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Shangri-La im Internet

Die Massen-Alterung und ihre einseitige Verschönerung

von Angelika Petrich-Hornetz

Massenhaftes Ergrauen

Es ist soweit. Die ersten Exemplare der in Deutschland zahlenmäßig größten Generationen aller Zeiten beginnen damit, in den Ruhestand zu wechseln. Zwar schwanken die Definitionen, wer überhaupt zur Generation X gehöre, aber ob nun 1957, 1964 oder 1971 - der Alterungsprozess der Republik in der Masse setzt unaufhaltbar ein. Das sieht man auch auf der Straße. Trotz dem schon vorhandenem Überschuss an grauen Schöpfen, bei gleichzeitiger Abwesenheit jugendlicherer Haarfarben, die den ganzen Tag lang in Kitas, Schulen und auf Arbeitsplätzen zubringen, werden die nächsten Verrentungs-Wellen die bisherigen gut sichtbar um mehrere Größenordnungen übertrumpfen.

Kennen wir uns?

Die Nebenwirkungen des fortschreitenden Altersprozesses in Massen sind fatal. Hatte man den ehemaligen Schulkameraden vergangenes Jahr noch mühlos erkannt, da sich sein Gesicht, vor allem aber das Haupthaar nur rudimentär durch ein paar Falten und den Wechsel der Haarfarbe verändert hatten, was ihm gar nicht einmal so schlecht stand, ist von irgendwelchen Haaren auf dem Kopf jetzt nichts mehr zu sehen, dafür um das Kinn herum umso mehr. Außerdem hat sich seine Augenpartie irgendwie verändert, so dass man sich zunächst von einem vollkommen Wildfremden angesprochen fühlte. Nur das ewige T-Shirt zur Jeans bildet noch eine Konstante. Erleichtert nimmt man zur Kenntnis, dass es sich keinesweges um einen Fremden handelt, und tauscht schließlich lächelnd alte Erinnerungen an Schule und Jugendstreiche aus. Ähnliches mit der ehemaligen Schulfreundin, die ihr immer noch oder wieder vorhandenes, schlankes Erscheinungsbild modisch unterstreicht. Das Ensemble aus Jeans-Hängekleidchen über Shirt und enganligenden Leggins, das in der Rückenansicht durchaus stimmig wirkt, passt allerdings in der Vorderansicht nicht mehr so recht zum ladyliken Gesichtsausdruck, der plötzlich irgendwie nach so etwas wie einem "kleinen Schwarzen" schreit, oder vielleicht auch ein blaues? Jedenfalls nach irgendetwas anderem als dem Look einer gerade aus einer Kindertagestätte marschierenden Fünfjährigen.

Geschönte Wirklichkeit

Zu Haus kann man es dann einfach nicht lassen, den Namen zu "googlen" und siehe da, findet auf Anhieb die entsprechenden Profil-Seiten. Die sich darauf befindlichen Fotos versetzen einen regelmäßig ins Staunen. Geschönt ist gar kein Ausdruck, was man dort zu sehen bekommt. Nun ja die Selfie-Kultur - im übrigen erst von der Kinder-Generation der Baby-Boomer erfunden, die "Alten" zogen dann mit - sorgt allein schon dafür, dass der bildlichen Selbstdarstellung vile Raum und Zeit gegeben wird und heutzutage Fotos alles andere, nur keine Schnappschüsse mehr sind. Die Gesichter werden so fotogen wie möglich in die Kamera gehalten, der Rest dann image-wirksam zurechtgebessert. Man findet dabei auffällig viele, sehr dünne Hälse - natürlich ohne jede Falte - und kann bei näherem Hinsehen nicht selten entdecken, an welcher Stelle das Fotobearbeitungs-Skalpell angesetzt wurde. Angesichts laienhafter Operations-Kenntnisse stimmt dann bei manchen Ergebnissen einfach die Anatomie nicht mehr, der Kopf wäre von einem solchen Hals längst abgefallen. Was der dauernde Selbst-Betrachter der eigenen Werke dabei leider übesieht: So schön sieht eine nicht funktionierende Anatomie dann auch nicht aus.

