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Warum laufen sie denn?

Laufen, die Volksbewegung der Indivdualisten

von Angelika Petrich-Hornetz

Laufen. Man trifft skurrile Figuren: Vom durchtrainierten Roadrunner in Superman-Kostümierung bis hin zur stampfenden Walküre in konservativ-sportlicher Vater-Jahn-Manier. Manche rennen einen fast um, als wären sie allein - auf der Straße. Andere grüßen stets freundlich wie die Motorradfahrer untereinander. Hundeleinen und plötzlich stehenbleibende Passanten können gefährlich werden. Bei kühlem Nieselregen hat man indes freie Bahn. Manche laufen, um abzunehmen, andere, um nach Jahren des Sitzens ihren Kreislauf endlich wieder in Schwung zu bekommen. Irgendwie hat es immer etwas mit Gesundheit zu tun. Nur einige wenige bilden dabei so sehr die Speerspitze des Selbstoptimierer-Klischees ab, dass sie einem schon fast leid tun können, genauso wie notorisch vergeistigte Oppositionelle

Als wir im Park für die letzten Meter um die Ecke biegen, kommt uns ein Paar entgegen. Spöttisch blicken beide auf uns herab, während wir uns artig in Formation, nämlich hintereinander, an ihnen vorbeischieben. Früher ging es mir ganz genauso: Ich sah die in dunklem Schwarz oder in ungeschönter Buntheit scheußlichst bekleideten Läuferinnen und Läufer jeden Tag auf jedem grünen Flecken der Stadt, wie sie von leichtfüßig bis schnaufend und schwitzend ihre Kilometer abarbeiten und fragte mich jedes Mal, ob diese Menschen wirklich nichts Wichtigeres zu tun hätten, als sich ständig körperlich zu optimieren, womit zwangsläufig eine gewisse geistige Verkümmerung einhergehen müsse. Oder hatten sie etwa immer noch nicht - und das in diesen Zeiten! - genug zu tun, während ich zur Dauerbeschäftigungsschleife verdonnert, mein tägliches Pensum unfreiwilligen "Sportings" immerhin damit ableistete, durch die Gegend zu jagen und schweißgebadet tonnenweise Familien-Einkäufe in den vierten Stock zu stemmen? Manchmal hätte ich mir zu gern einen dieser unterbeschäftigten Freizeit-Sportler geschnappt und vorgeschlagen: "Heee, Sie da! Fühlen Sie sich möglicherweise in der Lage, mir diesen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln, das Monsterrpaket Waschmittel plus die zwei Kästen Minaterlwasser in den vierten Stock zu tragen?" Aber, wer weiß, kamen mir irgendwann dann doch die ersten Zweifel, was den spontanen Einfall für immer ins Reich der Spekulation verschob, was diese Leute vielleicht schon vorher alles geschleppt und geleistet hatten, so dass sie sich einfach nichts sehnlicher wünschten, als einfach einmal eine Runde lang, ganz in Ruhe frische Luft zu schnappen?

Eines Tages nahm mich meine ebenfalls schwer beschäftigte, bessere Hälfte mit auf seine Runden, dank derer er es in kürzester Zeit immerhin geschafft hatte a) das Rauchen (für immer) einzustellen und rund b) dreißig Kilo abzunehmen. Beim ersten Lauf dachte ich noch, dass diese Tätigkeit meinetwegen für sämtliche anderen, aber definitiv nicht für mich geignet wäre. Ich schnaufte, schnappte nach Luft, schwitze und litt wie ein Tier - durchgehend auf der ganzen Strecke. Während dieser so ungeliebten wie ungewohnten, nicht enden wollenden Fortbewegungsart flammte der Gedanke auf, es sei mit Sicherheit das Allerschlimmste, was man in seiner Freiizeit je tun könnte. Es würde besser werden, versicherte mein Laufpartner aufmunternd, mit jedem Mal, ich würde schon sehen. Ich glaubte ihm kein Wort. Beim zweiten Lauf war es dann schon ein bisschen weniger anstrengend und beim dritten noch etwas besser, beim vierten, fünften, sechsten Lauf wurde es leichter und leichter. Ich lief und lief und lief. Dabei lösten sich sämtliche Gedanken und Sorgen mit jedem Meter regelmäßig in Luft auf. Es fing an, Spaß zu machen. Dann wurde es Herbst und das Wetter dementsprechend schlechter und schlechter, mir ging es dagegen immer besser und besser. Wenn es kalt war, wenn es regnete, war kaum jemand unterwegs - keine Schlingerkurse, kein Hindernislauf, freie Bahn für Schlecht-Wetter-Läufer. Kein Wunder, dass Hundehalter ihre Lieblinge inzwischen mit blinkenden Lichtern ausstatten, im Halbdunkel würden die Läufer sonst zwangsläufig dauernd mit Hunden kollidieren.

