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Bye-bye Bildung, Demokratie adieu V

Ein Lehrstück in fünf Akten
von Angelika Petrich-Hornetz

Zitat: "Beurteile einen Menschen lieber nach seinen Handlungen als nach seinen Worten; denn viele handeln schlecht und sprechen vortrefflich"
Matthias Claudius

Prolog - Ein neues Menschenbild

Ein neues Menschenbild hat sich in Deutschland ausgebreitet. Es ist das Leitbild eines Omnipotenten, der sich am Ende einer Turbobildungs-Kindheit in jede von der Gesellschaft gewünschte Richtung ausdifferenzieren lässt. Doch das von Kindesbeinen an praktizierte Dauerdrehen um das eigene Ego hat seinen Preis. Einhergehend mit angeblich größeren Fähigkeiten beanspruchen die bei genauerem Hinsehen nur rudimentär Optimierten in ihrer Egozentrik mit mehr Rechten als andere ausgestattet zu werden. Das widerspricht sämtlichen demokratischen Regeln und einer bestehenden Vielfalt, über die in Deutschland mehr geschwafelt, als dass ihr entsprochen wird. Der Mief einer längst überwunden geglaubten, brutalen Vergangenheit haftet diesem Menschenbild an, das sich nicht nur darauf beschränkt, in seinem eigenen Kosmos zu herrschen, sondern auch immer aggressiver in die Leben anderer Menschen hinein.

Das letzte Mal lernte ich als einen missionierenden Optimierer in Form eines Taxifahrers kennen. Er war etwa Mitte dreißig, eine trainierte Gestalt mit muskulären Oberarmen. Entgegen den Versprechungen der Fitness-Industrie, die Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu fördern, wirkte er allerdings dauergenervt. Für perfekt hielt er sich dennoch und hielt mir einen unangefragten Vortrag über Gesundheit, eines der Hauptbetätigungsfelder von Selbstoptimierern und Transhumansisten. Gesundheit - "ein feuriger Geist in einem muskulösen Körper" - scheint für diese Leute die Lösung für sämtliche Probleme des einzelnen Lebens, aber auch der ganzen Menschheit zu sein.
Der Fahrer meinte allen Ernstes, man würde gar nicht erst krank werden, wenn man sich erstens nur gesund ernährte, zweitens regelmäßig Sport betriebe und sich drittens bei jeder Gelegenheit "draußen in der Natur" aufhielte. Er war so überzeugt von seiner Theorie, dass er gar nicht bemerkte, dass es sich dabei auch um nichts anderes als irgendeine persönliche Meinung handelte, die damit auch genauso wertvoll war wie jede andere auch.
Meine skeptische Äußerung, dass es noch viel mehr Faktoren für Gesundheit und Krankheit gebe als lediglich drei, gab ihm wohl einen unerwarteten Dämpfer, sein bisher entspannter Professoren-Vortragston wurde nun deutlich aggressiver. Er dozierte weiter, immer schneller redend, um die "Wahrheit" seiner Behauptungen zu "beweisen". So sehr war er von sich selbst und seinem einfachen Lebensrezept überzeugt, dass er keine anderen Argumente mehr neben sich dulden konnte. Und die saßen aktuell auf dem Beifahrersitz, mitten im dichten Straßenverkehr.
Was dieser Mann wohl täte, wenn er eines Tages etwas Unerwartetes wie einen Unfall miterleben müsste?, überlegte ich noch, während er weiter seine Litanei von Bewegung und frischer Luft herunterleierte. Ob er das Unfallopfer dann beschimpfte, es hätte sich falsch ernährt und wenn es mehr Sport getrieben hätte, wäre es sicher gar nicht erst in einen Unfall verwickelt worden? Aber der große Vorsitzende der Partei Allwissend sprach ungestört weiter, während sein Gesichtsausdruck immer grimmiger wurde.

Die Symptome zusammengefasst nennt man dann wohl klassisch: nicht über den eigenen Tellerrand hinaus sehen können. Zum Glück war die Fahrt in dem Moment beendet, als man sich im Wagen bereits offen stritt. Ein paar Kilometer weiter und der Fahrer und sein Fahrgast hätten sich unverblümt und lauthals angeschrien. Man hätte sich eigentlich besorgt bei seinem Arbeitgeber erkundigen müssen, ob dieser Fahrer mit seinen albernen Gesundheitsrezepten auch Krebspatienten zur Chemotherapie chauffierte, wie es im Taxigewerbe häufig vorkommt. Durch so viel geballte "Lebensweisheit", wie einfach es angeblich sei, gesund zu sein, könnten erkrankte Fahrgäste schließlich unnötig zusätzlich belastet werden. Grundsätzlich selbst Schuld, krank zu sein, auch das ist eine der Nebenwirkungen mit der man im Umgang mit solchen Anbetern der optimalen Lebensführung inzwischen täglich rechnen muss, die sich - oft exakt so lange, bis sie persönlich eines Besseren belehrt werden - stets darum bemühen, ihr Leben komplett unter Kontrolle zu bekommen - und leider auch das ihrer Mitmenschen.

Dabei ist dieses nun wieder auf den Sockel gehievte Menschenbild alles andere als neu, und (die Autorin wiederholt sich) gerade in Deutschland mehr als nur bekannt. Aber welcher Körperkultler interessiert sich heute schon noch für politische Geschichte?
Das große Versprechen der Gegenwart lautet: Wer entsprechend des Rezeptblocks der Selbtoptimierer ständig an sich selbst herummanipuliert, wird angeblich zu einem gesünderen, klügeren und besseren Menschen. Gleichzeitig wäre man anderen (nicht zu vergessen: auch direkten Konkurrenten) gegenüber um Längen überlegen, die sich angeblich lediglich gehen ließen, die faul seien und nicht das aus sich machten, was sie aus sich machten könnten. Das legitimiert dann auch den Missionierungsdrang der Selbstoptimierer, sich ständig in penetranter Art und Weise um ihre "armen" Mitmenschen "zu kümmern", weil sie sich bedauerlicherweise eben nicht ausschließlich selbst, sondern auch alle anderen um sie herum optimieren müssen, und zwar geradezu zwanghaft.

Aus dieser Selbstüberschätzung heraus - Bescheidenheit gehört offenbar nicht zur Lehre vom besseren Menschen - meinen sie, damit nichts weniger als das Recht zu besitzen, anderen Menschen vorschreiben zu können, was diese zu tun oder zu lassen hätten. Man nennt so etwas auch Bevormundung. Ein Erwachsener wird sich so etwas in der Regel nicht gefallten lassen, aber wenn die chronische Selbstüberschätzung auf minderjährige Kinder trifft, kann es für Letztere sogar gefährlich werden.
Und exakt vor denen machen die Vertreter post-demokratischer Optimierungs-Ideologien längst nicht mehr halt, Kinder sind in den vergangenen Jahren sogar immer mehr in ihren Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Deshalb können die Optimierer im gesamten Umfeld von Kindern, insbesondere in öffentlichen Betreuungs- und Bildungsinstitutionen besonders großen Schaden anrichten. Und das passiert immer dann, wenn die notorischen Verbesserer auf dieses oder jenes Kind treffen, das es aus ihrer persönlichen Sicht der Dinge heraus noch unbedingt zu optimieren gilt. Wobei die Herrschaften natürlich niemals irgendwelche Selbstzweifel darüber hegen, was genau zu tun ist oder ob ihre für das jeweilige "Optimierungs-Objekt" vorgesehenen Maßnahmen objektiv betrachtet wirklich die besten sind.
Ungeniert vermittelt man dafür, unter Umgehung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, Heilslehren. Dass dies aber verboten ist, wissen beeinflussbare Minderjährige natürlich noch viel weniger als heutige Erwachsene und können sich dementsprechend schlecht dagegen zur Wehr setzen.

