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Bye-bye Bildung, Demokratie adieu IV

Ein Lehrstück in fünf Akten

4. Teil: Die Menschen im System

von Angelika Petrich-Hornetz

MalefiziaWie kommen die Menschen in solchen Strukturen zurecht? Es hat zu allen Zeiten mehr oder weniger gute Strukturen für Kinder gegeben, in denen ganze Generationen groß geworden sind. Also muss es auch in schlechten, im Sinne von inhumanen Strukturen immer einer Vielzahl Kindern gegenüber wohlgesonne Menschen gegeben haben, die dafür sorgten, dass Kinder überleben konnten und zumindest nicht in ernsthafter Weise geschädigt worden sind. Selbst in den denkbar schlechtesten politischen Systemen, insbesondere in den beiden Diktaturen in Deutschland, war das zum Teil möglich, was aber auch bedeutet, ohne solche Menschen wäre es nicht möglich gewesen, dass die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft - Kinder - diese Zeiten überstehen konnten. Und es gibt solche Menschen auch heute noch in großer Zahl, überall, ob in Familien, Schulen, Kindertagesstätten, in Internaten, in jeder Stadt, in jedem Dorf - und immer sind sie es, die mit ihrem ganz persönlichen Handeln den größten Anteil zum Wohlergehen von Kindern in Deutschland beitragen, egal wie gut oder schlecht die Strukturen auch sein mögen.

Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille: Es hat zu allen Zeiten ebenso mehr oder weniger Kinder gegeben, denen großes Leid widerfahren ist. Wie "kinderfreundlich" die gegenwärtigen Strukturen gestaltet sind, wurde bereits beschrieben, und das am ziemlich großen Anspruch der aktuellen Kinderschutzgesetzgebung gemessen eher magere Ergebnis ist ernüchternd. Mit den gegebenen Strukturen wird es auch in Zukunft einen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung als auch dauerhaft runde Tische von Betroffenen von institutioneller Gewalt an Kindern geben müssen, die für Abhilfe sorgen, und damit auch für eine ernst gemeinte, fortlaufende Verbesserung der Gesetzgebung zum Kinderschutz. Für die reicht es eben nicht, lediglich eine institutionelle über eine elterliche Erziehung zu stellen und zusätzlich ein Meldesystem mit Superbehörde einzurichten. Wie das aber im Konkreten und Einzelnen zu leisten wäre, ist eine Frage, die den dafür zuständigen Fachleuten und Politikern vorbehalten bleibt, deren Aufgabe es nun einmal ist, die von ihnen verwalteten und geschaffenen Strukturen ständig zu verbessern, statt sie nur schönzureden. Wir beschränken uns hier auf die Beschreibung, wie sich die Menschen in den gegenwärtigen Strukturen ungefähr bewegen oder noch bewegen können.

Ein Kessel Buntes in den Lehrerzimmern

Es gibt immer noch sehr viele Lehrer, die das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder stets im Auge haben und sehr wohl wissen, was sie tun. Ganz egal, wie viele halbherzige Schul- und Bildungs-Reformen sie schon erlebt oder noch vor sich haben oder wie viel Kritik sie von allen Seiten ertragen mussten und müssen, schaffen es diese Exemplare auch in der Gegenwart, kontinuierlich gute Arbeit zu leisten, und zwar so gut, dass viele Eltern (siehe zweiter Teil, Strukturen I) noch gar nicht mitbekommen haben, dass es in einigen Bundesländern keine Hauptfächer mehr gibt, und es die Gesetzgebung tatsächlich (theoretisch) hergeben würde, Fünft- und Sechstklässler mit Sport und Musik oder Kunst und Erdkunde vom Gymnasium zu fegen. Viele Schulen setzen bis heute auch noch eigene Schwerpunkte, gute und erfahrene Lehrkräfte behalten das Potenzial ihrer Schüler trotz allem im Blick. Solche Lehrkräfte, Erzieher, Sozialarbeiter etc. wissen auch gegenwärtig noch, dass sich Kinder erst entwickeln, sie denken in Jahren und Jahrzehnten. Doch es gibt auch für sie in solchen Strukturen viele Fallen - und die größte ist diejenige, dass sich die in ihnen bewegenden und handelnden Personen den ihnen vorgesetzten, schlechten Strukturen langsam aber sicher anpassen, und damit am Ende zu inhumanen Vertretern inhumaner Systeme werden.

Die Lehrer-Landschaft hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht nur wegen zahlreicher Schulreformen in den verschiedenen Bundesländern deutlich verändert. Während man in der späten Bonner Republik noch sicher sein konnte, dass Gymnasiallehrer in ihrer Jugend einst selbst ein ähnlich strukturiertes Gymnasium besucht hatten, wie das, in dem sie nun unterrichten, sind - ähnlich denen der Kinder - auch die Lebensläufe von Gymnasiallehrern inzwischen wesentlich "bunter" geworden. In den westlichen Bundesländern entstanden im Lauf der Zeit Gesamtschulen, Privatschulen und die Gemeinschaftsschulen, in die später auch die alten Gesamtschulen umgewandelt wurden. In all diesen unterschiedlichen Schulformen in unterschiedlichen Bundesländern in Westdeutschland legten spätere Gymnasiallehrer die Allgemeine Hochschulreife in unterschiedlichen Formen als Voraussetzung zu ihrem Lehramtsstudium ab. Durch den Zusammenbruch der DDR kamen noch die Absolventen aus den entsprechenden Schulformen hinzu, ebenso die Absolventen der Lehramtsausbildung der damaligen, dem Ministerium für Volksbildung unterstellten, pädagogischen Institute sowie der Pädagogischen Hochschulen und der Fakultäten der Hochschulen der DDR. Dort wurde den Lehrern noch eine ganz andere Bedeutung als jenen in Westdeutschland zugeschrieben: Sie sollten sichern, dass die jeweils nächste Generation in die gewünschte, politisch-ideologische Richtung gelenkt wurde. Dementsprechend wurden Lehrer für den höheren Schuldienst nur dann ausgewählt, wenn sie die von der SED gewünschten politischen Einstellungen zeigten.
Dieses Sammelsurium aus unterschiedlichen Schularten und Studiengängen sitzt inzwischen gemeinsam in den Lehrerzimmer. Und je jünger sie sind und je mehr sich die "Oldies" mit ihren noch in Ost und West jeweils homogenen Laufbahnen verabschieden, desto heterogener geht es nun auch in den Lehrer- und Klassenzimmern zu. Das müsste doch eigentlich ganz gut zu den immer heterogener werdenden Schülern passen oder etwa nicht? .

