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Gekaufte Forschung

Buchbesprechung

von Angelika Petrich-Hornetz

In den 1980er Jahren zog der Marktfundamentalismus in die Wirtschaftspolitik westlicher Industrienationen ein, angeführt vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan (1981 bis 1989) und der britischen Premierministerin Margret Thatcher (1979 bis 1990). Auch im dazu vergleichsweise traditionell auf der sozialen Marktwirtschaft schwörenden Deuschland freundete man sich damals unter dem regierenden Bundeskanzler Helmut Kohl (1982 bis 1998) mit jenen Ideen an, die verkündeten, all die unterschiedlichen gewinnorientierten Marktteilnehmer und damit der Markt als solcher würden angeblich von einer unsichtbaren (Zauber-)Hand "wie von selbst" reguliert werden. Inzwischen, spätestens seit 2008, wissen wir alle oder sollten es wissen, dass dies absoluter Humbug war. Und doch müssen sich nicht nur die von diesen radikalen Ideen lange Jahre geprägten Industrienationen, wie Deutschland, immer noch mit den Folgen herumplagen. So wurden u.a. Krankenhäuser, ehemals zur Versorgung der breiten Bevölkerung eingerichtet, auf einmal dazu verdonnert, sich nach markt- und betriebswirtschaftlichen Prinzipien auszurichten und Gewinne zu erzielen.

Das vorliegende Buch "Gekaufte Forschung - Wissenschaft im Dienst der Konzerne", 2015 im Europa Verlag erschienen, widmet sich diesen fortlaufenden Auswirkungen auf den aktuellen Wissenschaftsbetrieb. Es legt seinen Schwerpunkt auf die aktive Einflussnahme auf die Forschung durch die Tabakindustrie, die Chemieindustrie und die Pharmaindustrie. Darauf folgend kommen auch die Gentechnik- und die Zuckerindustrie keineswegs zu kurz, wobei der Grad der Aufmerksamkeit auch damit zusammenhängt, mit welchem Ausmaß von Marktmacht die Einflussnahme vorgenommen wird. Und so wundert es nicht, dass sich Autor Prof. Dr. Christian Kreiß (ab Seite 82) auch mit den inzwischen üblichen, weil mit den modernen Kommunikationsformen wesentlich kompatibleren subtileren Formen der Einflussnahme auf die Wissenschaft auseinandersetzt, u.a. durch Banken und Finanzdienstleister, Internetkonzerne, Energiekonzerne, die Wasserwirschaft, die Arbeitgeberverbände und durch die Automobilindustrie, deren Vorgehen er nicht verschont, desgleichen nicht die Praktiken der Einflussnahme mit Hilfe von Stiftungsprofessuren, Wissensgemeinschaften und EU-Förderprogrammen.

In diesem zweiten Kapitel, punktgenau passend zu den subtileren Formen, thematisiert das Buch auch den Industrieeinfluss auf Kindertagesstätten und Schulen, den der Autor als noch schädlicher als den auf Hochschulen, entlarvt, schließlich handelt sich bei dieser Zielgruppe um Minderjährige. die viel leichter manipulierbar sind als Erwachsene. Zwar kann sich die Autorin dieser Rezension den Ausführungen des Autors zu Professor Spitzers Arbeit nicht immer anschließen, der vor der Computernutzung durch Kinder und Jugendliche als solcher bekannterweise seit Jahren warnt, aber dass eine ausschließlich vor Bildschirmen verbrachte Kindheit und Jugend negative Folgen haben dürfte, ist nicht von der Hand zu weisen. Und dass zudem auch gerade hier der Einfluss der Digital- und Unterhaltungsindustrie auf Minderjährige nicht nur enorm ist, sondern dabei auch noch mit den üblichen Methoden vorgegangen wird, entbehrt jeder Sensibilität gegenüber der minderjährigen Zielgruppe - u.a. die Unterdrückung sowie das medienwirksame Anzweifeln von unbequemen, unabhängigen Studien, Vorgehensweisen, in die Konzerne. die um ihre Gewinne fürchten, offenbar viel Geld zu investieren. Der danach folgende, kürzere Abschnitt zum Betreuungsschlüssel in Kitas ist diesbezüglich nicht weniger interessant. Besonders spannend wird es dann beim Schulmarketing, auf das sich längst diverse Marketingfirmen spezialisiert haben und im Sinne von "Deep Lobbying" (Tiefeneinflussnahme) äußerst aktiv zeigen. Industriefinanziertes, i.d.R pädagogisch exzellent aufbereitetes Schulmaterial zeichnet sich, so der Autor, dabei vor allem durch seine inhaltliche Einseitigkeit aus. Firmenintern werden die Ziele solcher Schulengagements deshalb auch nachvollziehbar z.b. so formuliert (Zitat, S. 137): "Verbesserung der Reputation der Branche, Verbesserung der Aktzeptanz vor Ort durch die Unterstützung örtlicher Schulen". Noch Fragen?

