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Deutscher Innovationsgipfel in München

Menschliches Vernetzen in der Digitalisierung

von Annegret Handel-Kempf

Die zweite Halbzeit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft hat begonnen: Wird Deutschland es noch schaffen, als Gewinner vom Platz gehen? Digitalisierungsmessen und –kongresse reihen sich aneinander, schließlich werden alle Lebens- und Arbeitsbereiche grundlegend verändert. Zurückhaltung ist fehl am Platz, stellte Wirtschaftswetter-Reporterin Annegret Handel-Kempf auch beim Deutschen Innovationsgipfel 2016 in München fest.

Es geht um Menschen. Immer noch. Immer mehr, während sich so vieles verändert, Computer und Künstliche Intelligenz angeblich die Macht und die Arbeitsplätze zu übernehmen drohen. Von Wissenschaftlern, IT- und Wirtschafts-Experten, sowie Philosophen, sind viele Aspekte und Meinungen zu hören. Die Tendenz geht zur Kompensation: Wo Aufwand für den Menschen wegfällt, steht ein neuer im Verantwortungsbereich an. Das Denken und Entscheiden selbstlernenden Datenfressern komplett zu überlassen – das will letztlich keiner und würde auch viel Unsinn stiften. Dennoch zögern viele, die Digitalisierung einzulassen. Es gibt Berührungsängste.

Während sich im Internet of Everything alles vernetzt, von der Melkmaschine, übers Smart Home und die sich selbst kontrollierende Fabrik, bis hin zum von Hacking bedrohten Vibrator, sollen die Menschen sich mehr denn je trauen, live-haftigen Kontakt aufzunehmen. So wie beim Innovationsgipfel in München. Da standen die Macher großer Unternehmen, preisgekrönte und „mach“-hungrig in die Runde schauende Start-up-Manager. Außerdem Wissenschaftler von Universitätsbereichen und –Ausgründungen, die ihre Forschungen und Ideen möglichst schnell in Lizenzen, Patente, Projekte und Produkte umsetzen wollen.

„Davon lebt die ganze Start-up-Szene, dass man sich *untereinander vernetzt*. Manche Leute trauen sich nicht, „Hallo“ zu sagen“, sagt Warm-up-Moderator Sven-Wedig. „Ich möchte, dass Sie sich die Hand geben und Visitenkarten austauschen“. Der kurze Austausch von Selbstdarstellung klappt, der Kartenaustausch weniger: Manche Netzwerk-Meeting-Teilnehmer haben *keine Karte* dabei! Auch hier würde die Digitalisierung helfen:
Im Internet der Dinge (IoT) können sich Produkte und Menschen gegenseitig erkennen, scannen, austauschen und überwachen. Smartphone in der Tasche, ein Wearable-Armband am Handgelenk oder ein Chip unter der Haut: Schon darf man es sich leisten, die Visitenkarten für eine Netzwerk-Veranstaltung zu vergessen, sofern man keine Angst um seine Daten hat.

Vertrauen schaffen die Daten allein nicht. Wenn es um wesentliche Umbrüche im alltäglichen Leben und in der Arbeitswelt geht, wenn Geld ausgegeben und investiert werden soll, ist der persönliche Kontakt wichtig. Wer hat nicht schon Geschäftsbeziehungen mit einem Web-„Bekannten“ aufgenommen und an schwierigen Stellen im Arbeitsvorgang festgestellt, dass die Chemie einfach nicht stimmt? – Auch beim Innovationsgipfel fällt auf: Mancher, der auf dem Foto im Internet nett aussieht, wirkt in der Live-Umgebung überhaupt nicht einladend für ein nettes Gespräch oder weitergehende geschäftliche Beziehungen.
CEO oder CIO hin oder her: Wer sich mit mürrischem Gesicht allein mit seiner Zigarette in die Kälte vor die Tür stellt, während die anderen Kontakte knüpfen, hat wenig Chancen auf warme Worte und persönliche Aha-Erlebnisse. Bei anderen genügt schon der Austausch über das optimale Platzieren der Cappuccino-Tasse für den Beginn einer interessanten Diskussion mit abschließendem Herumreichen der Visitenkarten. Die erste Vernetzung hat geklappt. Für Weiteres werden dann die smarten und digitalen Gehilfen wieder mit eingebunden. Doch es zeigt sich klar: Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr legen die Menschen und Manager wieder Wert auf persönliche Kontakte. Aug‘ in Aug‘ muss auch kein Beweis erbracht werden, dass man kein Roboter ist…


2016-03-09, Annegret Handel-Kempf
Text: © Annegret Handel-Kempf
Foto + Foto-Banner: ©aph
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