Die Erziehung zum post-demokratischen Bürger

Weit gefehlt, denn die jugendlichen und erwachsenen heterogenen "Schulmannschaften" bekamen im Großen und Ganzen die bereits beschriebenen, gleichförmigen Strukturen übergestülpt. Je nach unterschiedlicher Ausbildung und bereits gemachten Erfahrungen im Schulbetrieb passten und passen sich auch die Lehrer diesen mehr oder weniger an. Die neuesten der Strukturen haben einen gemeinsamen Hintergrund, den man durchaus als Paradigmenwechsel bezeichnen kann. Eine neue Erziehung zog ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende zunächst in die Kindertagesstätten und Grundschulen ein, inzwischen wird die "neue Erziehung" mehr oder weniger auch in den weiterführenden Schulen angewendet, und damit auch in den Gymnasien. Während in den letzten Jahrzehnten des alten Jahrhunderts noch "das individuelle Kind" in seiner persönlichen Entwicklung sowohl in Elternhäusern als auch in Betreuungs- und Bildungsinstitutionen erwünscht war, blieb von dem Ausdruck "individuell" inzwischen lediglich noch ein Schimpfwort übrig.

Interessanterweise wurde diese Art der Erziehung zum "neuen Bürger" gerade unter jener Generation X besonders publik, die selbst zumindest im Westen wahrscheinlich die freiesten und individuellsten Kindheiten erlebt haben, die Deutschland einer Kindergeneration je zu bieten hatte. Die Generation X als Elterngeneration erwies sich erstaunlicherweise sogar als besonders anfällig gegenüber Erziehungsratgebern, die wieder Gehorsam, Sauberkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit und dergleichen einforderte, und damit Verhaltensweisen, die diese Generation als Kinder selbst eher selten leisten wollten. So wie vieles andere, was sie heute von ihren eigenen Kindern verlangt, im Übrigen auch nicht. Große Teile der Generation X hatten deutlich jovialere Eltern erlebt. Die standen Werten wie Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit sogar nicht selten äußerst kritisch gegenüber, hatten sie doch als Kinder selbst noch die Nazi-Erziehung ertragen müssen oder lehnten als später geborene 68er-Generation die sogenannte "schwarze Pädagogik" strikt ab.

Das Blatt hat sich inzwischen in vielen Einrichtungen um geradezu 180 Grad gewendet. Das Muster aus einer individuellen Persönlichkeit, deren stete Entwicklung und einer selbst gewählten, beruflichen Laufbahn, aus dem sich am Ende eines jeweiligen Bildungswegs quasi automatisch auch ein Wert für die Allgemeinheit ergab, ist nun nicht mehr das Ziel einer Erziehung, in der wieder "alte" Werte durch Drill vermittelt werden, die Kinder auf den "richtigen Weg" bringen sollen und in der Gruppendruck längst wieder als etwas äußerst Positives gilt. Wer nicht ins 0815-Raster passt, wird trotz aller schönen Reden zur Inklusion nicht selten ganz schnell als "auffällig" stigmatisiert und dementsprechend an den Rand der Gesellschaft aussortiert.

Sich mit den Anfängen aktueller restriktiver Erziehungs-Methoden in Deutschland eingehender zu beschäftigen und damit mit der Geschichte der Erziehung, lohnt sich. Inzwischen existiert wieder ein Hang zum Gruppenzwang, der einst unter Pädagogen der Bonner Republik noch das Verpönteste war, das man sich nur vorstellen konnte. Die Schuld an dieser Entwicklung sollte man aber nicht unbedingt in der Dauertesterei à la PISA suchen, mit der ganze Schülergruppen und (Schüler-)Nationen vergleichbarer werden sollen, wie oft zur Begründung angeführt wird. Die Hintergründe dieser Entwicklung, in der schon das Kind als Individuum immer unwichtiger wird und schon von früh an durch ein funktionstüchtiges, ökonomisches Rädchen im Getriebe einer prosperierenden Volkswirtschaft ersetzt werden soll, sind nämlich politische, die durch die Kitas und Schulen durchgesetzt werden sollen. Dieses Programm ausgerechnet in einem Land wie Deutschland einführen zu wollen, das bereits zweimal eine ähnliche, staatlich geregelt "gut funktionierende" Jugend "genossen" hatte, ist deshalb nicht weniger erstaunlich.

Leider erst nach der Fertigstellung des 3. Teils dieser Artikelserie ("Die schöne neue Welt des Kindeswohls", siehe unten) hat die Autorin die Veröffentlichungen von Prof. Dr. Silke Schütter, Hochschule Niederrhein, zum Thema entdeckt, so dass auch erst hier, an einer nicht ganz so passenden Stelle darauf hingewiesen werden kann. Schütter hatte in mehreren Beiträgen u.a. den Vorreiter des deutschen Kinderschutz-Systems in der britischen Sozialpolitik unter Tony Blairs Labour-Regierung ausgemacht - und darin auch die Entwicklung der Kinderschutzgesetzgebung in Großbritannien beschrieben, so dass wir hier noch einmal zurück zu den Strukturen gehen:
Z.B. in der "Zeit" von 2007, siehe u.a. hier:
"Risikomanagement statt Kinderschutz".
Dass die Beiträge außerhalb von Fachkreisen auf kein großes Medienecho stießen, weil das Thema eine öffentliche Diskussion verdient hätte, dürfte auch daran gelegen haben, dass die Autorin ihrer Zeit voraus war. Erst jetzt bemerkt man auch in Deutschland die ersten Auswirkungen des aus Großbritannien übernommenen Modells, da man solch eine staatlich gelenkte Familienpolitik hierzulande flächendeckend erst seit ein paar Jahren zu installieren versucht.

