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Fake-News und soziale Hetzwerke

Digitale Kommunikation in der Krise

von Angelika Petrich-Hornetz

Während die Wirtschaft, federführend dabei einige Großkonzerne, die entsprechendes Equipment vertreiben, die Digitalisierung von Produktion, Einkauf, Verkauf, Marketing, Logistik - und damit von allem und jedem anstrebt, bekommt das Bild vom künftig wundervollen, per Algorithmus automatsierten Leben die ersten ernstzunehmende Risse. Und die betreffen weniger die immer reibungsloser funktionierende Maschine-zu-Maschine-, sondern die Mensch-zu-Mensch-über-Maschine-Kommunikation.

Digital durchgetaktete Kommunikation mit Schönheitsfehlern

Allen voran mit Hatespeech und Fake News hervorgetan hat sich ein weltweit unternehmerisch tätiges, sogenanntes Soziales Netzwerk, gegründet in den USA, dem auch in Deutschland mehrere Millionen Menschen angehören und das einst damit lockte, "Freunde zu finden", seinen Geschäftszweck mit "Menschen verbinden" bewarb. Seit dem Börsengang steigerte es seinen Wert auf über 300 Milliarden US-Dollar. Das ursprüngliche Prinzip – den Jahrbüchern aus Unizeiten entsprechend - persönlicher Profilseiten, die sich verknüpfen und gegenseitig bewerten können, gilt dabei bis heute.

Schon lang werden Mitglieder nicht nur mit Mitgliedern, sondern auch mit Unternehmen in vielfältiger Weise verbunden und immer mehr Unternehmen folgten dem Sog und erstellten ihrerseits Profile, um vorhandene sowie potenzielle Kunden in diesem weltumspannenden Netzwerk zu erreichen. Was Daten- und Verbraucherschützer vor allem kritisieren, ist indes nicht die Präsenz von privatwirtschaftlichen Untenehmen, die vor allem mit ihren Werbeschaltungen den Konzern-Gewinn in die Höhe trieben, wogegen nichts einzuwenden ist, sondern, dass sich auch immer mehr öffentliche Institutionen, von Ministerien über Verwaltungen bis hin zu lokalen Behörden daran beteiligten, mit der Tendenz, wichtige Informationen von öffentlichem Interesse nur noch hinter Konzernmauern zu teilen – und sich damit nicht zuletzt den Regeln und Interessen eines geschlossenen Firmen-Clubs unterzuordnen. Von den Datenflüssen öffentlicher Informationen direkt zum Konzern ganz zu schweigen.

Bis heute weiß niemand ohne Insiderwissen wirklich so genau, wie viele und welche Daten gesammelt werden und wohin diese wandern, die allerdings nichts Geringeres als die Grundlage für den geschäftlichen Erfolg des Unternehmens bilden. Wie groß inzwischen der Einfluss auch auf das analoge Leben werden kann, zeigte die neueste Ankündigung des US-Heimatschutzministeriums (Department of Homeland Security), das bei Einreise in die USA von den Einreisewilligen nun die freiwillige Auskunft über eigene Konten in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Youtube etc. verlangt. Das erscheint vor dem Hintergrund von aktuellen Engleisungen nachvollziehbar, doch die Heimatschützer als solche sollten sich zum Thema unbedingt in Sue Halperns gelungenen Artikel in The New York Review of Books belesen, dessen Titel den Inhalt bereits treffsicher zusammenfasst:
"They Have, Right Now, Another You"

In Deutschland ist die Verwendung von Steuergeldern zum Betrieb von Profilseiten öffentlicher Institutionen, die der Gewinnerzielung eines einzelnen Konzerns nützlich sind, dabei nur ein Teilaspekt der fortlaufenden Kritik. Weitere Kritikpunkte sind u.a. der Suchtfaktor, der User zum täglichen sowie jeweils stundenlangen Verweilen in einem einzigen Netzwerk führt, und der daraus entstehende, ständige Druck, bei grundsätzlicher oder zu langer Abwesenheit, angeblich irgendetwas Wichtiges zu verpassen. Was volljährigen Menschen durchaus als ein Privatproblem unterstellt werden darf, ist Minderjährige betreffend zumindest zweifelhaft

Zumal mit immer wieder neue technischen Raffinessen aufgwartet wird, um den Datenfluss zwischen Menschen, zwischen Menschen und Unternehmen oder lediglich die Werbewirkung von Firmen zu „verbessern“. Damit wird die Kommunikation vor allem in gewünschte, ökonomisch einträgliche Bahnen gelenkt. Und das hat funktioniert. Schließlich kommt kaum noch jemand, der sich täglich in den immer mehr durch Algorithmen bestimmten Kommunikationslandschaften bewegt, noch auf die Idee, sein Gegenüber einfach direkt anzurufen oder sich „umständlich“ zu verabreden, um das persönliche Gespräch zu suchen. Im Gegenteil, das Bild von Schülern, die nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, direkt nebeneinander sitzen, aber statt sich anzusehen und von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen, lieber auf ihr Smartphone-Display starrend über Messengerdienste miteinander unterhalten, ist inzwischen eine ganz normale, alltägliche "Gesprächs-Situation".