Missionare der Perfektion unter Unperfekten

Vor ein paar Jahren galt der Spruch "Nobody is perfect" noch als schick, ein fröhliches Bekenntnis zur eigenen und/oder allgemeinen Imperfektion des Lebens als solcher. Heutzutage hört man ihn kaum noch. Kein Wunder, denn heute strebt alles nach Perfektion. 2009 kam übrigens der gleichnamige Dokumentarfilm des (ebenfalls betroffenen) Regisseurs Niko von Glasow heraus, der über das Leben von zwölf Menschen, die durch Contergan geschädigt wurden, berichtete. Auch deren Geschichte will so gar nicht zu den angeblich sensationellen Ergebnissen von Frisch-Luft, Bewegung und gesunder Ernährung passen. Und damit zur angeblich "richtigen Lebensführung", die laut ihren Aposteln auch noch wesentlich weiter reichen kann als lediglich zur optimalen Stählung des Körpers beizutragen.
Würden sich die Optimierer dabei gänzlich auf sich selbst beschränken, hätte wohl auch niemand etwas dagegen, aber sie missionieren inzwischen derart fordernd im Fahrwasser jüngster neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in der Förderung von Kindern herum, dass man ihnen inzwischen langsam auf die Schliche kommt, in Wahrheit lediglich Werbung und Marketing aus schnödem wirtsschaftlichen Eigenintresse heraus zu betreiben.

Einrichtungen im Umfeld von Kindern sehen sich inzwischen jeden Tag von ganzen Wirtschaftsbranchen flankiert, die durch den geschäftstüchtigen Umsatz mit Kindern prosperieren. Kinder sind, wie in dieser Artikelserie bereits erwähnt, längst zum Geschäft geworden, und zwar nicht nur, wie in den beiden äußerst sehenswerten WDR-Dokumentationen "Mit Kindern Kasse machen" im Umfeld der Jugendhilfe. Es würde an dieser Stelle natürlich viel zu weit führen, die Vielfalt des Optimierungs-Marktes für Kinder annähernd hinreichend beschreiben zu können, der sich im 21. Jahrhundert um diese herum inzwischen aufgetürmt hat. Der Staat, dessen vornehmste Aufgabe es gewesen wäre, diese für seine Bürger immer undurchsichtiger werdenden Unternehmens- und Markt-Geflechte zu durchleuchten und die Öffentlichkeit inklusive der Eltern- und Kinderschaft der Nation ausreichend darüber zu informieren, hält sich bis dato zurück oder er beteiligt sich sogar noch am Ausbau des angeblichen zukunftsorientierten, perfekten Lebensmodells - und führt diesem Markt damit auch noch selbstständig immer neue Kunden und damit Kinder zu.

Beschränken wir uns auf ein paar erhellende Beispiele: Die Medikation von Kindern mit Psychopharmaka nimmt seit kurzem in Deutschland zwar wieder etwas ab, was u.a. überfälligen, verschärften Verschreibungsregeln sowie einer kritischen Medienberichterstattung inklusive immer düsterer lautenden Einschätzungen von erfahrenen Medizinern zu verdanken ist, und es trudeln nun die ersten, erwartbaren Klagen von Betroffenen wegen Folgeschäden durch jahrelangen unfreiwilligen Gebrauch von Psychopharmaka ein, aber nach wie vor "diagnostizieren" ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen gänzlich ungeniert psychische Störungen bei ihren Schutzbefohlenen, ohne eine ausreichende Ausbildung für solche Diagnosen genossen zu haben und verweisen Eltern dreist direkt an Facharztpraxen. Die so aufgescheuchten Eltern und Kinder füllen seit mindestens einem guten Jahrzehnt inzwischen in Scharen die Kassen von Psychiatern, Pharmakonzernen und zahllosen Therapeuten der unterschiedlichsten Heilslehren. Auch hier leben ähnlich wie im privatwirtschaftlich organisierten Umfeld der Jugendhilfe inzwischen ganze Branchen von der Klientel Kind.
Es gibt immer noch Grundschulklassen, in denen sämtliche Jungen von der Klassenleitung zum Kinderpsychiater geschickt werden, um ein angeblich "notwendiges" psychiatrisches Gutachten erstellen zu lassen. Nur, weil sie männlich sind? Das stelle man sich einmal umgekehrt vor, von vorwiegend Mädchen im Grundschulalter würden en masse solche Gutachten verlangt. Es hätte zumindest einen kurzfristig wirksamen öffentlichen Aufschrei und ein paar geänderte Gesetze zur Folge gehabt.

Und so wird, obwohl sich zugegeben seit einiger Zeit die kritischen Stimmen glücklicherweise wieder mehren, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeobachtet vorwiegend männlichen Kindertagesstättenbesuchern und männlichen Grundschülern immer noch häufig ihr altersbedingter Mangel an Perfektion mit Medikamenten und Therapien ausgetrieben. Man könnte solch ein Vorgehen in vielen Fällen auch schlicht als eine Form von Gewalt bezeichnen: Früher wurden Kinder durch Schläge ruhiggestellt, heute "regelt" es die ach so aufgeklärte Erwachsenenwelt auf eine viel subtilere und damit für diese angenehm unauffälligere Art und Weise, nämlich durch Medikamente und Therapien - und verdient gleichzeitig noch kräftig daran.
Sogar Neuroleptika werden inzwischen verschrieben, damit unruhige Kinder funktionieren und artig "aufs Gymnasium" gehen können. Allein die Barmer GEK stellte zwischen den Jahren 2005 und 2012 einen Anstieg um +41,2 Prozent der Verschreibungen von Neuroleptika (Antipsychotika) für Kinder und Jugendliche fest, bei den atypischen Antipsychotika (neuere Neuroleptika mit angeblich weniger Nebenwirkungen) war es im selben Zeitraum sogar ein Zuwachs von satten +129 Prozent. Hauptverordnungsgrund: Hyperaktivität (61,5 Prozent) gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens (36,5 Prozent). Vor ein paar Jahren wurden diese Mittel Minderjährigen dagegen noch hauptsächlich bei den eher seltenen kindlichen Psychosen verschrieben. Doch zum Einsatz bei dieser eher seltenen Diagnose der kindlichen Psychose sind Antipsychotika offenbar gar nicht mehr vorgesehen. Dafür aber für einen bunten Strauß anderer Symptome, u.a. autistische, störendes Sozialverhalten, oppositionelles Verhalten, Hyperaktivität, Reizbarkeit, Aggressionen, ein breites Spektrum - und damit ein äußerst lukratives Geschäft.

