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Frisch zur IFA 2015

Windows 10: Mit einer neuen Plattform schmust sich Microsoft nach dem Windows-8-Desaster phantasievoll an

von Annegret Handel-Kempf

Hello againMicrosoft meldet sich aus der Schäm-Ecke zurück mit einem neuen Betriebssystem, das zugleich sein letztes sein soll und ganz persönliche Sicherheits-Logins mitbringt. Boris Schneider-Johne, Enthusiast Marketing Manager beim US-Konzern, gestand anlässlich der "Consumer- und Lifestyle-Preview" zur IFA in München grundlegende Fehler des Betriebssystem-Giganten bei der Kreation von Windows 8 ein: „Wir sind nachts zu den Leuten in die Wohnung gekommen, haben die Möbel nach ergonomischen Gesichtspunkten umgestellt, die Bilder umgehängt und uns am nächsten Morgen gewundert, warum die Leute sauer sind, weil in ihrer Wohnung nichts mehr da ist, wo es war. Windows war darauf optimiert, möglichst ergonomisch zu sein und viele neue Technologien zu bringen. Das Feedback der Kunden war laut und klar: Wir wollen das alte Windows wieder. Wir haben mit Windows 10 den Weg gefunden, die ganzen tollen neuen Sachen und die Dinge, die wir an Windows 7 geliebt haben, zusammen zu bringen.“

Kurz gesagt: Das Startmenü kommt mit dem Upgrade-Start auf Windows 10 ab 29. Juli 2015 ( Reservierung für Windows 7- und 8-Geräte) zurück! Mit einem Klick kann wieder auf die am häufigsten genutzten Elemente, Funktionen und Dokumente zugegriffen werden. Zusätzlich bei Windows 10 auch auf Lieblings-Apps, sowie die persönlichen Favoriten unter den Programmen, Kontakten und Webseiten. Wem auch das nicht gefällt: Innerhalb von 30 Tagen könne man von Windows 10 wieder ohne Datenverlust zurück auf sein altes System, garantiert der Enthusiast Manager.

Doch was ist mit Windows 9, wie konnte man das verschlafen? „Wir haben mit Windows 10 so viel geändert, dass wir die 9 überspringen“, verkündet Schneider-Johne dynamisch-locker.

Gib mir die 10…. Ab Herbst auch auf neuen Geräten, die beispielsweise von Toshiba (Notebooks mit starken SSD-Karten!) auf der diesjährigen IFA gezeigt werden. Davor schon mit kostenlosen Upgrades (ein Jahr lang Download-Möglichkeit für Software, die dann während der gesamten „Lebenszeit“ des Geräts kostenlos ist). Wer während des Sommers neue Notebooks, Tablets, Windows-Phones, Industrie-Roboter oder IoT-Kleinapparaturen kauft, wird beim ersten Start gefragt, ob er seine Maschine nicht gleich auf Windows 10 einrichten möchte. Das Ganze bedeute eine Umkehr gegenüber früher, wo MS auf die Gerätehersteller gewartet hat. Neues Motto: „Wenn wir fertig sind, könnt Ihr es auch haben.“

Wie auch künftig, wenn Microsoft, ähnlich wie Amazon, Ebay oder Facebook, permanent mit neuesten Versionen versorgt und kostenfrei upgedatet wird, ohne dass es der Nutzer richtig mitbekommen soll. Auch ohne, dass sich größere Software-Reformen dann Windows 11, 12, 13, 14xxxx nennen.

Umkehrschluss: Trotz aller Bedenken aus Tester-Kreisen, wird über kurz oder lang keiner mehr um Windows 10 herumkommen. Das im Übrigen auch über manche Features verfügt, die bereits aus der smarten und Streaming-Welt rund um Amazon und Co. bekannt sind. Was die Eingewöhnung erleichtern dürfte.