Im o.g. und weiteren Beiträgen kritisiert Schütter u.a., dass die Zunahme an Formalien und Datensammlungen einen bis dato gültigen, effektiven, lokalen Kinderschutz eher verhindert als befördert und die Sozialpolitik damit auf eine nationale Überwachung der gesamten Kinder- und Elternschaft hinausläuft, deren Einzug nun auch in Deutschland zu beobachten ist. Kinder werden in diesem System vom Staat nicht mehr ihrem individuellem Bedarf entsprechend geschützt und gefördert, sondern sogar gefährdet. Das bisher eher von Neu-Eltern als noch privat empfundene Bermuda-Dreieck aus Beruf-Bildung-Beziehung wird zur öffentlichen Quadratur des Kreises aus Beruf-Bildung-Beziehung-Staat. Eine bislang individuelle Kindheit fällt der blairschen Idee des "Humaninvestionskaptials" zum Opfer. Desweiteren werden auch die ganz konkreten, dramatischen Folgen des chronischen Finanz- und Personalmangels von wirklich sinnvollen, kinderschützenden Organisationen vorweggenommen, vor denen Deutschland gerade jetzt erst steht, so dass sich die negativen Erfahrungen, die UK bereits gemacht hat, hier eins zu eins wiederholen werden, wie einige Betroffene hierzulande bereits erfahren haben.
Formalen Kriterien eines angeblichen unsozialen Fehlverhaltens von Kindern (von dem jeder eine andere Vorstellungen hat, siehe die "Folterkammer" im Kunstunterricht, Teil 1) begegnen der Staat und seine Vertreter und damit auch Erzieher und Lehrer in den Einrichtungen, nun mit "tough action" - Ausgrenzen und Kriminalisieren inbegriffen und für die Resozialisierung sollen zunehmend privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen sorgen. Wundern Sie sich also nicht, wenn man eines Tages ähnliche Methoden wie in Großbritannien zum Auffinden eines "antisozialen Potenzials" bei Babys per Vorsorge-Untersuchung auch bald in Deutschland einführen wird. Schließlich soll auch das deutsche Gesundheitssystem immer "präventiver" arbeiten.

Erstaunlich grottenschlechte Familienpolitik von Labour und der SPD

Es war ausgerechnet die Labour-Party bzw. Tony Blair, der mit der Einführung des "Respect Action Plans" eine Mischung aus Überwachung und Erziehung tatsächlich salonfähig machte, die offenbar nun auch im Begriff ist, von der deutschen Familien- und Bildungs-Politik weitestgehend übernommen zu werden. Die noch relativ neuen Kinderschutzgesetze hierzulande sprechen bereits Bände für diese Entwicklung. Während Labour ein restriktives Kinder-Überwachungssystem im Vereinigen Königreich entwickelte, begann in Deutschland die SPD um Gerhard Schröder fast zeitgleich das Konzept der Hartz-Gesetze einzuführen, deren Ähnlichkeiten mit dem Labour-Kinder-Überwachungsprogramm nicht zu übersehen sind.
Wenn sich Labour in Großbritannien und die SPD in Deutschland also immer noch ratlos fragen, warum sie trotz aller "sozialen" Gegenmaßnahmen so wenig Wähler-Zustimmung erfahren, sollten sie sich endlich einmal grundsätzlich über ihre beidseits des Ärmelkanals grottenschlechte Familienpolitik Gedanken machen und überlegen, wie sie mit solchen Programmen ausgerechnet demokratisch gesinnte Menschen, also ein, zumindest in einer Demokratie, angeblich erwünschtes Elternpotenzial noch dazu bewegen wollen, die Nation überhaupt noch mit ein paar Kindern zu beglücken. Ein öffentliches Eingeständnis, einen Überwachungsstaat kreieren zu wollen, dürften schließlich sowohl Labour als auch die SPD, inklusive des CDU-Koalitionspartners der Merkel-Regierung, die diese Familienpolitik lediglich fortführte, bis auf Weiteres empört widersprechen. Warum tun sie es dann trotzdem - und merken es nicht einmal?

Wenn Leistung gar nicht mehr gefragt ist

Mit dieser neuen Politik wird nun häufig ein willkürlich definiertes, angemessenes Verhalten zum vorrangigen Bildungsziel erklärt, somit ein unauffälliges, gutes Benehmen von Kindern deutlich über die bis dato wichtigen individuellen Talente sowie die Leistungsfähigkeit gestellt. Und während man bis vor wenigen Jahren noch über gewisse Streiche und Untaten von Kindern und Jugendlichen hinwegsah, werden diese immer mehr zu formalen Kriterien eines angeblich bereits unumstößlichen "antisozialen Verhaltens" aufgewertet sowie zu einer ebenso angeblichen, potenziellen kriminellen Entwicklung hochstilisiert. Lediglich angepasstes Verhalten zum größtmöglichen Bildungserfolg zu erklären, ist eine Sichtweise, die bereits heute in deutschen Kindertagesstätten und Grundschulen jedes Maß zu verlieren droht. Wir sind gespannt, wie groß diese neue Wertigkeit in Bildung und Erziehung für den Exportweltmeister Deutschland ausfallen wird - bzw. der dadurch angerichtete Schaden.

