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Bye-bye Bildung, Demokratie adieu II

Ein Lehrstück in fünf Akten

2. Teil: Strukuren I - Heil'ge Bildungshallen

von Angelika Petrich-Hornetz

Wie konnte so etwas nur passieren? Diese Frage aufgreifend, versucht der zweite Teil nun die Hintergründe des monströsen Verlaufs der Geschichte auszuleuchten, also die Strukturen, in denen sich das ganze Geschehen abspielte, zunächst die des gymnasialen Schulsystems

TafelNormalerweise dürfte so etwas gar nicht passieren. Es gibt im deutschen Rechtsstaat und damit auch in den Schulsystemen der sechzehn Bundesländer genügend Sicherungen in Form von Gesetzen und vielen weiteren Regelungen, die es grundsätzlich nicht zulassen, das ein Kind in einem Strudel von Ausgrenzung, falschen Beschuldigungen und unprofessonellem Verhalten untergeht, statt, dass es das erfährt, was es suchte, nämlich Bildung.
Und trotzdem handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall oder eine sehr außergewöhnliches Erlebnis. Ausgrenzung, Gewalt und Schläge sind in deutschen Schulen und darunter auch in Gymnasien leider an der Tagesordnung. Und wie in vielen ähnlichen Erlebnisberichten, gab es auch in dieser fiktiven Geschichte nach einer wahren Begebenheit genügend Hinweise darauf, dass diejenigen, die sich hätten kümmern müssen, an viel zu vielen Stellen wegsahen und weghörten, als sie hätten hinsehen und hinhören sollen.

Die föderale Vielfalt der Regeln Verordnungen und Erlasse in 16 Bundesländern

Es war zunächst geplant, in allen Bundesländern zu recherchieren, aber dieses Vorhaben, das ganze Bildungssystem auf eventuelle Lücken zu untersuchen, durch die Kinder immer noch durch den berühmten Rost fallen, musste angesichts der Masse der vorhandenen Regeln zügig wieder aufgeben werden. Es existiert aktuell eine solche Menge an (unterschiedlichen) Vorgaben, dass daraus schlicht eine Buchreihe in mindestens zehn Bänden entstehen müsste - und so beschränken ich mich hier weitestgehend auf das Bundesland Schleswig-Holstein sowie die Regeln, die ausdrücklich mit der hier zu erörternden Geschichte zusammenhängen, die aber, das sei betont, durchaus beispielhaft und auf andere Bundesländer übertragbar sind. Kleine Unterschiede mit großen Wirkungen sind genauso vorhanden.

Zum Beispiel ist in einem Bundesland in den Gymnasien das Fach Religion nicht versetzungsrelevant, in einem anderen ist es das Fach Musik. Einige haben auch in den Unterstufen der Gymnasien - häufig auch Erprobungstufe oder Orientierungsstufe genannt - zumindest ähnliche Regeln wie die früher auch in diesem Bundesland gültigen Ausgleichsmöglichkeiten zwischen Zensuren von Fächern gleicher oder unterschiedlicher Gewichtung - und damit existieren in dem ein oder anderen Bundesland auch noch Hauptfächer und Nebenfächer.
Um nur ein Beispiel zu nennen: In Nordrhein-Westfalen gilt bei der Versetzung in dem 7. bis 9. Klassem noch ein Ausgleichssystem, dass es ermöglicht, eine mangelhafte Zensur in den Fächern Deutsch, Mathematik und in der ersten und zweiten Fremdsprache mit einer befriedigenden Zensur in einem anderen Fach dieser Fächergruppe auszugleichen.
Ein weiteres Mangelhaft in einem der anderen Fächer verhindert die Versetzung ebenfalls nicht, so dass Schüler einer 6sten Klasse in NRW durchaus mit zwei Fünfen, eine in einem Hauptfach, wenn diese ausgleichen wird, sowie einer zweiten Fünf in einem Nebenfach versetzt werden können. Zwei nicht ausreichende Zensuren, darunter eine mangelhafte, in den übrigen Fächern können ebenfalls mit besseren Zensuren in anderen Fächern ausgeglichen werden. Über eine drohende Nichtversetzung und die Empfehlung zur siebten Klasse die Schulart zu wechseln, müssen die Eltern darüber hinaus in vielen Bundesländern sogar mehrere Wochen vorher und damit ausreichend frühzeitig vor dem Ende des Schuljahres/der Erprobungsphase informiert werden, so dass noch ausreichend Zeit bleibt, eine neue Schule zu finden.

Man kann nur hoffen, jemand machte sich irgendwann die zeitaufwendige Mühe, in allen Bundesländern die unterschiedlichen Regeln auf ihre Praxistauglichkeit hin zu analysieren. Äußerst komfortabel wäre ein Computerprogramm, in das sämtliche Regeln eingespeist würden, so dass Eltern die Möglichkeit hätten, herauszufinden, in welchem Bundesland ihr Kind mit welchen Regeln versetzt wird und in welchem nicht. Die Unterschiede dürften je nach Kind und Leistungen durchaus interessant ausfallen, nicht nur für Schüler und Eltern, sondern ausdrücklich auch für Schulpolitiker.

Um diese Einführung in das bundesdeutsche Regelwirrwarr nun abzuschließen, noch der Hinweis darauf, dass an dieser Stelle solch eine umfangreiche Arbeit nicht geleistet und damit auch ausdrücklich keine wissenschaftliche Untersuchung erfolgen kann. Quellen waren im weitesten Sinne alle Schulgesetze , dazu diverse Verordnungen und Erlasse, die hier nicht gesondert angegeben werden, weil die für diesen Artikel relevanten überall nachlesbar sind. Das trug eindeutig zur Transparenz bei. Es gibt allerdings immer noch Vorschriften, die wirklich schwer auffindbar sind, obwohl sie äußerst wichtig werden können. Solche Quellen wurden schließlich nicht genutzt, weil sie für den Artikel nicht wichtig genug waren, aber eine weitere und tiefere Recherche kann nur empfohlen werden. Dieser Artikel erhebt daher weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit oder Aktualität. Diese vornehme Aufgabe bleibt nach wie vor ausgewiesenen Schul- und Bildungsexperten überlassen.