Die „ganzen tollen Entwicklungen, die es in den letzten sechs Jahren in der IT gegeben hat“, seien in der Nr. 10 aus dem Hause Microsoft mit drin: Speicherkapazitäten, Datensicherheit, Gaming-Geschwindigkeit…. Und: „Windows wird viel menschlicher.“ Oder so, wie sich mancher das zwischenmenschliche Verhältnis wünschen mag. Schneider-Johne: „Computer sollen einfach machen, was ich sage.“

Zuvorderst eine persönliche Assistentin namens „Cortana“, die sofort reagieren muss, wenn sie angesprochen wird. Da Windows 10 ständig weiterentwickelt und den Nutzer-Wünschen angepasst wird, gibt es vielleicht irgendwann auch einen „Kurt“ als persönlichen Assistenten. Ob der, als Mann, aber bereit und fähig ist, den Nutzer daran zu erinnern, sich im Kino Popcorn vor dem Film zu kaufen? Wenn echte Männer, die auf Cortana vertrauen, zu sehr Smartphone-fixiert sind, um beim Ankommen im Kino den Verkaufsstand für Popcorn zu sehen?

Cortana ist schlau. Sie antwortet auf die Frage, was im Kino läuft, nicht nur, welcher der neuen Filme ihrem Meister gefallen könnte, sondern erwähnt gleich noch, in welchem nahegelegenen Kino zu welcher Zeit die nächste Vorstellung zu erwarten ist. Und sie fängt nicht gleich eine Problemdiskussion an, etwa, dass die Qualität des Kinoangebots abnimmt und Streaming zu Hause sowieso viel billiger sei.

Die Idee hinter der persönlichen Assistentin: Den kürzesten Weg von der Frage zur Antwort finden. Das kann bei bestimmten Informationen über Sprachkommandos sinnvoll sein, siehe Kino, also die Planung der Freizeitgestaltung mit Stimme und Ohren, während man noch an einem Dokument schreibt. Beim Antreten der Geschäftsreise jedoch über kurzes Eintippen, sprich die Nennung eines bestimmten Flugs, zu dem die schlaue Cortana sofort mitteilt, ob er verspätet startet oder was es sonst aktuell mit dem Flug auf sich hat.

Die 10er-Plattform soll damit sehr viel Intelligenz im Hintergrund demonstrieren, um kurze Eingaben des Nutzers schnell hinzubekommen. Weil’s so schön ist, wenn jemand auf Befehl ganz angepasst reagiert, wird Cortana als Assistentin auch in den neuen Internet-Browser namens „Edge“ integriert. Der soll den alt gewordenen Internet-Browser ablösen, der „zu viel Ballast“ mit sich herumschleppe. Zudem könne er nicht angemessen umgestaltet werden, da auch in Zukunft noch viele wertvolle Unternehmensanwendungen darauf laufen sollen, die nichts mit HTML5, dem Korsett des neuen Edge, am Hut haben.

Auf Plugin-basierte Mechanismen soll Edge verzichten, also auch auf Microsoft Silverlight und Adobe Flash: Videos werden direkt im Edge-Browser wiedergegeben. „Wir spielen wieder in der obersten Liga mit“, jubelt Schneider-Johne über den HTML5-Browser, der der Konkurrenz die Kante zeigen soll. Cortana hilft indes bei der Suche nach attraktiven Filmen, übersetzt und zitiert Speisekarten. Mangelndes Allgemeinwissen ihres Nutzers überspielt sie, da sie beim Markieren eines Wortes auf der Webseite umfassende Bildungs-Infos von sich gibt. Deshalb kann der Nutzer auch Anmerkungen zu dem entsprechenden Artikel in seiner Leseliste speichern und die Webseite in genau dieser Form mit Anmerkungen nach zwei Tagen versenden, obwohl sie sich in der Realität längst verändert hat. Die Webseite in ihrer bearbeiteten Form wurde im Notizblock eingefroren und kann von dort wieder vorgezogen werden.

Übrigens: In diesem Notizblock steht alles drin, was Cortana über mich weiß. Deshalb gibt sie auch so betont persönliche Empfehlungen und Hinweise. Wenn mir das zu viel Nähe ist (wer weiß, wer gerade noch auf dieses intime Wissen zugreift?), stelle ich ein, was die Assistentin wissen darf und was nicht. Konkret muss dieser Notizblock-Speicher erst angeschaltet werden. Wobei auch wählbar sein soll, dass gar nichts über mich gespeichert werden darf.