Die verkauften Kinder

Vor dem Hintergrund solcher Zulassungs- und damit einhergehenden Verkaufserfolge blieb das Umfeld von Kindern als Point-of-Sale den o.g. Branchen selbstverständlich nicht verborgen, an denen geeignete Kinder "eingekauft" werden können. Eltern, Erzieher und Lehrer werden inzwischen massiv von den einschlägigen Branchen belagert und beeinflusst, und zwar nicht selten, ohne dass sie sich dieser massiven Beeinflussung überhaupt bewusst sind, was sie letztendlich zu Handlangern und einem verlängerten Vertriebsarm einer privatwirtschaftlich orientierten Industrie werden lässt.
So verteilen Erzieher und Lehrer ganz unbedarft u.a. Prospekte an Eltern über auf bestimmte Therapien spezialisierte Ärzte, obwohl sie selbst keinerlei Fachwissen darüber besitzen, um solche Therapien überhaupt sachlich gerecht auseinanderhalten, geschweige bewerten zu können. Oder sie verteilen Prospekte an Eltern und Kinder, die für auf den ersten Blick interessante Vorträge von Wissenschaftlern zum Thema "Medienkonsum von Jugendlichen" oder Gefahren im Internet" hinweisen. Die Eintrittsgelder für die Abendveranstaltung werden dann großzügig einem "gemeinnützigen Verein für den Kinderschutz" gespendet. Wer sich dann die Mühe macht, die Absender des angeblich gemeinnützigen Netzwerkes ausfindig zu machen, wird überrascht sein, dort lediglich einen Zusammenschluss von gar nicht mehr so uneigennützigen freiberuflichen TherapeutInnen vorzufinden, die in jeweils ihrer eigenen Praxis 80,- bis 120,- Euro pro Sitzung verlangen. Dieser Preisklasse neue Kunden zuzuführen lohnt sich also.
Der derzeitige Markt der Therapieformen erfreut sich dabei einer außerordentlich großen Vielfalt. Das kann vom Yoga für Kinder bis zur "Chakren-Meditation" reichen - und sich damit um alles handeln, was der Markt eben so hergibt - Grenzüberschreitungen zur reinen Esoterik sowie dubiosen Heilslehren nicht ausgeschlossen. Dass davon minderjährige Kinder überhaupt noch gar keine Ahnung haben, was die alles so anrichten können, müsste eigentlich jedem verantwortungsvollen erwachsenem Menschen klar sein, ist es aber offensichtlich nicht. Und Kinder dürfen nicht darüber entscheiden, ob sie diese oder jene Therapie, diese oder jene Medikamente wünschen: Über ihre Köpfe wird immer noch erstaunlich dreist hinweg entschieden. Wie diese brisante Entwicklung wohl weitergeht?

Könnten Therapeuten u.a. Interessierte in solchen "Kinderschutz-Netzwerken" womöglich über einen verloren gegangen potenziellen, lukrativen kleinen Kunden, Patienten oder Forschungsfreiwilligen in Form eines minderjährigen Kindes etwa derart verärgert sein, dass sie sich dazu hinreißen lassen, aufsässige Eltern, die partout kein Interesse an der Verabreichung von Neuroleptika, zweifelhaften Körpertherapien oder Chakren-Meditation für ihre Kinder entwickeln wollen, bei den Behörden anzuschwärzen? Sind die Strukturen nicht längst dafür geschaffen worden, dass ein wirtschaftlich starkes Umfeld der Pharma- und Kindergesundheitsindustrie den Behörden weismachen könnte, das Kindeswohl sei in dem Fall angeblich gefährdet, wenn ihre Produkte und Dienstleistungen nicht in Anspruch genommen werden - und zwar auch unter "Gefahr im Verzug für Leib und Leben"?

Die immer offener sichtbar werdende Nutzbarmachung von Kindern als Objekte für politische (Gesellschaft), wirtschaftliche und wissenschaftliche (Forschung) Zwecke. wird durch eine zunehemende Überwachung (bereits von vor der Geburt an) herbeigeführt und läuft unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, nämlich nur vorgeschoben dem Kindeswohl dienlich zu sein, am Ende zwangsläufig auf eine vollkommen institutionalisierte Kindheit und Jugend hinaus, in der es für die Betroffenen - als Subjekte - kein einziges eigenständiges Recht mehr auf Selbstbestimmung geben wird, schon gar kein einklagbares. Hansi Müller gegen die Bundesrepublik Deutschland? Das setzte mindestens die Aufnahme von Kinderrechten im Grundgesetz voraus.

Es geht aber längst nicht mehr um das individuelle Wohl eines Kindes, sondern nur noch darum, die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Wissenschaft mit geeigneten "Kandidaten-Material" zu versorgen. Da *angeblich nur noch dieses eine *gemeinsame Ziel bei so gut wie sämtlichen Entscheidern des Umfelds von Kindern vorhanden ist, bzw. sich diesem alle Beteiligten verpflichten, wird diese große Gemeinsamkeit auch überall und dauernd betont sowie immer weitere Voraussetzungen zum Ausbau der Zusammenarbeit geschaffen. Es müssten "alle an einem Strang" ziehen, um die Jugend auf den gewünschten Kurs zu bringen. Diese Jugend hat damit nur noch zwei Möglichkeiten, entweder sich allen (!) anzupassen, ein eigentlich unmögliches Unterfangen oder - wenn sie andere Ziele und Vorstellungen haben sollte, die mit den Wünschen* der Gemeinschaft kollidieren sollten, sich allen (!) zu verweigern. Im zweiten Fall wird die Jugend strikt sanktioniert, da sie für die in Wirklichkeit immer noch vorhandenen *unterschiedlichen Interessen der als geschlossen auftretenden Gemeinschaft sonst nicht nutzbar ist. Die *Interessen bleiben in Wahrheit nämlich genauso *unterschiedlich wie bisher, als unterschiedliche Stellen - Schulen, Behörden, private Unternehmen etc. - noch unabhängig voneinander und damit in gewisser Weise auch in Konkurrenz zueinander agierten, doch um das hehre, gemeinsame Ziele der aufgewerteten institutionalisierten "Erziehungsgemeinschaft" nicht zu gefährden, werden diese noch vorhanden unterschiedlichen Interessen verschleiert. Und genau das kann durchaus zum Schaden von Kindern ausgenutzt werden.

Ein nun bei irgendeiner Stelle dieser immer mehr zusammenarbeitenden Gemeinschaft, zum Beispiel bei einem Vertrauenslehrer, Kinderarzt oder bei einer Erzieherin ratsuchendes Kind kann sich ab sofort nicht mehr auf eine vertrauensvolle Gesprächssituation verlassen, in der sein persönliches Anliegen ernstgenommen wird, da ihm eine bisher garantierte Schweigepflicht der ratgebenden Stellen inzwischen nicht mehr gewährt werden kann. Ob dem ratsuchenden Kind tatsächlich Vertraulichkeit gegeben wird, hängt jetzt ganz allein vom Ermessen des Ansprechpartners ab (siehe auch Teil III). Im schlimmsten Fall werden sämtliche persönliche Informationen des Kindes an alle anderen im Umkreis vorhandenen Stakeholder, die irgendein Interesse an der nächtsen Generation haben - diversen Behörden, auf dem Markt der Kindergesundheit tätigen Unternehmen etc. - weitergegeben und damit breit gestreut, (siehe auch Teil III. und IV).
Exakt an dieser Stelle verlassen die Beteiligten den Kinderschutz, statt diesen zu erhöhen, wie es theoretisch hätte sein sollen, sie liefern das Kind aus, statt es zu schützen und dessen persönliches Interesse zu vertreten. Das Kind erhält in so einem Fall erstens keinen Fürsprecher sowie einen dementsprechend guten Rat, es weiß zweitens auch nicht, wem seine Informationen zur (inklusive privatwirtschaftlich orientierten) Nutzung überlassen werden. Es wird nicht gefragt, ob es damit einverstanden ist. So steht das Kind dann im schlimmsten Fall ganz allein einem regelrechten Bollwerk aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft machlos gegenüber, das seine ganz eigenen Interressen verfolgt, aber nicht die persönlichen Interessen eines individuellen Kindes als solchem, das inzwischen auch weitestgehend ungeschützt durch seine Eltern ist, die in den Kinderschutzgesetzen schließlich zunächst als stets erste Verdächtige bei der Verletzung des Kindeswohls definiert worden sind.
Befindet sich in solchen Strukturen dann auch noch eine bestimmte Anzahl narzisstisch oder anderweitig gestörter Mitarbeiter, für die solche Macht-Ohnmacht-Systeme geradezu perfekte Spielwiesen zum Ausleben ihrer Störungen sind, verkommt das Betreuungs- und Bildungswesen langsam aber sicher zur totalitären Herrschaft über Schutzbefohlene.

