Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift      Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema: Multitasking, Link Werbeseite


Multitasking mit Maschinen


von Angelika Petrich-Hornetz

Mensch und Bürokratie

Kartoon haarsträubendDer Bescheid, den unsere Nachbarin in den Händen hielt und uns um Rat fragte, wie sie das Ganze nun interpretieren sollte, war im behördenüblich unfreundlichen Ton formuliert. Aber das Papier hatte auch etwas unfreiwillig Komisches, denn es stand erstaunlicherweise darin, dass man hiermit – mit dieser Bescheinigung - bescheinige, ab sofort nichts mehr bescheinigen zu können, da sich ja „jeden Tag etwas ändern könnte“.
Man stelle sich vor: Es könnte sich jeden Tag etwas ändern! Wenn sich aber nichts geändert hat und aller Vorausicht nach auch nicht wird, wieso sollte sich dann trotzdem jeden Tag etwas ändern können, abgesehen von irgendwelchen, seltenen und unvorhersehbaren Katastrophen, mit denen beide Seiten dann sowieso ganz anders verfahren müssten? Ist es mit der allgemeinen Panik etwa schon so weit gekommen, dass immer und übrall täglich mit dem Schlimmsten gerechnet wird?

Dumm nur, dass unsere Nachbarin diese Bescheinigung unbedingt benötigte, auf die ihre Personalabteilung bereits wartete. Sie wird das etwas seltsam anmutende Papier wohl dort vorlegen müssen .- in Ermangelung eines anderen. Ihre Personalverantwortlichen werden das Schreiben dann wohl genauso staunend anstarren, wie die davon unmittelbar Betroffene - und ihre Nachbarn.

Man versucht ja grundsätzlich immer nützlich zu sein und stets konstruktiv mitzuarbeiten. Darum bemüht man sich natürlich stets redlich, jedem Text irgendeinen sachdienlichen Hinweis zum vernunftsbegabten Handeln zu entnehmen. Aber nix da, auch bei mehrmaligen Lesen blieb es immer noch eine Bescheinigung darüber, dass der ratlose Bürger jetzt und künftig keine Bescheinigungen mehr zu erwarten habe – obwohl die von einer anderen Stelle erwartet werden - zwischen allen Stühlen zu sitzen – ist wohl der passende Ausdruck dafür. Vielleicht hätte die Behörde lieber ein paar nette Grüße senden sollen, statt mit vielen amtlichen Worten nichts zu bescheinigen und nichts zu sagen?

Der nächste „Fall“. Frau K. sitzt am Telefon, sie hat einen pflegebedürftigen Vater, die ihr jüngst eine Konto-Vollmacht gegeben hatte – für den Notfall. Da sich dasBankinstitut allerdings nach der Unterschrift wochenlang nicht mehr rührte, ruft Frau K. nun ganz unbedarft dort an, um nachzufragen.
Bereits die Telefon-Nummer zu ermitteln, war im Internet-Zeitalter erstaunlich kompliziert. Erst über eine Tochterfirma der Tochterfirma der Tochterfirma des Unternehmens, erfährt Frau K. schließlich die einzige, existierende Nummer der an sich nicht kleinen Bank, die für sie selbst auch nach zwei Stunden Internet- und Telefonbuchrecherche unauffindbar geblieben war.

Nach der nun endlich erfoglreich abgeschlossenen Telefonnummern-Jagd folgt auf die Einwahl zunächst eine minutenlang andauernde Warteschleife. Dann das heute Übliche: „Wenn Sie eine Beratung zu einer Versicherung wünschen, drücken Sie bitte – oder sprechen Sie eine 1. Wenn Sie .... blablabla.“ Danach folgt: „Haben Sie ein Konto bei uns?“ und die Aufforderung, unverzüglich die IBAN und BIC-Nummern zu nennen.

Bis vor kurzem hätte man sich mit dieser Aufforderung noch als eindeutig unseriöser Anbieter entlarvt. Damit hatten Frau K. und ihr Vater deshalb auch nicht gerechnet, denn sie wollten schließlich nur mit einem Menschen sprechen, der vielleicht in seinem Computer nachsehen könnnte, wo das Bestätigungsschreiben denn bliebe, also eigenlich nichts Besonderes. Da es sich bei der fordernden Stimme am anderen Ende der Leitung um eine Computerstimme handelt, kann man mit der toten Dame leider nicht sprechen, z.B.: „Kleinen Moment, wir suchen die Nummer schnell heraus“. Wären Frau K. Und ihr Vater allerdings auch Maschinen gewesen, hätten sie die gefragten Angaben sicher sofort aus der Pistole geschossen. Also müsssen Frau K. und ihr Vater wohl oder übel erst einmal auflegen - und die analog notierte Nummer suchen.