Manche Mitläufer grüßen mit Handzeichen wie die Motorradfahrer. Andere rennen wie Statuen aus Stein, so blind, dass man beiseite springen muss, um diesen Renn-Manschinen auszuweichen; fast wie im Schwimmbad, wenn gezielt trainierende Schwimmer ohne jede Rücksicht auf Kinder und badende SeniorInnen stur ihre Bahnen ziehen. Glücklicherweise bietet das zu laufende Terrain viel mehr Platz. Eimal kamen uns zwei Exemplare entgegen, die wahrscheinlich mit den neusten High-Tech-Anzügen ausgestattet waren. Unfreiwillig wirkte das Zeug allerdings eher wie ein Ganzkörper-Strumpf - ein wenig lächerlich an so viel Männlichkeit. Doch von Frauen wird man genauso beinahe umgerannt, wie sonst auch, im ganz normal-verrückten Straßenverkehr. Ob es bereits ernsthafte Unfälle zwischen Läufern gibt, ähnlich wie auf der Skipiste? Defensives Laufen wird jedenfalls dringend empfohlen.

Das Erscheinungsbild - ein weites Feld. Ganz schnell lernte ich, dass eine handelsübliche Jogginghose plus Baumwoll-Shirt alles andere als geeignet waren: viel zu schwer, mit Schweiß schlicht unterträglich. So begann ich also auch meine Meinung über die bunten Plastik-Outfits der Läufergemeinde zu ändern, über deren mangelnde Ansehnlichkeit ich früher höchstens noch grinsen konnte. Die Leggins, die Shorts, die Sport-Bhs und (am schlimmsten) die Fitness-Tank-Tops sehen zwar immer noch albern aus, je älter die Läufer, umso komischer wirken sie in solch einer Aufmachung, aber, und darauf kommt es an: Das Zeug verrichtet nun einmal seinen schlichten Dienst. Die Teile sind leicht und auch nach langen, schweißtreibenden Strecken zieht ihr Gewicht einen wenigstens nicht zu Boden. Sie funktionieren einfach, tragen sich passenderweise bequem; nichts zwickt, nichts engt ein oder behindert die Bewegung - und um die geht es schließlich.

Die Industrie hat die immer größer werdendere Lauf-Gemeinde längst entdeckt, der Handel zumindest zu einem Teil. Die sich noch Sträubenden wissen offenbar nicht, was sie gerade verpassen oder haben ähnliche Probleme wie einst ich, die sich als früherer "Zivilist" das Dasein einer Läuferin und damit einhergehend ihre Bekleidungsgewohnheiten bzw. ihre textilen Ansprüche nicht einmal ansatzweise hatte vorstellen können. Einige Early-Birds setzten zügig auf den globalen Trend, so wie eine US-Schauspielerin, die ein eigenes Label für Fitness-Bekleidung hat. Jeder Supermarkt, der mit den Begriffen Frische + Fitness Marketing betreibt, verkauft inzwischen zumindest hin- und wieder die Billigversionen im Sport-Design. Es scheint im wahrsten Sinne des Wortes gut zu laufen. Man könnte sogar behaupten, der stationiäre Handel, der den immer mehr werdenden Läuferinnen und Läufern heutzutage noch nichts zu bieten hat, hat dann einfach auch selbst Schuld. Die Milliarden-Marke dürften Läufer weltweit längst gesprengt haben, Fitness-Klamotten und -Zubehör sind ein Riesenmarkt, dementsprechend ein riesiges Geschäft und längst noch nicht ausgereizt. Wer seine Größe kennt, bestellt dann eben ganz bequem im Internet und lässt den stationären Handel links liegen.

