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Jede Woche Griechenland

Ein Kommentar von Angelika Petrich-Hornetz

Nach vier Stunden räumten am Montag die EU-Regierungschefs ohne eine Entscheidung die Gipfel-Stühle und überlassen am Mittwoch den Finanzministern das Feld, um selbst am Donnerstag wieder zusammenzukommen. Also, wieder Varoufakis nach Tsipras und nach Tsipras wieder Varoufakis. Und dazwischen jetzt auch noch die schrillen Töne der griechischen Parlamentspräsidentin Konstantopoulou, als hätten diese etwa gerade noch gefehlt. Ein von ihr einberufener Parlamentsausschuss erklärte vergangene Woche die griechischen Schulden kurzerhand für illegal - als einen "ersten" Schritt, hieß es dazu vielsagend. Schuld und Schulden haben aus Sicht der derzeitigen Links-Rechts-Regierung in Greichenland offenbar grundsätzlich immer die anderen. Der Kapitalmarkt scheint für Griechenland nach fünf Jahren Abstinenz schon so sehr Vergangenheit zu sein, dass man offenbar selbst rein rhetorisch keinerlei Rücksichten mehr auf irgendwelche Interessen anderer zu nehmen hätte. Dabei ist die Haltung, immer nur ein Feindbild im anderen zu sehen, das genaue Gegenteil von dem, was Europa ausmacht.

Man fragt sich inzwischen überall, welche Position Griechenland hat - oder hat es überhaupt irgendeine Position, wie seine Zusammenarbeit mit den anderen Eurogruppen-Mitgliedern, den EU-Ländern und/oder gutgläubigen Gläubigern in den nächsten Jahren aussehen soll? Hat diese griechische Regierung überhaupt noch ein Interesse an einer Zusammenarbeit oder geht es hier lediglich noch darum, alle anderen zum Narren zu halten?
Dass Europa ganz anders gestaltet werden müsse, erklärt der umtriebige Ministerpräsident immer wieder gern aufs Neue. Könnte er seine Reformideen, deren Ansätze von diversen Gesprächspartnern sogar ernst genommen wurden, vielleicht nur ein paar Minuten aufschieben oder ist ihm immer noch nicht klar geworden, dass ein ungeplanter Grexit nicht unbedingt so positiv ausfallen muss, wie es sich einige längst ausgerechnet haben?

Er scheint zumindest noch nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass ernstzunehmende Reformen Menschen, Zeit und Moneten benötigen, die Griechenland mit seinem Verharren in der Dauerkrise seit Jahren an sich bindet und damit blockiert. Wie viele Milliarden die Griechen allein am vergangenen Wochenende aus den Banken geholt haben, wissen nur diese. Und über irgendeinen vorhandenen oder nicht vorhandenen Verhandlungsstand zwischen einer der vielen griechischen Regierungen und der Praxis gerade in den vergangenen fünf Jahren außer Landes geschaffter Milliarden, von Vermögenden, die in anderen EU-Ländern nicht selten als hochwillkomme Anleger hofiert wurden und werden, erfährt man auch von der aktuellen Regierung nichts.

GreeceZumindest eins ist sicher, allen EU-Nachbar-Staaten liefert das griechische Drama auch in dieser Woche wieder einmal schlaflose Nächte, u.a. alles, das in Griechenland beschlossen wird, wieder und wieder vor den eigenen Parlamenten rechtfertigen zu müssen. Dazu zersägte Nerven, es der eigenen Bevölkerung und damit auch den eigenen Armen wieder und wieder erklären zu müssen, die inzwischen jeder Staat auf der Welt selbst zur Genüge zu versorgen hat - ohne dafür noch ausreichend viel Zeit auf dem Konto oder Geld in der eigenen Tasche übrig zu haben. Stattdessen gibt es einmal mehr eine ganze geschlagene Woche Griechenland, und dann noch eine und noch eine und noch eine - und wenn es in dem bisherigen Tempo so weitergeht, sicher auch noch das übernachste und das überübernachste schon wieder griechisch besetzte Jahr.

Wie viele Jahre lange soll es noch so weitergehen, dass sich diese Regierung einbildet, alle anderen Staaten drehten sich nur noch um Athen? Zu diesem Thema wären ein paar überfällige, neue Ideen der griechischen Regierung sogar sicher überall höchst willkommen.
Madame Lagardes Hoffnungen, mit Erwachsenen in einem Raum zu sitzen, um endlich zu irgendeiner Einigung zu kommen, dürften bis auf Weiteres enttäuscht werden. Vielmehr noch dürfte aber das griechische Volk inzwischen von ihrem eigenen Mut enttäuscht worden sein, der Anfang dieses Jahres immerhin noch zu berechtigten Hoffnungen geführt hatte, mit einer anderen, frischen Regierung würde es vielleicht doch besser funktionieren, als mit den alten, die dem tiefen Wunsch nach Veränderung auch nichts anzubieten hatten. Die Hoffnungen der Griechen auf eine positive Veränderung sind von ihrer aktuellen Regierung momentan jedenfalls nicht nur bitter enttäuscht, sondern regelrecht zerschlagen worden.


2015-06-23, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©aph
Foto + Foto-Banner: ©aph

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