sinnentlerte "Gespräch", auf das die Mutter vorher noch Hoffnungen gesetzt hatte, es würde irgendetwas aufklären. Es bestand ausschließlich aus einseitigen Beschuldigungen: Das Kind hätte sich, laut Klassenleitung, angeblich ein Mörderlied nach der Melodie eines bekannten Volksmusikers (die Familie hörte keine Volksmusik) ausgedacht. Es war leicht herauszufinden, dass der Erfinder in Wahrheit der Junge mit den seltsamen Ideen war, mit dem sich das Kind leider angefreundet hatte und dessen Vater die Eltern angezeigt hatte.
Das Kind hätte - ließ man über die Sozialarbeiterin ausrichten - außerdem im Kunstunterricht eine Folterkammer in sein Traumhaus gemalt. (Später erteilte dieselbe Kunstlehrerin dem Kind gleich zweimal eine 5 im Zeugnis, worüber sich die Eltern beim ersten Mal noch amüsierten, noch nichts davon ahnend, wie ernst es diese Lehrkraft stets damit gemeint hatte, das Kind aus der Schule herauskatapultieren zu wollen). Mon dieu, wie schlimm, eine Folterkammer in einem Traumhaus! Die Mutter erinnerte sich später, dass es noch vor wenigen Jahren bei Jungen üblich war, mit großer Hingabe grässliche Monster zu zeichnen und niemand fand solche Zeichnungen irgendwie besonders. Es war relativ leicht herauszufinden, dass mindestens ein halbes Dutzend Jungen der Klasse genau dasselbe getan hatten. Aber man machte wieder einmal allein dieses Kind dafür verantwortlich, aus welchen Gründen auch immer. Und es war offenbar nicht leicht für eine erfahrene Kunstlehrerin, schlicht anzuordnen, es würden in ihren Traumhäusern einfach keine Folterkammern geduldet - und das unter der "Führung" einer Klassenleitung, die doch stets in der königlichen "Wir"-Form alles Mögliche nie "duldete".

Und genauso ging es weiter: Das Kind hätte angeblich das Wort "Porn" über den Schulhof gerufen, ein Wort, dass die Eltern aus den Mündern zumindest ihrer Kinder noch nie gehört hatten. Und wieder war es sehr leicht herauszufinden, dass auf diesem Schulhof für ein Gymnasium erstaunlich viele unflätige Worte regelmäßig von einer auffällig großen Menge Fünft- und Sechstklässlern gerufen wurden. Entweder hatte sich das Kind lediglich den vorgefundenen Verhältnissen angepasst oder das Wort sogar nie gesagt, wie es behauptete. Solche Ausdrücke waren in seiner Familie schon immer verpönt, was die Geschwister und Freunde (denen wurde es in ihrem Haus ganz genauso verboten) hätten leicht bezeugen können. Und es wurde inzwischen immer leichter, dem Kind irgendetwas in die Schuhe zu schieben. Einige der Kinder merkten sehr schnell, was von ihnen erwartet wurde: Wenn die Lehrer negative Meldungen über ein bestimmtes Kind dankbar erwarteten, wurden sie von diesen Kindern entsprechend beliefert. Das erwachsene Umfeld nahm die Beschwerden über das Kind allzu gerne eins zu eins und damit mindestens viel zu leichtfertig entgegen.

Die Eltern beschwerten sich nun bei der Schulleitung über einen derart rüden Umgang mit einem Kind, das immerhin gerade eine lange schwere Erkrankung überstanden hatte und etwas Erholung vertragen könnte. Es fanden mehrere Gespräche statt. Die Schulleitung schaffte es, die Situation in der Klasse einigermaßen zu befrieden. Das sollte jedoch nur kurz vorhalten, die nächste Attacke stand unmittelbar bevor, was die Eltern jedoch noch nicht wissen konnten. Sie hoffent immer noch (vergeblich) auf die Einkehr von Ruhe. Bei einem dieser Gespräche schlug die Mutter das erste Mal die Hinzuziehung der für Schulprobleme ausdrücklich zuständigen *Schulpsychologen vor. Dies sollte sie noch mehrmals vergeblich wiederholen. Es wurde stets abgelehnt, als hätte man es gar nicht nötig, sich von Experten beraten zu lassen. Ein gewisses Desinteresse an einer wirklichen Aufklärung der Vorgänge dürfte dabei eine große Rolle gespielt haben.