Die einfachste Versetzungsregel - ein bisschen von allem

In dem Bundesland, in dem sich die Geschichte abspielte, gibt es keine Ausgleichsmöglichkeiten und auch keine Fächer, die mehr wert sind als andere Fächer. So lautet die anspruchslose Regel, um nach der Erprobungphase (5. und 6. Klasse) in die Mittelstufe versetzt zu werden: Bis auf ein Mangehaft müssen die Schüler und Schülerinnen nach der Erprobungsstufe in sämtlichen Fächern mindestens ein "Ausreichend" geschafft haben, und somit auch in Religion, Sport, Musik und Kunst. Das Kind in der Geschichte wurde mit vier Fünfen in den Fächern Geographie, Physik, Kunst und Musik von der Schule als nicht gymnasialtauglich verwiesen.
Was dem Familien- und Freundes-Umfeld dabei sofort negativ auffiel, war der Umstand, dass es sich nach dessen Meinung doch lediglich um "Nebenfächer" handelte. Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis ergab: Die meisten der befragten Ende Dreißig- bis Ende Vierzigjährigen wussten noch gar nichts davon, dass es in ihrem Bundesland (ähnliche Regeln gelten in weiteren Bundesländern) seit dem 1. August 2008 gar keine Nebenfächer mehr gab. Und das, obwohl einige von ihnen selbst Kinder an Gymnasien hatten. Die unterschiedliche Fächergewichtung war 2008 einfach abgeschafft worden, und eine neue Versetzungsverordnung trat in Kraft, offenbar ohne, dass es jemandem besonders aufgefallen war. Die alte Versetzungsverordnung, deren Ausgleichsmöglichkeiten von 1982 bis 2008 Bestand hatten, wurden noch ein paar Mal geändert, die Regel, in allen Fächern eine Vier erreichen zu müssen blieb bestehen. 2014 wurde die Nicht-Versetzung nach der Orientierungsstufe insofern etwas komplizierter für die Klassenkonferenz zu beschließen, als davon betroffene Kinder vorher noch "individuelle Fördermaßnahmen" angeboten werden müssen. Erst, wenn diese auch nichts bringen, darf ein Kind aus der Schulform Gymnasium verwiesen werden.

Um nicht nur versetzt zu werden, sondern auch als gymnasialtauglich als solches zu gelten, muss ein Kind im letzten Zeugnis der Unterstufe bis heute also in allen Fächern mindestens eine Vier (ausreichend) erhalten. Es darf höchstens noch eine Fünf (mangelhaft) im Zeugnis haben, weitere mangelhaften Zensuren, konnten und können nun nicht mehr, wie zuvor mehrere Jahrzehnte lang, ausgeglichen werden.
Warum diese heute geradezu luxuriös anmutenden Ausgleichsmöglichkeiten abgeschafft worden sind, war zeitnah nicht mehr herauszufinden. Es gab darum Debatten in den Landtagen, die zu studieren allerdings ebenfalls ein paar Wochen in Anspruch genommen hätten. Vielleicht wollten die einen damit die Chancen von Kindern erhöhen, die nicht besonders stark in den früheren Hauptfächern (Deutsch, Mathematik, erste und zweite Fremdsprache) waren. Oder man wollte die Chancen von eher musisch oder sportlich begabten Kindern erhöhen, um es lediglich anders auszudrücken. Oder man wollte Kindern als solchen, die Möglichkeit geben, ihre Talente auch später noch besser geltend zu machen, indem erst einmal alle Fächer zur Bewertung der Gymnasialtauglichkeit herangezogen werden? Also, auch diese drei Fächer Kunst, Musik und Sport, die vor der Änderung der Versetzungsverordnung im Jahr 2008 in Schleswig-Holstein überhaupt nicht versetzungsrelevant gewesen waren. Oder man empfand diese mehrere Jahrzehnte lang geltende unterschiedliche Gewichtung der Fächer für die Allgemeinbildung als nicht mehr zeitgemäß. Schließlich wird auch der Arbeitsmarkt immer spezialisierter. Irgendeinen Sinn muss dieser Unsinn jedenfalls gehabt haben: Leider erschließt sich der Autorin dieses Artikel bis auf Weiteres nur nicht, welcher es war.

Die Abschaffung der Königsfächer

Vor der Regeländerung 2008 galten als Hauptfächer, auch A-Fächer genannt: Deutsch, Mathematik, die erste und zweite Fremdsprache Danach folgten die sogenannten B-Fächer: Physik, Biologie, Geographie, Geschichte, Chemie, Religion (in manchen Schulen Philosophie). Erst danach kamen in der damaligen Fächergewichtung die sogenannten C-Fächer an die Reihe: Sport, Musik und Kunst, deren Besonderheit darin lag, dass sie als einzige nicht versetzungswirksam waren.
Es bestand sehr lange ein Übereinstimmung darüber, dass die C-Fächer Neigungsfächer seien. Für Musik, Kunst und Sport galt ein besonderes Talent als Voraussetzung, also etwas, das nicht von jedem oder nicht von allen Unterstufen-Schülern verlangt werden könnte. Mangelndes Talent in diesen Fächern sollte die in anderen Fächern leistungsfähigen Schüler nicht von ihrer gymnasialen Schullaufbahn abhalten dürfen. Besonderer Wert wurde damit auf die oben angeführten A-Fächer gelegt, die unbedingt zu einer guten allgemeinen Gymnasialbildung dazu gehörten, so der langjährige Konsens. Das Fach Deutsch hatte dabei eine besonders wichtige Stellung, ein Ungenügend (eine 6) in Deutsch allein führte vor 2008 zwangsläufig zu einer Nicht-Versetzung bzw. zum Verweis vom Gymnasium. Heutzutage findet es sich in einer Reihe mit Sport wieder. Die höhere Gewichtung der A-Fächer spiegelte sich auch in den Ausgleichsmöglichkeiten wieder. Mit gut zensierten A-Fächern konnten gleich mehrere schlechtere B-Fächer ausgeglichen werden. C-Fächer mussten folglich gar nicht ausgeglichen werden. Also konnte jemand mit zwei Fünfen in Kunst und Musik sowie einer oder zwei in zwei B-Fächern durchaus versetzt werden.