Die Nachteile mangelnder Aufmerksamkeit der echten, analogen Umwelt gegenüber werden immer größer. Die Nutzung von Smartphones im Straßenverkehr ist inzwischen nur eines der vielen ernstzunehmenden Probleme, mit ganz neuen Formen Schwer-und Schwerstverletzter, über die sich Ärzte nach dem angerichteten Schaden die Köpfe zerbrechen müssen und deren hohe Kosten durchaus eine Rolle in volkswirtschaftlichen Rechnungen spielen. Verkehrshüter reden sich den Mund fusselig, nur hört keiner zu. Autofahrer halten es immer noch für harmlos, ohne Freisprechanlage zu kommunizieren und damit wider besseren Wissens Menschenleben zu gefährden. Normalerweise würden bereits für einen Bruchteil solch eines hochriskanten Verhaltens zügig Gebühren oder Steuern fällig - nicht zuletzt die in den vergangenen zwanzig Jahren extrem gestiegenen Kfz-Steuern und Kfz-Versicherungsbeiträge sind nur ein Beispiel dafür -, um den Schaden zu bezahlen, den solche Gerätschaften anrichten können. Offenbar bleibt auf dem Schaden digitaler Kommunikation allein der Bürger als Steuerzahler sitzen.

Hatespeech, Faknews - oder Spieltrieb?

Relativ neu im immer geschlosseneneren Netzwerk-Universum ist indes die schon lange im Internet präsente Presse, die bis vor kurzem noch ihre Inhalte stets auf ihren eigenen, unabhängigen WebSeiten zu Gunsten eines großen, weltweiten Publikums veröffentlichte - die damit einer breiten Öffentlichkeit stets zugänglich waren.

Durch das Leiden ihrer Verlage vor allem im Printbereich, wurden sie ebenfalls von den Möglichkeiten Sozialer Netzwerke angelockt, insbesondere was Zugriffszahlen, Reichweiten etc. betrifft – die bislang in den mehr oder weniger geschlossenen Netzwerken tummelnde „Öffentlichkeit“ wollte nun auch von Verlagen erreicht werden. Schließlich bekäme man in einem Netzwerk mit Milliarden Usern auch selbst ein paar Millionen neue Leser, so die schlichte Überlegung – und die Klicks und Likes würden gezählt, sogar bezahlt - und kämen dann auch weiteren Erzeugnissen der Verlage zugute, die u.a. in Reichweiten gemessen werden. Die Netzwerke selbst warben vor allem mit schnelleren Ladezeiten für die Inhalte, damit kürzeren Veröffentlichungzeiten. Das zog – mit ihren bisher vorhandenen Möglichkeiten waren Verlage gegenüber superschnellen Messengerdienten und Co schließlich auch nicht mehr konkurrenzfähig.

Abgesehen davon, wie viel Ärger es schon mit falschen Zahlen bezüglich Klicks, Likes und dergleichen gegeben hat, die anfälig für Manipulationen und fehlerbehaftet sind, je komplexer die auf ein anfangs einfaches Muster draufgesetzten Tracking- und Erfassungs-Methoden werden, die nur noch Spezialisten verstehen, wussten einige Presseverlage offenbar nicht, auf was sie sich da genau einließen.
Bereits früh warnten Kritiker dementsprechend, dass sich Verlage damit lediglich abhängig von Sozialen Netzwerken machen würden und der Schuss nach hinten losgehen könnte: Mit dem ganzen schönen Content würden dann nicht mehr Tageszeitungen, Onlinemagazine u.a. Veröffentlichungen der Verlage, sondern lediglich noch die den Content abgrabenden Plattformen von wachsendem Traffic und mehr Aufmerksamkeit potenzieller Leserschaft profitieren. Und genau das scheint nun einzutreten. Soziale Netzwerke, die den Verlagen damit eine nicht zu verachtende Möglichkeit boten, ihre Artikel technisch up-to-date darzustellen, plustern sich mit Hilfe von journalistisch einwandfreien Content zu Medienunternehmen auf - und die Frage lautet, welche Rolle die lediglich nur noch zuliefernde Presse eines Tages noch spielen wird.

Was die Social Media-Seite bewog, dürfte damit klar sein, auch wenn die Anliefernden an Werbeeinnahmen beteiligt werden und einige davon auch tatsächlich profitierten. Bereits vor der massiven Präsenz der Medien in sozialen Netzwerken, die sich anfangs höchstens ein soziales-Netzwerk-Eckchen hier und dort gegönnt hatten, um auf eigene Seiten zu verweisen, bekamen Cybermobbing und Hasskommentare in Sozialen Netzwerken eine wachsende Bedeutung.
Möglicherweise wollte man auf Netzwerkseite mit der Einladung etablierter Nachrichtenmedien auch genau dem, nämlich den immer spontaner, unüberlegter, emotionaler und damit postfaktischer werdenden Kommentar-Chaos etwas mehr Fakten und Seriösität verleihen oder erhoffte es sich zumindest. Währendessen hofften auf der anderen Seite die Eingeladenen iherseits auf größere Reichweiten, mehr Klicks und mehr Werbekunden - und darüber hinaus darauf, sich nicht selbst und eigenständig denkend mit der immer fummeligeren Technikseite sämtlicher Geräte-freundlichster Seitengestaltung sowie – Web-Auffindbarkeit zeit- und kostenintensiv herumschlagen zu müssen.