Und so kommen dann in den weiteren Anpassungsversuchen an solche Sichtweisen eben auch die entsprechend angepassten Ergebnisse in der Praxis zustande, dass u.a. in den 60er und 70er Jahren geborene, Gymnasiallehrer, heutige Sechstklässler mit zwei ehemaligen Nebenfächern absägen, die als Schüler selbst noch das außerordentliche Glück hatten, sich in ihren Neigungen entsprechenden und damit bequemen Kurssystemen z.B. mit Kunst und Biologie oder Musik und Sport als Schwerpunktfächer durchs Abitur zu bringen - und sich darüber hinaus in ihrer eigenen Freizeit gehörig daneben zu benehmen. Eine Zeit lang war sogar ein Abitur ganz ohne Mathematik hier und dort möglich. Entsprechend typisch fielen auch viele Medienkommentare von Journalisten, der X- und Y-Generation zugehörig, aus, als (in diesem Bundesland) festgestellt wurde, wie schlecht die Mathematik-Leistungen heutiger Abiturienten ausgefallen waren: Man sollte doch die Standardanforderungen in Mathe einfach absenken, und nur noch diejenigen Abiturienten mit solchen (im übrigen normalen) Ansprüchen konfrontieren, die Ingenieure o.ä. werden wollten.Vielleicht sollte man in Deutschland bei solchen ernst gemeinten Vorschlägen das Abitur gleich ganz abschaffen, denn nicht nur unter Lehrern der X-Generation wird es einige Vertreter geben, die gegenwärtig keine Chance mehr hätten, das Abitur von heute zu schaffen, auch wenn sie die ehemaligen Nebenfächer so sehr zu Hauptfächern aufgewertet haben, wie sie nur konnten.

Insofern muss man sich über den allgemeinen Trend nicht mehr wundern, der immer mehr Nebenschauplätze, sowohl die ehemaligen Nebenfächer als auch irgendwelche formalen Kriterien sozialen Verhaltens, zu immer wichtigeren Faktoren des Bildungserfolgs in den gegenwärtigen Betreuungs- und Bildungssystemen aufbauscht, da der neue, gruppenkompatible, post-demokratische Bürger das erklärte wirtschaftspolitische Ziel ist. Gleichzeitig werden die Leistungs-Ansprüche immer mehr abgesenkt, weil die Quantität des ganzen Sammelsuriums an Fächern in gleichbleibend schlechter Qualität ("ausreichend") beherrschen zu müssen, einfach den Tag sprengt. Ob solche Systeme allerdings eines Tages wirklich den vom so erzogenen "Humankapital" erwarteten ökonomischen Gewinn abwerfen werden, die Antwort gibt's dann leider erst in dreißig Jahren. .
Dass ausgerechnet 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und ausgerechnet dank Tony Blair eine vermeintlich "richtige" politisch-ideologische Erziehung sowie das dazu passende obrigkeitsgläubige Drumherum wieder gefragter denn je sein würde, ist eine wirklich erstaunliche Entwicklung, die viele so nie für möglich gehalten hätten. .

Wie neo-demokratische Gesetze die exklusiven Wünsche ihrer Günstlinge bedienen

Wer jetzt etwa dachte, die Elternschaften von heute würden sich das nicht gefallen lassen, irrte sich gewaltig. Interessant dabei ist, dass ständig der aktuellen Kindergeneration vorgehalten wird, sie sei angeblich unfähiger, untalentierter etc. als die vorangegangenen, während der Hintergrund der sie betreuenden Eltern und unterrichteten Lehrkräfte der X-Generation kaum ein Thema ist, denn das führte zwangsläufig zur Selbstkritik und die ist gerade in dieser (in Teilen verunsicherten, narzisstischen) Generation äußerst unbeliebt. Die Schilderungen dieser Artikelserie mögen zur Erkenntnis beitragen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
Weiterführende Schulen, insbesondere Gymnasien bekommen dann aus den Kindertagesstätten (die testen und sortieren dementsprechend vor) sowie Grundschulen möglicherweise immer weniger talentierte und leistungsfähige, sondern eben jene heute wieder so gefragten, politisch-ideologisch "richtigen" Fünftklässler geliefert, deren Eltern dementsprechend auch weitaus weniger Probleme mit einem sie überspannenden Überwachungsnetz haben als andere.
Aber auch Lehrer, deren Auffassungen von Demokratie noch durch das Grundgesetz geprägt sind, dürften es in Zukunft zunehmend schwieriger haben, sich in Kollegen- und Elternkreisen noch frei zu bewegen, die sich auf das Überwachungssystem im vorauseilenden Gehorsam einlassen sowie immer mehr dazu übergehen, weniger auf Leistung als auf die Befolgung von neo-ideologischen Werten zu setzen. Solche Kollegen haben dementsprechend, auch gar keine Scheu davor, Kinder gemäß der neuen "Werte" zu überwachen sowie bei Zuwiderhandlung unverzüglich anderen Behörden als "auffällig" zu melden. Außerdem neigen sie auch noch zu ganz anderen Methoden, um die nun wieder gewünschte Obrigkeitshörigkeit ihrer Schülerschaft zu erreichen, die bei so manchen Vertretern der heutigen Groß- und Urgroßelterngeneration ganz böse Erinnerungen wachrufen, müssen sie bei diesen Zuständen doch an die Nazi-Jahre sowie an die fünfziger Jahre der jungen Bundesrepublik denken, als u.a. niemand mehr etwas von der (Nazi-)Vergangenheit Deutschlands wissen wollte. Und dann wundert man sich noch darüber, dass unter solchen Strukturen eine Generation aufwächst, die ebenfalls nichts mehr davon wissen will?

Die neuen obrigkeitsbraven Eltern mischen im gegenseitigen Bespitzeln kräftig mit. Noch nie war es so einfach wie heute, irgendein beliebiges Kind in einer Kita oder einer Schule, das vielleicht sogar eine (leistungsfähigere) Konkurrenz des eigenen Nachwuchses darstellen könnte, bei Lehrern, anderen Eltern oder gar Behörden anzuschwärzen sowie ganz offen zu diskreditieren, ohne sich auch nur ein einziges Mal wegen eines durchaus angebrachten Vorwurfs einer Rufschädigung rechtfertigen zu müssen, den Kinderschutzgesetzen sei Dank, die zunehmend für äußerst zweifelhafte, persönliche Interessen benutzt werden.