Die schlagartige Änderung der bewährten Regeln, mit der auch die Neigungsfächer auf einmal versetzungsrelevant wurden sowie die Abschaffung der Hauptfächer, indem nun eben alle Fächer durch die Bank als gleichwertig eingestuft worden waren, fiel für das betroffene Kind jedenfalls besonders drastisch aus, da es mit gleich zwei Fünfen in diesen ehemaligen Neigungs- oder C-Fächern eingedeckt wurde.
Zwei weitere kassierte es in den ehemaligen B-Fächern Geographie und Physik. In den Hauptfächern kam das Kind jedoch vergleichsweise gut mit. Aber mit dem August 2008 waren eben nicht nur die Hauptfächer und die Nicht-Versetzungsrelevanz der C-Fächer weggefallen, sondern auch sämtliche, bis dato gültigen Ausgleichsmöglichkeiten, die es früher möglich gemacht hatten, mit einem A-Fach (Hauptfach) wie Deutsch, Französisch, Englisch oder Mathematik bis zu zwei B-Fächer auszugleichen. Fünfen in C-Fächern wurden gar nicht für die Versetzung gewertet. Mit anderen Worten: Mit den alten Versetzungsregeln hätte das Kind wahrscheinlich versetzt werden müssen und damit eine reelle (Bildungs-) Chance gehabt - mit den seit 2008 geltenden Regeln nicht mehr.
Dem Umfeld des Kindes kam die späte Information und daraus folgende Erkenntnis über solche "neuen" Regeln jedenfalls höchst suspekt vor. Wer kennt sie auch nicht noch selbst aus der eigenen Schulvergangenheit, die Zahlenmenschen, die in Sport echte Nieten waren und umgekehrt. Oder die Kunstbanausen, die mit komplexer Chemie und Physik viel mehr anfangen konnten als mit der an sich schlichten Aufgabe, ein Portrait so zu zeichnen, so dass man darauf auch tatsächlich ein menschliches Antlitz erkennen konnte?

Vor und nach 2008 - Kleine Änderungen mit erstaunlich großen Folgen
Daraus ergeben sich die ersten Zweifel an der Praxistauglichkeit der aktuellen Regeln. Menschen und damit auch Kinder bringen unterschiedliche Talente mit, die sich mit solchen Versetzungsregeln in der Erprobungsphase jedoch offenbar auf ein System einstellen sollen, allesamt zu Generalisten auf niedrigem Niveau zu werden. Fraglich ist daneben auch, ob es sich eine vergreisende Gesellschaft wirklich noch leisten kann, ausgerechnet die Kinder, die ein gutes Zahlenverständnis haben, bereits in den ersten beiden Jahren genau aus der Schulform auszusortieren, in der der Weg zur höheren Mathematik gelegt werden soll, nur weil diese Kinder deutlich weniger Kunst- als Zahlensinn besitzen?
Schließlich beklagten sämtliche Unternehmen und Universitäten - abseits der sportlichen und musischen Berufsbilder - mittlerweile schon seit vielen Jahren eher mangelnde Fähigkeiten in Mathematik oder Deutsch als in Kunst, Musik und Sport.

Dass es mit den gymnasialen Wegen zu höheren Mathematik aber inzwischen auch nicht mehr weit her ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung über die Mathematikleistungen von Abiturienten in dem Bundesland, in dem die Geschichte spielte. Es kam heraus, dass dort das Gros der Abgänger von Gymnasien den vor-universitären Ansprüchen an das Fach Mathematik nicht genügte. Gerade einmal 31 Prozent wurden den Anforderungen gerecht. 28 Prozent kamen nicht einmal über die Kenntnisse der 7. und 8. Klasse hinaus. Bei den Abiturienten mit einem ästhetischen Profil in der Oberstufe schafften nur 12 Prozent das Abiturniveau, jeder zweite Schüler mit dem Profil Kunst oder Musik scheiterte sogar an den Vorgaben des Mittleren Bildungsabschlusses. Eine große Mehrheit von 69 Prozent der gymnasialen Absolventen gilt aktuell zumindest in diesem Fach damit als "nicht studierfähig" - ein durchaus dramatisches Ergebnis, nicht nur für Schulen und Universitäten. Wird das ehemalige Hauptfach Mathematik in Gymnasien etwa nicht mehr ausreichend unterrichtet? Werden Mathetalente zu früh aussortiert, weil sie jetzt Kunst, Musik und Sport beherrschen müssen? Haben die Initiatoren seinerzeit die Auswirkungen ihrer Änderungen an den Versetzungsregeln möglicherweise "unterschätzt"?

In der Schulpraxis wird den ehemaligen Hauptfächern noch Rechnung getragen, indem zum einen Deutsch und Mathematik bis zum Abitur unterrichtet werden müssen - und die ehemaligen Hauptfächer (Deutsch, Mathematik, erste und zweite Fremdsprache) eine mehr oder weniger größere Zahl Wochenstunden Unterrichtszeit eingeräumt wird. In dem Gymnasium, von dem das Kind geflogen ist, galt der 60-Minuten-Takt. Die vier Hauptfächer wurden i.d.R. in der zweijährigen Unterstufe je drei Stunden unterrichtet. Die ehemaligen B-und C-Fächer wurden dagegen nur je eine Stunde bis maximal zwei Stunden pro Woche unterrichtet, im konkreten Fall war es je eine pro Woche.

Für den aufmerksamen Leser dürfte sich an dieser Stelle schon ein bisschen abzeichnen, warum der sozio-kulturelle Hintergrund des Elternhauses in deutschen Gymnasien so wichtig ist: Ein Fach, das in der Schule lediglich eine Stunde pro Woche erteilt wird, muss zwangsläufig viel mehr "zu Hause bedient" werden, wenn es genauso wichtig für die Versetzung wie ein Hauptfach sein soll. Es gibt für ein ehemaliges Nebenfach einfach weniger Unterrichtszeit, also muss dafür mehr Lernzeit zu Hause verwendet werden - sofern in der Schule nicht gegensteuert wird.
Darüber hinaus ist der sich aus aus der Versetzungsrelevanz ergebende höhere Anspruch an Quantität und Qualität in den früheren Nebenfächern deutlich gewachsen, aber nur zum Teil dem Lehrplan und den Anforderungen im Abitur geschuldet. Die Aufwertung der ehemaligen Neigungs- und Nebenfächer zu neuen Hauptfächern teilt nämlich auch die Schulen und die Lehrkräfte in unterschiedliche Lager auf.
Einige Schulen und Lehrer versuchen einer Überforderung von Unterstufenschülern Herr zu werden, indem sie trotz der verordneten Gleichwertigkeit aller Fächer und trotz deutlich weniger Unterrichtszeit für die ehemaligen Nebenfächer, den Unterrichtsstoff so klug und gut wie möglich gestaltet an die Kinder zu bringen versuchen. Manche Lehrkräfte geben in diesen Fächern nicht so viele bis hin zu gar keinen Hausaufgaben auf. Sie vermeiden, die Kinder mit zusätzlichen Lernstunden zu Hause einzudecken. Es gibt aber auch Schulen und Lehrkräfte, die ein ehemaliges Nebenfach nun derart konsequent zu einem Hauptfach aufgewertet interpretieren, indem sie es faktisch auch vom Arbeitsumfang her genauso gestalten, mit dem entscheidenden, immer noch verbleibenden Unterschied, dass dafür viel weniger Unterrichtszeit zur Verfügung steht. Also wird in der verbliebenen Zeit versucht, immer schneller, immer mehr Stoff in die Schüler zu stopfen und sei es, dass sie einen Großteil zu Hause erledigen müssen. Doch dort warten bereits zig weitere Fächer auf die Schüler.