Kartoon TelefongesprächeBei ihrem zweiten Anruf landen sie wieder in der Warteschleife, dann müssen sie wieder die Auswahl aus diversen Möglichkeiten per Stimme oder Tastenwahl treffen.
Am Ende des so umständlichen wie nervenaufreibenden Prozederes rufen die beiden genauso artig wie inzwischen erschöpft über den sich klebrig hinziehenden Vorgang im Chor gemeinsam lautstark die Kontonummer in den Hörer, als würde der sich durch diese rührige Duett-Aufführung etwa erweichen lassen. Gegebenenfalls dürften jetzt auch sämtliche Nachbarn über die Kontonummern des Vaters in Kenntnis gesetzt worden sein.
Dann - endlich kommt ein Mensch ansTelefon, eine Mitarbeiterin. Bei dieser beschwert sich Frau K. sachlich, sehr freundlich, aber bestimmt über den kundenfreundlichen Umstand, dass offenbar nirgendwo noch irgendeine Telefonnummern der real existierenden Bankfilialen zu finden sei. Das Verständnis am anderen Ende der Leitung hält sich in Grenzen oder bedeckt. Man kommunziert nur noch das Nötigste, keine Zeit für irgendwelche Extra-Services. Der Nachmittag ist gelaufen, für beide Seiten.

Die Szenen ähneln sich, mehrere Millionen Menschen erleben so etwas täglich. Aber im nun schon rund 16 Jahre andauernden 21. Jahrhundert kommt eine weitere Entwicklung hinzu, die zunächst unbemerkt blieb, inzwischen aber immer sichtbarer wird: Die Problemlösungen lassen mittlerweile wieder zu wünschen übrig, Ergebnisse fangen (wieder) an zu bröckeln, verlieren ihre Qualität oder sind nur sehr schwer zu erreichen,, die Effizienz nimmt ab.
Einer Bescheinigung, die nichts bescheinigt, kann man keinen Wert beimessen und schon gar nicht als gelungene Problemlösung im digitalisierten 21. Jahrhundert bezeichnen Dass die Bitte um eine eher schlichte, telefonische Auskunft gleich mehrere Stunden in Anspruch nimmt, wirkt genauso wenig zielführend wie gut organisiert - und ist in Reihe schon rein zeitlich gar nicht machbar, weder für die Anrufenden, noch für die Angerufenen.

Oh, wie schön waren da die 80er, 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als man es noch "nur" mit der üblichen Bürokratie zu tun hatte, heute dagegen bekommen es Bürger und Verbraucher mit gleich zwei erstarrten Systemen zu tun. Sie quälen sich einerseits durch die bestehende Bürokratie und andererseits durch die mehr oder weniger gut digitalisierten Geschäftsabläufe.
Und während man im vergangenen Jahrhundert, mit vergleichsweise riesigen Mobil-Telefonen ausgestattet, vom Pförtner, über die Chefin bis zu den zuständigen Sachbearbeitern während der Arbeitszeit so gut wie jeden erreichen konnte, weil man damals offenbar noch ganz wild darauf, miteinander in Kontakt zu trefen, gebahren sich Unternehmen und Behörden heute wieder erstaunlich unnahbar.

Dabei hat sich die im 20. Jahrhundert noch übliche Trennung zwischen Beruf und Privaleben in den vergangenen 16 Jahren zunehmend verabschiedet, man spricht von der Entgrenzung der Arbeitszeit und der Auflösung von bis dato gültigen Strukturen des Privats- und Erwerbsleben. Damit entstand ein Widerspruch, dass trotz aller vorhandener, technisch möglicher Erreichbarkeit, Mitarbeiter und Beschäftigte auf einmal wieder erstaunlich unerreichbar geworden sind, weil sie irgendwann einfach nicht mehr können. Ihre früher auf die Arbeitszeit beschränkte, nun auf den ganzen Tag verteilte Erreichbarkeit erhöhte sich nicht.
Die Bundesfamilienministerin müht sich aber immer noch mit der klassischen Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab, dabei ist dieses nicht mehr ganz so neue Problem auch für Familien hochaktuell: die schwierige Vereinbarkeit von Mensch und Maschine, die nun zusätzlich zur bestehenden Bürokratiezu bewältigen ist. Dass die angestrebte Durch-Digitalisierung der Gesellschaft wirklich alles besser machen wird, dürfte gerade der alltäglich von Bürgern, Verbrauchern und Mitarbeitern erlebte Stress damit durchaus in Frage stellen – und zu Modifizierungen einladen.