Die Helfershelfer der neuen Heilslehre

In der Geschichte im ersten Teil hatten das Kind und seine Eltern es in der Schule u.a. mit einem Vater und einer Klassenleitung zu tun (die im Rahmen unternehmerischer-schulischer Zusammenarbeit gemeinsam Unterricht erteilten), die das Kind und seine Eltern ungeniert verunglimpften. Später gesellten sich noch weitere Fachlehrer (die Aufwertung der Nebenfächer betrifft auch die sie unterrichteten Personen, deren Urteil nun - abseits ihre eigentlichen fachlichen Aufgaben - wichtiger geworden sind, als sie es jemals waren), eine Unterstufenleitung und sogar eine angeblich akademisch ausgebildete Schulsozialarbeiterin hinzu. Es gibt landauf- landab noch viele weitere Beispiele, und darunter einige mit wirklich dramatischen Verläufen, die zeigen, wie brutal, hässlich und gemein selbst ausgebildetes Fachpersonal in diesen neuen Strukturen handeln kann, die damit langsam aber sicher beginnen, aus dem Ruder zu laufen.
So taten sich einige Eltern zweier Schulklassen zusammen, um eine Lehrerin von ihrem Posten zu sticheln - und zwar nicht nur im Kino. Es handelte sich um eine Lehrerin, die bei einer deutlichen Mehrheit von Schülern und Eltern äußerst beliebt war. Aber die (Mehrheits-)Demokratie war in diesem Fall längst abgeschafft worden und so funktionierte auch dieses brutale Ausgrenzen ganz "hervorragend", die Lehrerin musste gehen. Offenbar entsprachen die sie herausdrängenden Eltern und Kinder den neuen gewünschten politisch-ideologischen Normen besser als die sie unterstützenden Eltern und Kinder, obwohl Letztere die Mehrheit bildeten. So wird man also missliebige Kinder und Lehrer los, indem man sie hintenherum anschwärzt und es irgendwie so darstellt, als sei man der angeblich wichtigere Teile vom Souverän des Staates.
Einen echten Vogel schoss eine Schulsozialarbeiterin ab, die einen Zwölfjährigen dazu animieren wollte, als "Sonderbeauftragter" für einen Mitschüler zu fungieren, um diesen während des Schulalltags auszuhorchen und die so "gewonnenen Informationen" anschließend regelmäßig und exklusiv - mutmaßlich unter Umgehung zahlreicher (noch) gültiger Gesetze - an sie persönlich zu berichten. Na? Klingelt da nicht etwas bei dem ein oder anderem Leser? Die totgeglaubte Staatssicherheit mit ihren Informellen Mitarbeitern lässt doch ganz erstaunlich lebendig grüßen.

Die Opfer der neuen psychologischen Kriegsführung

Die Betroffenen in der Geschichte waren während des akuten Geschehens viel zu schockiert über die Vorkommnisse, um überhaupt darüber nachdenken zu können, wie geschickt sich ihre Verfolger im Grunde genommen verhalten und wie gewieft sie jeweils dabei vorgegangen waren, der Familie zu schaden. Es wirkte, als wäre ihr Vorgehen der Anleitung zur "Operativen Zersetzung" der "Richtlinie 1/76" der Staatssicherheit der ehemaligen DDR entsprungen: Der Vater meldete aus irgendeinem nichtigen Anlass eine vermeintliche Kindeswohlgefährdung bei der Polizei. Die Polizei rief artig bei der Klassenleitung an, die das Kind anschließend vor der Polizei als "auffällig" diskreditierte und damit als lediglich vermeintlich "neutrale" Behördenstelle immer weiter ungeniert verunglimpfte.
Schon mit diesem Vorgang, einer von vielen weiteren innerhalb von zwei langen Jahren, dürfte die Eigenschaft einer "repressiven Verfolgungspraxis" erreicht worden sein. Ab diesem Zeitpunkt wurden das Kind und seine Eltern, nur durch wenige, durch die Schulleitung erreichten "Pausen" unterbrochen, penetrant weiter verfolgt, was mit dem Vorgehen und den Zielen einer "Operativen Zersetzung" deutliche Übereinstimmungen aufwies. Wer sich nun an die DDR und ihr Spitzelsystem erinnert fühlt, täuscht sich also nicht, ganz im Gegenteil, in den neuen Kinderschutz-Strukturen scheinen sich ausdrücklich die Anhänger von Überwachungsstaaten ganz besonders wohl zu fühlen. Wen würde etwas anderes auch noch wundern?

Ähnlich wie ehemaligen Anschwärz-Opfern der SED erging es aber nun Eltern in einer allgemeinbildenden Schule in einem westdeutschen Bundesland im Jahr 22 und 23 nach der Wiedervereinigung: Sie konnten sich nicht gegen die unfairen und massiven Übergriffe wehren, sondern waren ab sofort ihrer Selbstbestimmung und damit auch ihrer Schutzfunkton gegenüber ihren Kindern beraubt worden - sowie der Staatsmacht vollkommen ausgeliefert. Fast lehrbuchmäßig wurden die Methoden der operativen Zersetzung auf sie angewendet, auch wenn ihre Verfolger nicht jedes gewünschte Ziel erreichen sollten. So erreichten sie zwar zunächst eine massive Einflussnahme auf das Leben des Kindes und das seiner Eltern durch Verängstigen, Verwirren, Isolieren, Untergraben des Selbstwertgefühls, Stören der Beziehungen zu anderen Menschen, und vor allem durch monatelang andauernde, systematische Diskreditierungen ihres öffentlichen Rufes und Ansehens, aber die Zersetzer schafften es trotz ihres außerordentlichen Engagements einfach nicht, diese Familie zu zerstören, ein offenbar beabsichtigtes Ziel, das zumindest wissentlich in Kauf genommen worden war.
Aber sie hatten durchaus einiges erreicht: Die Eltern waren durch diese Methoden zumindest über mehrere Monate in Angst und Schrecken versetzt und damit regelrecht kaltgestellt worden. Sie konnten einfach nichts tun, außer darauf hoffen, dass sich in diesem sonderbaren, menschenfeindlichen System noch irgendjemand mit Verstand der Sache annehmen würde. Das ist zumindest in diesem Fall geschehen, auch wenn ein Teil der Verfolger anschließend noch mit diversen Ausgrenzungsmethoden ganz ungerührt weitermachten wie bisher. Man ließ das Kind zum Beispiel wochenlang von Klassenkameraden verprügeln, ohne einzuschreiten oder man wollte das Kind eines Tages aus einem nichtigen Grund ganz spontan, einfach so aus dem Unterricht und der Schule entfernen lassen, ganz so, als wäre man allmächtig und hätte sich deshalb persönlich an überhaupt keine Regeln mehr zu halten.