Der Fantasie textiler Ausstattung der Läufer scheinen keine Grenzen gesetzt. Wie bei den beiden Herren, s.o, gesehen, gibt es einige futuristische Trends, die manchmal Gefahr laufen, den feinen Unterschied zur Sexy-Unterwäsche zu vernachlässigen, so dass einige laufende Modelle unfreiwillig komisch wriken. Bei anderen meint man unweigerlich Comic- und Fiction-Figuren zu erkennen. Wahrscheinlich gibt es auch längst das passende Make-Up dazu, wasserfest versteht sich. Bei nicht wenigen Marathon-Veranstaltungen gehört es sogar zum guten Ton, sich zu verkleiden. Allein der Anblick des "normal" gekleideten Läufers ist für Ungeübte schon nicht immer einfach. Ob neongelbe Stoffschläuche auf Köpfen, die den Läufer vor rinnendem Schweiß oder auch vor Regen schützen soll, man läuft i.d.R. schließlich bei jedem Wetter, oder durchsichtige Einsätze an Dreiviertelhosen, die so eng sitzen, dass jede schwabbelige Stelle unweigerlich sichtbar wird: Nicht-Läufer werden sich bei solchen Erscheinungen wahrscheinlich regelmäßig in die Zeiten mit ansehnlichen Mini-Röcken an ansehnlichen Beinen zurücksehnen, wenn der Lauf-Boom sich noch weiter so entwickelt. Einige laufen auch immer noch lieber im Rippen-Hemd und den guten, alten Shorts. Misstrauisch geworden gegenüber den üblich-verdächtigen Herstellungsmethoden, wie man sie aus der Textilbranche allgemein schon kennt, hat sich eine Naturvariante der Läuferinnen/Läufer längst etabliert. Das ergibt interessante Aussichten für Hersteller, die fair und nachhaltig produzieren wollen. Aber obacht, auch die Naturvariante kann die höflicheren Läufer zu Ausweichmanövern drängen, ganz so, als wäre die Naturfaser im öffenlichten Straßenverkehr bereits eine Umweltplakette mit alleiniger Durchfahrtserlaubnis.

Das Problem des ungewöhnlichen Äußeren von Läuferinnen und Läufern ist einmal der unterschiedliche Blickwinkel, dann der Fokus auf Funktionalität - sowie eine noch etwas vorherrschende Vernachlässigung durch die Designer, die aber langsam dazu ansetzen, Läufern eine ansehnlichere Monturzu verpassen. Bei einigen wirkt es bisher eher so, als würden sie in Kompressions-Unterwäsche - heute u.a. Shape-Wear genannt -, stecken, die aber der Bewegung abträglich ist. Und so sieht manche Läuferin, die zwangsläufig auf Bewegungsfreiheit Wert legt, mit dehnbarem Textilschlauch auf dem Haupte und Shirts plus Leggings undefinierbarer Herkunft heute immer noch eher ein bischen nach Einkleidung durch eine kostenlose Kleiderkammer, wahlweise nach Clochard oder wie eine aus dem Schwimmbad entlaufene Muslimin im Burkini aus. Auch sonst viel Wert auf ihr Äußeres Legende binden ihre Mähne schlicht hoch und schlüpfen in irgendeine bunte Sport-Buxe plus Rollkragen-Funktions-Shirt oder im Sommer in Teile, die wie Tankinis für den Strand wirken.
Eigentlich ist es ja beim Laufen auch herzlich egal, wie es ausschaut. Und damit zum unterschiedlichen Blickwinkel: Diese wenige Gramm wiegende Laufbekleidung ist schon wegen des Materials, aber auch dem Umstand aktuell, erhältlicher Designs der Badebekleidung sehr ähnlich. Und spätestens bei 0 Grad Außentemperatur müssen durch die Landschaft springende Badenanzüge auf den gewöhnlichen Menschen einfach etwas seltsam wirken. Genau umgekehrt ist es bei den Läufern, die sich nach ein paar Kilometern beseeltem, athletischen Schwunges beim besten Wille nicht mehr vorstellen können, wie es diese in ihren warmen Sachen dick wie Murmeltiere eingepackten Menschen in ihrer starren Unbeweglichkeit überhaupt noch aushalten können.

Die Kontur wird durchs Laufen auch nicht in jedem Fall besser, im Sinne von ansehnlicher. Nur mit echten Gewichtsproblemen Gebeutelte können diesbezüglich vom Laufen relativ zügig profitieren, wenn sie durchhalten. Sie bekommen nach und nach eine deutlich bessere Figur und damit wieder sichtbare Taille, Beine und auch definierte Arme, denn die bewegen sich beim Laufen - je nach Geschwindigkeit aufsteigend - mit. In dem Fall ist auch Gewichstverlust drin, falls man gleichzeitig auch auf die Ernährung achtet und am besten - grundsätzlich - noch Dehnung betreibt, mit der auch schon Anfänger jedem Muskelkater den Garaus machen können. Unter den Schlanken, die mit dem Laufen anfangen, um z.B. ihrem Kreislauf mehr Schwung zu verleihen, ist es nicht in jedem Fall so. Ein Blick beim nächsten Marathon auf die Läuferinnen und Läufer verrät es: Deren muskulöse Waden, kräftige Schultern, sehnige Arme an beeindruckenden Oberschenkeln und ungeschminkte Gesichter sind ganz sicher nicht für einen Opernabend geeignet - und damit eigentlich auch nicht für eine vorteilhafte Präsentation. Die Muskelmasse nimmt von Lauf zu Lauf zu und so manche einst schlappe Schlanke legt mit den Muskeln an Gewicht zu oder stellt fest, durch das Laufen auf einmal mehr, nämlich gesunden Appetit zu entwickeln.