Die feinen Antennen der Fremdsprachen mussten als Erste "dran glauben"

Der geringeren Stundenzahl pro Woche geschuldet, erwarten die Lehrkräfte also nun immer mehr "Heimarbeit" von Kindern - und der Jugendlichkeit von Unterstufen-Schülern geschuldet nicht selten auch von deren Eltern. Dieser steigende Anspruch der Nebenfächer an die Nachmittagsstunden zu Hause kollidiert zwangsläufig mit dem ehemaliger Hauptfächern, und zwar besonders mit den beiden Fremdsprachen. Die beiden an Gymnasien üblichen Fremdsprachen sind schon immer so angelegt gewesen, dass zumindest die Vokabeln zu Hause einstudiert werden müssen, in den ersten beiden gymnasialen Schuljahren eine reine, zeitaufwendige Fließtätigkeit, die, je nachdem, wie merkfähig ein Kind ist, in mehr oder weniger vielen Wiederholungen der Vokabeln besteht. Das wird sich kaum ändern lassen, also müssen Vokabeln, trotz der eingeführten Ganztagsschule bis in den Nachmittag hinein, nach wie vor zu überwiegend zu Hause eingeübt werden.
Die Zeit zum Vokabellernen für zwei Fremdsprachen wurde aber dank der neuen Verordnung nun immer mehr von den ehemaligen Nebenfächern weggefressen, für die inzwischen auch immer mehr zu Hause gelernt werden musste. So schreiben zum Beispiel nur noch rare Exemplare von Musik- oder Biologiefachlehrern in der Unterstufe nur wenige oder gar keine schriftliche Tests, aus Rücksicht auf die (ehemaligen ) A-Fächer, die von den Unterstufenschülern bereits genug abverlangen. Immer mehr Fachlehrer der ehemaligen B- oder C-Fächer verlangen heute dagegen von Fünft- und Sechstklässlern, einen Großteil ihrer Unterrichtsinhalte möglichst komplett abrufbar parat zu haben - und damit vollständig auswendig zu lernen. Da es sich in diesen Fächern nicht selten um spezielles Wissen handelt. wird dies dann auch eins zu eins, in mehreren, so genannten "Tests" über das Jahr verteilt abgefragt. Faktisch handelt es sich bei den Tests um Klassenarbeiten, weil diese genauso, als schriftliche Leistung, gewertet werden.
Die Kinder müssen dann folglich intensiv für diese Tests lernen. Wenn sie dies versäumen sollten, droht ihnen seit 2008 nun einmal die Nicht-Versetzung, und zwar auch, weil es keinerlei Ausgleichsmöglichkeiten durch Hauptfächer oder andere Fächer mehr gibt. Sowohl die Funktion "Hauptfach" als auch sämtliche Ausgleichsmöglichkeiten wurden schließlich abgeschafft. So können sich die Schüler keine einzige Nachlässigkeit mehr in irgendeinem Fach leisten. Die eigentliche Krux solcher Regeln: So kann es ausdrücklich passieren, dass eine Schülerin oder ein Schüler trotz einer glatten Eins in Mathe oder Deutsch mit zwei Fünfen in Geograhpie und Sport nicht versetzt wird oder ein Gymnasium sogar verlassen muss.
Das muss man sich erst einmal lebhaft vorstellen können, denn in diesem konkreten Fall ginge wirklich ganz schön viel (Hauptfach-)Talent verloren. Nur die Klassenkonferenz kann so etwas noch abwenden, wenn sie es denn will. Was die Klassenkonferenz noch so alles kann und was definitiv nicht, dazu weiter unten. Vor allem kann sie eines nicht, nämlich transparente, neutrale Regeln ersetzen.

Es geht aber noch viel weiter mit den Folgen: Nicht nur die Fächer wollen nun allesamt gleich behandelt und bedient werden, sondern auch die entsprechenden Lehrkräfte, siehe dazu auch weiter unten an mehreren Stellen: Im Grunde genommen muss jedes Kind in der Unterstufe jedem Lehrer - wie man in Schleswig-Holstein so schön sagen würde: "in den Mors kriechen". Oder wie man in NRW sagen würde - vor jedem Lehrer "schöntun". Ein Unterstufenschüler kann sich kein schwaches Fach, keine Desinteresse an irgendeinem Fach, aber genauso wenig noch eine einzige Antipathie zu einer Lehrkraft mehr leisten, wie es noch seiner Elterngeneration großzügig eingeräumt worden war. Gut, eine Fünf ist zwar drin, aber wer wollte das schon riskieren, wenn zwei schon für ein endgültiges Aus ausreichen?
Wer jetzt beurteilen möchte, welches System menschlicher sei, kommt schnell zu dem Ergebnis, dass es das alte System sein muss, und zwar ausdrücklich, gerade weil es mehr und transparentere Regeln hatte und damit allen Beteiligten gleichermaßen mehr objektive Möglichkeiten einräumte, sich darin deutlich sicherer und erfolgreicher zu bewegen, auch ohne viel Schöntun.

Da die Kinder lediglich ein oder zwei Stunden (je nach der in einer Schule üblichen Unterrichtsstunde à 45, 60 oder 90 Minuten) pro Woche in den ehemaligen Nebenfächern unterrichtet werden, fällt, wie gesagt, immer mehr Lernstoff für zu Hause an, der noch einmal gelesen, noch einmal wiederholt oder auch erst noch erarbeitet werden muss. Exakt diese Zeit fehlt folglich für die Vokabeln in den Fremdsprachen. Darum waren die Fremdsprachenlehrer auch die ersten Lehrkräfte, die bemerkten, dass irgendetwas im G8-Gymnasium - der Verkürzung der Gymnasialzeit um ein ganzes Schuljahr - falsch läuft. Die Lehrkräfte für Fremdsprachen stellten schlicht und einfach fest, die Kinder könnten keine Vokabeln mehr - sie lernten sie nicht mehr so viel, nicht mehr so oft und nicht mehr so intensiv, wie sie es in den vielen Jahren zuvor aber eindeutig getan hatten. Da hatten sie aber nicht nur ein ganzes Jahr mehr, sondern auch Hauptfächer, Nebenfächer und entsprechende Ausgleichsmöglichkeiten, siehe oben.