Operation gelungen, Patient tot

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die angestrebte Win-Win-Situation will sich immer noch nicht so recht einstellen, einige Vorgänger-Versuche waren bereits kläglich gescheitert. Und die fröhliche Hatespeech-Verbreitung wurde durch die Präsenz seriöser Medien auch nicht zurückgedrängt, sondern wird im Gegenteil, trotz Hinzuziehung journalistisch abgeklopften Contents ernstzunehemender Nachrichtenverlage munter weiter exerziert. Derzeit lungert man beiderseits etwas unschlüssig im Szenario zwischen freier Meinungsäußerung, Satire und klassischer Falschmeldung bis hin zu schwerer Beleidigung herum. Offenbar weiß momentan niemand so genau, wie es weitergeht, während Politiker im Vorwahlkampf bereits forsche Gesetze zur Eindämmung von Falschmeldungen und Hassmails einfordern und Fachleuten die Köpfe rauchen, was sie da denn noch für einen sinnvollen Rat erteilen sollten.

Einmal abgesehen davon, was die Verlage dazu gebracht haben mag, die bis dato genauestens aufpassten, ihre wertvollen Inhalte niemandem kostenlos zur Nutzung zu überlassen, um plötzlich einem der größten, werbefinanzierten Netzwerke der Welt den ganzen schönen und teuer bezahlten Content kostenlos hinterherzuwerfen, ist es schon erstaunlich, dass so viele Kommunikations- und Medienprofis sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite, d.h. die Manager sozialer Netzwerke und die der Presseverlage diese Entwicklung und deren Folgen nicht im Vorfeld zumindest ahnen konnten.
Offenbar wurde u.a. der so schlichte, wie ausgesprägte menschliche Unterhaltungs- und Spieltrieb, z.B. aus Jux und Dollerei den größten Blödsinn besonders positiv zu bewerten, am häufigsten zu verbreiten und zu teilen, wohl auf beiden Seiten vollkommen unterschätzt.

Wer wundert sich vor diesem Hintergrund, angesichts der Weltlage und überhaupt, noch ernsthaft darüber, wenn vorwiegend die unsinnigsten Falschmeldungen ganz schnell auf den ersten Plätzen aller Ranking-Listen landen? Schließlich wohnen auch erstaunlich viele Menschen immer öfter in Brunsbüttel. Einige Zeitgenossen nutzen den menschlichen Spieltrieb sowie Sinn für Satire schlicht aus – auch das vorhersehbar - und mischen ihre seltsamen bis hin zu extremen Botschaften darunter. Man hätte es wissen können oder zumindest ahnen müssen. Spätestens seit ein anderer bekannter US-IT-Konzern einst einen Chat-Bot in die Öffentlichkeit stellte, der bzw. dessen „künstliche Intelligenz“ von den Usern durch Gesprächsführung "trainiert" werden sollte - und der am Ende seiner Trainingseinheiten lediglich noch Nazi-Parolen zum Besten gab, hätte man wissen müssen, dass es mit der digitalen Kommunikation zwischen Menschen (über Maschinen) offenbar nicht ganz so einfach funktioniert wie zwischen Maschinen.
In den nüchtern betrachtet recht einfach gestrickten Bewertungs- und Kommentar-getriebenen Sozialen Netzwerken hätte man darauf kommen können, auf der Verlagsseite ebenso. Insbesondere Publikationen, in denen sich Journalisten kurz zuvor – vor Einführung der Fremdveröffentlichungen auf anderen Plattformen – noch intensiv mit dem Sinn und Unsinn von Kommentarfunktionen auseinandergesetzt hatten, begaben sich auf einmal, ohne jede Not auf Augenhöhe mit den wildesten Kommentarkellern – und es waren dann nicht einmal mehr die eigenen, über die man noch so etwas wie eine Hausmacht gehabt hätte.

Warum stellen Verlage die Kommentarfunktion unter brisanten Artikeln ab, deren Abschaltung schließlich auch keine Leserbriefe ausbremst? Etwa, weil der Inhalt so polarisiert, dass er zwangsläufig zu bestimmten Arten von emotional gefärbten Schnellschüssen und Polemiken verführt? Womit auch nichts anderes aufzeigt wird, als dass sich nicht jedes Werk, das selbstverständlich immer von der Öffentlichkeit diskutiert werden muss, unbedingt zur Veröffentlichung auf immer ein und denselben, langweiligen Netzwerk-Plattformen eignet, denen seit Jahrzehnten auch nichts Besseres einfällt als eben das: Kommentare, Bewertungen und Geteile. Wenn man ehrlich sein darf: Es ist inzwischen zum Einschlafen "interessant", es müsste dringend etwas ganz Neues her. Und genaus aus diesem Grund wäre es eigentlich längst überfällig, Verlage hätten sich, statt sich auf "Zurück in die schnöde Vergangenheit" einzulassen, ein eigenes Artikel-Netzwerk zugelegt, am besten europaweit, in dem Lesern endlich etwas Interessantes und damit andere Möglichkeiten geboten werden, als das 0815, das zur Zeit auf dem Markt marktbeherrschend anzutreffen ist und alle ins Korsett zwingt.

Wer sich auf den Marktplatz der Eitelkeiten und damit in die altbekannte, schlichte Realität eines virtuellen Bewertungs-Netztwerks begibt, darf sich dann auch nicht wundern, dass die ersten Plätze an den Polemik-Tischen längst besetzt sind, und dort harte Fakten "überraschend" relativiert werden. Das werden sie in Kneipen auch. Fakten sind in solchen Messenveranstaltungen auch nichts anderes mehr als irgendwelche andereren banalen Beiträge, die alle versuchen, die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen.

