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TV-Info-Chaos

Wenn zu viel Media-Mix die TV-Zuschauer abschalten lässt

von Angelika Petrich-Hornetz

TV-Format mit Untertiteln

Man kennt das ja seit vielen Jahren von Nachrichtensendern. Während die Sprecher die neuesten Meldungen vortragen oder kurze Doku-Beiträge laufen, um die jeweilige Nachricht mit vor Ort-Berichterstattung, Interviews, Hintergrundinfos und dergleichen zu vervollständigen, läuft unten am Bildrand gleichzeitig ein Nachrichten- Ticker, auch News-Ticker oder (Nachrichten-)Laufband genannt. Der Ticker bringt ausschließlich Meldungen, Schlagzeilen, Eilmeldungen und die Top-Nachrichten an die Zuschauer-Öffentlichkeit, während die Anchorwoman und der Anchorman mit ausführlicheren Beiträgen, weiteren Details oder Vertiefungen zum Thema beschäftigt sind.

Man hat sich daran gewöhnt, in Nachrichten-Sendungen gleichzeitig zu sehen, zu hören - und zu lesen. Immerhin sind in Deutschland mehrere Laufbänder auf einem Bildschirm eher selten, die zeitgleich unten, oben, links und rechts in verschiedene Richtungen laufen, so wie bei einigen US-Sendern durchaus üblich. Nachrichten-Ticker werden inhaltlich gewöhnlich von professionellen Nachrichten-Agenturen beliefert und - Ausnahmen bestätigen die Regel - senden damit vorwiegend Fakten ohne irgendeine Interpretation. Der Kommentar dazu wird dann später, zusätzlich gekennzeichnet und damit formal und zeitlich deutlich abgegrenzt gesendet. Der Zuschauer wird auf diese Weise gut informiert, erwartet aber dementsprechend auch Qualität, und das heißt nicht zuletzt: einen Zusammenhang zwischen gehörten und im Ticker gelesenen Inhalten.

Gekonnte Kombination - gleicher Inhalt, unterschiedlich aufbereitet

Der Mix aus Gelesenem, Gehörtem und Gesehenem übefordert den Zuschauer deshalb nicht, weil die Inhalte gekonnt dargeboten werden: Die Nachrichten-Ticker beschränken sich auf kurze Schlagzeilen, Themen-Teaser und Nachrichten-Anrisse, also auf dasselbe Genre, das in der Sendung ganz genauso die Nachrichtensprecher und Moderatoren bedienen. Die Nachrichten-Laufbänder kündigen lediglich ein wenig früher die später von den Sprechern vorgetragenen Themen durch eine Eilmeldung oder Schlagzeile an oder wiederholen die bereits mündlich vorgetragenen Nachrichten zusammengefasst, so dass sich Laufband und Sprecher gegenseitig ergänzen. Die Inhalte sind schließlich dieselben, auf der einen Seite ausführlicher gesprochen und auf der anderen Seite, im Ticker lediglich kurz, knapp und damit im Laufband gut lesbar und einprägsam verdichtet.

Der Zwang, alles gleichzeitig zu sein

Die technisch zusammenwachsenden Medien, u.a. TV im Internet, Internet im TV, Echtzeit, Interaktivität und deren vermeintliche Anforderung, alles und jeden gleichzeitig zu bedienen, aber vor allem die nicht unbegründete Befürchtung traditioneller Fernseh-Sender, immer mehr - vor allem jugendliche - Zuschauer an andere Medienformate und damit Quote zu verlieren, verleitet manchen Programmmacher wohl dazu, munter sämtliche Formate zu mixen. Dann werden entweder mehrere Genres und, oder unterschiedlicheFormate miteinander verknüpft, die weder Form noch Inhalt gemein haben oder noch nicht einmal dasselbe Thema behandeln. So etwas kann die Inhalte, das angesetzte Thema - aber auch den Zuschauer überfordern - Im schlimmsten Fall wird abgeschaltet.