Gesundheit spielt beim Laufen immer eine Rolle, ob nun zwecks Gewichts- oder Kreislauf-Optimierung. So individuell die Läufer sind, ein Gros davon hat aber etwas ganz anderes im Sinn, nämlich schlichte Entspannung vom Alltagsstress. Bewegung an frischer Luft fördert nachweislich die körperliche Gesundheit und ist damit eine Sache, die langfristige Wirkung auf die Psyche ist eine andere. Ausufernde, unregelmäßige Arbeitszeiten tragen dazu bei, nur wenige Angebote zur körperlichen und seelischen Entspannung überhaupt wahrnehmen zu können. Sie erlauben vielleicht noch den Besuch von Fitness-Studios mit langen Öffnungszeiten, aber keine Vereinsmitgliedschaft mehr, die ihre festen Traininigs-Zeiten hat. Wer läuft, besonders an frischer Luft, bekommt vor allem eines geboten: einen vom Gedankenmüll befreiten Kopf, und zwar egal, zu welchem Zeitpunkt dieser sich angesammelt haben sollte. Laufen kann man zu jeder Zeit, ganz nach dem eigenen persönlichem Bedarf. Ob man bis 16:00, bis 22:00 uhr oder bis 06:00 Uhr morgens arbeiten muss, wird dabei zweirangig. Läufer brauchen auch sonst nicht viel: keine Halle, keine Schläger, keine Bälle, keine Teampartner, nur sich selbst. Sie können laufen, wann immer und wo immer sie wollen, wenn man von einigen Privatgrundstücken absieht. Es ist eine leicht anwendbare Sportart und das Equipment ist geradezu spartanisch, es beschränkt sich auf die Spitze getrieben auf ein Paar Laufschuhe. Läufer sind frei, sie benötigen keinen teuren Bootsplatz im Hafen, keinen Pferdestall, keinen Tennis- oder Golfplatz und keinen Waffenschein. Selbst einen Trainer brauchen die Disziplinierten unter ihnen nicht, sie steigern einfach die Entfernung oder Geschwindigkeit nach eigenem gustus, sobald sie fit genug dafür sind (die anderen überlisten den inneren Schweinhund mit ebensolchen: privaten Trainern oder Laufpartnern).

Laufen hat auch etwas Bescheidenes und Friedliches an sich. Man kann sich vollkommen abreagieren, ohne ein Gegenüber zu benötigen, mit dem man sich im Wettkampf messen muss. Es braucht keinen einzigen Gegner, der geschlagen werden soll, aber seien wir ehrlich, die Ehrgeizigen messen sich trotzdem und wenn nur mit sich selbst: Sie laufen gegen die Daten vom letzten Mal, gegen die Zeit, gegen die Kilos, gegen den Untergrund, gegen andere Läufer etc. .Aber auch die sich Messenden, richten damit im Vergleich wenig Schaden an, zumindest bei anderen. Läufer sind i.d.R. sich selbst genug. Das schließt soziales Engagement nicht aus und so gibt es weltweit inzwischen zahllose Läufe für wohltätige Zwecke, für diese, jene und welche. Man läuft dabei ausdrücklich nicht gegen, sondern für etwas. Wer ein soziales Projekt starten will, dem kann man nur empfehlen, ein Lauf-Event auszurufen und die Startenden und Sponsoren darum zu bitten, für den guten Zweck zu spenden. Man müsste es gegenwärtig schon sehr falsch anfangen, um dann nicht von zahllosen Läuferinnen und Läufern überrannt zu werden.

