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Indiens Rückgrat - Die Mittelschicht

Die Mitte wächst - und konsumiert

von Angelika Petrich-Hornetz

Die Analysten der Deutsche Bank Research, dem Think Tank der gleichnamigen Bank haben derzeit acht Megathemen fest im Blick: China, die Demografie, die digitale Wirtschaft, Energie, europäische Integration, wachsende globale Zentren - und Indien.

EinkaufEs geht wie immer um Finanzmärkte, IT, Stahlkonzerne und Immobilienmärkte. Das eigentlich Interessante an der bevölkerungsreichsten Demokratie der Erde ist die wachsende Mittelschicht. Dabei ist es nicht wie in Deutschland, in dem der Mittelstand stagniert oder sich immer mehr in arm oder reich auflöst. Das hatte Indien schon und leidet immer noch darunter und wahrscheinlich auch noch lange, vor allem unter extremster Armut einer Vielzahl von Menschen. Doch, bisher noch nicht von allen bemerkt, verändert sich die indische Gesellschaft langsam durch eine solide, wachsende Mitte, die im Vergleich zu einer Milliarde Einwohner noch klein erscheint. Eines Tages könnte sie das Rückgrat der indischen Wirtschaft werden. Nach den Einschätzungen der Wirtschafts-Experten wird diese Mittelschicht jedenfalls dank Indiens Wirtschaftswachstums, im letzten Jahr rund neun Prozent, noch weiter an Größe und (Markt-)Gewicht zunehmen.

Nun kann man sagen, in einem Land solcher Extreme, in dem bitterste Armut und Reichtum nah beeinander leben, wird es auch Zeit, dass eine breite Bevölkerungsschicht endlich auch etwas von seinem starken Wirtschaftswachstum hat, das Jahr für Jahr die Ökonomen auf der ganzen Welt aufhorchen lässt. Mit einem wachsenden Mittelstand baut sich Indien ein eigenes neues Wirtschaftsfundament, das mit dem Wohlstand auch soziale Verbesserungen bringen kann - jedenfalls dann, wenn die Regierung ein Auge darauf hält. Allein in den letzten 15 Jahren schwoll diese Mittelschicht von 200.000 auf geschätzte 250 bis 300 Millionen Menschen an.

Diese Größenordnung bringen Deutsche zum Staunen: die doppelte und dreifache Bundesrepublik? Oder besser: Einmal die Vereinigten Staaten von Amerika. Solche Größenordnungen kurbeln nicht nur ein bisschen die Binnennachfrage an, wie hier, jedes Jahr zu Weihnachten und dann fällt den Bundesbürgern wieder rechtzeitig ein, dass ihnen der Staat zum neuen Jahr die Taschen schröpft und schon knausern sie wieder. 300 Millionen private Konsumenten - in Deutschland sagt man Verbraucher - beeinflussen nicht nur den indischen Binnenmarkt. Sie können einerseits für sozialen Wohlstand im eigenen Land sorgen. Und sie beeinflussen nicht lediglich, sondern werden richtungsweisend für den Weltmarkt der Konsumgüterindustrie. Entwickelt sich das Wirtschaftswachstum in Indien weiter in dem Tempo und schafft es die Politik, den aufkeimenden Mittelstand zu stabilisieren und auszubauen, könnte diese Größenordnung das Ausmaß der Bevölkerung Europas erreichen. Dann dürften auch diejenigen von einem Wirtschaftswunder sprechen, die mit dem Gebrauch dieses Wortes inzwischen sehr vorsichtig geworden sind.

Noch ist das Zukunftsmusik und europäische Firmen investieren im asiatischen Raum immer noch sehr zurückhaltend und wenn, dann vor allem in China oder Japan. Die USA haben einen Anteil am Welthandel von 13 Prozent, Europa 28 Prozent und Asien 19, Indiens Anteil beträgt momentan 1 Prozent (China 6 Prozent) - doch das kann sich durchaus zügig ändern. Der Investitionsbedarf in Indien ist hoch, dessen Erfolge, sagen Beobachter, seien durchaus verbesserungsbedürftig. Wer zum Beispiel über den Verkehr in Deutschland klagt, war defnitiv noch nicht in Indien und hat versucht von A nach B zu kommen oder auch nur etwas zu versenden. Vom Ausbau der Infrastruktur und insbesondere der Verkehrsinfrastruktur wird sich der weitere Wirtschaftserfolg ablesen lassen. So wird derzeit der Bau mehrerer großer Verbindungsrouten durch das große Land geplant, über die Einführung (gerade in Deutschland geschehen) von REITs-Strukturen für den Immobilienmarkt nachgedacht. Einige Verbesserungen bei der Besteuerung wurden schon erreicht, weitere werden folgen und auch folgen müssen.