Verschlimmbesserungen der Profis

Doch die Profis machen es auch nicht besser und produzieren ein misslungenen Fake nach dem anderen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die nachgebesserte, sich schwungvoll drehende Claudia Cardinale auf dem retuschiertem Plakat der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes, das - zum Glück - für eine öffentlich Diskussion sorgte. Schon der Laie erkennt auf den ersten Blick die Verschlimmbeserungen, auf die wir hier jetzt nur grob eingehen: Die schöne Taille im Original wirk nach der Retusche, als ob sie gleich umknickt. Der im Original von 1959 schwungvoll flatternde Rock hat später auf einmal etwas Metaphysisch-Gruseliges. der Faltenwurf ist auf diesem Planeten in echt wahrscheinlich gar nicht möglich. Der linke - krampfhaft die weibliche Form vermeident - verdünnisierte Oberschenkel sieht irgendwie krank aus, genauso wie das zu spitze Knie und der verkleinerte Fuß, sowie auch der linke, verdünnerte Oberarm. Sogar die langen Haare vorne wurden einfach abgeschnitten. Das Schlimmste aber ist der bearbeitete rechte Unterschenkel, mit der plump "verchlankten" Ferse. Seitdem hat Frau Cardinale auf dem Plakat einen Klumpfuß, den sie in natura jedoch nicht hat und der sofort ins Auge springt. Von Verschönerung kann also gar keine Rede sein.

Eine Generation sieht sich selbst - beim Altern zu

Das Problem jugendlich geschönter Laienfotos ist weniger, dass das analoge Gegenstück dazu einfach deutlich älter oder auch nur ganz anders aussieht. Manchmal sind auch nur die Fotos selbst schlicht veraltet oder werden bewusst stehen gelassen, womit wir uns selbst nicht ausschließen, um auf der Straße einfach nicht so schnell erkannt und angesprochen zu werden, sondern die Masse. Hinzu kommt der unterschiedliche Umgang mit der Nachlässigkeit im analogen und virtuellen Leben. Millionen Menschen einer ganzen Generation, finden inzwischen im Netz ganz anders statt als in echt. Während man fürs Internet keinen Aufwand scheut, um von sich selbst ein gutes Bild zu präsentieren, schlurft man im analogen Leben dagegen wieder in Jogging-Hose zum Bäcker. Selbst die der ständigen Aktualisierung in ihrer Selfie-Sucht anheim gefallenen Online-Narzissten, macht die massenhafte, demografische Außenwirkung im analogen Leben nicht besser, die langsam und gut sichtbar ihre ganze Wucht zu entfalten beginnt. Der durchaus nette 60-Jährige, der in den engst anliegenden, kurzen Hosen, die er offenbar finden konnte, mit seinen trainierten, drahtigen Lauf- oder Radler-Beinen an der Kasse vor einem steht, mag in seinen Profil-Bildern mit Weichmachern noch einigermaßen irgendeinem gewünschten Image entsprechen. Direkt vor einem stehend und mit zackigen Bewegungen seine Einkäufe auf das Kassenband wuchtend, gibt es an solchen Ansichten einfach nichts mehr zu beschönigen.

Vorbilder? Gibt es!

Und so wird sich diese Generation in den nächsten Jahren durch die dauernde Foto-Bearbeitungs-Routine selbst dabei beobachten können, wie der Kontrast zwischen Schein und Wirklichkeit immer weiter auseinanderdriftet. Da wünschte man manchen den schlichten Mut, einfach passendere Klamotten anzuziehen, die gar nicht einmal spießig sein müssen. Bloß keine beige Omi-Armee mehr. Irene Sinclair heißt die einst flotte 96-Jährige, die 2005 in einem Werbungspot einer bekannten Plfegeserie mit einem bunten Turban auf dem stolz erhobenen Haupt auftrat. Von ihrem Lächeln waren Millionen Menschen auf der ganzen Welt schlichtweg begeistert. Genauso frisch anzusehen feierte Sinclair erst kürzlich ihren 109. Geburtstag mit einer Party. Von der Grazie dieser Vertreterin ein, zwei Generationen vor uns können wir vor Ewigkeiten erwachsen gewordenen und inzwischen alt werdenden Babyboomer uns noch etwas abgucken. Es spricht viel dafür, sich nicht nur fürs Foto im Internet, sondern auch fürs analoge Umfeld ins Zeug zu legen. Etwas mehr Mühe könnten wir uns, ob Männlein oder Weiblein, schon geben, um uns das jetzt gemeinsame Altern so ansehnlich und nett wie möglich zu gestalten. Das gelobte Land ist hier und jetzt, und zwar auch in echt.


2017-10-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
Foto Banner: aph

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