Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift        Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema: Zukunft, Future, Link Werbeseite


WM-Aus 2018

Wir lieben euch trotzdem

von Angelika Petrich-Hornetz

Weltmeisterschafts-Zuschauerin, Illu"...Und am Ende gewinnen immer die Deutschen". Diesmal nicht. 0:2 gegen Südkorea, in der Vorrunde. Und jetzt einmal ganz undistanziert: Ja, ist blöd. Gleich darauf wurde es hektisch bei den Kommentatoren und Sportmoderatoren, untermalt mit den üblichen Statitisken und Analysen, in denen nicht alles stimmte, seit über fünf Jahrzehnten wäre es angeblich die erste WM-Titelverteidigung gewesen - und die erste deutsche sowieso - oder so ähnlich, wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. 1978 - die WM in Argentinien unter der brutalen Militiärjunta, Deutschland schied gegen Österreich aus. Helmut Schön. der mit seinen Spielern in einer ehemaligen Kaserne namens "Toter Hund" einquartiert worden war, trat zurück. Es war in jeder Beziehung eines der düstersten WM-Turniere der Fußballgeschichte.

Zurück in die nicht ganz so düstere, dennoch trostlose Gegenwart. Wird Jogi Löw, der es gewohnt war, in Turnieren mindestens bis zum Halbfinale durchzumarschieren, dennoch Bundestrainer bleiben (wollen)? Und was sagt Mats Hummels zu allem? Medien sprechen von "historischer Niederlage" und analysieren bis ins kleinste Detail - wahrscheinlich durchgehend bis zur nächsten WM. In den Neztwerken wird getrauert, gefeixt und die gewohnte Nicht-Netiquette gepflegt. Die Getränke, die am 27. Juni 2018 zu den vielen Grill-Parties in Deutschland anlässlich des Spiels in großen Mengen eingekauft wurden, eigneten sich plötzlich maximal noch für den Frust und einen dicken Schädel am daruffolgenden Donnerstag. Leider wird es noch nicht einmal einen guten Grund dafür geben.

Es ist mir egal. Seit 1974 schaue ich Fußball-Weltmeisterschaften und es ist immer dasselbe: Wann die deutsche Mannschaft auch immer aus einem WM-Turnier herrausfliegt, ob im Achtel-, Viertel, Halbfinale oder erst im Finale: Es reißt mir jedesmal mindestens ein Bein aus, es tut sogar körperlich richtig weh. Und zugegeben, je weiter wir kamen, desto schlimmer fühlte es sich an, nicht immer, aber meistens. Definitiv am schlimmsten fühlte es sich 2006 gegen Italien an. Es war ein riesengroßes, elendes Trauertal.
Noch nie zuvor war ich auf eine gegnerische Mannschaft so dermaßen sauer, wie auf die italienische, auch anschließend im Finale noch. Wahrscheinlich waren 2006 die Notaufnahmen voll mit Leuten wie mich, die Phantomschmerzen wegen gefühlt herausgerissener Körperteile und Organe hatten, die niemals existierten. Und trotzdem: Selten war ich schon einmal so entsetzt wie über die Nachricht, dassItalien an der WM 2018 in Russland nicht teilnehmen wird ("elegant" ausgedrückt).
Eine Fußball-WM ohne Italien? Wie bitte? Einfach unfassbar, so dass allein die Vorstellung schon grauenhaft genug klang. Aber genau die wurde wahr. Genauso wie das Quali-Aus für die Niederlande. Fußball kann so brutal sein. Und nun das noch. Deshalb passt es doch auch irgendwie ins Bild. Vielleicht, weil die Niederlande und Italien nicht da waren, tut es jetzt sogar ein klitzkleines bischen weniger weh, als 2006. Man fühlt sich einfach nicht so ganz so allein mit seinen Freunden und Lieblingsgegnern, so draußen, außerhalb der WM.

Und seien wir nochmal ehrlich: So ein Riesen-Drama, wie manche meinen, ist es nun auch nicht, weder für uns, und natürlich erst recht nicht für die anderen Teilnehmer. Die Italiener nicht da, die Deutschen raus - damit haben dieses Mal eben auch ein paar andere Mannschaften mehr, ganz reelle Chancen aufs Viertel-, Halbfinale und aufs Endspiel, für das es jetzt zwar ohne uns, aber richtig spannend wird. Wer kommt wo rein? Endlich einmal wieder die Engländer? Die haben das Spiel, das Deutschlands liebster Zeitvertreib ist, schließlich erfunden.

Man denke auch an die vielen treuen Fußball-Fans anderer Länder, wie oft sie - und manche schon seit vielen Jahre durchgehend - stets den Deutschen in einer WM aufrichtig zugejubelt, genauso mitgefreut und fleißig die Daumen gedrückt haben, weil ihre eigenen Mannschaften vorzeitig ausgescheiden waren oder sich gar nicht erst qualifizierten. Das könnten wir ja auch mal tun, also England oder doch Brasilien, die es verdient haben, nachdem dem Torfrust 2014 gegen uns.

Also, sei es ihnen allen gegönnt, dass die Fußballnationen Deutschland und Italien diesmal irgendwie Pech haben und passen müssen. Seien wir 2018 einfach mal richtig gute Verlierer. Es können nicht immer dieselben gewinnen. So ist das nun einmal. Und so ist Fußball. Deshalb Gratulation an unsere gegnerischen Mannschaften. Jetzt seid ihr dran und viel Glück und kommt möglichst weit.

Aber unsere Bundes-Elf (egal wie gerade besetzt) - die lieben wir natürlich immer noch heiß und innig und gerade deshalb und deswegen. So ist das eben im Fußball und mit der wahren Liebe, in guten wie in schlechten Zeiten.

2018-06-30 Angelika Petrich-Hornetz

Text: © Wirtschaftswetter
Foto Banner: aph
Infos zu Datenschutz + Cookies

zurück zu: Lifestyle

zurück zu: Startseite 

wirtschaftswetter.de
© 2003-2018 Wirtschaftswetter® Online-Zeitschrift