Leser kauften oder suchten bisher so analog wie digital Nachrichtenmagazine und Zeitungen gezielt und bewusst aus, weil sie davon überzeugt waren, seriöse Informationen zu erhalten. Sie hatten und haben zwar die Qual der Wahl in der (noch) großen Auswahl – aber greifen zu dieser Zeitung und nicht zu jener, überzeugt davon, jeweils die bessere Wahl getroffen zu haben.
Mit einer gezielten Auswahlt werden tatsächlich Grenzen gezogen. Man setzt sich bewusst ein oder ab, wählt die eine Informationsquelle und schließt die Information durch eine andere aus. Schon deshalb, weil der Tag nur 24 Stunden hat – auch so ein Problem der digitalen Kommunikation, die mehr Zeit frisst, als anfangs gedacht. Und trotzdem bleibt durch die große Auswahl an Presseerzeugnissen die Vielfalt gewahrt, die entfällt, wenn man sich ausschließlich auf einer einzigen Plattform aufhält – und sich ausschließlich deren überall gleiche Regeln als Gott-gegeben unterwirft. Leider scheint darüber auch das Interesse an einer digitalisierten, vielfältigeren Zeitungskultur verloren gegangen zu sein - sonst gäbe es sie schließlich längst.

Wie soll die Vielfalt der Presse aber funktionieren, in einem Netzwerk, in dem alle Informationen auf einem gleichen Level herumschwirren, als lägen sämtliche Waren auf dem Fußboden eines riesigen unüberschaubaren Ramschsupermarkts, in dem ernstzunehmende Nachrichten zwischen Klopapier und Sahnetörtchen untergehen und Katzencontent (nichts gegen Katzencontent als solchem!) mindestens genauso viel wert ist wie investigativer Journalismus unter schwierigsten Recherchebedingungen?

Soziale Netzwerke haben natürlich auch einen Wert und sie haben auch Vorteile gegenüber anderen Kommunikationsmöglichkeiten Vor allem zügig mehrere Menschen zu erreichen und direkt anzusprechen, ob für eine Party, eine Suche oder anderes - und damit: Gruppendiskussionen sind - trotz aller Alternativen - über soziale Netzwerke und Messengerdienste denkbar einfach – und zumindest akustisch auch viel leiser. Immer noch gibt es wirklich gute Initiativen, die in einer gewissen Art nur über Netzwerke funktieren, auch Soziales und Kleinunternehmertum finden dort ihren Platz.
Was andere Formen der Kommunikation und Inhalte betrifft, sieht es damit inzwischen aber etwas anders aus. Mit dem aktuell vorherrschenden Ton sind definitiv nicht alle zufrieden. Je öffentlicher und größer Diskussionen werden – und dass es öffentliche Diskussionen geben muss, darüber besteht hoffentlich Konsens - desto mehr professionelle Moderation wäre eigentlich gefragt.

Man stelle sich einmal eine TV-Diskussion ohne Moderation vor. Pfiffige Programmdirektoren sollten genau das sofort ausprobieren, nicht zuletzt, um dem TV-Publikum einmal vorzuführen, was auf gewinnmaximierten Internetplattformen ganz üblich ist – und hätten den Vorteil des Bewegtbilds einer Live-Sendung zusätzlich ganz auf ihrer Seite. Die Quote dürfte zumindest interessant werden. Moderation ist anstrengend und teuer und so überlässt man es in den Sozialen Netzwerken nicht ausschließlich, aber vorwiegend den einzelnen Akteuren selbst, wie sie es mehr oder weniger erfolgreich anstellen, sich zu benehmen oder ihre Profilseiten zu moderieren. Auch die Bearbeitung von Beschwerden ist teuer. Man greift auf Jobber zurück, versucht ständig rudimentär nachzubessern oder gleich alles dem Algorhitmus zu überlassen, der inzwischen genauso ständig hinterhinkt wie ehemals immer nur der Gesetzgeber im Internet. Das spart Kosten und die Gewinne steigen. Es braucht aktuell auch nicht unbedingt viel Talent, um eine Diskussion zu crashen, allein der Wille zählt – und irgendwer, so viel ist sicher, will immer. Auch darauf hätte man sich rechtzeitig einstellen und besser vorbereiten können.

Damit sind auch nicht mehr nur Datenströme gegenüber den solche Netzwerke und Dienste bereitstellenden Firmen der Preis der Bequemlichkeit, sondern auch noch die Zeitfresserei, sich höchstpersönlich immer länger, öfter und intensiver mit den unangenehmen Nebenwirkungen eines Aufenthalts in Sozialen Netzwerken befassen und abarbeiten zu müssen. Irgendwann zahlt sich das dann nicht mehr aus und dann möchte so mancher am liebsten gleich alles bleiben lassen, greift wieder zum Telefon und Terminkalender, um störungs- und abhörfreie Geschäftsbesprechungen und private Freunde zu treffem, ohne sich zum Digital-Affen zu machen.

Von einer reibunslosen digitalen Kommunikation kann derzeit überhaupt keine Rede sein, geschweige denn von einer krisenfesten. Sonst würde es in Netzwerken wohl kaum noch einschlägige Propaganda-Videos geben, die dazu anleiten, andere Menschen abzuschlachten. Bleibt alles beim Alten, verwandeln sich durch ihre eigenen Algorithmen getriebene Sozialen Netzwerke in Soziale Hetzwerke - und damit in ihre eigene Karrikatur.