Die Familien ächzen, G8 am Pranger

Immer wieder war und ist das auch ein Thema auf Elternabenden. Die Fremdsprachenlehrkräfte bitten dann die versammelten Eltern fast schon verzweifelt, die Kinder müssten doch höchstens zehn Minuten täglich die paar Vokabeln wiederholen, damit diese säßen. Die Eltern kontern regelmäßig, "nur zehn Minuten" müssten die Kinder inzwischen auch in sämtlichen anderen Fächern leisten, u.a. der anderen Fremdsprache, in Musik, in Mathematik, in Biologie, in Kunst, in Geographie, in Physik, in Geschichte, in Deutsch, in Chemie, in Religion/Philosophie - und am besten noch ein paar Mal die Woche für den 5000-Meter-Lauf nächste Woche trainieren. Macht in der Summe - ohne den Lauf - stundenlanges Lernen zu Hause, unterteilt in "Wiederholen, noch mal Lesen uvm.", und zwar zusätzlich zu sämtlichen Hausaufgaben und noch vorzubereitenden Referaten, Präsentationen etc.

Warum hat der Tag eines Fünft- und Sechstklässlers eines Gymnasiums nicht gleich 36 Stunden, begannen sich viele Eltern zu fragen und machen nun allein die Verkürzung der Unterrichtszeit von G8 dafür verantwortlich, dass viele Kinder immer häufiger bis in den späten Abend hinein büffeln und wiederholen mussten, um diesem "großartigen" Anspruch, in allen Fächern die Zensur "ausreichend" zu ergattern, irgendwie noch gerecht werden zu können. Allein dieses zweifelhafte Ziel, überall lediglich "ausreichend", hätte die Initiatoren dieser Versetzungs-Idee bereits misstrauisch werden lassen müssen.

Mit G8 verschob sich auch die zweite Fremdsprache nach vorn, von der siebten in die sechste Klasse. Natürlich hat auch das eine Auswirkung auf das Zeitkonto eines Schülerlebens und das von Eltern in der Erprobungsphase, die den Irrsinn von immer mehr Stoff, der den Hirnen ihrer Kinder eingetrichtert werden soll, täglich miterleben bis mitmachen. Sie haben sicher nicht ganz Unrecht, wenn sie meinen, ein ganzes Jahr mehr Unterrichtszeit ("G9") könnte die Lage etwas entspannen, so dass die Kinder allen Fächern besser gerecht werden würden.
Als ein TV-Team eines Tages ein Gymnasium in den neuen Bundesländern besuchte, um herauszufinden, was denn das große Geheimnis des Erfolgs der zwölfjährigen Gymnasialzeit dort schon seit Jahrzehnten wäre, freute man sich vor Ort zunächst darüber, das sich endlich auch einmal jemand dafür interessierte und berichtete dann freiheraus, als gezielt danach gefragt wurde, wo denn der ganze Stoff zum Beispiel in Mathematik in der knappen Zeit untergebracht würde, dass man das eine oder andere komplette Thema der Mathematik eben nicht mehr unterrichten, sondern lediglich nur noch "ansprechen" würde. Soviel zur Qualität. Man lernt also doch nur "Bulimie" - lediglich für die nächste Prüfung, den nächsten Test und die nächste Präsentation.
Im Bundesland Niedersachsen haben die G9-Elern-Initiativen diese Diskussion schließlich sogar so "erfolgreich" geführt, dass G8 flächendeckend wieder abgeschafft und G9 wieder eingeführt wurde. Aber löst ein weiteres Jahr Wissensmast in mehr als einem Dutzend "Hauptfächer" wirklich das eigentliche Problem?
Die Prämisse, in jedem Fach eine Vier zu bekommen und es jedem Fach und jedem Lehrer gleich schlecht und recht machen zu müssen, bleibt auch der G9-Unterstufe vollständig erhalten, wenn es keine unterschiedliche Fächergewichtung und keine Ausgleichsmöglichkeiten gibt und die Schulzeit lediglich um ein ganzes Jahr verlängert wird.

Ist es wirklich zu viel, die zweite Fremdsprache schon in der sechsten Klasse zu lernen? Viele Pädagogen halten es sogar ausdrücklich für begrüßenswert, weil das Erlernen einer zweiten Fremdsprache erst in der siebten Klasse keineswegs einfacher wird, im Gegenteil, die einsetzende Pubertät macht so manchem Lernplan einen kräftigen Strich durch die Rechnung.
Das Problem liegt weniger in G8 und damit der Verkürzung der Schulzeit als solcher, sondern unabhängig davon, vielmehr darin, dass sämtliche Fächer per Verordnung zu einer geballten Hauptfachparade aufgewertet worden sind, mit allen oben genannten Folgen sowie der Konsequenz, dass jemand der in der Orientierungsstufe so lala in allen Fächern ist, also überall auf Vier steht, in diesem System zunächst jedenfalls wesentlich besser zurecht kommt, als die meisten tatsächlich vorhandenen, unterschiedlich talentierten Kinder, die dank der gleichzeitigen Abschaffung ihrer bisherigen Ausgleichsmöglichkeiten, keine Chance mehr haben, ihre Talente zu entfalten. Sie lernen schließlich nur noch für die Fächer, die sie weniger gut beherrschen, und möglichst gar nicht mehr für die Fächer, die sie richtig gut können. Es ist nicht nur ein Problem, dass Schüler weniger Zeit für ihren Sportverein, den privaten Musikunterricht etc. haben, sie haben dank der Prämisse, dass jedes Fach jetzt Hauptfach ist, schon in der Schule gar keine Zeit mehr für ihre Stärken und Interessen. Und genau damit geht noch viel mehr verloren als lediglich irgendeine Freizeit-Beschäftigung.

Absurde Spätfolgen und der menschliche Faktor

Und so passiert es dann, dass ein sprachliches oder mathematisches Talent, nur, weil es keine Vier in zwei anderen, ehemaligen C- oder B-Fächern erreicht, die ihm/ihr nicht ganz so liegen, von der Schule gefegt wird. Ist das etwa zielführend?
Richtig interessant wird es dann, wenn in den auf die Unterstufe folgenden siebten und achten Klassen einige der Unterrichtsfächer, und zwar alles ehemalige B- und C-Fächer, jeweils oder auch zwei auf einmal ein halbes oder gleich ein ganzes Jahr gar nicht mehr unterrichtet werden, weil andere Fächer aktuell wichtiger werden oder aus anderen Gründen. Sechstklässler mit Fünfen in Fächern aus dem Gymnasium zu werfen, die sie in der siebten und achten Klasse nicht einmal mehr haben, kann man wohl nur noch als absurd bezeichnen.