Damit der Zuschauer eben nicht ins Schleudern gerät, wird herumprobiert, wie verschiedene Inhalte und Formate miteinander funktionieren könnten. U.a. in vielen Ratgeber-Sendungen haben die Zuschauer nach der Sendung die Möglichkeit, mit Moderatoren oder Experten zu einem Thema per Chat zu disktuieren. Oder sie können bereits während der laufenden Sendung per E-Mail, Telefon, Social Media Fragen stellen und Kommentare abgeben, wobei man sich auch da schon immer fragte, wie sie eigentlich gleichzeitig die Sendung verfolgen wollen. Medien-Multitasking ist schließlich längst als lediglich nervenzerrendes Märchen geschäftstüchtiger Unternehmen entlarvt, worden. Es können also schon seit einiger Zeit Kommentare abgeben und Fragen gestellt, aber diese werden i.d.R immer räumlich und zeitlich abgegrenzt, zum Beispeil zu einem späteren Zeitpunkt in die Sendung einbezogen, diskutiert und beantwortet.

Die ARD-Talk-Show Hart aber Fair ist dafür ein Beispiel. Nach einer gewissen Zeit trägt in der Sendung eine Moderatorin - wieder deutlich abgegrenzt zum eigenlichen Live-Talk der Gäste im Fernsehstudio - eine Auswahl eingegangener Zuschauerbeiträge vor, die anschließend weiter im Studio von den eingeladenen Gästen diskutiert werden. Andere Sendungen arbeiten mit Zuschauer-Fragen, die ohne Zeitverzögerung im Studio aufgegriffen werden, aber auch solch eine Phase innerhalb einer einzigen Sendung wird angekündigt. Meistens handelt es sich also um eine begrenzte Zeitspanne innerhalb einer einzigen Sendung oder eine ganze Sendung befasst sich ausschließlich und schwerpunktmäßig mit Zuschauer-Meinungen und/oder -Fragen.

Phoenix neue Multi-Media-Runde

Etwas anderes probiert der Sender Phoenix in der Talkshow "Phoenix-Runde" aus, die der interessierte Zuschauer als moderierte, eher ruhige Sendung kennt, mit interessanten Gästen, meistens Experten zu einem Thema, das in der Sendezeit ausführlich behandelt wird. Gerade weil sich in dieser Talk-Show die Gäste bislang nicht, wie in so vielen anderen, gegenseitig ins Wort fallen oder regelmäßig polemisch werden, wird diese Sendung offenbar von vielen Zuschauern geschätzt. Selten wird jemand ausfallend. Selbst wenn es einmal hoch hergeht, liegt es höchstens in der Natur der Themas - es wird konzentriert um Inhalte gestritten, die Argumenation des gesprochenen Wortes zählt. Nun hat der Sender Phoenix mit #phoenixrunde (Hashtag Phoenix-Runde) einige Sendungen dieses einst ruhigen, auf die Inhalte fokussierten Formats jedoch in einen Multi-Media-Mix verwandelt. Der wirkt auf den Zuschauer alles andere als erhellend, sondern eher zusammenhangslos und stuft die bisherige Qualität der Sendung auf Ramschladen-Niveau herab.

Der nebenher laufende Kommentar-Ticker

Während die Gäste im Studio wie gehabt diskutieren, läuft am unteren Bildrand ein Ticker, der Beiträge, angeblich"zum Thema" aus den beiden, zahlenmäßig großen "sozialen Netzwerken" Twitter und Facebook anzeigen will, die allen guten Absichten zum Trotz so viele Gemeinsamkeiten mit der eigentlich Sendung haben, wie eine Tagesschau mit der Verfilmung eines Romans von Rosamunde Pilcher - nämlich gar nichts.
Der Unterschied zum o.g. Nachrichtenticker ist der, dass es sich eben nicht, wie dort um die dieselben Inhalte und das gleiche Genre handelt, sondern um höchst unterschiedliche Inhalte und Formate, die der Zuschauer aber nun auf ein und demselben Bildschirm gleichzeitig serviert bekommt, also zeitgleich lesen, sehen und hören soll. Während der Zuschauer sieht und hört, wie die Experten-Runde zumindest versucht, weiter konzentriert über ein Thema zu diskutieren, liest er gleichzeitig unten im Ticker aber keine dazu passenden Verdichtungen, Zusammenfassungen, Teaser, Schlagzeilen aus der Diskussion - das wäre vielleicht interessant - , sondern einen Kommentarticker mit irgendwelchen Kommentaren aus den beiden größten kommerziellen, sozialen Netzwerken, die mit der eigentlichen Sendung, deren Thema und Wort-Beiträgen nicht mehr viel bis gar nichts mehr zu tun haben.

