Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift        Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema: Et in Arcadia ego


Impfen - die Nächste. Bitte

von Angelika Petrich-Hornetz

Mit den Plänen der Bundesgesundheitsministeriums, die Masernimpfung für Kinder zur Pflichtimpfung zu erklären, stieß der zuständige Minister in ein Wespennest, auch wenn nicht nur die deutsche Impfkommission ihre Empfehlung aussprach. Das hatte sie aber auch schon vorher für viele andere Impfungen und der Rat wurde in der jüngeren Vergangenheit von der Allgemeinheit stets mehr oder weniger lediglich zur Kenntnis genommen. Genauso lange wie eine heterogene Impfpraxis sind in Deutschland Impfbefürworter und Impfgegner seit vielen Jahren in zwei Lager geteilt. Damit droht auch die neueste Ankündigung die Grenze zwischen diese beiden Lagern lediglich noch zementierten und die bisherige Impf-Praxis sich lediglich fortzusetzen. Doch was hat sich heute gegenüber den vergangen Jahren eigentlich verändert?

Thema Weltbevölkerung

Dass die Weltbevölkerung aktuell in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit wächst, die für sie selbst lebensgefährlich wird, war eine Zeit lang ein wenig in den Hintergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit getreten. Das aktuell dramatische Tagesschehen hatte es zumindest in den Hintergrund verdrängt, aus dem heraus es die Einzelthemen allerdings weiter antreibt. Erst die Generation Z, nach 2000 geboren, rückte in Europa, angeführt von der Schwedin und Friday's for Future-Initiatorin Greta Thunberg, das Thema Weltbevölkerung und deren Folge eines bald aufgefressenen Planeten wieder in den Fokus von Berichterstattung und Öffentlichkeit.

Als ich im Jahr 1965 geboren wurde, lebten etwa 3,3 Milliarden Menschen auf der Welt. Diese geburtenstarken Jahrgänge werden i.d.R. auch noch eine Weile leben und einige noch live die Auswirkungen der ab diesem Zeitpunkt explodierenden Weltbevölkerung miterleben, zu der sie selbst kräftig beigetragen haben und auch noch zwei, drei Jahrzehnte lang sorgen werden. Laut Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) bewohnten mit Stand von heute, am 10. Juni 2019, 7,7 Milliarden Menschen die Erde. Wer die allein durch Masse zunehmende Geschwindigkeit dieses Wachstums verfolgen möchte, braucht nur einmal in der Woche nachzusehen, wie schnell sich die Zahlen innerhalb kürzester Zeitspannen ändern. Auf der Webseite der DSW können Sie au0erdem selbst schätzen lassen, der wiewielte Mensch Sie auf der Welt ungefähr sind. Während es bei den vorangegangenen Generation noch lange dauerte, bis die nächste Milliarde erreicht wurde, geht es jetzt immer schneller. Die 10 Milliarden sind bereits in Sichtweite.

Mitwachsende Probleme - kürzere Ansteckungswege

Wie uns u.a. die Generation Z aktuell vorführt, folgt solch einem Bevölkerungswachstum auch das Wachstum massiver Probleme, zusammengefasst unter dem Schlagwort Klimawandel, der das Leben, auch das menschliche, grundsätzlich und mittlerweile auch akut gefährdet. Ein weiteres, von vielen anderen Einzel-Problemen ist die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, deren Häufigkeit, auch als Todesursache, allerdings ebenfalls stetig ansteigt. Und auch das liegt zu einem Teil an der steigenden Weltbevölkerung. Der Abstand zwischen Menschen wird kleiner, die Infektions-Wege kürzer. Dazu tragen zwar auch eine zunehmende Mobilität mit entsprechenden Verkehrsmitteln, der sie anstreibende globale Handel, die aus dem größeren Konsum resultierenden, anschwellenden Müllberge sowie Abwassermengen und vieles mehr bei, Schrauben, an denen man drehen könnte, aber auch dabei handelt es sich um Symptome des Grundproblems.