Bücher1,5 Millionen Studenten verlassen in Indien jedes Jahr die Universtitäten, rechnet die Deutsche Bank Research vor. Auf der anderen Seite gibt es immer noch rund 60 Millionen unterernährte Kinder und die Alphabetisierungrate liegt immer noch unter 70 Prozent, die von Frauen sogar noch eklatant niedriger. Doch die Alphabetisierungsrate steigt seit Jahren kontinuierlich und Indien hat das Ziel herausgegeben, innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Supermacht des Wissens zu werden. Die weltseite Konkurrenzfähigkeit in der IT bedarf dabei wohl längst keines Beweises mehr. Möglicherweise müssen sich die westlichen Industrieländer auch in anderen Branchen demnächst warm anziehen. Die indische Regierung erhöht in ihrem Haushaltsplan 2007/2008 die öffentlichen Ausgaben für Schulbildung um ein Drittel, u.a. für 200.000 zusätzliche Lehrerstellen und 500.000 neue Klassenzimmer. Etwa 3,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) gibt der indische Staat derzeit für den Bildung aus, schrittweise soll der Anteil auf 6 Prozent erhöht werden, von ein auf zwei Prozent des BIP sollen die Ausgaben im laufenden Jahr für Forschung steigen.

Bis 2030 werden in Indien 300 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt streben, rechnete die Deutsche Bank Research ebenfalls vor - während der erwerbstfähige und erwerbstätige Teil der Bevölkerung im gleichen Zeitraum sowohl in Deutschland als auch in den USA und China immer mehr abnimmt. Neben möglichen Krisenherden, Protektionismus und anderen möglichen Konflikten - vor denen inzwischen kaum noch ein Land sicher ist - sind die alterenden Industriestaaten für den Lieferanten Indien einer von vielen Knackpunkten, denn die asiatischen Länder waren bisher stark vom Verbrauchermarkt in den USA abhängig. Eine bis dahin aufgebaute florierende Binnennachfrage kann da jedenfalls nicht schaden.

Trotz solcher Megastädte wie Mumbai mit 14 Millionen Einwohnern lebt der größte Teil der indischen Bevölkerung nach wie vor auf dem Land. Doch die Urbanisierung durch die wachsende Mittelschicht hält an und das Konsumverhalten ändert sich entsprechend. Immer noch ist laut der Deutschen Bank Research die Nachfrage vor allem nach Lebensmitteln groß, kein Wunder, Hunger ist im Alltag vieler Inder nach wie vor allgegenwärtig. Dennoch verschob sich die Nachfrage seit den 70er Jahren und andere Konsumgüter werden immer wichtiger. Insbesondere der Bedarf bei Transport und Kommunikation zog stark an, und nicht zu vergessen Fernseher und Haushaltsgeräte. Die Konsumgüter-Wachstumsraten liegen in Indien sogar noch höher als das allgemeine Wirtschaftswachstum (2006: 9,2 Prozent), durchschnittlich bei 11,5 Prozent analysierte Price Waterhouse and Coopers (PWC).

Der Einzelhandelsmarkt in Indien ist noch stark reguliert, Direktinvestitionen seit 1997 verboten. Es gibt Ausnahmen, die genehmigt werden müssen und andere Möglichkeiten wie Franchising, die einen Markteintritt ermöglichen. Ausländische Investoren hoffen auf eine weitere Öffnungspolitik für den Einzelhandel.
Die vielgepriesene Verbrauchergruppe der 14 bis 49-Jährigen ist in Indien sehr gut besetzt, das Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren. Diese sind deshalb so beliebt, weil ihre Vorlieben noch nicht festgelegt sind, was die Einführungschancen neuer Produkte erhöht. Damit bekommt die wachsende indische Mittelschicht zusätzlich, zu dem schon vorhandenen, einen besonderen Status: Indien wird ein Markt, der die Trends setzt. 300 Millionen Verbraucher, die ein Produkt lieben oder es links liegen lassen, dürften jedem Hersteller Lachfältchen oder graue Haare wachsen lassen.

BaggerAuch PriceWaterhouseCoopers sieht eine stark wachsende Nachfrage bei Transport und Kommunikation - in den Städten und sogar auf dem Land, wo im Gegensatz zu den Metropolen zum Beispiel Freizeitausgaben noch am Rand der Bedeutungslosikgeit rangieren. Der Bedarf von Motorrädern ist in Indien wesentlich höher als der von Autos und Kühlschränken. Eine wachsende Mittelschicht, steigende Erwerbstätigenzahlen, höhere Bildung: Der tägliche Druck auf die bestehenden Infrastruktur, sich einer wachsenden Mobilität und dynamischen Wirtschaft stellen zu müssen, ist jetzt schon groß und er wird steigen. Abgesehen von den Ökonomen und den Bildungspolitikern, dürfte es wahrscheinlich momentan eine der herausfordernsten Aufgaben der Welt sein, in der Haut indischer Verkehrs- und Telekommunikationsplaner zu stecken, die gerade wörtlich genommen die Weichen für die Zukunft ihres Landes stellen.


2007-03-30 Angelika Petrich-Hornetz Wirtschaftswetter
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: © aph

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