Wie alles anfing

Aber woher kommt diese lange nicht bemerkte soziale Verwahrlosung, der zunehemend raue Ton bis hin zu menschenfeindlichem Verhalten, nicht nur in Netzwerken? Warum versammeln sich Menschen um Unfallorte, und glotzen oder fotografieren, statt zu helfen? Warum beschimpfen sich erwachsene Leute aufs Übelste über alle ihnen heutzutage zur Verfügung stehenden modernen Kommunkationskanäle beim schlichten Streit um irgendeine Meinung oder aus nichtigstem Anlass heraus, als ginge es um ihr Leben? Wie weit schreitet die mitmenschliche Ditigal-Verwahrlosung noch voran?

Es ist noch gar nicht so lange her, als sich die Diskussionen um die Verantwortlichkeiten für mieses Verhalten in noch sehr überschaubareren Bahnen bewegten. U.a. Schulen und Unternehmen – nicht zuletzt auch über sämtliche Medien - hielten zum Beispiel Eltern vor, bei Verhalten, Ausdrucksformen, insbesondere bei der Erziehung zum Respekt ihrer Sprösslinge komplett versagt zu haben. Eltern fragten sich derweil, wie weit ihr Einfluss überhaupt noch reichte, in einer durchorganisierten Fremdbetreuungs-Gesellschaft, in der die Kinder wie Arbeitnehmer ganztägig außer Haus verfrachtet sind – und dem elterlichen Einfluss folglich den größten Teil des Tages entzogen. Hinzu kommt der massiv wachsende Gebrauch sozialer Medien, um dessen Gebrauch in Bildungseinrichtungen anhaltend heftig gestritten wird. Infolgedessen warfen Eltern und Unternehmen den Schulen dasselbe Versagen vor, Schüler nicht ädequat auf das echte und das digitale Leben vorzubereiten. Und nicht zuletzt warfen Schulen und Eltern unisono der Wirtschaft vor, das Leben von Kindern und Schülern komplett durchzuökonomisieren und ihnen damit die Kindheit zu stehlen.
Und was ist mit der Verantwortung von Herstellern, Programmierern und Sozialen Netzwerken?

Die sich damit auftuende Fülle an Themen erinnert an die Büchse der Pandora, angefangen bei der Praxis der relativ leichten Umgehung sämtlicher Altersbeschränkungen in Netzwerken und bei digitalen Dienstleistungen - von wegen kein rechtsfreier Raum – bis hin zu den elendig, klebrigen Diskussionen über das "Recht auf ein privates Smartphone", das Schulen die Hände bindet, die wenigstens während der Schulzeit über die Nutzung immer ausgefeilterer Gerätschaften wenigsten in ihrem eigenen Gebäude ein Wörtchen mitzureden hätten, was im Schul- und Unterrichtsalltag geht und was nicht – und es bis heute nicht können.

Nicht zuletzt sind exklusive Informationen und schnelle Antworten bald nur noch hinter verschlossenen Türen und damit öffentliche Institutionen in "Walled Gardens" ein immer noch zu wenig medienpräsentes Thema. Welche Vorbildfunktion haben sie noch, wenn sie sich, ihrem öffentlichen Auftrag verpflichtet, mit ihren Informations-Angeboten überraschend selbstverständlich immer mehr hinter die exklusiven Mauern von wenigen Sozialen Netzwerken privatwirtschaftlich organsierter Konzerne begeben? Steuergelder sind wohl kaum dazu da, um über zumindest zweifelhafte Strukturen nur noch einen exklusiven Teil und nicht mehr die ganze Bevölkerung hinreichend und zeitnah zu informieren. Bis auf die mehr oder weniger erfolgreichen Aktivitäten von empörten Datenschützern fiel das Engagment offizieller Stellen, hier ein vernünftiges Maß sowie praktikable Regeln zu finden, bisher eher mager aus. Wenn sich öffentliche Institutionen aber an keine Regeln halten müssen, wundert sich der in privatwirtschaftlichen Netzwerken nicht als Mitglied eingetragene Bürger künftig wohl noch mehr darüber, dass er selbst keine Antwort mehr erhält oder ewig darauf warten muss, während der in Sozialen Netzwerken mit seinen vielen persönlichen Daten angemeldete Nachbar stets die besten und schnellsten Kontakte zu Behörden pflegt.

Unbedarft ins Reich der Machtkonzentration

Im ausgehenden letzten Jahrhundert war man, was Regeln fürs Internet betrifft noch ganz unbedarft. Es gab schon so etwas wie Soziale Netzwerke, aber sehr viele kleine. Keine Masssenveranstaltungen, folglich auch keine Konzentration von Marktmacht. Virtuelle Netzwerke waren noch eine Randerscheinung. Der „Fortschritt“ hatte freie Bahn. Auch damals gab es in Netzwerken schon Störer und Trolle. So wurden erste Regeln aufgestellt, die bis heute gültige, aber immer mehr missachtete, Netiquette aufgestellt – Benimmregeln für die Kommunikation über elektronische Plattformen. Jeder, der sich nicht daran hielt, deseskalierte sich damit selbst und wurde gefeuert. Der beherzte Rausschmiss war an der Tagesordnung, etwas, was man sich heutzutage gar nicht mehr in dem damals praktizierten Ausmaß vorstellen kann. Diese – temporäre oder endgültige - fristlose Kündigung wurde dadurch erleichtert, dass die wenigsten Netzwerke im 20. Jahrhundert rein kommerzielle Absichten verfolgten oder vorwiegend kommerzielle Absichten ihrer Mitglieder zuließen oder fördern wollten.