Nicht selten wird außerdem beklagt, dass diejenigen Schüler, die eine Zeit lang noch irgendwie durchkamen, dann in der späten Mittelstufe oder Anfang der Oberstufe kapitulieren. Dort schlägt sich dann viel zu spät nieder, was man vor Einführung einer solchen Regel hätte überlegen müssen, nämlich, dass es eben nicht reicht, in allen Fächern immer irgendwie durchgekommen zu sein. Es zeigt sich dann, dass besonders die Fähigkeiten in den alten, abgeschafften Hauptfächern doch noch deutlich wichtiger sind, als es dieses System sich einbildet - und es Eltern und ihren Kinder in den ersten Jahren auch noch suggeriert.
So ein System entlässt dann höchsten noch erfolgreich Schüler, die alles ein bisschen können oder anders ausgedrückt: Sie können nichts mehr richtig. So steht die Diktatur der geballten Hauptfachparade mit ihrem letztendlich flachem Niveau im ständigen Widerspruch zu echter Leistungsfähigkeit.

Die angebliche Gleichwertigkeit sämtlicher Fächer in der gymnasialen Gegenwart vieler Bundesländer hat darüber hinaus auch menschliche und soziale Folgen, die ebenfalls in den Versetzungsverordnungen indirekt geregelt worden sind - oder auch nicht, wie man es nimmt.
Als die Ausgleichsmöglichkeiten noch bestanden, hatten die Schüler ein schriftlich niedergelegtes, neutrales Instrument zur Hand, das es ihnen nicht nur erlaubte, sich auf ihre Stärken zu verlassen und damit ihre schwächeren Fächer auszugleichen. Es bedeutete gleichzeitig und gleichwertig, dass sie ihren Stärken bei Bedarf auch noch extra Zeit widmen konnten, zur Freude ihrer jeweiligen Fachlehrer. Der Paradigmenwechsel, in der Gegenwart in allem gleich gut oder schlecht sein zu müssen, um versetzt zu werden, hat weitreichende Folgen: Eine Vier, ein "Ausreichend" als solches ist schließlich auch in Unterstufen und Mittelstufen nichts besonders Erstrebenswertes, aber exakt dieses wenig Erstrebenswerte, also die gleiche miese Leistung in allem wurde mit der expliziten Abschaffung von Hauptfächern und Ausgleichsmöglichkeiten auf einmal zum Maß aller Dinge. Die Möglichkeit, sich in einem Fach besonders hervorzutun und damit auch seine eigene Leistungsfähigkeit in die eine oder andere Richtung zu entwickeln, wurde damit still und heimlich abgeschafft. Anscheinend hat es nur noch niemand bemerkt.

Desweiteren existieren im Leben als solchem und damit auch in Schulen zwischen Schülern und Lehrern durchaus auch Sympathien und Antipathien. Die Profis, die Lehrer sein sollten, können sich große Abneigungen (theoretisch, siehe erster Teil) nicht leisten, dennoch, muss man und kann man zumindest ein gewisses Maß solcher menschlichen Regungen akzeptieren. In der Regel ist es auch einfach: Ist ein Schüler, eine Schülerin gut in einem Fach, dann finden sich Lehrkraft und Schüler auch meistens sympathisch, oder verhalten sich wenigstens so, da die guten Leistungen von Schülern auch immer ein bisschen auf die Lehrkraft zurückfallen, deren Ruf damit sogar bis hin zum Ruhm reichen kann. Die andächtigen Erzählungen von ehemaligen Schülern, die von einer Lehrkraft schwärmen, die einst Wesentliches zum beruflichen oder sogar persönlichen Lebensweg beigetragen haben, existieren genauso wie die Geschichten, unter welchen Lehrern besonders gelitten wurde.
Es geht nämlich auch anders, Schüler und Lehrer kommen einfach auf keinen gemeinsamen, grünen Zweig, das Verhältnis ist kühl oder sogar feindselig. Auch in solchen Fällen ist ein neutrales Fächer-Ausgleichssystem, das als solches damit nämlich nicht ausschließlich einseitig an den die Fächer unterrichtenden Lehrkräften hängt, sachlich gerechter. Solche Regeln sind neutral, weil sie für alle gelten und exakt dadurch für Schüler und Lehrer gleichermaßen entlastend wirken.
Für Schüler bietet sich in so einem reguliertem System, die Chance, trotz eines schlechten Verhältnisses zu der ein oder anderen Lehrkraft in der Schule weiter zu bestehen. Entweder konzentrieren sie sich mehr auf die anderen Fächern, in den sie größere Chancen haben, und gleichen mit diesen aus, oder sie verwenden ihre Zeit gerade auf solche Fächer, um das schlechte Verhältnis zu dem ein oder anderen Lehrern wenigstens durch bessere Leistungen etwas zu mildern, weil sie sich etwas schlechtere Noten in anderen Fächern temporär leisten können, ohne gleich durchs ganze Raster zu fallen.
Die abgeschafften, neutralen Ausgleichsmöglichkeiten stellten genauso für Lehrer eine Entlastung dar. Sie mussten nicht dreimal überlegen, ob sie einem Eleven nun eine vollkommen verdiente Fünf erteilen konnten, der in anderen Fächern durchaus mitkam oder glänzte - und damit locker ausgleichen konnte. In der Gegenwart müssen sich (zumindest verantwortungsvolle) Lehrer indes ständig untereinander mitteilen, wer im Kollegium überhaupt noch die Freiheit hat, eine schlechte Zensur zu erteilen, weil es mit zwei Fünfen ohne Ausgleichsmöglichkeiten eben ganz schnell gehen kann und es in der Tat einfach komisch im Zeugnis aussieht, jemanden wegen Sport und Religion gleich von der Schule zu verweisen. Unproblematisch ist das lediglich für jene Lehrer, denen ihre Schüler herzlich egal sind. Dazu noch in "die Menschen im System".

Bis hierhin zusammengefasst. Mit den leider verloren gegangenen Ausgleichmöglichkeiten waren die Bewegungspielräume, sowohl für die Schüler, ihre Schullaufbahn zu verfolgen, als auch für Lehrer, eine echte und souveräne Beurteilung vorzunehmen, ohne, dass das Kind gleich komplett in den Brunen fällt, wesentlich größer. Die alten Regeln galten nämlich für alle, unabhängig davon, was der eine oder andere Vertreter einer Gruppe (Schüler, Lehrer, Eltern) für eine Meinung von dem ein oder anderen Vertreter einer anderen Gruppe auch hatte. Und auch darin lag ein Stück Freiheit und Sovueränität: Man durfte noch eine Meinung voneinander haben, die konnte man sich einfach leisten, ohne gleich von der ganzen Lehrerschaft, wahlweise Elternschaft und Schülerschaft komplett abserviert zu werden, die sich heute eben nicht mehr an neutralen Regeln, sondern an unregulierten Gesprächsrunden orientieren. Heute kann sich keiner mehr irgendeine Meinung leisten, weder Schüler, Eltern noch Lehrer. Alle leben und arbeiten in einem Korsett, das vorsieht, dass alles ja nur irgendwie "ausreichend" ist und bleibt, sowohl die Zensuren als auch der Umgang miteinander. Sieht so etwa eine demokratische Leistungsgesellschaft aus?