Knapp zwei Wochen nach dem albernen Gespräch, passierte die nächste Katastrophe und zwar eine, auf die alle diejenigen, die sich bisher vergeblich darum bemüht hatten, das Kind möglichst schnell loszuwerden, nur gewartet zu haben schienen. Jetzt kam ihre größte Chance. Drei Mädchen ärgerten das Kind in der Pause auf dem Schulhof, wie sie es ständig (!) taten. Sie riefen fortlaufend Schimpfwörter im Chor. Das Kind bat daraufhin die Pausenaufsicht um Hilfe, aber die reagierte nicht. Die Mädchen ärgerten das Kind ungehindert weiter. Das Kind verlor für einen Moment die Fassung und haute einem einmal auf den Kopf. Daraufhin handelte das pädagogische Personal nicht besonnen, pädagogisch oder wenigstens überlegt, wie man es wohl erwarten würde, sondern verfiel in einen hysterischen Aktionismus-Modus:
Zügig wurde noch am selben Tag und wieder einmal, ohne die Eltern über diesen Vorgang zu informieren, von diversen Beteiligten und Unbeteiligten ein Fax an das Jugendamt versendet, mit der ungeheuren Behauptung, das Kind hätte das andere Kind angeblich "bis zur Atemnot auf die Brust geschlagen" Das Kind selbst wiederholte dagegen immer wieder, es habe dem anderen Kind einmal auf den Kopf gehauen - und schämte sich deshalb schon mehr als genug. Keiner dieser Super-Pädagogen glaubte ihm ein einziges Wort, nur seine Familie. Das Kind bekam nun einen schriftlichen Schulverweis mit derselben bereits im Fax an das Jugendamt gesendeten, ungeheuren Behauptung, die nie sachlich überprüft worden war. Sie fingen jetzt an, richtig verrückt zu spielen. Sie schreckten jetzt nicht einmal mehr davor zurück, nicht nur dem Kind, sondern inzwischen auch dessen ganzer Familie und damit auch sämtlichen Geschwistern öffentlich Schaden zuzufügen.

Die Eltern wurden von der Schule gar nicht erst angehört, sie hätten sich angeblich bereits mit dem schriftlichen Gedächtnisprotokoll ihres Kindes ausreichend geäußert, hieß es, das aber auch niemanden interessierte. Und wen wunderte es: Das Jugendamt kündigte nun seinen Besuch in der Familie an - und beendete damit den immer irrsinniger werdenden Aktionismus aus der Schule. Die Eltern sprachen nun wieder mit der Schulleitung, inzwischen im höchsten Maße empört über die Vorgänge. Und wieder befriedete die Schulleitung, weitestgehend im Alleingang, den Wahnsinn in dieser Klasse.

Trügerische Mobbing-Pause

Damit herrschte nach den Wochen der Scheußlichkeiten zunächst eine für die meisten Beteiligten äußerst angenehme Ruhe vor. Die versammelten Stalker des Kindes sowie Eltern waren mit ihrem Erfolg entweder vollauf zufrieden - sie hatten den Ruf von Kind und seiner Eltern zumindest im "Behördenaustausch" immerhin teilweise erfolgreich beschädigt. Oder sie wussten in dem Moment einfach nur nicht, wie sie mit ihrem temporären Misserfolg nun umgehen sollten, das Kind immer noch nicht erfolgreich aus der Schule radiert zu haben. Dass sie in Wirklichkeit lediglich vorübergehend "anderweitig beschäftigt" waren, konnten die Eltern zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Aber die Häscher des Kindes gaben lange noch nicht auf. Ihre nächste Chance sollte bald kommen. Das Kind wurde zunächst für ein paar Wochen in Ruhe gelassen. Die Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Auch dem Kind ging es immer besser, seinen Leistungen genauso. Es lachte endlich wieder und wurde immer fröhlicher. Die Situation war entspannt - eine trügerische Ruhe. Es wurde zwar fortan auch strengstens bewertet, die Eltern hatten manchmal den Eindruck, es würde in einigen Fächern so schlecht bewertet wie es nur irgendwie ging, aber es hielt sich trotzdem gut, es war gesund, es hielt durch, dank seiner wachsenden Widerstandskraft. Nur wenige Fachlehrer hatten sich in der ganzen Zeit von dem Irrsinn in dieser Klasse nicht anstecken lassen bzw. konnten sich diesem entziehen und urteilten weiterhin stoisch unabhängig und damit souverän. So langsam, dachten die Eltern, ließen auch diejenigen, die sich in das Kind regelrecht verbissen hatten, endlich von ihm ab. Sie sollten einmal mehr irren.