Das ist heute ganz anders: Die kommerziellen Netzwerke von heute haben auch ebenso kommerziell agierende Mitglieder und sie werben mit Gewinn-Versprechen, auf deren Einhaltung diese dann auch pochen. Ein Regelverstoß muss nun kleinlichst nachgewiesen werden. Mitglieder, die etwa durch einen Rauschmiss ihrerseits Kunden verlieren, könnten unangenehm werden und klagen. So etwas ist nicht nur teuer, auch der Ruf eines so handelnden Netzwerkes steht genauso auf Messers Schneide wie der Ruf seiner jeweiligen Mitglieder. Im letzten Jahrhundert war das noch unmöglich: Wenn Admins eines Netzwerks jemanden feuern wollten, konnten sie das auch einfach tun und damit schalten und walten wie sie es für richtig hielten. So viel Freiheit gab‘s – und trotz all der schönen Versprechen von heute – dann auch nie wieder.

Die technische Aufrüstung der Privathaushalte

Im ausgehenden vergangenen Jahrhundert wurde dgitales Equipment von allen Herstellern massivst beworben. Glaubte man der Werbung musste man alles haben: Rechner, Laptop, immer leichter werdende Mobiltelefone, dazu Drucker, Scanner, Flachbildschirme, Digitalkameras, Mikrofone, Unmengen Software. Das Neueste war gerade gut genug, die Betriebssysteme updateten im Rhtythmus wechselnder Unterhemden und was gestern noch als der letzte Schrei galt, war kurze Zeit später schon wieder überholt.
Auch damals kauften Konzerne, die nicht mehr selbst entwickelten, die globale Hard-und Software-Konkurrenz einfach auf und die Marktmacht konzentrierte sich allmählich, ähnlich wie heute auf wenige Firmen, die damit nicht mehr oder weniger als die digitale Kommunikation in ihren wenigen Händen halten - und damit eine immense Verantwortung tragen, keineswegs zuletzt gegenüber dem weltweiten Fortschritt in der Kommunikationfähigkeit.

Offenbar sollte damals jeder einzelne Privathaushalt zum digitalen Großraumbüro hochgerüstet werden Der geneigte Kunde folgte brav – und konnte z.B, auf einmal nicht mehr nur zwei Dutzend – mühsam in Fotolaboren hergestellte – analoge Fotos pro Woche, Monat oder Halbjahr käuflich erwerben, sondern es sich auf einmal leisten, tausende, digitale Fotos zu schießen und auf dem eigenen Rechner mit immer größer werdenden Festplattenkapazitäten zu speichern – und war fortan bald genauso gut "bewaffnet" wie kurz zuvor lediglich ein paar abzählbare Star-Fotografen.

Doch Im Gegensatz zu Waschmaschinen, an denen in einigen Ländern der Warnhinweis, das Heimtier nicht in die Waschtrommel zu stecken, inzwische obligatorisch ist, , fanden sich auf den Bedienungsanleitungen von Rechnern, Digitalkameras und Co, kaum Hinweise darauf, was man bei ihrem Gebrauch tunlichst unterlassen sollte. So steht in den meisten Manuals von Digitalkameras bis heute auch nicht, dass Persönlichkeitsrechte beim Fotografieren anderer Menschen zu beachten sind. Es finden sich selten Hinweise in den Anleitungen von Video-Kameras, dass man eine Kamera nicht auf Unfallopfer oder Tote zu richten hat oder den Notarzt beschimpfen sollte, weil dieser beim Filmen im Bild steht. Doch so blöd solche Selbstverständlichkeiten auch klingen mögen. Es ist ganz genau das, was Rettungskräfte heutzutage täglich erleben – exakt diese Anweisungen scheinen einige Anwendern teuerster Digital-Ausrüstungen ganz dringend zu benötigen.

Beim Gebrauch digitalen Equipments geht es bislang immer nur darum, was es alles kann, wie die Möglichkeiten am besten ausgenutzt werden – und nie um Regeln, wie man sich dermaßen aus- und hochgerüstet korrekt zu verhalten hätte. Erst die Eroberung des Lufraums durch den privaten Drohnen-Anwender rief den Gesetzgeber auf den Plan, endlich etwas an der dreißigjährigen Praxis eines weitestgehend fehlenden Regelwerks für digital aufgerüstete Privatanwender zu ändern, die im Übrigen inzwischen auch mit Wärmebild-Kameras und Abhörvorichtungen unterwegs sind, ebenfalls weitestgehend in Unkenntnis darüber, was sie damit eigentlich alles anstellen dürfen und was nicht.

Gepaart mit der ganz aktuellen Aufrüstung des Schusswaffen-Parks in privaten Händen, sollte man sich auf Behördenebene langsam einmal ein paar Antworten auf solche bedenklichen Entwicklungen einfallen lassen, statt sich nur noch mit der Darstellung und Beliebtheit der eigenen Netzwerkeprofile zu befassen.
So brachte es kürzilch ein Vertreter der Polizeigewerkschaft (GdP) in einem TV-Beitrag auf den Punkt. Warum in aller Welt, können Anträge auf den Kleinen Waffenschein in einigen Bundesländern neurdings einfach online im Internet gestellt werden – etwa wie bei einem Kfz-Wunschkennzeichen? In dem auszufüllendem Formular, in dem die „persönliche Eignung“ und „geistige oder körperliche Mängel“, Haftstrafen u.a. nur noch online abgefragt werden, kann man so einiges angeben, das lediglich noch bei einem anonymen „Ansprechpartner“ abgegeben wird - und bis auf ein paar, begrenzte Sicherheitsabfragen bis auf Weiteres gänzlich ungeprüft bleibt. Die Antwort dürfte lauten: Es ist billiger als eine für die Beantragung eines Waffenscheins im Sinne der Sicherheit vernünftigere Inaugenscheinnahme.