Die Eltern hätten natürlich ihrerseits auch Anzeige erstatten können, aber neben der Frage, welches Handeln in einem komplett verrückten Geschehen, das man noch niemals zuvor erlebt hatte, wirklich, das richtige Handeln sein sollte, stellten sich ihnen noch viele weitere Fragen: Wollte man sich gegen solche seltsamen Methoden etwa mit ähnlichen Methoden wehren? Geht es dann künftig wirklich nur noch um das Kind, wenn sich wild gewordene Erwachsene wie Irre benehmen und mit gegenseitigen Klagen eindecken? Und um was ging es hier eigentlich wirklich? Was sollten diese geradezu perversen Attacken und Machtdemonstrationen? Und gegen wen oder was sollte man überhaupt klagen, wenn ein halbes Dutzend "Pädagogen" wie die Furien auf ein schutzbefohlenes Kind losgingen, statt es zu schützen und zu unterstützen, wie es zumindest offizielle Stellenbeschreibungen von Lehrern und Sozialarbeiterin vorsehen? Und wie viele ähnlich durchdrehende Menschen arbeiteten etwa inzwischen schon im öffentlichen Betreuungs- und Bildungswesen mit solchen Methoden, die jeder unbescholtene Mensch für vollkommen unmöglich halten muss?
Die Eltern entschlossen sich, das Kind so gut zu schützen wie es nur ging und alles mitzumachen, soweit es sein musste - und waren schon fast froh darüber, das Kind anschließend aus einem Etablissement abmelden zu "müssen", in dem eine totgeglaubte Vorgehensweise wie einst bei der Stasi offenbar höchstlebendig war und damit nicht nur ihr Kind, sondern offenbar auch Recht und Ordnung mit Füßen getreten worden waren.

Die narzisstische Gesellschaft in den Strukturen eines sozialen Überwachungsstaates

Die gegenwärtigen Strukturen machen es manchen Leuten einfach viel zu leicht, anderen Übles zu wollen. Man kann sich denken, wie das in den nächsten Jahren weitergehen wird, wie angreifbar Kinder und Eltern als solche im Vergleich zu anderen Lebensmodellen unter so einer Gesetzgebung werden. Wie diese dauernden gegenseitigen Bezichtigungen immer mehr ausarten werden, wenn irgendein Mensch nicht das von seinen "Bewachern" und "Sonderbeauftragten" erwünschte Verhalten zeigt und wie damit die nächste Generation ausgerechnet von ihren relativ frei aufgewachsenen X- und Y-Elterngenerationen zu einem Duckmäusertum erzogen wird, das man im 21. Jahrhundert in einem westlichen Industriestaat nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Es bieten sich verschiedensten Personengruppen, die anderen schaden wollen, nun immer neue Möglichkeiten. Zum Beispiel hatte der Gesetzgeber der bisher noch lärmenden, weil lebendigen Kinderinfrastruktur in Form von Familien, Kitas, Sportplätzen etc. zwar kürzlich noch den Rücken gestärkt, in dem er über Kinderlärm Klagenden beschied, Kinderlärm gehöre zum Leben nun einmal dazu, doch mit den neuen Kinderschutzgesetzen können diese Klagenden nun ganz neue Wege einschlagen: Ein schreiendes Kind ist schließlich immer ein gutes Argument, das Kindeswohl gefährdet zu sehen, und ein ebensolches, diesen Vorwurf auch mit dem entsprechenden Ernst nachzugehen, und zwar solange bis jedes einzelne Kinderleben durchleuchtet worden ist.
Man muss es natürlich mindestens genauso raffiniert anstellen wie in der geschilderten Geschichte, also unbedingt dafür Sorge tragen, dass man sich eben nicht als lediglich untereinander absprechendes, planvoll vorgehendes Mobbing- Netzwerk zu erkennen gibt. Man darf als taktisch klug vorgehende Verfolgertruppe auch nicht als offensichtlicher Klüngelclub, als Günstlingswirtschaftsverein, als Tratschtanten-Netz oder Lobbyismus-Verband in Erscheinung treten, nein, man sollte tunlichst zusehen, der Außenwelt ein ganz seriöses Erscheinungsbild zu liefern, professionell aufzutreten - inklusive einer das eigene Image befördernden angemessenen Öffentlichkeitsarbeit - und am besten noch ein paar vollkommen ahnungslose Behördenvertreter in den eigenen Reihen haben oder diese noch rechtzeitig in die eigenen Reihen ziehen, bevor man auf die Kinder anderer Leute losgeht, oder auf missliebige Lehrer oder auf unerwünschte Eltern oder wer einem auch immer gerade missfallen sollte.

Aber trotz all dieser (ekelhaften) neuen Möglichkeiten schlecht gemachter Strukturen, wird niemand gezwungen, diese auch (aus)nutzen. Also, wie kommen, neben den schlechten, weil solch ein Vorgehen erst ermöglichende Strukturen, erwachsene Menschen im 21. Jahrhundert eigentlich auf die Idee, sich dermaßen pathologisch zu verhalten?
Der Autor und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschrieb in seinem jüngsten Buch "Die narzisstische Gesellschaft - ein Psychogramm" die westliche Konsumgesellschaft als sinkendes Schiff, auf dem sämtliche Symptome einer tiefen, narzisstischen Störung gemeinsam absaufen werden. Anders als im Ratgeber von Marie-France Hirigoyen* geht es in diesem Buch allerdings weniger um einen konkreten Rat, wie sich Betroffene im Einzelfall zur Wehr setzen können, sondern es summiert in einer Analyse zu einer kollektiven, gesamtgesellschaftlichen Störung auf, die unbedingt einer Antwort bedarf, wenn wir den Karren nicht komplett an die Wand fahren wollen. Gerade in der für unsere Wirtschaftssysteme so typischen Gier und in versteckten Aggressionen, die viele auch im Alltag erleben, machte Maaz Schlüsselsymptome einer narzisstischen Bedürftigkeit aus, die nicht anders kann, als andere Menschen möglichst erfolgreich zu stören, zu erniedrigen und zu quälen.