In der nächsten Klassenstufe setzte sich die gute Entwicklung fort, bis auf ein paar immer weniger werdende Wackel- Zensuren, stabilisierte sich das Kind immer weiter. Die zweite Fremdsprache fiel ihm leicht und es blieb gesund. Dieses Jahr sollte trotz allem, was man dem Kind angetan hatte, das erste infektfreie Jahr seines ganzen Lebens werden, Prognose eingetroffen.
Die Aufklärung über die in der Schule erstaunlichen, aber nur vordergründig unbeschwerten Tage folgte wenig später auf dem Fuße, durch die Anrufe einer anderen Mutter. So erfährt die Mutter des Kindes schließlich das große Geheimnis dieser für zumindest ihr Kind einzigen, ruhigen Monate in der Klasse: Der Sohn der anderen Mutter war in dieser ganzen Zeit nämlich das Ziel diverser Mobbingaktionen gleich einer ganzen Reihe von Kindern der Klasse gewesen. Wie das "Schicksal" in dieser Klasse es offenbar so "wollte", musste es wohl immer irgendein Opfer geben. Irgendjemand dort führte "Regie". Und so setzte das durch die schönen, ruhigen Wochen fast schon in Vergessenheit geratene Mobbing gegenüber dem Kind exakt in jendem Moment wieder ein, als das andere Kind der anderen Mutter nach mehreren Monaten in Ruhe gelassen werden musste. Es war eine große Konferenz dazu abgehalten worden, die dafür gesorgt hatte. Die Mutter ahnte es bereits, dass es wieder losgehen würde, als sie vom Kind erfuhr, der übliche Gemeinheiten-Verteiler hatte einen Zettel mit einer seiner typischen Beleidigungen herumgegeben. Das Jüngelchen langweilte sich also wieder.

Selbstverwirklichung für Kampferprobte

Nun, im letzten Halbjahr wurde das Kind richtig geschlagen, immer massiver und musste immer wieder verarztet werden. Die Ärzte dokumentierten u.a. eine geprellte Kniescheibe, Hämatome durch Tritte mehrerer Kinder in das bereits am Vortag verletzte Bein (geschubst worden), eine Hornhautverletzung und geplatzte Äderchen durch einen Faustschlag aufs Auge, Schmerzen im Unterleib und Blut im Urin durch einen heftigen Tritt in den Unterleib. Die Mutter musste weitere "harmlosere" Verletzungen behandeln, u.a. einen Faustschlag auf die Nase, die anschwoll und ein rot geschwollenes Gesicht nach Ohrfeigen, von vier Kindern gleichzeitig ausgeteilt. Nur eines entschuldigte sich später, seinen verantwortungsvollen Eltern geschuldet, die es dazu angehalten hatten. In dieser Klasse indes hielt offenbar niemand dazu an, das Kind nicht zu schlagen. Man war schließlich auch selbst im höchsten Maße unfähig, eigene Fehler einzugestehen.
Als das Kind geschubst worden war, mit geprellltem Knie und Schürfwunden nach Hause humpelte, meinte die Lehrkraft, es hätte sich selbst hingeworfen und keine Schürfwunden. Das hätte die Lehrkraft selbst gesehen. Als die Mutter sagte, sie hat die Schürfwunden fotografiert, wurde die Lehrkraft etwas freundlicher, aber drohte nun damit, das Kind vom Unterricht auszuschließen.
Die Mutter beschwerte sich bei der Mutter des Kindes, das ihrem Kind den Faustschlag aufs Auge verpasst hatte. Diese Mutter beklagte lediglich, dass ihr eigenes Kind damit nun an den Pranger gestellt würde und über das Opfer ihres Kindes würde "ja auch viel geredet." Der Fachausdruck dafür heißt, wie die Mutter des Opfers erst viel später lernen sollte "Victim Blaming".
Und das erwachsene Schulumfeld? Es bemerkte angeblich gar nichts von dieser giftigen Atmosphäre. Oder man war hochzufrieden darüber, dass das missliebige Kind so dermaßen verprügelt wurde, dass es ständig verletzt aus dem Unterricht abgeholt werden musste.