Ein weiteres Problem: Gemeinschaftseinrichtungen

Das große Zusammenrücken findet auch ganz konkret und praktisch im Lokalen statt. Dezentralisierung als solche scheint momentan sowieso nicht besonders beliebt zu sein, u.a. weil Zentralisation zunächst oftmals wirtschaftlicher erscheint. Dem tragen auch Architektur und Bauplanung Rechnung: Krankenhäuser, Supermärkte, die Warenlager der Onine-Händler, Flughäfen und Bahnhöfe werden immer größer, auf die wachsende Wohnungsnot reagieren Kommunen mit Verdichtung in den Städten.

Darüberhinaus spielt sich - von der Wiege bis zur Bahre - bereits ein großer Teil des menschlichen Lebens in Gemeinschaftseinrichtungen ab. Abhängig Erwerbstätige verbringen einen Großteil ihrer Lebenszeit vergemeinschaftet in Unternehmen. Kinder finden sich ab einem Jahr in der Kinderkrippe, dann im Kindergarten und schließlich in der Schule wieder, d.h., wenn sie überhaupt eine besuchen dürfen. Denn auch das ist inzwischen zu einem ganz großem, nachhaltigen Problem der Generation Z geworden: Durch die ebenfalls wachsenden Krisenherde und kriegiersche Konflikte in vielen Regionen, wird großen Teilen dieser Generation mittleweile wieder das Recht auf schulische Bildung vorenthalten, das ihnen die älteren Generationen schuldig ist. Sie sind aber nicht weniger vergemeinschaftet, sondern leben u.a. in - ebenfalls immer größeren - Flüchtlingslagern, unter zum Teil unhaltbaren Umständen. Auch die Demografie trägt zur Vergemeinschaftung bei, das Ende ihres Lebens verbringen viele ältere Menschen in den westlichen Industrienationen in einem Senioren- oder Pflegeheim.

Allen Gemeinschaftseinrichtungen zu eigen ist ein höheres Infektionspotenzial. In den Kinderkrippen noch mehr, weil ihre kleinen und jungen Besucher noch empfindlicher auf Infektionserreger reagieren, als Erwachsene mit einem bereits trainiertem Immunsystem.
Alle Ansammlungen von Menschen erhöhen das Risiko einer Ansteckung. Das Einsiedlertum ist keine Lösung, dazu reichte vielleicht der Platz inzwischen auch nicht mehr, aber die bewusste Inkaufnahme einer Reduzierung der Weltbevölkerung ausgerechnet durch gegenseitige Ansteckung ist auch keine. Das gilt ganz besonders für Masern, die in der Geschichte der Menschheit bereits genug zur Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen beigetragen haben, u.a. bei der Besiedlung Amerikas.

Masern - die Geisterkrankheit

Masern rangieren laut Schätzungn der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit Atemwegskrankungen, Durchfallerkrankungen, Malaria, Tuberkulose, Keuchhusten, Syphillis, Hepatitis B u.a. unter den ersten 10 der weltweit häufigsten Infektionskrankheiten. Und sie sind tückisch: Neben einer hohen Ansteckungsgefahr werden Masern wegen ihrer möglichen Komplikationen zu Recht als lebensbedrohlich eingestuft. Im Gegensatz zu vielen anderen lebensbedrohlichen Infektionserkrankungen, gegen die noch kein Kraut gefunden wurde, kann man gegen Masern jedoch wenigstens impfen.

So konnte allein durch Imfpung die Zahl der weltweiten Masern-Erkrankungen seit den 1980er Jahren bis etwa 2013 um satte 90 bis 95 Prozent gesenkt werden. Die USA, mit einem der konsequentesten Masern-Impfprogramme ausgestattet, meldeten die Masern 2016 als ausgerottet. Die Erfolgsmeldung hielt sich jedoch nicht lange. Eine steigende Impfmüdigkeit, ausgerechnet in den westllichen Industrienationen, die es besser wissen müssten und andere Faktoren (sieh auch oben) ließ die Zahl der Erkrankungen in der jüngsten Vergangenheit wieder deutlich steigen.
So auch in den USA. Dort meldeten die Behörden 2019 sogar einen neuen Höchststand von über tausend Masernerkrankungen (Stand: 6. Juni 2019).
Aufgeschreckt durch einige spektakuläre, zum Glück noch begrenzte Masernausbrüche wurden dort deshalb die vielorts eingeschlafenen Impfprogramme eiligst reaktiviert. Dem weltweiten Infektionsgeschehen folgend, stufte die WHO die Masern schließlich als "Bedrohung der weltweiten Gesundheit" oder in anderen Worten ausgedrückt, als weltweite, ernstzunehmende Gesundheitsgefahr für die nichts Geringeres als die ganze Menschheit ein.