Geradezu erschütternd ist dabei die Gefühllosigkeit und damit die sprichwörtliche Fähigkeit, über Leichen zu gehen. Wo würde dies offensichtlicher sein, als in einem System, das Kinder schützen soll, in dem es aber Narzissten gerade mit ihrer Fähigkeit zur Gefühllosigkeit bereits zu Rang und Ehren gebracht haben, um auch weiter erfolgreich über die Leichen ihrer Schutzbefohlenen zu klettern? In den anderen Teilen der Artikelserie wurde die Lückenhaftigkeit der Strukturen bereits aufgezeigt. Solche Systeme ziehen ungerührt quälende Menschen geradezu an, weil diese ihnen per se eine einseitige Macht über andere Menschen verleihen. Davon auszugehen, man hätte es in den neuen Netzwerken behördlicher Kinderschützer mit ausschließlich auf Augenhöhe miteinander kommunizierenden, immer sachlich agierenden und stets vernünftig handelnden Menschen zu tun, zeugt höchstens noch von Naivität und stellt damit einen groben Fehler im System dar, durch den genau die willkommenen Lücken geschaffen worden sind, die von dazu neigenden Menschen auf schamloseste Art und Weise ausgenutzt werden.

Pathologische Narzissten kommunizieren nicht auf Augenhöhe, sie sind immer die Größten. Doch da sie gerade dank ihres Größenwahns und ihrer Gefühllosigkeit in den von Gier getriebenen Systemen nicht selten schnell Karriere machen, ist es in den kinderbezogenen Strukturen der Betreuung und Bildung für ihre junge Klientel geradezu lebensgefährlich, es "ernsthaft" mit ihnen zu tun zu bekommen, weil sich Kinder noch weniger als Erwachsene dagegen zur Wehr setzen können. Geradezu fahrlässig ist es jedenfalls, das Vorhandensein von solchen Störungen einfach komplett zu ignorieren und damit insbesondere die äußerst attraktive Wirkung zu ignorieren, die ein System auf perverse Narzissten hat, das es ihnen geradezu leicht macht, andere persönlich zu beherrschen - ein Unding in einer Demokratie. Sie erhalten nicht nur direkten Zugriff auch auf das Privatleben von Schutzbefohlenen, sondern nun auch auf das des ganzen familiären Umfelds ihrer Opfer frei Haus. Damit können Narzissten sich nun beruhigt zurücklehnen: Ihr Auskommen auf Kosten anderer ist bis auf Weiteres gesichert. Sie werden nun mit der gesetzlich verbrieften Erlaubnis zum Niedermachen anderer Menschen ausgestattet und können das für sie überlebensnotwendige Spielfeld weiterhin bedienen, ihre eigene Bedürftigkeit dauerhaft zu stillen, zu keiner echten Beziehung auf Augenhöhe fähig zu sein, weil sie im Umgang mit anderen in immer dasselbe Muster fallen: Verführen, Entmenschlichen, Vernichten. Dieses Muster ist zwar immer dasselbe und könnte bei Wiederholung irgendwann von Dritten womöglich erkannt werden, aber es wird in Strukturen mit hoher Fluktuation, gerade wenn immer neue, frische Opfer nachgeliefert werden, zunächst auch nicht besonders auffallen. Mit den neuen Kinderschutzgesetzen, hat der Gesetzgeber "erfolgreich" dafür gesorgt, dass sich pathologische Narzissten nun auch ungestraft an Kindern und Familien gütlich halten können: Sie werden es ihm danken und jede ihnen geschenkte Gelegenheit dafür nutzen.

Wer es noch nicht mit krankhaften Narzissen zu tun hatte, was auch nicht besonders empfehlenswert ist, dem kann es auch ganz egal sein, mit wem oder was er es genau zu tun hat, ob mit dieser oder jener Störung, das desaströse Ergebnis zählt - und folgt in jedem Fall. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder einige spektakuläre Verbrechen, wie die sogenannten "erweiterten Selbstmorde" gegeben. Häufig wurde den Tätern eine Depression bescheinigt, aber eine ausgeprägte Herrschsucht über das Leben anderer, bis hin zur Entscheidung wer leben darf und wer nicht, spricht eher für eine narzisstische Störung.
Sehr ausgeprägte Exemplare wird auch kein Gesetz der Welt stoppen, aber gut gemachte Gesetze, die die Spiel- und Schlachtfelder von Narzissten deutich einschränken, dürften bei Exemplaren in einem defintierten Wirkungkreis, z.B. in einer Kita oder einer Schule durchaus wirksam werden: Niemals wird ein krankhafter Narzisst tätig werden, wenn ihm oder ihr der Triumph nicht sicher ist, weil sich weder das "Zielobjekt" noch dessen Umfeld manipulieren lässt.
Narzissten werden sich immer Opfer aussuchen, bei denen ihre Chancen ganz real sind, ihre "Objekte" tatsächlich beherrschen und ungestraft terrorisieren zu können. Werden solche narzisstischen "Spielräume" aber durch Gesetze auch noch regelrecht erweitert oder gar erst geschaffen, indem diese bestimmte Personenkreise von vorneherein schwächen, wie Familien mit Kindern, und sie damit zu ganz bequemen, potenziellen Opfern formen, braucht man auch keine Einladungen mehr zu verschicken, narzisstisch Gestörte werden sich dann schon von ganz allein in solchen Strukturen einfinden.

