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Sparen – nicht mehr zeitgemäß?

von Jutta Wilke

Scheine und Münzen Immer mehr deutsche Familien sind überschuldet. Die Privatinsolvenzen nehmen täglich zu. Die Schuldnerberatungen haben teils monatelange Wartezeiten. Bereits Jugendliche haben Schulden, überzogene Handyrechnungen, können Außenstände nicht mehr bezahlen.
Schon Kinder geben mehr Geld aus als sie besitzen. Und das obwohl die Kinder in Deutschland zu keiner Zeit so viel Taschengeld zur Verfügung hatten wie heute. Aber wissen unsere Kinder eigentlich noch, was Geld ist? Schon 12-Jährige jonglieren mit Bankkonten, zahlen im Kaufhaus selbstverständlich mit Karte und shoppen im Internet. Aber fragen Sie einmal einen Jugendlichen, wie ein 2-Euro-Stück aussieht. Oder welche Farbe ein Zwanzig-Euro-Schein hat.

Wissen wir das auf Anhieb?

Ganz ehrlich: Wie viel Bargeld haben Sie zur Zeit im Portemonnaie, wie viele Münzen, wie viele Scheine?
Wann haben Sie zum letzten Mal Ihr Geld gezählt?
Ich meine jetzt nicht die Zahlen von Ihrem Onlinebanking-Konto auf dem Monitor und auch nicht die Zahlen auf Ihren Kontoauszügen.
Nein, wann haben Sie zuletzt Geldscheine vor sich auf den Tisch geblättert oder Münzen nach Größe und Farbe sortiert? Wann hatten Sie zuletzt so richtig viel Bargeld in der Hand?

Als ich anfing, mich mit meinen eigenen Geldproblemen zu befassen, stand ich ganz schnell vor der Frage: Was ist eigentlich Geld? Wie sieht es aus, wie fühlt es sich an, warum habe ich keinen Bezug mehr dazu?

Geld ist in unserem Leben zu einer fiktiven Größe geworden. Die Zeiten, in denen der Lohn am Wochenende oder Monatsende bar ausgezahlt wurde, sind lange vorbei.
Selbst Kinder bekommen inzwischen ihr Taschengeld auf ein Girokonto überwiesen. Die Banken reißen sich um die jugendlichen Kunden, die Kreditnehmer von morgen, und geben viel Geld für die Werbung aus. Wir richten unseren Kindern die Konten ein mit dem guten Vorsatz, dass sie einmal lernen sollen mit Geld umzugehen, ganz im Gegensatz zu uns. Aber lernen sie das wirklich?

SpardoeskenMeine Oma hatte ihr Haushaltsgeld in einer alten Blechdose. Jeden Monat kam ein bestimmter Betrag in diese Dose. Jede Woche entnahm sie einen Teil davon und erledigte ihre Einkäufe. Den Restbetrag legte sie wieder zurück in die Dose. So machte sie das ihr Leben lang. Sie gab niemals mehr aus als ihr zur Verfügung stand, sie kaufte nie mehr ein als sie Geld hatte. Denn sie zahlte nur bar.
Heute gehen wir mit der EC-Karte einkaufen. Wir nehmen uns vor nicht so viel auszugeben, aber am Ende ist der Betrag auf dem Kassenbon doch wieder um einiges höher als geplant. Wir zucken mit den Schultern und packen ein. Zu Hause bestellen wir dann noch schnell die Bücher im Internet, die wir schon immer lesen wollten und weil wir gerade dabei sind, steigern wir noch ein wenig bei einem Onlineauktionshaus.
Und wundern uns einige Wochen später über unseren Kontostand auf dem Auszug.
Wir haben das Verhältnis zum Geld verloren.