Digitalisierung trifft auf Bürokratie

Ab- und zu hört man, wie ein kaum noch wahrnehmbares Echo lallend, die xte Erklärung irgendeines EU-Kommissars, wie weit man mit dem Bürokratiebbau angeblich schon fortgeschritten sei. Es nimmt nur niemand mehr ernst, der die täglichen Schlachten zwischen alter Bürorkratie und neuer Technik zu schlagen hat. Ist es nun die Arbeit eines Sisyphos, so dass die zum Bürokratieabbau Verurteilten etwa vorne ein bisschen Bürokratie abbauen, während ihnen von hinten wieder fleißig neue Bürokratie in rauen Mengen aufgetürmt wird? Oder ist es nur Gerede, d.h. der Bürokratieabbau, den man uns einreden möchte, findet eigentlich gar nicht statt? Oder stimmt es doch, die allgemeine Dummheitnehme etwa zu – auch Mitarbeiter seien davon betroffen, oder sie werden so schlecht bezahlt, dass sie nur noch unfreundlich antworten und ineffizient arbeiten können, weil sie sich in Wahrheit längst in die innere Immigration verabschiedet haben, wissend, es ja doch niemals schaffen zu können?

Kartoon BürokratieDie spürbaren Resultate bisheriger Bemühungen um den Bürokratieabbau sind jedenfalls nicht nur ernüchternd, sonst wären sie nichts Neues, sondern spektakulär folgenlos, sonst wirkten sie auf die Betroffenen nicht derart erschöpfend - und damit sind sie ein Thema.
Bürger wie Mitarbeiter stöhnen und ächzen gleichermaßen unter immer neuen Programmen und erstaunlich widerstandfähigen, alten Papierbergen. Nur die Zähne zusammenbeißen reicht dafür schon lange nicht mehr aus. Da nützt auch keine ausgeklügelte Balance zwischen Job und Familie mehr, da Letzere von der neuen Kombination aus Bürokraten- und Digitalisierungsgezerre inzwischen genauso betroffen ist wie die Arbeitswelt. Haben Sie schon einmal einen Rollstuhl für einen pflgebedürftigen Angehörigen beantragt? Man gewinnt inzwischen den Eindruck, nur noch theoretisch mit Rechten ausgestattet zu sein, in der Praxis sind dagegen alle froh, wenn sie möglichst in Ruhe gelassen werden - wenn niemand mehr einen Antrag stellt, eine Auskunft verlangt und am besten auch überhaupt nicht mehr anruft.

Allein eine geradezu penetrant optimistische Einstellung, sehr gut trainierte Nerven sowie zielstrebig erkämpfte Erholungs-Räume und - Zeiten scheinen jetzt noch zu wirken. Die Menschen, die keine Möglichkeit für solche haben, weil sie den ganzen Tag lang ausgelastet sind, z.B. Kinder oder zu pflegende Angehörige zu versorgen haben, sich auf einen Hausbau einließen oder was auch immer an zusätzlichen Belastungen tragen müssen, – fallen inzwischen um wie die Fliegen. Und die Konstrukte sind störanfällig: Der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Scheidung, ein kranker Angehöriger und das gnze Kartenhaus bricht zusammen, allein die Bürokratie bleibt den von solchen Ereignissen Betroffenen in jedem Fall beständig erhalten.

Die Raten psychisch erkrankter Mitarbeiter steigen kontinuierlich, berichten. die Krankenkassen Jahr für Jahr auf Neue. Prompt fordern die Theraupeuten mehr Geld, die ebenfalls in der Überforderungsspirale festsitzen. Die Anträge erschöpfter Mütter für einen Müttergenesungsurlaub steigen kontinuierlich, der gesundheitliche Zustand von Frauen mittleren Alters ist laut dem Mitte Juni 2016 vorgetellten Jahresbericht des Müttergenesungswerks "besorgniserregend". Selbst junge, aber auch gestandene Männer fallen im ständigen beruflichen Zeit-Zehn-Kampf mittlerweile reihenweise wochenlang aus, wegen Burn-out.