Die Allgemeinheit fasst derart im Rahmen des Bürokratieabbaus fehlendes Regelwerk offenbar so auf, dass man alles tun dürfte, was die Ausrüstung hergibt. Die Folge aus stunden, monate- und jahrelanger einseitiger Beschäftigung allein mit Handhabung und technischen Möglichkeiten - ohne die bewussten Auseinandersetzung mit weiteren Komponenten wie etwa sozialen, psychologischen oder rechtlichen hat logischweise genau das zur Folge, was wir nun alltäglich an Eindrücken tiefster menschlicher Verwahrlosung erleben:
Eine Rettungshelfern im Weg stehende, starrende, ihre Kameras schweigend auf Unfallorte und Unfallopfer gerichtete Menschenmenge, die zu nichts mehr in der Lage ist, als ihre Geräte zu bedienen, was sie in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren schließlich ausreichend perfektionieren konnte.

Hinzu kommt nun die kommerzielle Auschlachtung solcher Bilder über Soziale Netzwerke, die mit ihrer eigenen laschen Haltung bedenklichen Inhalte gegenüber, zumindest zu viel zulassen, was der Gewinnmaximierung auch nicht abträglich ist, und zudem dank ihren vorhandenen "schlanken" Organistationstrukturen ebenso unvorbereitet auf das Phänomen menschlicher Verwahrlosung in raffiniertester technischer Ausführung treffen. Durch die massenhafte Verbreitung mit Kameras ausgestatteter Smartphones bekam der Fortschritt der sozialen Verwahrlosung noch einmal einen ordentlichen Schub. Und? Gibt es in der Bedienungsanleitung von Mobiltelefonen inzwischen irgendeinen Warnhinweis darauf, dass Unfallopfer nicht zu filmen und zu fotografieren sind?

Vom Subjekt zum Objekt

Kameras und andere Aufnahme- und Erfassunggeräte und Programme als Filter zwischen Menschen verändern den Umgang miteinander. Der Mensch als Subjekt wird zum reinen Objekt, von einer einst lebendigen, mit allen Menschenrechten ausgestatteten Person auf ein totes Foto- und Film-Motiv mit und ohne O-Ton reduziert. Das können nun nicht mehr nur mit teuren Kameras ausgestattete Paparazzi leisten, sondern eine immer größer werdende Masse Menschen.
So anvanciert der Mensch als Objekt langsam aber sicher zum reinen Daten-Gegenstand und zur digitalen Ware, einer von vielen, mit der man ungeniert Geschäfte machen kann. Darüber beschweren sich heute nicht mehr nur Prominente im ewigen Streit mit Paparazzi, das machen sich auch Influencer und ihre Auftraggeber zu Nutze. Am anderen Ende der Fahnenstange digitaler Massenkommunikation ist die Umwandlung von Menschein in nutz- und handelbare Objekte auch einer der Faktoren, warum in der Gegenwart die Kinderpornographie prosperiert– es fehlt am Ende jede Empathie, jede menschliche Eigenschaft, es geht nur noch ums Geschäft.
In den Anfängen der Digitalfotografie gerieten dabei einige in einen regelrechten Rausch - und manche sind daraus bis heute noch nicht wieder aufgewacht. Schließlich verlangt auch das Publikum immer sensationellere Bilder. Damit haben wir das alte 20. Jahrhundert quasi in das 21. Jahrhundert importiert – und dank ebensolcher veralteter Sozialer Netzwerke lässt uns das vergangene Jahrhundert offenbar auch nie wieder los. Zweifelsohne behindert diese Verharren den Fortschritt.

Biedermeier 4.0.

Die heute vorhandenen Sozialen Netzwerke bieten nur wenige Innovationen an, die das digitale Kommunikationskorsett ändern könnten, wenn man einmal von ein paarVerbesserungen und Vorteilen – siehe oben – absieht, im Gegenteil, die befördern die Objektivierung von Menschen. Und sie befeuern deren Nutzbarmachung als Datenpakete, indem sie lediglich wenige, dürftige Anwendungsmöglichkeiten anbieten, die lediglich dazu da sind, damit die User im Netzwerk verbleiben, um auch weiterhin genügend Daten zu liefern. Beispielhaft für die mageren Anwendung steht hier das dauernde Bewerten von Beiträgen oder Profilen als ein ganz klassisches Relikt aus den 1990er Jahren, in fantassielosen Punktesystemen für alles und jeden umgesetzt. Wer sind wir eigentlich oder besser gefragt: Wie dumm und langweilig sind wir eigenlich, dass wir uns anmaßen, andere Menschen, wie sie aussehen, was sie sagen etc, mit schnöden Punkten oder Symbolen zu bewerten? Welche Prüfungskommission von was maßen wir uns an zu sein, die über das Ranking unseres persönlichen Gesprächspartners zu urteilen hätte, als handele es sich bei diesem um ein Buch oder einen Film? Oder sind wir die Stifung Warentest und unser menschliches Gegenüber ist uns etwa nur noch so nützlich wie eine Tube Zahnpasta oder ein Kühlschrank?