Im beiden Kapiteln zeigt der Autor schließlich nicht nur an Hand einer jeweils lupenreinen Beweiskette auf, wie und warum dabei Schaden für die Forschung und damit aktuell immerhin nichts Geringeres als höchste Gefahr für den Fortschritt entsteht, sondern stellt in Kapitel 3 (ab Seite 161) darüberhinaus die ökonomische Sichtweise dar. u.a., wie steuerfinanzierte Forschungsmittel zugunsten der Gewinnsteigerung von einzelnen Konzernen oder ganzen Industriebranchen "eingesetzt" werden, die damit verdeckte Subventionen darstellen, die zu eklatanten Markt- und Wettbewerbsverzerrungen führen. Sowohl buchhalterisch als auch finanzökonomisch sowie politisch eine ganz furchtbare Bilanz.

Der bis hierher gekommene Leser der lebendig dargebrachten Lektüre wähnt sich nun direkt am Ort des Verbrechens, auf den der Autor lediglich seine Kamera gehalten hat. wodurch Täter und Opfer nun gut sichtbar und leicht identifizierbar werden. Außerdem wird nachvollziehbar, dass der angerichtete Schaden für die ganze Gesellschaft bereits jetzt schon immens ist. Der Autor versteht es, das für Laien unübersichtliche Dickicht des derzeitigen Wissenschaftsbetriebs in verständlicher Sprache zu entwirren. Doch auch für erfahrene Wissenschaftler, Politiker und Ökonomen dürfte es erfrischend wirken, sich nach einigen Jahrzehnten devoter Hingabe an das angeblich unumstößliche Paradigma, die gegenwärtige Forschung sollte vor allem unverzüglich wirtschaftlich nutzbar sein und hätte entsprechende, gewünschte Ergebnisse zu liefern, endlich einmal die Sinnfrage gestellt zu bekommen. Nicht zuletzt bringt es selbst der Wirtschaft nichts, lediglich nur kurz- und mittelfristig dienlich zu sein. Insbesondere die Schlüsselfragen im vierten Kapitel (ab Seite 166) dürften für die Fachleute interessant sein, wohin die deutsche Forschung nun eigentlich marschieren soll, etwa bis auf Weiteres von Geld-Macht beeinflusst und getrieben in einen behüteten Kokon von Halbwissen? Oder schafft man die Kurve, den offenen Wettbewerb der Argumente zu wagen? Was von beidem ist sinnvoller für uns alle, mit welcher Art von Forschung könnten wir - die Bürger, der Staat, Wirtschaft, Politik und die Wissenschaft selbst - wirklich mehr profitieren und prosperieren?