Vor allem eine gewisse aggressive Eiseskälte gegenüber "anderen Kindern" dürfte heutzutage in einem Umfeld mit Kindern immer mehr zu einem Kriterium werden, dass man es mit gestörten Menschen zu tun hat. Man darf Eiseskälte aber nicht ohne Aggressionen, also mit einer Art Gleichgültigkeit verwechseln, die eher etwas von "leben und leben lassen" hat. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand lediglich kein Interesse an einem anderen Menschen hat oder ob jemand auf andere derart aggressiv losgeht, als handelte es sich dabei um sein persönliches Eigentum, mit dem man schließlich machen könnte, was man wollte. Dass diese berühmte Beißhemmung von Menschen selbst gegenüber Kindern entfällt, wird in der Gegenwart immer häufiger erfahren, so dass die These von einer narzisstisch geprägten Gesellschaft nicht so einfach von der Hand zu weisen ist.

Weitaus geläufiger als spektakuläre Vorgänge, sind alltäglichere Ereignisse, wie es inzwischen Trennungen von Elternpaaren sind, die unter den neuen Kinderschutzgesetzen auch zu ganz neuen Gefahren werden. Es braucht nur ein Elternteil (oder ein anderer Mensch im Umfeld, der Partei ergreift) zu einer krankhaften Form von Narzissmus neigen, um das Leben des anderen Elternteils sowie das der gemeinsamen Kinder dauerhaft zu gefährden. So ähnlich wie einige Eltern in Schulen, Kitas etc. offenbar gar nicht mehr anders können, als ständig auf den Kindern anderer Eltern herumzuhacken, wird das Kind dann zu einem Kanal (Objekt = Entmenschlichung) für die eigene narzisstische Bedürftigkeit, über den immer wieder in das Leben des anderen eingegriffen sowie eigenmächtig darüber bestimmt werden kann..
Vor diesem Hintergrund, sollten Menschen, für die Demokratie, Selbstbestimmung und Freiheit noch etwas mehr als lediglich leere Floskeln sind, wirklich ernsthaft überlegen, überhaupt noch Kinder in die Welt zu setzen, weil mit ihnen die mögliche Angriffsfläche unter den gegebenen Strukturen enorm erweitert wird, und wer würde außerdem nicht darunter leiden, Kinder leiden zu sehen (außer pathologische Narzissten, versteht sich)?
Strukturen, die solchen Handlungsweisen auch noch ganz neue Betätigungsfelder eröffnen, sind höchsten machiavellistische, in denen eine Gesetzgebung à la "Teile und herrsche " dafür Sorge trägt, dass sich lediglich noch die nicht davon Betroffenen in ihnen wohlfühlen. Das ist unverantwortlich, weil das berühmte (und verantwortliche) Dorf, das jedes Kind braucht, sich damit nie einstellen wird, solange Eltern untereinander, Eltern und Lehrer oder Erzieher, Lehrer und Erzieher untereinander und immer wieder gemeinsam mit und gegen das Jugendamt damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu bekämpfen. Dabei fällt dann auch gar nicht auf, dass diejenigen, die solche Gesetze gemacht haben, die zu Missbrauch einladen, sich ihrer eigenen Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft entzogen haben, bessere Gesetze zu schaffen.

Problematischer als der bereits angeschlagene Ist-Zustand dürfte aber die noch kommende Entwicklung in den nächsten Jahren ausfallen, wenn an den Strukturen nichts geändert wird. In Systemen in denen sich Narzissten wohlfühlen und sich folglich festgesetzt haben, geht es hoch her: Es wird immer Opfer geben und es wird am Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Wie anfangs gesagt, sind normale Menschen auch schon in den verrücktesten Strukturen zurechtgekommen und konnten ihre Schutzfunktion gegenüber schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft, wie es Kinder sind, trotz widrigster Umstände durchaus eine Zeit lang oder auch stoisch und damit dauerhaft aufrechterhalten. Aber man sollte hinzufügen, dass sie in der Historie oft auch gar keine Ausweichmöglichkeiten hatten, so dass dort, wo noch Ausweichmöglichkeiten vorhanden sind, sich die menschlich Handelnden zunehmend aus den von Narzissten besetzten Gebieten immer dann verabschieden, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Das passiert selten sofort und auf einen Schlag, es läuft eher im Hintergrund und in langen Entwicklungsphasen ab.
Ratlose, gute FeeIn narzisstisch besetzten Schulen, Betreuungseinrichtungen, Abteilungen usw. werden sich also die in der Regel humanen und besten Mitarbeiter als Erste verabschieden, einer nach dem anderen. Wer gleich das ganze Betreuungs- und Bildungssystem unbedingt herrschsüchtigen Narzissten als persönliches Schlacht- und Spielfeld überlassen will, sollte sich dann auch nicht wundern, wenn trotz aller staatlichen Finanzleistungen für Familien mit Kindern die Geburtenrate weiter sinkt. Es gibt sie neben all den finanziellen Belastungen, die Familien stemmen müssen, nämlich wirklich, die guten Gründe, die nichts mit Geld zu tun haben. Wer nicht nur die narzisstischen Bedürfnisse einer Gesellschaft befriedigen möchte, sollte sich deshalb schleunigst etwas Klügeres als ausgerechnet einen Kinder-Überwachungs-Staat im Staate einfallen lassen.

*Literaturangaben + Weitere Infos:
"Risikomanagement statt Kinderschutz" von Silke Schütter

"Die Regulierung von Kindheit im Sozialstaat" , von Silke Schütter, neue praxis, Heft 5/2006

Buch: "Die narzisstische Gesellschaft - ein Psychogramm" von Hans-Joachim Maaz

Buchbesprechung: Die Masken der Niedertracht

PDF, Stasi-Unterlagen-Behörde: Richtlinie 1/76 Operative Vorgänge - 2.6. Die Anwendung von Maßnahmen der Zersetzung


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5. Epilog

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2. Die Strukturen I - Die heil'gen Bildungshallen

3. Die Strukturen II - Die schöne neue Welt des Kindeswohls


2015-05-19, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illus + Foto-Banner: ©aph

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