Nichtsahnend in ein willkürliches System

Es gibt noch weitere Aspekte der Regeländerung, die nur oberflächlich danach aussehen, dass die Lehrkrafte nun etwa mehr Gestaltungsspielraum hätten. Mit der neuen Versetzungsordnung des betroffenen Bundeslandes wurden gleichzeitig die Klassenkonferenzen angeblich "gestärkt". Eine Klassen- oder Versetzungskonferenz eines Gymnasiums kann inzwischen im Grunde genommen alles beschließen, was sie will. (Wenn sie nur wüsste, was sie wollte). So steht es im Schulgesetz, sämtliche der alten Einschränkungen "wenn ..., dann kann die Klassenkonferenz beschließen ...." etc. sind so gut wie alle weggefallen. Und so tagen die Klassenkonferenzen heutzutage weitestgehend unreguliert und beschließen dieses, jenes und welches.
Manchmal bedeutet das, wie in dem Fall von dem Kind in der Geschichte: weg mit dem Kind, egal wie und ohne jede Rücksicht auf seine Vorgeschichte oder den Umstand, dass es regelmäßig in der Schule geschlagen wurde. Die wenigen konkreten Vorgaben der Versetzungsordnung lassen es einfach zu, dass ein ablehnend eingestelltes Kolligium, das zwei Jahre unterrichtet hat, ohne irgendwelche besonderen Darlegungspflichten, per Klassenkonferenz beschließen kann, ein Kind nicht zu versetzen oder aus der Schule zu werfen. Mit den früheren Ausgleichsmöglichkeiten wäre auch das nicht ganz so einfach gewesen.
Im Ergebnis geht sogar auch die pure, persönlich motivierte Ablehnung, und wenn sie sachlich auch noch so unbegründet sein sollte, mit der bestehenden Versetzungsordnung konform. Diese lässt so einen Vorgang ausdrücklich zu, indem Versetzungsentscheidungen nun weitaus weniger auf neutralen, für alle gültigen Regeln beruhen müssen, sondern vielmehr aus dem persönlichen Eindruck von Lehrern bestehen die sich in ihren unregulierten Gesprächsrunden der Klassenkonferenzen darüber absprechen müssen. Es braucht in so einer Konferenz schließlich auch nur noch zwei ein Kind ablehnende Lehrkräfte oder auch nur eine einzige, die zwei Fächer unterrichtet, um die Gymnasiallaufbahn eines Kindes aktiv zu beenden. Es gibt nun einfach keine glasklaren Regeln und Ausgleichsmöglichkeiten mehr, die eine mögliche Fehlentscheidung in Folge von schlichter Betriebsblindheit noch verhindern könnten.

Die vorher deutlichen sachlicheren Ausgleichsmöglichkeiten wurden durch reine Lehrermeinung ersetzt. Und so kommt es eben immer häufiger vor, dass Kinder "mit Hilfe" von ein paar ehemaligen Nebenfächern aus den Unterstufen sortiert werden, die es durchaus noch weit hätten bringen könnten. Die Klassenkonferenz kann alles Mögliche selbstständig beschließen u.a. ein Kind von der Schule zu verweisen, genauso, wie sie beschließen kann, ein Kind auch mit zwei oder mehr Fünfen zu versetzen, wenn sie aus welchen Gründen auch immer der Meinung ist, der Schüler, die Schülerin würde den Anforderungen eines Gymnasiums grundsätzlich entsprechen. Sie kann genauso gut beschließen, ein Kind vorerst nur auf Probe zu versetzen. Sie kann ebenso beschließen, einem Kind die Möglichkeit einer Nachprüfung einzuräumen oder es nur dann zu versetzten, wenn es an bestimmten Fördermaßnahmen teilnimmt - und vieles weitere mehr. Diese große Entscheidunggewalt, unabhängig von weiteren, neutralen Regeln, allein vom Eindruck und Empfinden von Lehrern abhängig zu machen, unter denen insbesondere die Klassenleitung einen großen Einfluss hat, gibt Kindern, die in einer Klasse nicht besonders beliebt sind, unabhängig von ihren tatsächlichen Leistungen keine Chance mehr. Wenn so ein Vorgang erst einmal in Gang gesetzt wurde, dürfte der Fall, dass sich eine Mehrheit von Fachlehrern gegen die Meinung der Klassenleitung findet, auch eher selten vorkommen.

Das funktionierte nur in den Fällen gut, in denen es sich um eine veranwortungsvolle und gleichzeitig sehr erfahrene Klassenleitung handelt. Doch welche Klassenleitung, von der das System geadezu verlangt, irgendeine Entscheidung herbeizuführen sowie die Fachlehrer ihrer Klasse anzuführen, wird es sich noch leisten können, ganz offen vor allen Fachlehrern eigene Zweifel daran zu zeigen, bei diesem oder jenen Kind sachlich noch gar kein Urteil abgeben zu können? Es werden sich in so einem unreglementierten Versetzungssystem deshalb eher die sehr "entscheidungsfreudigen" Lehrkräfte und meinungsstarken Klassenleitungen durchsetzen, die aus Mangel an sachlichen Kriterien, ihren eigenen, ganz persönlichen Eindruck zum wichtigsten Entscheidungskritierum von allen erklären. Diese haben in der Regel auch weitaus weniger Probleme mit eventuellen Fehlentscheidungen als die besonneneren Lehrkräfte, die in der Lage sind, Potenziale von Schülern zu erkennen, gerade weil sie in ihrer Laufbahn schon sehr viele verschiedene Entwicklungen von Schülern selbst gesehen haben.