Fällt Sozialen Netzwerken wirklich nichts Neues mehr ein als ein paar Kommentare zu ermöglichen und darüber hinaus lediglich noch das Hochladen, Bewerten und Teilen in Bausch und Bogen, als ob die 1990-Jahre, die solche Vereinfachungen menschlichen Miteinanders einst einführten, etwa nie enden wollten?
Dabei hieß es doch, man würde in Sozialen Netzwerken Menschen einnander näher bringen. Die scheinen heute indes weiter als je zuvor voneinander entfernt zu sein. Die Kommunikation sollte einfacher werden, das Miteinander leichter? Große Teile dieser ganz großartig angepriesenen „sozialen“ Möglichkeiten sind offenbar nicht eingetreten und die Ziele verfehlt worden.
War das wirklich alles? Im analogen Bewertungswahn aufgewachsene und im digitalen Bewertungswahn inzwischen geübte Jugendliche zeigen schon deutliche Symptome einer geschäftsmäßigen Scheinheiligkeit, lediglich die Außenwirkung rudimentär bedienen zu müssen, die an Inhaltsleere kaum noch zu überbieten ist, so dass immerhin auch den nächsten Generationen künftiger Therapeuten die Arbeit nie ausgehen wird.

Nachdem mir – ohne eigenes Zutun - seit rund einem Jahr auf einmal mitgeteilt wird, wann immer und von wem mein Profil besucht und angesehen wird, frage ich mich, welchen Sinn das haben soll. Wenn jemand Kontakt aufnehmen will, ist das schließlich auch ohne das Ansehen von Teilen irgendeines Profils von mir problemlos möglich.
Seitdem warte ich darauf, dass ein Netzwerk die Option schafft, mir unverzüglich mitzuteilen, wenn jemand an mich denkt – und zwar möglichst noch vor meinem erfolgreichen Ableben, mit oder ohne eine virtuelle Kerze anzuzünden.
Klingt das nicht wenigstens etwas authentischer, menschlicher, freundlicher und verbindender, an jemanden als ganze Person zu denken, als sich - um einige in Sozialen Netzwerken übliche Optionen zu zitieren - das "Profil anschauen", eine "Person als Kontakt hinzufügen", Kommentare und damit Teile eines Menschen "interessant" zu finden, angeblich zu "mögen" oder bislang Unbekannte als Kontakte oder gar "Freunde" einzusammeln, als würde es sich bei anderen Menschen um Pokale oder Gütesiegel handeln, die man für den Rest seines jeweiligen Netzwerksleben an sich binden wollte oder für alle Ewigkeiten ins eigene Profilseiten-Regal stellte, in dessen unterschiedlichen Varianten inzwischen so gut wie jeder irgendwo verstaubt.
Auch Unternehmen könnten die Netzwerke deutlich mehr anbieten, z.B. per Button die Anfrage "Angebot erwünscht" erlauben oder "Rückruf", "Meeting" (im analogen Leben) - ohne dass die Kontakte gleich eine lebenlängliche Online-Ehe eingehen müssten.

Man kann sich etwas einfallen lassen. Man kann es Menschen und Organisationen einfacher machen, man kann sie darin digital unterstützen, sich einfacher oder zielgerichteter und zweckgebundener zu kontaktieren, sich zu treffen, ernsthafter umeinander zu bemühen oder zu kümmern.
Man kann aber auch alles so lassen wie es ist, und sie damit zu Objekten dieser oder jener Begierden herabstufen. Auch die Moderatoren könnten es einfacher haben und den Sinn dubioser Profile schneller identifizieren, an die eine Nachricht "Angebot erwünscht" gesendet wird, die angeblich von vielen „Freunden“ flankiert, nach außen hin als todschicker, gemeinnütziger Verein brillieren.

Vielleicht fehlt den vorwiegend technisch umtriebigen Unternehmen bisher die Fantasie oder die Energie beim alltäglichen Verheddern im Vorhandenen, um ihren alten, aus dem 20. Jahrhundert stammenden „Sozialen Netzwerke“ eine neues, zum Zeitgeist passendes Leben einzuhauchen, die sich und andere ohne aktive Gestaltung zwangsläufig weiter ruinieren werden.
Vergessen wir auch nicht, dass eines der größten davon einst nicht mehr und nicht weniger als eine schlichte Bewertungsplattform für die Attraktivität von Studentinnen war – und daran scheint sich immer noch nicht viel geändert zu haben, außer, dass jetzt ein paar Millionen Menschen mehr um die Gunst des Publikums buhlen. Deshalb fallen auch manche Bilder dort massenhaft vorhandener Babyboomer auffällig jugendlich aus – Bildbearbeitung macht‘s möglich. Immerhin gibt es nun auch innovative Fake News, u.a. die "Tagesschau in 20 Jahren" (aus einer ARD-Satiresendung), die Aussichten auf ein ganz passables „Nachrichten“-Ranking haben dürfte. Es hilft wohl nur noch eins, um der immer größer werdenden Falle zwischen Sozialem Hetzwerk und Biedermeier 4.0 zu entkommen, frei nach Bundeskanzler Willy Brandt:

Sie sollten mehr Demokratie wagen.


2017-01-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
Foto Banner: aph

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