Die Gründe: 1. Die extrem hohe Ansteckungsgefahr. 2. Bereits eine "normale" Maserninfektion erzeugt hohes Fieber (bis 41 Grad) und die Erkrankten zeigen eine extreme Schwäche, die den Boden für zusätzliche Infektionen bereiten kann. die in Kombination Lebensgefahr bedeuten können. Masern gelten damit übrigens als die medizinhistorisch erste nachgwiesene Immunschwäche-Krankheit. 3. Die möglichen Komplikationen in einer selten großen Bandbreite, die (Stand: heute) bislang bei 20 bis 30 Prozent aller Masern-Erkrankten auftreten, darunter lebensgefährliche und schädigende Herzmuskel-, Hornhaut-, Nieren-, Leber-, Kehlkopf-, Mitteohr- und Lungenentzündungen und vor allem die gefürchteten Hirn- und Hirnhautentzündungen, die in nicht wenigen Fällen tödlich verlaufen und in noch mehr Fällen für bleibende Schäden sorgen, inklusive der zwar seltenen, aber zu 90 Prozent tödlich verlaufenden SSPE - eine Spätkomplikation in Form einer schweren Hirnentzündung, die noch viele Jahre nach (!) einer bereits durchgemachten Masern-Infektion auftreten kann.

Praktische Umsetzung

Wer wollte ein Baby oder Kleinkind etwa solch einer immensen Gefahr ausetzen? Die Impfung gegen Masern ist zwar gut verträglich, jedoch erst für Kinder ab 12 Monaten, in manch Fällen etwas früher. Damit stellt die Masernimfpung vor allem eines sicher, den Herdenschutz für die Jüngsten. Allein eine hohe Impfrate aller Menschen in der Umgebung garantiert kleinsten Kindern diesen Schutz. Darüber hinaus werden weitere Menschen geschützt, darunter auch immungeschwächte Kinder und Menschen, die zum Beispiel unter seltenen Erkrankungen leiden oder aus anderen Gründen ebenfalls nicht geimpft werden können.

Vor diesem Hintergrund wird die strikt erscheinende Reaktion des Bundesgesundheitsministeriums, eine Impfpflicht einzuführen bzw. ungeimpfte Kinder vom Besuch in Kindertagesstätten auszuschließen vielleicht etwas nachvollziehbarer: Eine Impfpflicht ist zwar ein Eingriff, und damit nicht nur eine Verletzung der Persönlichkeitrechte, doch umgekehrt ist auch die Ansteckung - u.a. ungeschützter Kleinstkinder - mit Masern ein solcher Eingriff, dazu wesentlich schwerwiegender, so dass eine Impfpflicht immer eine schlichte Risiko-Nutzen-Entscheidung bleibt.
Selbst eine wochenlange Quarantäne, die mit einer Masern-Erkrankung einzuhalten wäre, ist mit unserem Leben in Gemeinschaftseinrichtungenschlicht und einfach nicht mehr vereinbar. Genau das hat sich zu früheren Jahren verändert, als es nicht so viel Menschen, nicht so große Städte, nicht so viele Reisende und nicht so viele Gemeinschaftseinrichtigungen gab.