Dann weiß Cortana aber auch nicht, mit wem ich am häufigsten Kontakt habe und in welchem Hotel ich schon einmal abgestiegen bin. Ebenso wenig führt sie mich automatisch in mein Lieblingsschwimmbad. Das darf man ihr dann halt nicht übel nehmen. Sie ist ja auch geduldig wie ein emotionsloser Roboter.

Nicht nur die sprechende Computer-Dienerin begleitet einen bei Windows 10 auf Schritt und Tritt. „Egal, was ich brauche, wandert in der Cloud mit mir mit. Das auch im privaten Bereich“, so Schneider-Johne. „Ich logge mich kurz ein, und alle meine Daten sind da.“

Sofern sie nicht mehr als fünf Gigabyte umfassen. Wer unbegrenzten Wolkenspeicher für MS 10 wünscht, muss Office für 100 Euro im Jahr abonnieren.

Ein „running Betriebsystem?“ Was ist dieses Windows 10, zu dem es auch schon wieder Warnungen gibt, welche häufig genutzten Features auf dem PC damit alle nicht mehr damit funktionieren würden? „Wir bauen eine neue Plattform, die sich über alle Geräte erstrecken wird. Eingebettet ins Internet of Things. Das Wichtige ist, dadurch, dass auf allen diesen Geräten Windows 10 läuft, können Entwickler Applikationen sehr einfach schreiben, in verschiedene Bereiche bringen“, erläutert der eloquente Microsoft-Manager.

Windows 10 im Internet der Dinge, also auch im Smart Home, in der automatischen Käse-Bestellung, die mein Kühlschrank rauspostet? Wohl doch nicht so ganz. Schneider-Johne schränkt ein: „Das bedeutet nicht, dass ich Tetris auf meinem Thermostat spielen kann. Aber wenn ich als Software-Entwickler eine Smart-Home-Steuerung bauen will, habe ich mit Windows 10 die Möglichkeit, Code auf PC zu testen und dann ganz einfach in IoT-Devices und –Geräte hineinzubringen.“

Smartphones und Wearables sollen zum „digitalen Generalschlüssel“ für die große Windows-10-Lebenswelt werden, sobald sich die Nutzer über das neue Authentifizierungssystem „Windows Hello“ eingeloggt haben. „Hello“ und die darunter liegende Technologie „Passport“ wollen, dem MS-Sprecher zufolge, Passwörter abschaffen. Ein biometrischer Fingerabdruck oder andere individuelle, menschliche Merkmale sollen das mühsame Merken und Eingeben von immer mehr und komplizierter werdenden Passwörtern ersetzen. Auch 3D-Gesichtsscan mit Infrarot-Kamera und Iris-Erkennung sollen ab der IFA auf vielen neuen Unterhaltungselektronik-, IT- und Telekommunikationsgeräten hard- und softwaretechnisch nutzbar sein.

Vorsicht ist beim neuen Windows 10 auf jeden Fall auch jenseits von Cortana angebracht: Die Nutzer müssen sich bewusst sein, dass die biometrische Bequemlichkeit und scheinbare Sicherheit von Windows HELLO eine Nebenwirkung hat: Ihre persönlichen Merkmale, ihre allerpersönlichsten Daten, liegen nicht mehr lokal auf ihren eigenen Geräten vor, sondern sind im Zugriff von Microsoft. Eines amerikanischen Unternehmens, das nach US-Recht jederzeit aufgefordert werden kann, Ihre Daten auszuhändigen.

Nicht gleich losstarten: Bei Geräten aus Fernost könnte die Auslieferung von Windows-10-PCs, -Phones und Co., Schneider-Johne zufolge, länger dauern. Auch die Windows 10-Variante für die Xbox One wird noch ein wenig auf sich warten lassen, da sie – ebenso wie die Telefone – technisch aufwändiger einzurichten ist. Dafür soll es das neue Powerpoint dann gleich in einer Smartphone-optimierten Variante geben. Bis Herbst soll es auch tatsächlich klappen, dass beim Abschrauben der Tastatur vom Surface die Software erkennt, dass sie es nun nicht mehr mit einem Notebook, sondern mit einem Tablet zu tun hat, und entsprechend eine andere Display-Aufbereitung von Windows 10 servieren.


2015-07-10, Annegret Handel-Kempf

Text: © Annegret Handel-Kempf
Foto + Foto-Banner: ©aph

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