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Sparen, Sparen, Sparen

Ein paar ketzerische Gedanken über konsequentes Sparen

von Moon McNeill

Sparen, sparen, sparen! Wo nur soll man noch den Rotstift ansetzen, um ein ganz normales Leben zu verwalten? Wie viele Dosen Linsen ohne Wurst muss man noch essen, um ein Paar neue Schuhe für Einlagen zu finanzieren? Wie oft noch auf Balkonien den Sommer verbringen, um dem Sohn den Führerschein zu finanzieren?

Unser tägliches Dilemma ist ja ähnlich wie in der großen Politik: Man wirft auf der einen Seite das Geld zum Fenster heraus, und muss auf der anderen Seite irgendetwas streichen, um sich das leisten zu können. Auf gut Deutsch: Um gut aussehen zu können, muss man schlecht essen. Oder umgekehrt. Manch einer ahnt jetzt, nur wegen seiner gut aussehenden Kleidung eine Lehrstelle ergattert zu haben – aber als Konsequenz hatte man am Tag vielleicht nur eine Fünf-Minuten-Terrine oder zwei Käsebrötchen zu essen. Manche Jugendliche arbeitete vielleicht nur deswegen als Bäckereiverkäuferin, um etwas Anständiges in den Magen zu bekommen?

Diesen Luxus bezahlte sie dann aber möglicherweise mit ständigen Mahnungen der GEZ, des Vermieters und anderer Schmarotzer, die einem ständig ans Portemonnaie wollen, wenn man eine eigene Wohnung hat. Bäckereiverkäuferinnen verdienen nun einmal nicht besonders. Vor allem: Auch der Bäcker selbst muss ja irgendwo sparen! Beobachtet man die immer jünger werdenden Verkäuferinnen und die Luftblasenbrötchen der Neuzeit, weiß man auch woran. Immer mehr Bäcker erlauben ihren Angestellten, ein überdimensionales rosa Sparschwein auf den Tresen stellen. Deutlicher können die armen Angestellten nicht sagen, dass er am Gehalt spart und die Kunden die Weihnachtsgratifikation und das Urlaubsgeld zahlen sollen. In vieler Hinsicht verhungern wir alle vor vollen Trögen. Nur sind es meist nicht unsere. Selbst im Hotel Mama gibt es heutzutage verdächtig oft Aldi.

Die neuzeitlichen Sparmethoden folgen anscheinend einem ausgeklügelten System. Man kündigt heute ohne mit der Wimper zu zucken Mittvierzigern, weil Zwanzigjährige billigere Arbeitskräfte sind. Logisch. Zugleich verliert die Mittvierzigerin durch die Arbeitslosigkeit an Wert und kann dann später die Zwanzigjährige ersetzen, die inzwischen zwei Gehaltserhöhungen verlangt hat, aber an Kompetenz viel zu wünschen übrig lässt. Die Agentur für Arbeit zahlt sogar noch drauf, wenn man eine arbeitslose Mittvierzigerin zur Hälfte ihres vorigen Lohns einstellt. Schließlich muss der Staat auch jede Menge Geld zum Fenster heraus werfen, um es auf der anderen Seite wieder einzusparen – sonst käme ja alles ins Wanken. Denn ohne durch uns verursachte Schuldenberge auf der einen Seite, müsste er ja nicht so dringlich an uns sparen.

Bald schon kauft vielleicht auch Vater Staat seinen Bedarf bei Ebay ein, um die Kosten zu senken. Büromöbel und Computerbildschirme kann man hier tausendfach ersteigern und Spaß macht die Sache auch noch. Zudem darf man annehmen, dass diese neuartige Strategie dauerhaft neue Arbeitsplätze schafft, weil die vorhandenen Stelleninhaber während der Arbeitszeit ihre Gebote beobachten müssen. Nicht umsonst konnte dieses Auktionshaus bereits in fast allen mit Computer bestückten bundesdeutschen Haushalten beste Umsätze generieren. Das läuft so: Man verkauft seine Marken-Tennisschläger zu einem Dumpingpreis, um dann einen Kinderwagen zu einem überteuerten Preis zu erwerben, weil irgendein Armleuchter das Ding für den derzeitigen Besitzer hochgeboten hat. Und wieder effektiv Geld zum Fenster herausgeworfen. Jetzt muss es wieder eingespart werden, damit alles im Lot ist. Kein Wunder, dass es immer mehr Portale gibt, die Geizhälse und Sparfüchse ansprechen und dass der Lottojackpot jedes Mal einen hysterischen Run auf die Annahmestellen auslöst.

Geld zum Fenster heraus werfenWer sich noch an seine Großeltern erinnert, braucht solche Portale aber nicht und kann selbst den Computer noch einsparen. Das Abonnement einer Tageszeitung genügt vollauf. Nicht nur bietet diese billigen Lesestoff und ersetzt die Bibliothekskarte und den Bücherkauf – man kann auch Fisch und Abfälle darin einwickeln, ein paar Seiten als Toilettenpapier zurechtschneiden und so gleichzeitig im Örtchen für Lektüre sorgen. Man kann bei Bedarf ein paar Seiten klein häckseln und den Kindern allerliebste Kasperlpuppen aus Papiermaché rühren - um das Geburtstagsgeschenk einzusparen. Gegebenenfalls kann man sogar das Wohnzimmer damit tapezieren. Besonders Kreative setzen sogar aus den Titelzeilen launige oder spannende Lesetapeten zusammen, die später möglicherweise in einem volkskundlichen Museum ausgestellt werden. So überlebte man früher, wenn das Geld knapp wurde – und warum sollten wir es heute tatsächlich besser haben? Der Sozialstaat war doch nur ein gedankliches Konstrukt der Nachkriegszeit.

Falls Sie aus irgendwelchen Gründen auch die Bettdecke einsparen müssen, sollten Sie ebenfalls ausreichend Zeitung gesammelt haben, sonst wird’s kalt.


2006-12-28 by Moon McNeill
Text: © Moon McNeill
Illus: © Angelika Petrich-Hornetz
Banner: © Angelika Petrich-Hornetz

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