Da Masern aber hochansteckend sind, reicht die alleinige Impfpflicht für Kinder allerdings noch nicht: Sie sollte auch auf alle Erwachsenen ausgeweitet werden, als erstes diejenigen, die Gemeinschaftseinrichtungen aufsuchen, , insbesondere dort, wo sich Kinder aufhalten. Das betrifft Mitarbeiter oder Besucher, wie Erzieher, Lehrer und auch Eltern, u.a. auf Elternabenden, Kindergartenfesten, bis hin zu Handwerker*innen, Sekreträr*innen und Hausmeister*innen. Laut Medizinern weisen gerade junge Erwachsene (Generation Y) nicht nur bei Masern Impflücken auf, und bei Masern fehlt hier häufig die zweite Impfung. Darüberhinaus sollte das Bundesgesundheitsministerium auch die impfpflichtigen Orte ausweiten: Auch Krankenhäuser, Pflegeheime, Justizvollzuganstalten u.ä. sollten sicher sein, dass Mitarbeiter, Patienten, Insassen und Besucher keine Masern einschleppen. In großen Gemeinschaftseinrichtungen handelt es sich dabei u.a. auch ganz schlicht um eine Kostenfrage, ein Masernausbruch kann richtig teuer werden.

Impfpflicht - die Nächste. Bitte

Vor dem Hintergrund der steigenden Weltbevölkerung, der zunehmenden Vergemeinschaftung, u.a. in der Kinder- und Altenpflege, sowie aller anderen Varianten der modernen Gegenwart, sollte man endlich auch dem steigenden Risiko von Infektionskrankheiten Rechnung tragen. Das umfasst die "alten", bekannten, aber auch immer neue Varianten, die auftauchen, u.a. weil Menschen auch in die bisher letzten, noch unbekannten Lebensräume vorzudrängen pflegen - u.a. auf der Suche nach neuen Energiequellen.
Schwere Infektionserkrankungen können nicht nur tödlich oder schwer schädigend verlaufen, sondern auch für schwere traumatische Erfahrungen sorgen. Und sie sind allein schon in ihrer medizinisch und pflegerischen Bekämpfung sehr teuer.
Es gibt nur für einen Bruchteil von Erregern schwerer Erkrankungen Impfstoffe. Man sollte diese Chance nutzen, auch um für sich selbst und andere Lebensrisiken zu reduzieren, von denen es aktuell bereits genug gibt.

Neben den Masern gibt es noch mehrere Kandidat*innen, eine besonders dankbare für eine verpflichtende Impfung wäre z.B. auch die Grippe, die jedes Jahr aufs Neue in unangenehmer Regelmäßigkeit für Todesfälle und langwierige Krankheitsverläufe sorgt. Viren sind dabei im weltweiten sowie lokalen Infektionsgeschehen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auch bakterielle Erkrankungen, inklusive zunehmender Resistenzen, werden in ihrer Behandlung immer problematischer, so dass Doppelt- , Sekundär- und Super-Infektionen inzwischen zum Alltag von Millionen Menschen gehören - auch wenn sie nicht gern darüber sprechen. Es sollte dennoch endlich Schluss damit sein, das gegenwärtige Infektionsgeschehen, dessen Auswirkungen uns alle direkt oder indirekt betreffen, weiterhin als Randthema abzustempeln, sondern es gehören Pläne auf den Tisch, um der zunehmenden Gefährdung, die man selbstverständnlich nicht komplett auschalten kann, mit vernünftigen Maßnahmen zu begegnen.

Impfen ist dabei eine wichtige, schnelle und relativ preisgünstige Möglichkeit. Und die unangehme Spritze wird es in absehbarer Zeit bald schon nicht mehr geben. Im Berufsleben sind besonders betroffen Erwerbstätige in Unternehmungen mit großem Publikumsverkehr. Hier sollten auch die Branchen konsequent vorsorgen und darunter darf der Öffentliche Dienst, seiner Aufgabe entsprechend, mit gutem Beispiel ganz weit vorangehen. Ansonsten könnte man auch schlicht die Überlebenden von Masern und Grippe als "Zeitzeugen" in der Öffentlichkeit von ihren (miesen) Erfahrungen erzählen lassen. Ich für meinen Teil, hätte auf meine durchgemachte Masern-Erkrankung in der Kindheit wirklich allzu gern verzichtet. Gegenwärtig habe ich lediglich noch das Problem, wie ich jetzt in Kindergärten, Schwimmhallen, Schulen und dergleichen nachweisen soll, dass ich keine Masern-Gefahr darstelle, obwohl ich nicht geimpft bin....


2019-06-10, Angelika Petrich-Hornetz, Wirtschaftswetter

Text: ©Angelika Petrich, Wirtschaftswetter
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