Besonders interessant in der gesamten Verkennung der Gefahr, die solch ein willkürliches System "gemeinsamer Ziele" für die Demokratie darstellt, erscheint der Teilaspekt, dass alle Beteiligten in der stringenten Überwachung der Kinder einen großen Segen anstelle eines Faktors für deren ernsthafte Gefährdung sehen. Nicht eine einzige Behörde widerspricht dieser angeblichen Notwendigkeit Kinder zu überwachen, dabei geht die Gefahr nicht von Kindern aus. Es sind nicht die Kinder, die Erwachsene misshandeln und verletzten, sondern es sind, in der exakten Umkehrung, Erwachsene, die dies Kinder antun.
Eine der wichtigsten offenen Detail-Fragen in diesem Zusammenhang lautet darum bis auf Weiteres: Wie werden diese Informationen und Daten über minderjährige Kinder/Schutzbefohlene in so einem munteren Daten- und Informationsaustauschverkehr vor Behördenmissbrauch und vor dem Zugriff Unbefugter sowie Cyberkrimineller überhaupt geschützt? Oder einfacher gefragt: Wo bleibt die persönliche Interessenvertretung und der Datenschutz für Kinder?

Vor diesem Hintergrund wirkt der große, öffentliche Aufschrei über die Bundeswehr, die in den Schulen für den Wehrdienst warb, geradezu lächerlich. Unter dem Deckmantel der "Friedensbildung und - erziehung" hat die bundesrepublikanische Parlamentsarmee derzeit ganz offensichtlich wesentlich größere Schwierigkeiten, ihr umfangreiches Waffenarsenal und damit ihr Gewaltpotenzial vor den Augen möglicher jugendlicher Interessenten sowie der Öffentlichkeit überhaupt verheimlichen zu können, wie es im Gegensatz dazu indes die Therapeuten- und Pharmabranche stets so geschickt vermag. Wie wenig gewaltfrei und friedlich die Nebenwirkungen und Folgeschäden jahrelanger Einwirkung von starken Psychopharmaka oder zweifelhaften Therapien auf Geist und Psyche von Kindern ausfallen können, damit beschäftigten sich schließlich auch später vorwiegend deren Verursacher selbst - es gibt keine einzige zentrale Kontrollinstanz, wie bei der Bundeswehr, die immerhin von nichts Geringerem als vom Parlament selbst kontrolliert wird.
Und so bleibt wer mit wem was macht schön unentdeckt und wird weiter unter den Teppich gekehrt. Die Kinder können sich nicht wehren und viele Eltern inzwischen auch nicht mehr. Dass sich Kinder längst mitten auf einem heiß umkämpften Markt befinden, darüber klärt sie und ihre Eltern niemand auf, nicht einmal der Staat, dessen Aufgabe es allerdings wäre.

In schönster Regelmäßigkeit kollidieren die unterschiedlichsten Interessen verschiedener Marktteilnehmer an gleich mehreren Stellen immer wieder mit dem hehren, öffentlichen Bildungsauftrag, spätestens wenn großzügige Gelder fließen. Oder wenn sich der ein oder andere Unternehmer persönlich in den Fachunterricht "einbringt" und der Unterrichtsstoff sich immer mehr an Firmeninteressen und immer weniger an Lehr- und Schulplänen ausrichtet. Auf diese Art und Weise werden nicht nur die Themen gesetzt, sondern hier und dort auch direkter Macht-Missbrauch betrieben, wenn es zur direkten Einmischung in Unterrichtsinhalte und Schulleben kommt. Und besonders, wenn Externe gar direkt in das Leben von Schülern eingreifen, die einem Unternehmer vielleicht gerade einfach nicht genehm sind, wie in dem geschilderten Fall im ersten Teil dieser Artikelserie geschehen. Wo also fängt die Beeinflussug öffentlicher Institutionen an und wo hört sie auf?

Wie wirkt es sich aus, wenn das Interesse ehemaliger Konkurrenten auf einmal ein und dasselbe ist, nämlich die ökonomische Nutzbarmachung von Kindern - und die bislang unabhängig voneinander agierenden Behörden, Firmen, Organisationen, Parteien nur noch für dieses eine, gemeinsame Ziel zusammenarbeiten? Die Antwort, wie es für die so nutzbar Gemachten ausgeht, siehe vorangegangene Absätze. Man nennt solch ein Konstrukt ehemaliger Konkurrenten, die in Absprache den Markt untereinander aufteilen übrigens ein Kartell. Die Menschen außerhalb eines Kartells stehen diesem vollkommen machtlos gegenüber - und deshalb ist es auch gewöhnlich verboten.
Darum ist es auch viel mehr als nur äußerst bedauerlich, wie wenig selbstverständlich öffentliche Institutionen, wie Schulen, hier inzwischen überhaupt noch ein Korrektiv darstellen.

Lediglich die niedersächsischee Kultusministerin Heiligenstadt (SPD) hatte jüngst den Mut, einem einflussreichen Wirtschaftsverband den direkten Zugang zu mehreren niedersächsischen Gymnasien aus dem Konzept zu streichen, um einer fortgesetzten möglichen Beeinflussung ab dem kommenden Schuljahr Einhalt zu gebieten. Das traf, wie zu erwarten war, auf großes Unverständnis, sie wurde für diese Entscheidung von allen Seiten angegriffen. Auch am Beispiel dieses Vorgangs wird deutlich, wie beängstigend wie blind auf beiden Augen die aktuelle Entscheidergeneration für die Gefahren ist, die von unkontrollierten Kartellen für die Demokratie ausgeht, egal, wie gut sie auch immer gemeint sein mögen.
Und wenn man sich nun darauf einigt, die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Schulen und der Wirtschaft unbedingt noch mehr vertiefen zu wollen und einem Erdölverband direkter Eintritt in die öffentlichen Bildungsstätten gewähren will, dann aber bitteschön auch für die Windindustrie und die Bundeswehr - oder gar keiner. Alles andere, eine einseitige Bevorzugung bestimmter Firmen, Verbände und Branchen, liefe geradezu auf Wettbewerbsverzerrung hinaus, d.h. nicht nur die Unabhängigkeit von Bildungsstätten, sondern auch der freie Wettbewerb wäre empfindlich gestört.

Die Forderungen, was Schule alles leisten soll, enden damit aber keineswegs. Es sollen im Unterricht nicht nur mehr Wirtschaftsthemen sein, sondern auch Alltagsbildung - forderte jüngst die Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) und der Verband der Elektrotechnik und Elektronik (VDE) forderte Technikunterricht. Der Autorin ist leider entfallen, wer es vor ein paar Tagen war, der jüngst Gesundheitsunterricht verlangte und jemand anderes hielt täglichen Sportunterricht in den Schulen heutzutage schlicht für unverzichtbar. Ernährungskunde und Psychohygiene an deutschen Schulen wurde auch schon verlangt. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Dann müsste man gerechterhalber natürlich auch der Pharmaindustrie erlauben, mit dem Thema "Medikamentenkunde" in die Schulen zu ziehen und diese würden endgültig in eine dauernde Produkt- und Dienstleistungsmesse umfunktioniert werden - mit nebenbei maximal noch zehn Prozent werbefreiem Unterricht.

