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Hörbücher Indien

"Annapurna" und "Rajs Film"

von Anne Siebertz

Zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk veröffentlicht der Münchner Terzio-Verlag seit zwei Jahren aufwändig produzierte Hörspiele aus den Archiven des BR. Darunter auch Klassiker wie „Catweazle“, „Der Zauberer von Oz“ oder Bestseller-Hörspiele von James Krüss oder Mark Twain. Mitte 2006 erschien zum Thema Indien das Hörbuchpaket „Annapurna“ und „Rajs Film“ von Klaus Kordon.

Schon seit Jahren stellen die Medien Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht dar. Gigantische Verbindungsstraßen ziehen sich als Meilensteine des Fortschritts durch ehemals ländliche Gebiete, kostümträchtige Bollywood-Filme zeigen das Land in den schillerndsten Farben. Die IT-Branche hat ihre Stellung auf dem Weltmarkt erobert.
Doch wer in das Land reist, schildert ein anderes Leben. Die Armut zeigt sich an allen Ecken, es stinkt in den randvollen Städten und die Menschen leben in einfachen Behausungen oder auf der Straße.

So auch die kleine Veena, Protagonistin des Hörbuchs „Annapurna“ – meine Mutter ist eine Göttin. Zusammen mit Vater, Mutter, zwei älteren Brüdern und drei Schwestern lebt sie in einer Barackensiedlung Bombays. In einem Raum. Da der Vater krank ist, muss die Mutter die Familie ernähren. Sie ist Köchin für die Arbeiter aus der nahe gelegenen Textilfabrik - eine Annapurna. So wird sie genannt, weil jemand, der in diesem armen Land für Andere Essen kocht, fast so verehrt wird wie Annapurna - die Göttin der Fülle oder die Nahrung spendende Göttin.

Die 9-jährige Veena bringt den Arbeitern oft das Essen in die Fabrik. Ihr größter Wunsch ist es, einmal einen Sari aus den Stoffen zu bekommen, die dort produziert werden. Aber das bleibt ein Wunschtraum, denn sie kann weder rechnen noch lesen oder schreiben. Wie ihre Schwester Chaya muss sie der Mutter helfen. Reis und Linsen waschen, Gemüse putzen und die Mutter mittags zum Markt begleiten gehören zu den täglichen Pflichten. Die großen Brüder helfen nicht – sie geben vor, Arbeit zu suchen, aber keine zu finden und treiben sich den ganzen Tag herum.
Eines Tages hat Veena einen Traum, der sie sehr bewegt. In Gedanken versunken bringt sie das Essen in die Fabrik und übersieht dabei eine Natter, die auf dem Weg liegt. Sie erschrickt und verschüttet das Essen. Vor lauter Angst traut sie sich nicht, ihr Versehen zuzugeben. Ihr Missgeschick hat für die Arbeiter und das Mädchen weitreichende Folgen.

Veena erzählt auch von ihrem Bruder, einem Herumtreiber, der auf dem Markt ein Huhn stiehlt und es verkauft. Aber statt von dem Geld seine arme Familie zu unterstützen, leistet er sich davon einen Besuch im Kino. Veenas Vater kommt mit seiner Krankheit nicht zurecht und beginnt zu trinken. Vor Wut über seinen Zustand zerstört er eines Tages die gesamte Habe seiner Familie.

„Annapurna“ ist eine interessante Erzählung über die Lebenswirklichkeit in Indien. Auch wenn sie schon vor einigen Jahren geschrieben wurde, so stimmt das Bild, das in der Geschichte gezeichnet wird, mit Berichten von Menschen überin, die Indien heute besuchen. Auch wenn die Geschichte als Hörbuch für Kinder konzipiert ist, stellt sie einen Erzählgenuss für alle Altersgruppen ab ca. neun Jahren dar und empfiehlt sich für alle, die Indien einmal in einem anderen Licht sehen möchten, als Bollywood-Filme und Medienberichte das Land zeigen.

Rajs Film:
Als der indische Junge Raj Tahor elf Jahre alt ist, kommt es mit seinem strenggläubigen Vater zu unüberwindbaren Konflikten. Ständig macht er alles falsch, wird mit Schlägen bestraft. Raj fühlt sich ungeliebt und steigt Hals über Kopf und ganz ohne Gepäck in einen Zug. Zu seiner Überraschung landet er in der Millionenstadt Bombay.
An ein armseliges Leben in einem kleinen Dorf gewöhnt, ist Raj zunächst von den Eindrücken der Stadt überwältigt. Um zu überleben, verdingt er sich hier und da für ein zwei, drei Rupien am Tag als Tagelöhner. Nachts schläft er wie viele andere Kinder auf den Straßen der Stadt. Eines Tages wird er zufällig für die Hauptrolle in dem Film Die Straßenkinder ausgewählt. Nach zwei Jahren Dreharbeiten erhält er 20.000 Rupien und dazu noch einen ordentlichen Anzug und einen eigenen Koffer – ein Vermögen für ein Straßenkind.

Freudig reist er in seine Heimatstadt, um die Eltern und Geschwister mit seinem ungeheuren Verdienst zu unterstützen. Doch bei der Begegnung mit seinem Vater weist dieser ihn mit den Worten ab:
„Einen Raj Tahor gibt es in meiner Familie nicht mehr!“
Verzweifelt reist Raj am nächsten Tag zurück nach Bombay. Dort begibt er sich auf die Suche nach seinen alten Freunden, mit denen er zusammen den Film gedreht hat. Enttäuscht stellt er fest, dass sie allesamt ihre Gage durchgebracht haben und sich nun wieder für ein paar Rupien als Lumpensammler verdingen müssen. Zusammen mit seinem Freund Rambao möchte er eine Nachtschule besuchen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Nach ein paar Tagen muss Raj jedoch erkennen, dass sein Freund ihn belogen hat und ihm die gesamte Gage geraubt hat. Nach und nach zerplatzt sein Traum von einem angesehenen Leben ebenso wie sein Traum, Filmstar zu werden.

Das Hörbuch Rajs Film beschreibt die Auswegslosigkeit von Kindern in Indien. Nur wenige schaffen den Absprung aus einer armen Familie. Trotz des großen Leids und der Verzweiflung des Inhalts gelingt es dem Erzähler Ulf-Jürgen Wagner einen durchgängig optimistischen und begeisternden Tonfall zu wählen, der den Leser immer wieder Hoffnung auf ein gutes Ende schöpfen lässt. Absolut hörenswert – nicht nur für Kinder.

Weitere Informationen: www.terzio.de


2007-05-20 copyright by Anne Siebertz
Text: ©Anne Siebertz
Foto: ©Terzio Verlag
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