Die Mutter beschwerte sich über die Schläge bei der Klassenleitung und forderte, die Vertrauenslehrer hinzuziehen. Die Vertrauenslehrer hätten keine Zeit, lautete die lapidare Antwort. Die Klassenleitung schob damit ungestört die Schuld auf das geschlagene Kind, es würde angeblich provozieren und das schlagende Kind hätte gesagt, "das Auge war schon rot". Die Klassenleitung hatte zur Feststellung der Hauptschuld des Opfers eigens ausführliche Gespräche mit den tätlichen Kindern und den Fachkollegen geführt, die laut eigenen Angaben der Klassenleitung allesamt derselben Meinung gewesen wären, das Kind würde es provozieren, geschlagen zu werden. Der für den Faustschlag aufs Auge.Verantwortliche musste sich noch nicht einmal entschuldigen, der für den Unterleibstritt Verantwortliche nur rudimentär, Letzterer wurde in einer erstaunlich zügigen Opfer-Täter-Umkehrung gleich selbst zum Opfer erklärt, worauf dessen Mutter, die anschließend mit der Mutter des geschlagenen Kindes telefonierte, sehr stolz war: Die doch tolle Klassenleitung hätte ja so viel Verständnis, dass ihr prügelnder Junge lediglich von dem Kind provoziert worden wäre. Dass dieses Kind von ihrem kampferprobten Kind ernsthaft verletzt worden war, interessierte sie schon weniger und dass ein Tritt in den Unterleib darüber hinaus sowieso das Allerletzte ist, offenbar gar nicht.

Das Kind, das jetzt, weil es von anderen Kinder verprügelt wurde, ständig aus dem Unterricht geholt und zum Arzt transportiert werden musste, verpasste nun immer mehr Unterrichtszeit, es war verletzt, es hatte Schmerzen, es bekam es langsam mit der Angst vor diesen brutalen Prüglern zu tun, es saß in Warte- und Untersuchungszimmern, statt Vokabeln zu lernen - und kam in beiden Fremdsprachen trotzdem mit. Es verpasste eine Mathearbeit, die im Park, ohne sanitäre Anlagen, geschrieben werden musste. Die anderen hielten alle an - und ihren Mund. Das war so üblich in dieser Klasse.

Fertigmachen für die Entsorgung

In der Zwischenzeit trat die Kunstlehrerin, von dem Kind hilflos als "die Künstlerin" bezeichnet, wieder auf die Bühne des Geschehens, die einmal in der Woche eine Stunde unterrichtete. Der Junge mit den komischen Ideen stellte in der Pause einen Tisch vor die Klassentür, das Kind war gefangen, aber es konnte die Tür mit dem Tisch aufschieben. Bei der nächsten Gelegenheit schob es dem Jungen dann seinerseits den Tisch vor die Tür. Der haute dann die Tür dermaßen ruppig auf, dass gleich der ganze dahinterstehende Tisch mit lautem Radau umfiel. Bestraft dafür wurden aber nicht beide Kinder, sondern exklusiv wieder nur das Kind. Die Kunstlehrerin rief eigens die Mutter an und verlangte allen Ernstes, sie solle das Kind sofort entgegennehmen, es wäre jetzt angeblich "nicht beschulbar". Die Mutter weigerte sich, sie wollte, dass das Kind weiter am Unterricht teilnahm, das Kind wollte auch am Unterricht teilnehmen, es waren laut Plan noch zwei Stunden. Die Lehrerin drohte, mit einer schriftlichen Missbilligung, wenn die Mutter jetzt nicht sofort parierte. Die kommt sowieso, dachte die Mutter und bestand beherzt auf die Teilnahme am Unterricht. Ein paar Tage später erhielt das Kind seine dritte schriftliche Missbilligung, von der Klassenleitung, blind für alles, was das Kind betraf, unterzeichnet. (Erste: Aufstoßen, als es krank wurde, Zweite: Herumstehen auf dem Flur in einer unbeaufsichtigen Unterrichtsstunde), wegen eines umgefallenen Tisches, den es nicht umgeworfen hatte.