Die Exklusion von der Inklusion

Die praktizierte effiziente Nutzbarmachung des jugendlichen Humankapitals, inklusive des zu diesem Zweck Zurecht-Therapierens, Ruhigstellens und ständigen Zerrens in eine bestimmte Richtung, definiert Kinder nicht mehr als eigenständige Persönlichkeiten, sondern lediglich noch als ein unfertiges Vorstadium des Erwachsenseins. Das wirkt so, als handelte es sich um einen wehrlosen Klumpen Ton, den man lediglich noch so lange zu kneten und zu präparieren hätte, bis das "fertige Produkt" das macht, was man von ihm will. Und das entspricht inzwischen leider auch - ganz im Sinne blairscher Sozialspolitik (siehe Teil IV) - dem Bild der gewünschten, "modernen" Familienpolitik in Deutschland, die damit auch das ihre dazu beiträgt, ein einziges, bevorzugtes Lebensmodell von Familien voranzutreiben. Hatte Bundesfamilienministerin Schwesig (SPD) auf dem jüngst vergangenen Evangelischen Kirchentag zwar gesagt, Zitat: "Es wird Zeit, dass wir Familie in all ihrer Vielfalt wahrnehmen und wertschätzen", bekam der interessierte Bürger ansonsten aus dem Bundesfamilienministerium in schönster Regelmäßigkeit lediglich das einstige, sozialistische Familienbild der DDR als anzustrebendes Ziel vorgesetzt, nämlich Vater, Mutter und zwei Kinder - die Eltern beide berufstätig "from nine to five", die Kinder "from nine to five" in öffentlicher Ganztagsbetreuung.
Wie aber u.a. Familien mit drei und mehr Kindern dieses Lebensmodell bewerkstelligen sollen, beantwortete das Familienministerium bisher nicht. Und wie die von der Ministerin Schwesig gewünschte und offenbar einzig richtige Form einer "partnerschaftlichen Arbeitsteilung" von Beruf und Kindern aussehen soll, wenn einer der Partner immer wieder für mehrere Tage, Wochen, Monate ins In- und/oder Ausland versendet ist, könnte sie zumindest einmal in ihrer Amtszeit bei ihrer Kabinettskollegin von der Leyen (CDU) oder Innenminister de Maizière (CDU) erfragen, deren unterstelltes Personal sich überlicherweise regelmäßig in langen Inlands- und Auslandseinsätzen befindet. Auf die Antwort wären sicher viele Eltern gespannt´, aber die Frage wird wahrscheinlich tunlichst gar nicht erst gestellt werden.

Und so sind Familien mit mehr als zwei Kindern in Deutschland längst zu einer Mini-Minderheit geworden, genauso wie Alleinverdiener-Familien, vor der die politische Klasse in Deutschland inzwischen unisono so sehr warnt, als handelte es sich dabei um die leibhaftige Hölle auf Erden. Beide Lebensmodelle sind von der Politik damit längst zum öffentlichen Abschuss als Auslaufmodelle freigegeben worden.
Mit der Realität, siehe oben Auslandseinsätze, haben solche theoretischen Vorstellungen natürlich nichts mehr zu tun, sondern nur noch damit, das verfügbare Humankapital in die Rolle einsetzbarer Arbeitskräfte und leicht kontrollierbarer Bürger zum Nutzen einer immer weniger durch kluge, individuelle und differenzierte Arbeitsteilung geprägte Gesellschaft zu drängen, in der sich die Macht von Politik und Wirtschaft immer mehr durchmischt, statt sich jeweils unabhängig und damit in einem ausgewogenen Kräfteverhältnis zueinander zu bewegen.
Die mangelnde Kontrolle untereinander an der Spitze wird in solchen durchmischten Machtverhältnissen ausschließlich nur noch einseitig auf das Humankapital ausgeübt. Neben allen anderen Folgen, die solche Konstrukte haben, wie u.a. einem geistigen und damit langfristig auch wirtschaftlichen Stillstand (andere Diktaturen machen es vor), wird damit zunächst einmal auch noch ein aktuelles Thema ad absurdum geführt, nämlich die viel gepriesene Inklusion.

In einer Gesellschaft, in der sich angeblich alles um optimierte Mitarbeiter und um das Erwerbsleben als solches dreht, das zumindest bei ein paar Millionen Arbeitslosen und vielen Millionen Rentnern gar nicht mehr vorhanden ist, wird alles andere in die Peripherie abgedrängt. In solch einer hart getakteten Maschinerie wird zwangsläufig immer weniger Raum und Zeit für neue Ideen, Fortschritt, Entwicklung und Innovation übrig bleiben, für unsere davon zehrende Volkswirtschaft eine fatale Entwicklung.
Die Jüngeren, für die immer weniger Zeit vorhanden ist, sind später allein mit der krampfhaften Aufrechterhaltung des Status quo einer vergreisenden Gesellschaft vollauf beschäftigt, während die Älteren nur noch jammern, wie schön doch früher alles war und angsichts zunehmender Erosionen im Sozialsystem immer ängstlicher reagieren. Das Zwangskorsett der neuen Sozialpolitik trifft zwar zuerst die jüngeren Generationen, aber auch die Älteren spüren immer mehr, wir ihr Leben langsam aber sicher ökonomisch verstaatlicht wird.
Die Ausstattung sowohl von Pflegeheimen als auch von Schulen und Kindertagesstätten, die Inklusion noch ernsthaft leisten wollten, hinkt in der Praxis immer mehr den Sonntagsreden hinterher, nicht zuletzt, weil es auch Kräfte an Entscheiderstellen in diesem Land gibt, die diese Inklusion gar nicht wollen. Die Frage ist, ob man es wirklich so weit treiben wird, bis irgendwann alle unter der Last zusammenbrechen und sagen: Das geht einfach nicht, das können wir nicht leisten - und dann wieder vorbehaltlos an den Rand der Gesellschaft ausgegrenzt wird.

Die Politik arbeitet selbst tatkräftig an der Exklusion von der Inklusion mit, wenn sie zum Beispiel den Mindestlohn allen Jugendlichen bis 18 Jahre, Langzeitarbeitslosen und Behinderten in Werkstätten vorenthält, als wären es Menschen zweiter Klasse. Das Bewusstsein der missionierenden Selbstoptimierer, selbst erster Klasse zu sein und allein zu entscheiden, welche anderen Bürger auch noch Angehöriger dieser ersten Klasse sein dürfen und welche nicht, wird die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben, die sich diese Gesellschaft aber einfach nicht mehr leisten kann. Politische Wohltaten gibt es seit einiger Zeit nur noch für überschaubare Gruppen. Die Abwrackprämie kassierten vor allem gut situierte Autofahrer, die sich sowieso einen Neuwagen anschaffen wollten. Es gibt nicht "die Mütterrente", weil davon nicht wenige arme Mütter ausgeschlossen worden sind, denn die Mütterrente wird voll auf die Grundsicherung im Alter angerechnet, so als wären diese armen Frauen niemals Mütter gewesen. Von der Rente mit 63 profitieren lediglich Gutverdiener weniger Jahrgänge usw. usf. So braucht sich die Politik auch nicht darüber zu wundern, dass sich so viele sehr direkt von ihr ausgeschlossen fühlen, denn sie sind es auch.