Die Maschine verliert ihre Mitarbeiter

Bürokratie als solche ist dabei natürlich nicht böse, sondern hat auch ihr Gutes: Sie sortiert für alle Menschen die Dinge nach denselben Regeln und nach gleicher Art - und hat damit etwas Gerechtes in sich, so zumindest die Theorie.
Aber es ist eben nicht nur dies gute, alte Bürokratie, die zwischendurch sogar tatsächlich einmal einfacher und anwendbarer geworden war, als die technischen Hilfsmittel sich noch anschickten, die viele Hand-Arbeit zu erleichten, die heute wieder vehement an den Nerven zerrt. Es ist auch nicht die dauernde Erreichbarkeit, es ist nicht die Arbeit als solche, nicht die Familie oder die Kinder, die inzwischen ganztags im Kindergarten bespaßt werden und es sind auch nicht die Arbeitszeiten, die in Deutschland im Vergleich mit anderen Regionen noch einigermaßen human geregelt sind, sondern es ist diese nächste, stetig wachsende Anforderungeswelle, die von so manchem Wirtschaftsvertreter vollmundig als nächste „industrielle Revolution“bezeichnet wird – die Digitalisierung. Gepaart mit der immer noch ausufernden Bürokratie, sitzen Bürger, Verbraucher und Mitarbeiter in einer Falle mit zwei Fronten. Wenn die Vorschriften eingehalten werden, Papierberge bewältigt sind, streikt das Computerprogramm - und umgekehrt. Irgendetwas läuft immer falsch, selten arbeiten beide Systeme durchgehend problemlos Hand in Hand – und das auch noch zum Wohle und Nutzen des Menschen.

Folglich fühlt es sich auch genauso an, nämlich, als würde ständig alles falsch laufen, als wäre man selbst falsch, nicht systemkompatibel oder ständig zur falschen Zeit am falschen Ort, weil man den Ansprüchen der sich in ihren Forderungen an uns lediglich abwechselnden, aber uns nie, zu keinem Zeitpunkt in Ruhe lassenden Stellen einfach nie vollkommen genügen kann und wird.
Die durch diesen Stress wachsende Reizbarkeit, kann in blanke Wut umschlagen weil Menschen dem Anspruch einer 24-stündigen Funktionsfähigkeit, wie sie die Protagonisten der Digitalisierung, Maschinen und Programme, leisten können, die das zunehmend auch von ihren „menschlichen Zuarbeitern“ abverlangen, nicht gerecht werden können, so sehr sie sich auch noch darum auch bemühen – während Maschinen ohne Nahrung, Schlaf und Ruhephasen laufen und laufen und laufen.

Kartoon ÄrgerEmpfindungen der Unzulänglichkeit, Unfähigkeit, Übermüdung und Überforderung sind deshalb in der Gegenwart auch nichts Ungewöhnliches mehr oder gar Krankhaftes, sondern ganz normale Reaktionen auf ein für Menschen immer ungesünder getaktetes Umfeld. Wir sind in der Tat keine dauerlaufenden Maschinen. Wir besitzen nun einmal kein Tag und Nacht gleichermaßen berechnendes Computer-Hirn, das täglich Millionen, immer gleiche Rechnungen absolvieren kann, wie es eine gut programmierte Maschine schafft. Wir sind biologisch gewachsene, komplexe Lebenwesen, auf bestimmte Rahmenbedingungen angewiesen, die es uns erst ermöglichen, zu arbeiten – und zu leben. Wenn uns dieser Rahmenbedingunen wie z.B. ausreichend Schlaf und Nahrung entzogen werden, funktionieren wir nicht. Die menschliche Anpassungsfähigkeit an die Vorgaben einer aktuell häufig schlecht funktionierenden Mischung aus Bürokratie und Digitalisierung hat ihre deutlichen Grenzen – einige Menschen scheinen bereits an Grenzen ihrer Multitaskingfähigkeit mit Maschinen gestoßen zu sein.