Laufen ist ein echter Breitensport, dazu einfach, praktisch, günstig und gut für jede Altergruppe. Und so finden sich Jedefrau und Jedermann, die etwas fürs eigene Wohlbefinden tun wollen, aber ansonsten ganz unterschiedlich sind, häufig auch beim Laufen wieder. Neben den Freizeit-Hauptläufern gibt's auch die Nebenläufer, die nur laufen, um für ihre eigentliche Haupt-Sportart fit zu bleiben. Und natürlich befinden sich auch unter Läufern inzwischen auch perfektionistische Selbstoptimierer, die ähnlich wie einige Computer-Experten ernsthaft daran glauben, mit dem Sammeln von Daten und deren "richtiger" Auswertung, würden sie eines Tages jede Krankheit und selbst den Tod besiegen. Damit meinen sie sich erlauben zu dürfen, ungesunden Lebensweisen jede Daseinsberechtigung abzusprechen. U.a. fordern ein paar Vertreter der Selbstoptimierer-Spezies, Menschen mit "ungesunder" Lebenweise sollten höhere Krankenkassenbeiträge aufgebürdet oder bestimmte Leistungen der Krankenkassen versagt werden. Dass Menschen allgemein und auch auch einfach so, trotz optimierten Körpern und Leben, ganz unspektakulär dem Straßenverkehr oder irgendwelchen anderen, von ihnen nicht beeinflussbaren Faktoren und Umständen zum Opfer fallen können, haben solche Perfektionisten der täglichen Datensammelwut offenbar übersehen. Big Gesundheits-Data erfordert halt auch viel persönliche Lebenszeit, aber nicht unbedingt Denkfähgikeit und Beobachtungsgabe in Eigenregie. Und so begegnet man auf den Strecken auch immer wieder ein paar Exemplaren,, die mit einem deutlichen Zuviel an gleich mehreren Sensoren bestückt inklusive Verbindung zum Internet eher an mobile Sende-Masten erinnern. Von sehr viel Ausstattung sollte sich der normal-schwitzenden Läufer keineswegs als suboptimal abstempeln und irritieren lassen: Die Hybris lauert halt immer und überall.

Bei Kilometer eins überlege ich, was morgen noch alles erledigt werden muss. Das meiste davon schließt sich gegenseitig aus - ich schnappe nach Luft, das Gefühl zu ersticken wird plastisch. Ich versuche, mich wieder abzuregen und singe mir schließlich innerlich, an einem Fluß entlangtrabend "Wind of Changes" vor. "Following the Trave, down to Stadtpaaahaark". Es wirkt. Bei Kilometer zwei fällt mir siedentheiß ein, einen wichtigen Anruf verpasst zu haben, ich schnappe wieder röchelnd nach Luft. Plötzlich steht ein Hund auf dem schmalen Weg, der nach links, in meine Richtung, ausbricht, ich schaffe es gerade noch rechtzeitig auszuweichen und stolpere dafür fast über eine dicke Baumwurzel auf der anderen Seite, bedanke mich mit einem ironischen Blick bei der Hundehalterin, die irgendetwas hinterherzetert, Hunde hätten vor Läufern angeblich Vorfahrt. Geübtere Läufer nehmen so etwas natürlich höchstens noch gelassen zur Kenntnis. Mir dagegen ist akut nach anhalten und alles hinschmeißen, doch ich trampel, aus dem Rhythmus gekommen, irgendwie weiter. Es geht unter einem gemischten Sonnen-Wolken-Himmel im Zick-Zack-Kurs um die vielen Spaziergänger herum. Dann werden meine Beine schwerer und ich verfluche den Tag, an dem ich überhaupt zu laufen anfangen habe, hadere damit, wie anstrengend und stupide das alles sei und wozu ich mir das eigentlich antue, statt zu Hause gemütlich eine Schachtel Pralinen zu futtern? Bei Kilometer drei fällt mir nichts mehr zu all dem ein, aber das Glitzern des Sonnenlichts auf dem Wasser auf, als wollte es mich durch seine Lieblichkeit qua sättigendem Anblick vor der zuckersüßen Pralinen-Konkurrenz bewahren. Bei Kilometer vier beginnt es zu nieseln und die Leute mit Mänteln, Schals und Mützen zeihen sich in ihre Häuser zurück. Ich nehme nur noch das Konzert von raschelnden Blättern im Wind und leise prasselndem Regen wahr. Bei Kilometer fünf denke ich gar nichts mehr. Ich lausche meinem Atem, dem regemäßigen Rhythmus von Füßen und Herz. Ich bin jetzt fast da: erschöpft, zufrieden - tief entspannt, der Abend kann kommen, der morgige Tag hat sich von allein sortiert. Mir begegnet wieder das Paar von damals. Ich schaue ihnen bewusst in die Augen, um ihnen damit zu sagen, dass ich nicht nur ein laufender, sondern auch ein denkender Mensch bin. Sie lächeln dieses Mal erstaunlich milde.
Eine Woche später sehe ich sie nur wenige Meter entfernt wieder: laufen.


2016-04-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz, Wirtschaftswetter
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