Gleichzeitig existieren im System zum Glück immer noch sehr viele verantwortungsvolle Menschen, ob in öffentlichen oder privaten Institutionen, in Unternehmen, in Familien oder sonstwo, die gegen die Schmalspur-Inklusion für nur noch ausgesuchte Gruppen geduldig umsonst und draußen arbeiten, aber es wird auf Dauer genauso wenig reichen, wie das Essen, das die Tafeln unter immer mehr Menschen verteilen müssen.
Eine immer willkürlich werdende Ausgrenzung von Teilen der nächsten Generationen ist dabei nur ein Aspekt, den man sich aktuell in vielen Bildungseinrichtungen immer noch meint leisten zu können. Die Exklusion spiegelt sich dabei aber nicht in der gesamten Gesellschaft wieder, in der die Unerwünschten eben nicht so einfach von der Bildfläche verschwinden. Und damit wird die junge Generation schlecht auf diese Gesellschaft vorbereitet, indem man ihr die Möglichkeit auf ein Leben ausschließlich unter ihresgleichen vorgaukelt - und andere ins Ausland treibt. Zurück bleiben, so sieht man es schon heute in vielen Regionen die Alten, die Armen und die Kranken und damit diejenigen, die man nicht haben und nicht sehen will, weil ökonomisch nicht verwertbar.

Wie umstritten das Konzept Inklusion auch auf den zur Ausführung verdonnerten Hierarchiestufen ist , zeigte jüngst u.a. der MDR in einer Dokumentation von "exakt - die story" über das Thema ("Lernen mit Handicap - wie viel Inklusion leistet sich Schule"). Während sich ein Gymnasium zumindest Mühe gab, wenigstens einem kleinen Teil einer Schülerschaft mit Handicap entgegenzukommen und diesem eine gute Schulbildung anzubieten, in der auch die "normalen" Schüler reichlich genug Probleme machten, wie die Schulleiterin berichtete, hatte ein anderer Schulleiter schon Probleme damit, einen einzigen Hörgeschädigten zu inkludieren. Der betroffene Junge benötigte einen Gebärdendolmetscher, um dem Unterricht folgen zu können und, so der Schulleiter, weil dieser ausschließlich im Unterricht präsent war, aber in den Pausen nicht, stand der Junge dann stets ganz allein und isoliert auf dem Schulhof. Viel mehr als ein mitleidiges Schulterzucken hatte der Direktor für die Inklusion offenbar nicht übrig. Es geht aber darum, dass auch die Helfenden und Unterstützenden noch einiges von ihren Schützlingen lernen können und nicht nur umgekehrt.
Ist es bei den vielen Nachmittagsaktivitäten heutiger Ganztagsschulen wirklich so unmöglich, aus gegebenem Anlass einen Kursus für Gebärdensprache auf die Beine zu stellen? Das wurde der Schulleiter leider nicht gefragt. Der Junge verließ das Gymnasium, weil man einfach nicht auf die Idee kam, dass sich auch eine Mehrheit einer Minderheit anpassen - und damit durchaus etwas gewinnen kann.

Einige dagegen sprechende Erziehungs-, Lehr- und Verwaltungskräfte, einige Politiker und so mancher kinderlose Gutverdiener werden erst dann von ihrer pesönlichen Ablehnung der Inklusion absehen, wenn sie selbst im Alter auf Hilfe angewiesen sein sollten. Das wird in nicht wenigen Fällen so sicher sein wie das Amen in der Kirche, nützt den jetzigen Kindern und Jugendlichen aber überhaupt nichts. Die Ansagen von oben, jetzt wird inkludiert, scheitern "unten" am Geld, an fehlendem Personal, an alleingelassenen, überarbeitenden Mitarbeitern und nicht zuletzt auch an Unwilligen, von denen sich einige nicht zu schade dafür sind, ganz bewusst zu opponieren, um das Vorhaben insgesamt scheitern zu lassen. Im Gegensatz zu opponierenden Kindern erhalten sie wegen "oppositionellem Verhalten" aber keine Psychopharmaka verschrieben oder eine Therapie. Man wundert sich manchmal über demonstrierende Wutbürger auf der Straße, aber die wirklich gefährlichen sind die Wutbürger in den Amtsstuben und die kleinen Diktatoren in den Entscheiderpositionen sozialer Berufe, die genau dort ihre ganze Macht ausspielen, wo Schutzbefohlene auf ihre Hilfe angewiesen wären.

Wie das langfristig ausgehen wird, ist noch unklar. In den USA hat die Soziologin Alice Goffman kürzlich ein Buch vorgelegt, wie die Entwicklung in einem für eine große Anzahl junger Menschen inzwischen unfreiem Land aussehen kann. "On the Run" trägt den Untertitel "Die Kriminalisierung der Armen in Amerika". Die Besonderheit in den USA ist die nie wirklich beendete Rassendiskriminierung, auch wenn deren Auswüchse bis vor kurzem nicht mehr so dramatische Züge zeigten wie in der Vergangenheit. Die Kombination der Hautfarbe mit Armut blieb aber ein stetes Überlebensrisiko und den neuesten Vorkommnissen nach zu urteilen, ist diese Kombination inzwischen auch wieder ein ernstzunehmender Faktor für die Aussicht auf ein Leben im Dauerkriegszustand mit den Behörden.

Wird die inzwischen auch hier praktizierte Stigmatisierung und Kriminalisierung der Armen eines Tages ähnlich schlimme Verhältnisse hervorrufen? Vielleicht dauert es noch eine Weile bis sich eine ähnlich große, homogene Gruppe herausbildet, die zu einer echten Parallelgesellschaft wird, für die es momentan verschiedene, noch eher vage Kandidaten zu geben scheint. Die zu stellen hat in absehbarer Zeit aber zahlenmäßig ausgerechnet die ältere Bevölkerung die aussichtsreichsten Chancen. Die private Altersversorgung ist nicht in allen Teilen der Generation X angekommen oder nicht mehr ausreichend bis zum Ruhestand zu bewerkstelligen. Werden die Altersarmen der in den Ruhestand" gewechselten Babyboomer die Stigmatisierten "on the run" Deutschlands sein?
Es wäre dann exakt die Generation, die sich heute viel zu wenig um große Teile der jüngeren Generationen gekümmert, sondern sie lediglich hinlänglich überwacht sowie benutzt und/oder zu erfolgreichen Egozentrikern erzogen hat. Werden es sich diese Jüngeren später überhaupt noch leisten können oder noch gefallen lassen, immer mehr Sozialleistungen für ältere Mitmenschen bezahlen zu müssen? Oder werden sie den Spieß umdrehen und die Älteren in einem, einst von ihnen selbst geschaffenen Überwachungsstaat gefangen sein, einer Art "Super-DDR", aus der es dieses Mal aber kein Entkommen mehr geben wird?

Kleiner Demokrat, was nun?

Es scheint, als fehlte vor allem eines: das ganz große Ausmisten. Wenn sich Akademiker zusammentun, um die Freigabe (und am besten auch noch die öffentliche Finanzierung) von Neuro-Enhancern für gesunde Menschen zu fordern, Medikamenten, die angeblich die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns steigern, sollte die Politik wenigstens noch so viel gesunden Menschenverstand besitzen, wenigsten Kinder vor diesen immer wahnsinniger werdenden Optimierern zu schützen. Die Sport-Zuständigen in der Politik könnten ihre Kollegen beraten, wie sie die Anti-Doping-Gesetze nicht nur auf Sportplätzen, sondern auch in Schulen und Kindertagesstätten installieren können, um ihre potenziellen Jungwähler angesichts solcher dreisten Forderungen endlich zu schützen und nicht komplett der Pharmaindustrie zu überlassen. Oder glaubt etwa noch jemand, Eltern und anderen Stakeholder, die selbst leistungssteigernde Mittel einnehmen, würden (ihren eigenen) Kindern solche Mittel etwa nicht verabreichen, um nicht die kognitiven Fähigkeiten der Sprösslinge schul- und karrierefördernd zu erhöhen?