Der Autor ist kein pathoglischer Pessimist oder dergleichen, wie Kritikern an Drittemittelforschung und Einflussnahme durch die Wirtschaft u.a. zu gern unterstellt wird, sondern zeigt im letzten, fünften Kapitel (ab S. 175) Lösungsvorschläge auf, wobei der radikalste der Rausschmiss der Konzerne aus der Forschung in Form eines Verbots der direkten Geldlüsse sein dürfte. Zumindest die Vorstellung ist legitim, der Verzicht auf die Mittel allerdings in der Wirklichkeit weder produktiv noch praktikabel und so zeigt Kreiß am Ende weitere Möglichkeiten auf, allgemeinere und für einzelne Branchen, die, und das ist ganz wichtig, eben nicht der erforderlichen Trennschärfe widersprechen, und damit eine unabhängigere Bildung und Forschung wieder möglich machten. Man könnte z.B. Forschungsfonds einrichten, um Geldgeber und Forschungsziele besser zu trennen. So oder so, die Forschung muss, so der Autor, von diesen direkten Einflüssen der Industrie, die sich negativ auf die Qualität der Forschung auswirken, endlich wieder freier werden.

In den letzten Kapiteln fasst der Autor die Fakten zusammen, es lohnt sich jedoch unbedingt das ganze Buch zu lesen, inklusive einzelner spektakulärer Fälle, die im Übrigen zum Teil (Pharma z.B.) lebengefährliche Folgen haben können. Der Autor fängt mit dem Klassiker schlechthin an, der Tabakindustrie, die es schon soweit gebracht hat, dass zahlreiche Universitäten schließlich jegliche Zusammenarbeit ablehnten. Die in Deutschland viel aktivere Pharma- und Chemieindustrie blieb dagegen überraschend unbehelligt und es ist schon ein Treppenwitz, das heißt, wenn es nicht so dramatisch wäre, ist es durchaus auch unterhaltsam zu lesen, dass ausgerechnet ein von der Tabakindustrie finanzierter Wissenschaftler die Fachwelt und Öffentlichkeit darüber "aufklärte", dass es alle anderen Kollegen genauso machen - nur wurden oder werden deren gewünschte und gekaufte Forschungsergebnisse lediglich von anderen Industriebranchen bezahlt. Gleich im ersten Kapitel räumt der Autor mit dem äußerst medienwirksamen Jubel über die inzwischen übliche Drittmittelfinanzierung auf, die neben anderen zweifelhaften Kriterien maßgeblilch das gegenwärtige Universitäts-Ranking beeinflusst, weil es das erfolgreiche Einwerben von Drittmitteln inzwischen allen Ernstes als ein Qualitätskritierium der dort jeweils stattfindenden Forschung definiert. Dabei geht es bei Drittmitteln nur um eines: ums Geld, nicht um die Qualität der Forschung.

Das Buch ist einer der wichtigsten Beiträge dieses Jahres. Es klärt kenntnis- und detailreich über die bereits enstandenen Verwerfungen auf und warnt eindringlich davor, den Ist-Zustand heutiger Bildungs- und Forschungspraxis für die Zukunft festzuzurren, so dass es Enscheidern schwer fallen dürfte, es zu ignorieren. Noch haben Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Chance, das Bildungs- und Forschungs-Ruder herumzureißen, entsprechend kluge Lösungsmöglichkeiten, und wie man verschiedene Interessen dabei wahren kann, zeigt der Autor auf. Dass schließlich auch die Wirtschaft und ingesamt die ganze Gesellschaft nicht nur etwas davon hätte, an den Stellschrauben aktiv zu drehen, wird jedem Leser spätestens nach der Lektüre dieses Buches klar, kann bei dem derzeit gerade überall grassierenden Verhalten kurzfristiger Gewinnmaximierung aber auch gar nicht oft genug erwähnt werden. Die Alternative dazu ist das Absinken des Forschungsstandorts Deutschland auf ein dröges Mittelmaß, Spitzenleistungen ausgeschlossen - mit allen daraus resultierenden Folgen für eine Volkswirtschaft, die gerade hierzulande als durchaus schon bekannt gelten dürften.

Zum Buch
Gekaufte Forschung - Wissenschaft im Dienst der Konzerne
von Christian Kreiß
erschienen 2015 bei Europa Verlag
Buch im Verlag: Europa-Verlag - Gekaufte Forschung


2015-10-01, Angelika Petrich-Hornetz Wirtschaftswetter
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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