Mit dem Aufwerten der Klassenkonferenz bei gleichzeitiger Abschaffung neutraler Regeln sind damit auch die Handlungsmöglichkeiten gerade von verantwortungsvollen Lehrern bereits stark eingeschränkt, Schüler zu versetzten, deren Leistungen noch nicht ganz überzeugen, die aber in ihren Augen über Potenzial verfügen.
Das geltende System ist ausschließlich in den rar gesäten Fällen nicht schädlich, in denen sämtliche Leistungen so klar und eindeutig sind, dass es gar keine lediglich meinungsgeführte Entscheidung einer Klassenkonferenz mehr bedarf. Mit ein paar Überfliegern ist aber kein Gymnasium zu machen. Es wird immer dann eindeutig undurchsichtig und willkürlich, wenn es um die Fälle geht, in denen von den Leistungen her eher mittelmäßige Schüler oder Schülerinnen beurteilt werden sollen: Der/die eine wird dann aus zweifelhaften Gründen durchgelassen, der/die andere aus genauso zweifelhaften Gründen nicht.

Geade weil an Stelle von glasklaren Regeln nun meinungsgeführte Klassenkonferenzen die Antwort liefern müssen, können am Ende somit durchaus auschließlich Empathie oder Antipathie entscheiden. Und solche Entscheidungen können genauso gut mit einer tatsächlich vorhandenen oder in den nächsten Jahren zu erwartenden Leistungsfähgikeit eines Schülers, einer Schülerin auch gar nichts mehr zu tun haben. Die Fachlehrer sind dabei u.a. außerdem auf die Informationen der Klassenleitung über ein Kind angwiesen, um ihr fachliches Urteil einordnen zu können. Erfährt eine Fachlehrkraft zum Beispiel, dass ein Kind in der vorangegagenen Pause zusammengeschlagen wurde, wundert sie sich wohl anschließend kaum, wenn dieses Kind in der unmittelbar darauf folgenden Klassenarbeit eine schlechte Leistung abliefert, sondern wird diese Leistung anders einordnen können als ohne diese Information. Mehr dazu in "die Menschen im System".

Dass eher meinungsgeführte Entscheidungen nun nicht mehr nur möglich sind, sondern immer mehr zur Regel werden, dürfte gar nicht einmal die Absicht derjenigen gewesen sein, die solche undurchsichtigen Versetzungsbestimmungen einst eingeführt hatten, indem sie gleichzeitig wesentlich transparentere und leistungsorientiertere Regeln abschafften. Vielleicht dachen sie, mit solchen Gesprächrunden unter Fachleuten könnte es auch einfach menschlicher zugehen, als mit knallharen Regeln, die diese und jene Wege offen lassen, während sie andere verschließen. Genau das Gegenteil ist leider eingetroffen.
In jedem Fall wächst damit nicht nur der Druck auf die Unterstufen-Gymnasiasten - inklusive deren Eltern - , die in in diesem System nur noch dazu angehalten werden können, am besten vor jedem Lehrer "schön zu tun", damit es von diesen in jedem Fach auch noch ein "Ausreichend" gibt, sondern es erhöht auch den Druck auf die Lehrer, die jetzt nicht nur damit beschäftigt sind, die Leistungen von Kindern zu beurteilen. Sie sind in diesen, von neutralen Regeln weistestgehend befreiten Versetzungskonferenzen, nun auch ähnlich wie Politker vollauf damit beschäftigt, ihre Berurteilung auch noch mehrheitsfähig zu gestalten. Wer bei den Grenzfällen in die Minderheit gerät, wenn alle anderen Kollegen einer (anderen) Meinung sind, könnte sich schließlich eines Tages in einer ähnlich isolierten Position wiederfinden, wie die einst zu beurteilenden Schüler.

Die uni(n)formierte Elternschaft

Angesichts der Ergebnisse der (natürlich nicht repräsentativen) Umfrage unter einigen Eltern, die, obwohl sie Kinder in Gymnasien haben, von diesen seit einigen Jahren bestehenden Regeln gar nichts wussten, kann auch von Tranparenz gar keine Rede sein, wenn jemand meinte, "alles auf ausreichend" und die "Klassenkonferenz entscheidet alles" enstpräche etwa einem für alle begreifbaren, transparenden System. Auffallend viele Eltern gingen bislang und gehen wahrscheinlich noch heute davon aus, dass die alten Hauptfächer noch existieren würden, deren Gewichtung bei der Versetzung früher noch deutlich über derjenigen der ehemaligen B- und C-Fächer lag.
Wenige Klassenlehrerinnen und -lehrer in den Grundschulen bringen bei den Übergangsgesprächen mit den Eltern zudem soviel Klarsicht und Mut auf, auf diese schon länger geänderten Regeln überhaupt hinzuweisen und aufmerksam zu machen, obwohl die Folgen für die Kinder immens sind.
In der Regel geht es bei solchen Gesprächen lediglich um die Leistungen, die Leistungsfähigkeit und die sonstigen Fähigkeiten, auch um die psychische Beschaffenheit sowie eine i.d. R. lediglich vermutete Intelligenz der Kinder, ob diese es etwa auf einem Gymnasium schaffen könnten oder nicht. Dann wird gern noch geschwafelt und spekuliert, was aus dem Kind alles werden könne. Aber davon, dass in den künftigen zwei Jahren nicht nur Deutsch, Mathe, Englisch und die zweite Fremdssprache in höchstem Maße versetzungsrelevant sind, sondern die lieben Kleinen in Kürze auch wegen Kunst und Religion aus der Schule fliegen könnten, erfahren die meisten Eltern in solchen Gesprächen rein gar nichts.

TafelEs handelt sich hierbei um eine fahrlässige Desinformation, weil zumindest einige Eltern, die, wenn sie von solchen Versetzungsregelungen vorher erfahren würden, ihre Kinder von vorneherein nie solch einem Glücksspiel aussetzen würden. Die meisten Eltern möchten nämlich nicht nur wissen, was ihre Kinder einer Schule anzubieten haben, sondern genauso auch, was eine Schule ihren Kindern anzubieten hat. Nicht wenige suchen einfach ein gutes Bildungsniveau, in allen oder bestimmten Fächern. Die zweite Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse ist ein nicht seltenes Kriterium für bildungsinteressierte Eltern, ein G8-Gymnaisum auszuwählen oder auch die Hoffnung auf einen anspruchsvollen mathematischen und/oder - naturwissenschaftlichen Unterricht. Oder schlichter ausgedrückt: Sie wollen, dass ihre Kinder auf einem Gymnasium noch etwas lernen. Dass dies in der Realität immer zweitrangiger wird, beklagen immer mehr Menschen im gymnasialen Umfeld. Geändert hat das bisher nichts.

Lesen Sie weiter:
3. Die Strukturen II - Die schöne, neue Welt des Kindeswohls

Es folgen:
4. Die Menschen im System
5. Epilog

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1. Prolog


2015-04-11, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto + Foto-Banner: ©aph

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