In der Psychoanalytiker-Ausbildung gilt es als unverzichtbar, dass sich angehende Analytiker, die eines Tages Patienten behandeln wollen, zunächst selbst einer Analyse ("Lehranalyse") unterziehen müssen. Ärzte, Erzieher und Lehrer könnten ähnlich solch einer Lehranalyse erst einmal selbst auf mögliche psychische Erkrankungen, auf ihre wahren Absichten, z.B. Produkte und Dienstleistungen an den Mann/das Kind zu bringen sowie auf ihre für diese Berufe ebenfalls unverzichtbaren Fähigkeiten zur Selbstbeobachtung, Selbstreflexion und Selbstanalyse untersucht werden, bevor sie Kinder und Eltern womöglich mit lediglich in der Freizeit erworbener Küchenpsychologie oder gar gewinnorientierten Geschäftsmodellen quälen. Mitarbeiter in Verwaltungen im Umfeld sozialer Einrichtungen, die zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit neigen und denen daher Integration und Inklusion vollkommen egal sind, sollte man solange in Weiterbildung schicken, bis sie messbar begriffen haben, dass sie über lebende Menschen entscheiden und nicht über den Verkauf von Autoersatzteilen - oder entlassen, weil sie für alle Schutzbefohlenen gefährlich werden könnten, ausdrücklich auch für diejenigen ohne Handicap.

Wie sollen sich Eltern in einem Umfeld bewegen, das immer mehr einem Ancien Régime und immer weniger einer Demokratie ähnelt?. Wie soll man Kinder innerhalb eines Systems erziehen und aufwachsen lassen, in dem immer mehr Stakeholder in ihren Kindern nichts anderes mehr als Befehlsempfänger, künftige Arbeitnehmer, hochverfügbare Steuer- und Rentenzahler, Patienten oder anderweitig nutzbares Gut sehen?
Vorweggesagt, viele Eltern, zumindest der aktuellen Elterngeneration, haben damit überhaupt keine Probleme. Einige sind sogar im höchsten Maße damit einverstanden. Sie haben nichts gegen eine frühzeitig geplante Nutzbarmachung und damit die zunehmende Überwachung ihrer und anderer Kinder - und nutzen die neuen Möglichkeiten. Sie begrüßen u.a. eine Komplett-Ganztagsbetreung, da sie selbst den ganzen Tag arbeiten und die Kinder so beschäftigt sind. Sie finden nichts Verwerfliches an den Selbstoptimierungs-Programmen für die nächste Generation, weil ihnen die Karriere ihrer Kinder sehr wichtig ist - und der Weg dorthin auch in ihren Augen möglichst reibungslos verlaufen sollte. Und manche befürworten sogar den Einsatz von Neuro-Enhancern, auch für ihre Kinder. In sozialen Netzwerken, per Messengerdienst etc. tauschen sie sich ausgiebig und grenzenlos über ihre und andere Kinder aus, wobei sie vergessen haben, dass ihre Gespräche mit Namensnennung im besten Falle als Tratsch, im schlechtesten als üble Nachrede nicht selten unauslöschbar auf ausländischen Servern gespeichert werden. Sie beteiligen sich selbst gern am gruppenbildenden Ausgrenzen einzelner Kinder, Lehrer, Eltern oder sonstiger Missliebiger im Betreungs- und Bildungssystem, sei es, um den Wünschen der neuen Sozialdiktatur zu entsprechen, potenzielle Störenfriede möglichst frühzeitig zu identifizieren und auszugrenzen, sei es, um die Karriere ausschließlich ihrer eigenen Kinder durch Ausschaltung der Konkurrenz und damit auf Kosten anderer Kinder tatkräftig zu befördern - oder auch nur, um ja nicht aufzufallen.

Bildung und Betreuung für Rest-Demokraten

Allen anderen noch verbliebenen Rest-Demokraten irgendeinen sinnvollen Rat zu geben ist nicht einfach, weil es zusammengefasst unter den gegebenen Umständen auf "Augen zu und durch" hinausläuft.
Darauf sollten sich hier mitlesende Eltern einstellen, wenn Sie die heutigen Schulen u.a. Einrichtungen das erste Mal nach ihren eigenen Schulerfahrungen betreten werden. Man kann sich gegenwärtig leider nicht mehr darauf verlassen, dass in sämtlichen Einrichtungen im Umfeld von Kindern ausschließlich kinderfreundliche Menschen tätig sind, wie es natürlich wünschenswert wäre. Wahrscheinlich konnte man das auch nie ganz, aber die heutigen Strukturen (siehe Teil II und III) und die Menschen im System (Teil IV) sind schon deutlich andere geworden als noch in den Jahren kurz vor und nach der Jahrtausendwende. Inzwischen gibt es glücklicherweise auch wieder einen ganz zarten Trend zu mehr (Mit-)Menschlichkeit und mehr wissenschaftlicher Trennschärfe, was sich nicht gegenseitig ausschließt, sondern im Gegenteil bestens miteinander harmoniert. Und es gibt ein bisschen Hoffnung in Form von Schützenhilfe von ganz unerwarteter Seite: Die so gar nicht zum aktuellen sozialistischen Familienbild passen wollende gleichgeschlechtliche Ehe, die jetzt auch der Bundesrat unterstützt, sowie die Flüchtlingsfamilien, die oft mehr als zwei Kinder haben und deshalb genauso wenig in dieses Mutter-Vater-und-zwei-Kinder-Raster passen, lassen hoffen, dass sich das überwachende Kinder-Kartell nun vielleicht etwas mehr als geplant, an tatsächlich vorhandene Familienformen und tatsächlich vorhandene Kinder anpassen muss, aber zumindest nicht ausschließlich mehr umgekehrt.

Aber nach wie vor wird schwarze Pädagogik, und zwar inzwischen ganz frech unter den Deckmänteln neuester Forschungs-Erkenntnisse verbrämt, immer noch praktiziert. Das ganze Umfeld von Kindern scheint darum inzwischen mehr einem Kriegsschauplatz als einem Kinderspiel zu ähneln.
Bedingt durch mangelhafte, unsicherer Strukturen, kommt es jetzt noch mehr darauf an, mit welchen Menschen es Eltern und ihre Kinder nun ganz konkret zu tun bekommen. Mit diesem Wissen gewappnet müsste es immer noch zu schaffen sein.

Wenn sich aus Kitas und Schulen immer mehr gute Lehrkräfte und Erzieher auffällig pünktlich bei der nächsten Gelegenheit verabschieden (siehe auch Teil II und IV), müssten andere Einrichtungen theoretisch geradezu als Sammelbecken für gute Pädagogen fungieren. Manche Familien haben wirklich das Glück und finden mehr oder weniger zufällig solch eine immer seltener werdende Insel des Glücks in Form einer trotz allem immer noch funktionstüchtigen, guten Schule, in der Pädagogen vorhanden sind, denen die neue schwarze Pädagogik erst gar nicht ins Haus kommt.

Leider ist es nicht einfach, solche Inseln zu finden. Die unterschiedlichen Regeln in den Bundesländern, Kommunen und einzelnen Einrichtungen tragen ihr Übriges zur allgemeinen Desinformation bei. Und während die Kinder dank steter Überwachung für Schulen und Kitas immer durchsichtiger werden, verhält es sich umgekehrt zu Gunsten von Kindern keineswegs so, dass etwa auch die öffentliche Einrichtungen für Kinder und Eltern immer transparenter werden würden.
Eltern können versuchen, sich im Vorfeld bei Menschen ihres Vertrauens zu informieren, wie sie welche Einrichtung einschätzen. Sie können in den Einrichtungen nach Schnupper- und Probetagen für ihr Kind fragen. Sie sollten Vorstellungsabende und Informationstage der Einrichtungen nutzen, um sich ein eigenes Bild mit allen fünf Sinnen zu machen. Sie sollten ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen, ob ihnen die Personen und das Umfeld sympathisch erscheinen, denn oft fällt der Apfel nicht weit vom Stamm und wird später ähnlich empfinden.