Die Mutter beschwerte sich wieder bei der Schulleitung und bezeichnete die Vorgänge in dieser Klasse nun als schweres Mobbing mit Lehrer- und Elternbeteiligung. Außerdem legten die Eltern nach über zwei Jahrzehnten als Schüleltern zum ersten Mal in ihrem Leben Dienstaufsichtsbeschwerde ein, gegen die Klassenleitung und gegen die Kunstlehrerin, die beide das Kind in fortlaufend penetranter Weise diskreditiert und damit schwer beschädigt hatten und die insbesondere nichts dagegen unternahmen, dass es ständig verprügelt wurde.
Die Antwort darauf wurde kryptisch formuliert und in der Sache nützte es nichts: Am Ende blieb den Selbstgerechten immerhin noch das Mittel, zweifelhafte Zensuren zu verteilen, um ein Kind endlich erfolgreich zu entsorgen, das sich dank seiner Widerstandskraft zwei Jahre lang weder durch Krankheit noch durch Schläge, weder durch üble Beleidigungen und Dikreditierungen am laufenden Band noch durch einseitige Bestrafungen und Beschuldigungen, weder durch versteckte Angriffe noch durch offene Attacken und andere Mobbing-Aktionen davon abhalten gelassen hatte, schlicht und einfach in die Schule zu gehen.

So wurde das Kind am Ende mit drei Fünfen in den Fächern Geographie, Kunst und Musik sowie einer zuletzt noch aus dem Hut gezauberten Fünf in Physik, und damit mit Fächern, die je eine Stunde pro Woche erteilt wurden, doch noch erfolgreich fertiggemacht - und von der Schule verwiesen. Alle Schläger durften bleiben. Wahrscheinlich entsprachen diese körperlich und geistig robusten Kinder eher den persönlichen Vorstellungen zumindest derjenigen Pädagogen und Eltern, die sich selbst schließlich auch nicht zu schade dafür waren, im Rudel auf das schwächste Glied einer Unterstufenklasse loszugehen. Der Vorgang, der bereits frühzeitig mit dem Ausradieren aus dem Klassenfoto angekündigt worden war, war nun abgeschlossen, den die Eltern nur deshalb verkannt hatten, weil sie solch ein aggressives Verhalten von Lehrern und Eltern noch nie zuvor erlebt hatten. Und genau das erschien Ihnen zunächst auch so unglaublich und unvorstellbar zu sein, dass sie ohne die sich anschließende Kette grauenhafter Ereignisse, niemals auf die Idee gekommen wären, so etwas könnte jemals an einer allgemeinbildenden Schule in Deutschland geschehen. Zukunft

Das fliegende Kind landete direkt in den Armen von sehr klugen und verantwortungsvollen Lehrkräften. Beinahe hätten die Eltern des Kindes schon angenommen, solche Lehrer wären dem deutschen Schulwesen in den vergangenen 23 Jahren etwa einfach abhanden gekommen.

Von einer wahren Begebenheit inspiriert.
Die Figuren und ihre privaten und beruflichen Handlungen sind frei erfunden

Wie konnte so etwas passieren?

Wie konnte so etwas passieren, in einem Bildungssystem, das sich als Teil der Demokratie auch selbst als Hüter des Wohles des Kindes versteht, dass es eine reine Machtdemonstration einiger offensichtlich vorwiegend eher um das eigene Wohl besorgter Lehrkräfte und Eltern auf Kosten eines schutzbefohlenen Kindes zuließ?
Hat am Ende ein Teil der gegenwärtig erwachsenen Generation womöglich gar kein Interesse daran, dass aus den ihnen anvertrauten Kindern eines Tages selbstständige Menschen werden, die ihre eigenen Rechte kennen?
Wie erfolgreich werden sie damit sein, diejenigen Eltern und Lehrer, die Kinder eben nicht zu verantwortungsvollen Staatsbürgern, sondern höchstens noch zu von sich selbst überzeugten Egoisten, begnadeten Mobbern oder passiven Mitläufern erziehen, für die sie selbst das beste Beispiel abgeben?
Und was hat das alles noch mit Bildung zu tun?

Lesen Sie weiter:
2. Die Strukturen I - Heil'ge Bildungshallen

Es folgen
3. Strukturen II - Die schöne neue Welt des Kindeswohls
4. Die Menschen im System
5. Epilog


2015-04-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto + Foto-Banner: ©aph

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