Entweder oder - Nichts Halbes und nichts Ganzes

Das Ergebnis: Der Zuschauer muss sich entscheiden: Entweder hört er wie gehabt der Diskussion zu oder er glotzt auf die aus dem Zusammenhang der Diskussion gerissenen Kommentare aus den sozialen Netzwerken - ohne jede Verbindung zueinander. Es war sicher gut gemeint, auch das Netz zu Wort kommen zu lassen, doch die Kommentare und die Sendung laufen zusammenhangslos nebeneinander her - keines der beiden Formate kann auf das jeweils andere wirklich eingehen oder reagieren. Die einzige noch bestehende Verbindung zwischen TV-Talk und den Kommentaren aus den sozialen Medien beschränkt sich in dem (siehe unten) genannten Sendungs-Beispiel. auf die beiden Schlagworter "Wahl in den Niederlanden" und "Europa". Natürlich, zu Europa und zur jüngsten Parlaments-Wahl in den Niederlanden kann man viel und vor allem immer irgendetwas sagen - und exakt das ist geschehen: Dementsprechend in die sehr berschränkten Formate von Facebook und Twitter gequetscht, können sich die Zuschauer schließlich auch nicht aussführlicher äußern und so befürworten sie eben das Wahlergebnis oder sie kritisieren es. Sie stellen zudem drei Dutzend unbeantwortete Fragen und machen noch 100 neue Themen-Fässer auf. So ist das nun einmal in schriftlichen Online-Diskussionen oder

"Sprach-Nachrichten", zumal die kurze Sendezeit des TV-Formats auch keine längeren Kommentare zulässt, geschweige denn den Diskutierenden überhaupt eine Chance böte, auf die vielen unterschiedlichen Themen der vorhandenen Kurz-Kommentare auch nur ansatzweise einzugehen.

Verquirlter Multi-Media-Mix

Um den wilden Mix noch zu toppen, muss der Moderator Tweet-Beiträge auch noch live in die mündlich geführte Experten-Diskussion aufnehmen, die von dieser aus reinem Zeitmangel lediglich noch abgehandelt werden kann, so dass eine flüssige Diskussion immer wieder unterbrochen wird.
Fazit: Die Konzentration auf das Thema ist dahin, fürs Auge eine Qual, hin- und her zu blickwinkeln, weil ständig mindestens zwei verschiedene Themen gerade aktuell sind. Ein Ergebnis, ob diese Wahl nun ein Signal für Europa gewesen sei, oder nicht, konnte in der genannten Sendung dementsprechend auch nicht erörtert werden, weil ständig ein neuer Tweet oder ein neuer Kommentar - und damit wieder und wieder ein neues Thema oder ein neuer Aspekt erörtert werden sollten. Selbst für den redlichsten Zuschauer ist so ein wilder Gattungs- und Formate-Mix aus zusammenhanglosen Kommentaren und eigentlicher Diskussion nicht machbar - ein absoluter Augen- und Ohren-Graus. Es wird nichts besser oder informativer, nur weil man alles gleichzeitig in eine einzige Sendung als verquirtlen Mulit-Media-Mix presst.

Machen Sie sich selbst ein Bild

Hier geht es zur genannten Beispiel-Sendung, der Phoenix Runde mit laufendem Kommentar-Ticker:

"Entscheidung in den Niederlanden - Signal für Europa?"

Auf Youtube: Hashtag-Phoenixrunde - Entscheidung in den Niederlanden - Signal für Europa?"


2017-04-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
Foto Banner: aph

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