Die neue Maschinen-Bürokratie

Seit mehreren Jahrzehnten wartet man darauf, Computerprogramme und Maschinen würden uns die Arbeit erleichtern und abnehmen, im Sinne eines Zugewinns von Lebenszeit und Freizeit. Gegenwärtig scheint das Bild etwas angekratzt, es zeigt sich aktuell sogar eine entgegengesetzte Entwicklung abzuzeichnen. Zwar hat man sich redlich angestrengt, den Papierausstoß zu senken, auch wenn man den Traum vom papierlosen Büro noch weiterträumen kann, aber in Wahrheit nahm die Arbeit deshalb nicht ab, sondern haben sich lediglich die Schauplätze verschoben: Inzwischen verbringen wir immer mehr Zeit damit, nicht Menschen mit den von Ihnen gewünschten Diensten und Services zu beliefern und zu versorgen, d.h. in unserem jeweiligen Beruf dienlich und nützlich zu sein, indem wir Menschen die Produkte und Dienstleistungen geben,, die sie wünschen und benötigen, sondern, um Maschinen den von diesen gewünschten Services zu bieten - und das zunehmend auch außerhalb von Industriearbeitsplätzen.

Aufmerksame Beobachter hatten die Tendenz schon lange kommen sehen, als u.a. in der Kranken- und Altenpflege viel mehr Arbeitszeit für immer umfangreicher werdende Dokumentaionen als für die eigentliche Pflege von Menschen aufgewendet werden musste. Das war nur ein zartes Vorspiel, die Digitalisierung wird die Lebenszeit von Menschen nun immer mehr für die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse in Anspruch nehmen, statt dass diese Zeit und Energie Menschen zur Verfügung gestellt oder ihnen gar Arbeitszeit abgenommen werden kann.
Dabei geht es vor allem darum, was die Maschine frisst, abseits von Strom in der Hauptsache Daten, in dieser oder jener Form aufbereitet. Eine Maschine muss zwar nicht frühstücken, aber sie funktioniert eben genauso wenig ohne die Erfüllung gewisser Rahmenbedingungen, die sie nun ihrerseits Menschen abverlangt. Wenn sie geforderte Daten zu fressen bekommt und funktioniert, wird sie immer zuverlässig und unerbittlich funktionieren. Wenn sie die gewünschten Angaben und Daten nicht bekommt, spuckt sie andererseits auch kein einziges Ergebnis aus, sondern verweigert sich schlimmstenfalls komplett. Das bedeutet neben anderen, noch interessant werdenden Folgen u.a. eine Dimension eines Generallstreiks, die man so bisher noch nicht kennt und mit der sich Arbeitgeber und Gewerkschaften rechtzeitig auseinandersetzen sollten, bevor sie alle Schalter der Einflussnahme an Programme und Maschinen abgeben.

Sicher, die Digitalisierung hat auch ihre Vorteile. Der Vater von Frau K. hat jetzt.B. überhaupt keine Probleme mehr mit Arztterminen, seit ein Pilotprojekt vor Ort zur Optimierung derselben startete, an dem er teilnimmt: Egal in welche Praxis zu welcher Untersuchung er auch wann kommen soll, man ist dort stets bestens vorbereitet. Alles ist da, nichts fehlt mehr, wie sonst durchaus üblich, nicht das kleinste Etwas.
Niemand sucht mehr hektisch nach Röntgenbildern, die zuvor schon einmal verloren gingen, weil der letzte Auszubildende diese einfach im Gebüsch des Parks entsorgte, um dem Donnerwetter seiner Vorgesetzten zu entgehen, die richtigen Adressaten einfach nicht gefunden zu haben.

Kartoon Augen verdrehenDas läuft in dem Pilotprojekt nun alles per Computerprogramm - und damit automatisch immer richtig. Die Bilder sind da, die Akte ist da – mit sämtlichen Laborergebnissen. Man wird immer freundlich bergrüßt und kommt stets püntklich in die Sprechstunde. Nur einmal stöhnte eine Mitarbeiterin ganz leise vor sich hin, dass sie am Abend noch Überstunden werde machen müsse, weil es einen Stromausfall gab. Die Notfallaggregate sind schließlich für Wichtigeres vorgesehen. Wichtigeres scheint in der Digitalisierung alles zu sein, als ausgerechnet die menschlichen Mitarbeiter, die dann nach Feierabend übermüdet weiterschuften müssen, um die Maschinen mit den für diese unbedingt erforderlichen Daten nachzufüttern, damit am nächsten Tag alles reibungslos laufen kann. Gewinn für die Mitarbeiter?
Es geht also nicht mehr nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Freizeit und Job, sondern um:

Die Vereinbarkeit von Mensch und Maschinen-Bürokratie

Es ist bedauerlich, dass Joseph Weizenbaum, der Informatiker, der immer vor dieser Entwicklung gewarnt hatte, nicht mehr miterleben kann, wie inzwischen auch ehemalige Gläubige der technischen Revolution nun durchaus etwas kritischer denken und zum z.T. auch mit sehr guten, innovativen Ideen zur Nachjustierung aufwarten, denn das hätte ihn sicher sehr gefreut.

Wenn sich nichts ändert, werden seine Progrnosen eintreffen. U.a. vergessen Menschen irgendwann, wie die Systeme genau funktionierten, Letztere verselbständigen sich und diktieren fortan das Leben. Kürzlich beschrieb in der Zeit ein Angehöriger der XY-Generation (im Alter zwischen X und Y) ganz persönlich die Auswirkungen auf sein Leben. Statt der großen, erhofften Freiheit durch das Internet, liefere dieses inzwischen nur noch billig produzierten, kommzeriellen Fastfood, so eine seiner Kernaussagen

Wer Fastfood mag, soll sich ein anderes Beispiel suchen. Etwa, als würden Sie vegetarisches Essen bevorzugen, aber müssten ständig Fleisch kauen- oder umgekehrt - 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Oder stellen Sie sich eine irgend eine andere, für Sie existenziell wichtige Rahmenbedingung vor, die sie zum Leben und für Ihre Arbeitsfähigkeit unbedingt benötigen, die ihnen einfach von einem Tag auf den anderen und dann ständig verwehrt und konsequent verweigert wird.
Und zwar ausdrücklich nicht, weil andere Menschen etwas dermaßen Gemeines nur beschlossen haben, sondern weil es eine Maschine ist, die gemeine Vorgaben gnadenlos und unaufhörlich umsetzt. Sie werden dann, selbst, wenn die Menschen, die einst eine solche Fehl-Entscheidung trafen, längst gestorben sind, gnadenlos weiter jeden einzelnen Tag Ihres Lebens ausschließlich das zu sich nehmen müssen, was man ihnen vorsetzt, immer wieder und wieder. Und das ist noch ein harmloses Beispiel.

Wundern Sie sich dann nicht, wenn Ihnen alles zum Hals raushängt, wenn Sie sich in ihrem durchgetakteten 24-Stunden-Hochverfügbarkeitsleben, vollgestopft mit überflüssigen Gemeinheiten nicht gut, sondern irgendwann vollkommen erschöpft, ausgelaugt und habltot fühlen. Es wird in den nächsten Jahren zunehmen. Hoffen Sie nicht auf Verständnis, auf die Sie in der Gegenwart in Unternehmen und Behörden noch setzen können, weil sich dort noch Mensch befinden. Künftig treten Sie gegen eine Maschine an, mit der man nicht diskutieren kann und je weniger Menschen dort beschäftigt sind, desto weniger flexibel, freundlich und individuell werden die Reaktionen, Antworten und Lösungen auf Ihre Anliegen ausfallen.

Kartoon sprechendes JackettAuch Ihrem unfreundlichen, menschlichem Kommunikations-Gegenüber am anderen Ende irgendeiner Leitung kann es schon ganz genauso gehen. Sie beide sind gefangen in einem maschinell getakteten System, dessen Servicequalitäten Menschen gegenüber sogar jetzt schon deutliche Optimierungsmöglichkeiten aufzeigen, mit ansteigender Tendenz. Sicher, es sind auch Menschen,die solche Systeme implementier(t)en und manche sind brutale Zeitgenossen, aber es sind auch ausschließlich Menschen, die solche Systeme programmieren, abstellen, korrigieren und menschenfreundlicher gestalten können. Seien Sie also froh - und zeigen Sie sich dankbar und freundlich, sobald Sie von einem aufgeregten Mitarbeiter angekeift werden.
Das passiert einer Maschine nämlich nie.


2016-07-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto Banner: aph
Infos zu Datenschutz + Cookies

zurück zu: Themen

zurück zu: Startseite 

wirtschaftswetter.de
© 2003-2017 Wirtschaftswetter® Online-Zeitschrift