Treffen Sie erst nach einer Ihnen persönlich ausreichend erscheinenden Sammlung von Informationen und Eindrücken eine Entscheidung, und zwar Ihre eigene - und schlafen Sie vorher mindestens die berühmte Nacht darüber. Lassen Sie sich Zeit für so eine wichtige Entscheidung, wo und von wem Ihr Kind jahrelang betreut und unterrichtet werden soll.
Wie vor allem das soziale Leben in einer Einrichtung dann wirklich ausfällt, in der Kinder heutzutage immerhin einen Großteil ihres Tages und damit ihres Lebens verbringen sollen, wird Ihnen kaum eine Kita oder eine Schule ehrlich ins Gesicht sagen. Auch solche gibt es natürlich noch, aber in den meisten wird alles als "überaus bestens" dargestellt. Man hat auch in den ökonomisierten, öffentlichen Einrichtungen die Regeln des Marketings inzwischen begriffen: Schließlich sorgt die schrumpfende Kinderzahl in Deutschland auch für eine wachsende Konkurrenz unter den Einrichtungen, von denen in den nächsten zwei Jahrzehnten noch viele schließen werden. Schauen Sie hin, hören Sie zu und lassen Sie sich kein X für ein U vormachen.
Leider sind auch die Aufsichtsbehörden nicht immer hilfreich, weder präventiv noch post-operativ, da kaum jemand im derzeitigen System ein ernsthaftes Interesse an zu viel Aufklärung und damit daran hat, eine betriebsblinde, ruhige Stimmung im ganzen Apparat durch irgendwelche nervigen "Einzelfälle" zu gefährden. Solange die Strukturen so sind, wie sie sind, wird sich daran auch nichts ändern, dass lediglich oberflächlich alles bestens ist. Vertreter von Einrichtungen, die sich Ihnen gegenüber aber auch etwas bescheiden und selbstkritisch äußern und zeigen, dürften eindeutig in den besseren Einrichtungen tätig sein.

Vertrauen Sie sich selbst und Ihrem Kind gleichermaßen: Stärken Sie Ihrem Kind den Rücken, es wird mit Zeit immer größer und widerstandsfähiger werden. Wenn es in einer Einrichtung wie Kita, Schule etc. aber richtig schiefgehen sollte, warten Sie nicht so lange, wie die Eltern in der geschilderten fiktiven Geschichte (Teil 1 Prolog) im falschen Glauben an eine irgendwie noch plötzlich einsetzende Gerechtigkeit oder auf eine Erleuchtung der Nicht-Sehenden, sondern wechseln sie möglichst noch so rechtzeitig, bevor ihr Kind von seinem Umfeld ernsthaft traumatisiert werden kann.
Die aktuellen Strukturen bieten einfach keinen Raum für plötzliche Erleuchtungen, deshalb kommt es inzwischen auch wieder gehäuft vor, dass die Opfer von institutioneller Gewalt so gern zu den wahren Schuldigen erklärt werden. Kindeswohlgefährdungen (tatsächliche und nicht vorgeschobene, wohlgemerkt), die jetzt laut Statistiken noch vorwiegend im Familienumfeld geschehen, werden mit der zunehmenden Institutionalisierung der Kindheit auch langsam ansteigend wieder vermehrt in den Institutionen stattfinden. Damit muss man leider rechnen und sollte deshalb nicht zu vertrauensselig sein. Zu ängstlich sollte man aber auch nicht sein: Es gibt in diesem Land immer noch genug demokratische Kräfte und Menschen, die mit Verstand verantwortungsvoll zu handeln wissen.

In großen Teilen der Gesellschaft und damit auch in Schulen und Kitas gilt physische und psychische Gewalt gegen und unter Kindern leider immer noch, und manchmal sogar wieder zunehmend als eine Art nicht ernstzunehmendes Kavaliersdelikt, der Kindern angeblich nichts ausmache. Zur Begründung wird dann z.B. angeführt, es handele sich um "gruppendynamische Prozesse". Wenn Ihr Kind aber in solchen "gruppendynamischen Prozessen" von anderen regelmäßig zusammengeschlagen und gemobbt wird, handelt es sich bei solchen Erklärungen um nichts anderes als um dümmliche Ausreden. Weder Ihr Kind noch Sie müssen sich in Kitas und Schulen Gewalt gefallen lassen. Im Zweifelsfall bestehen Sie bei jedem einzelnen für solche kruden Auswüchse Verantwortlichen auf "Law and Order!". Ihr Kind hat ein gesetzlich verbrieftes Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen: Sagen sie ihm das unbedingt. Es wird dadurch gestärkt, selbstständiger denken und damit auch immer mehr selbst entscheiden können, welches Verhalten wirklich richtig oder falsch ist. Und es wird ganz nebenbei Selbstvertrauen gewinnen und es nicht nötig haben, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, eine der besten Voraussetzungen für einen guten Demokraten.

Der perfekte SchülerDie Institutionen werden noch eine Weile brauchen, bis sie die Fehler im System überhaupt entdecken und es wird noch länger dauern, bis diese abgestellt werden, wenn überhaupt, denn der derzeitige Protest hält sich in bescheidenen Grenzen. Dass die Kultusministerkonferenz (KMK) u.a. jüngst beschlossen hat, den Informations- und Datenaustausch zwischen den Grund- und weiterführenden Schulen weiter zu "verbessern", das Ziel sei ein "durchgehender Bildungsweg", spricht auch in der aktuellen Gegenwart nicht gerade für irgendeine Einsichtfähigkeit, sondern lediglich dafür, dass die Überwachungsmaßnahmen, die Kinder betreffen, noch erweitert werden sollen, bei gleichzeitig wachsendem Kontrollverlust. Hatten sich die weiterführenden Schulen bislang lieber ein eigenes Bild einer zu ihnen stoßenden Schülerschaft gemacht, frei von jeder Instruktion durch die Vorgänger-Grundschulen, soll es mit den eigenen, unabhängigen Erkundigungen wohl nun vorbei sein. Und auch für die Weiterführenden gibt es neue Pläne, u.a. den Schatz der leistungsstarken Schüler zu heben, wobei die KMK-Präsidentin, Sachsens Kultusministerin Kurth (CDU) betonte, man brauche die Schülerinnen und Schüler "nicht zuletzt auch für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland". Zuletzt?

In der aktuellen Situation erscheint auch der folgende Rat eines britischen Journalisten passend, der sinngemäß gesagt hat: "Nehmen Sie irgendeine nette, kleine Schule in der Nähe, die vielleicht auch schon von ein paar freundlichen Menschen aus Ihrer Umgebung besucht wird. Woanders gibt es auch nicht mehr Bildung."


Literaturangaben + Weitere Infos:
Buch: "On the Run" von Alice Goffman
Untertitel: "Die Kriminalisierung der Armen in Amerika"
368 Seiten, ISBN 978-3-95614-045-7
erschienen im April 2015 im Antja Kunstmann Verlag
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On the Run: Die Kriminalisierung der Armen in Amerika


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1. Prolog

2. Die Strukturen I - Die heil'gen Bildungshallen

3. Die Strukturen II - Die schöne neue Welt des Kindeswohls

4. Die Menschen im System


2015-06-14, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illus + Foto-Banner: ©aph

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