Geld

Geld – das sind für uns Zahlen, die wir auf einem Monitor hin– und herschieben, die mal größer und mal kleiner sind.
Kein Geld, das ist für uns der Zustand, wenn die EC-Karte nicht mehr akzeptiert wird. Oder wenn wir eine Rechnung bezahlen wollen und die Bank die Überweisung nicht mehr ausführt. Was wir uns nicht vor Augen halten: In diesem Moment haben wir in der Regel schon weniger als kein Geld. Wir stecken bereits tief im Soll.

Laut einer Umfrage haben die meisten Deutschen bei dem Gedanken an Geld ein negatives Gefühl.
Gleichzeitig sind wir alle ein wenig neidisch auf Dagobert Duck, den personifizierten Geizkragen. Fast jeder von uns hat schon einmal davon geträumt, sich im Bargeld zu suhlen wie der Entenhausener Sparprofi.
Quizsendungen belohnen ihre Gewinner mit einer Gelddusche oder einem Koffer voll Geldscheinen.
Der Anblick fasziniert uns, wir wünschen uns, einmal mit beiden Händen hineingreifen zu können, mal richtig im Geld wühlen zu können.
Stattdessen bezahlen wir selbst unseren Schokoriegel an der Tankstelle mit einer Kreditkarte und sogar für Pfandflaschen gibt es kein Bargeld mehr, sondern einen Bon, der dann an der Kasse verrechnet wird.

Goldsack oder Geldsack?

Geldratgeber schießen wie Pilze aus dem Boden

Börsenprofis verraten uns den Weg zur ersten Million, wir jonglieren in der Kaffeepause mit Investmentfonds, Tagesgeldkonten und dem DAX-Index.
Überschuldet sind wir trotzdem noch.

Vielleicht sollten wir wieder damit anfangen, Geld wahrzunehmen. Und zwar nicht als Zahl auf dem Papier, sondern als Materie.
Wir könnten dazu übergehen, wieder mit Bargeld einkaufen zu gehen. Denken Sie einmal daran, wie viel Spaß es macht, auf einem Wochenmarkt einzukaufen. Nicht nur, weil dort das Obst und Gemüse frischer ist oder billiger, nein auch, weil hier noch Geld gegen Ware getauscht wird. Bar und ohne Umwege.
Genauso viel Spaß macht es mit einer Hosentasche voll Kleingeld auf einem Flohmarkt zu stöbern. Diesen Spaß am Geld können wir auch in unseren Alltag mitnehmen, wenn wir das Geld wieder anfassen.

Ich mache es jetzt wie meine Oma

Ich lege mir einen bestimmten Geldbetrag in eine Dose. Dieses Geld nehme ich zum Einkaufen. Das mache ich jetzt seit drei Monaten so. Und habe seitdem nie wieder mehr ausgegeben als ich an Geld dabei hatte. Einfach, weil es gar nicht geht. Mein Portemonnaie kann ich nicht überziehen.
Das Geld, das ich am Monatsende übrige habe, kommt in eine Spardose. Die Kinder reißen sich darum, die Münzen in den Schlitz stecken zu dürfen. Und hinterher darf jeder einmal kräftig schütteln. Inzwischen hat jedes der Kinder eine eigene Spardose. Und wir wissen wieder, worin sich ein 20-Cent-Stück von einem 50-Cent-Stück unterscheidet.

SparschweinDie Kleingelddose haben wir übrigens Spaßdose genannt. Weil wir uns von diesem gesparten Geld ab und zu einen besonderen Spaß gönnen. Am Sonntag waren wir zum Beispiel mit vier Kindern im Schwimmbad. Und haben aus unserer Spaßdose bar bezahlt. Die nette Dame an der Kasse war etwas verwundert über den kleinen Geldberg auf ihrem Tisch. Sie musste auch erst nachlesen, wie sich die Schublade ihrer Kasse öffnen lässt. Den Geldkartenleser hatte sie uns schon automatisch hingeschoben.


2007-01-30 copyright by Jutta Wilke
Text: © Jutta Wilke
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer, im Web: www.ellenheidboehmer.de
Foto Themenbanner: © Angelika Petrich-Hornetz

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