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Schon vergessen? Die Greencard des Kanzlers

Aus unserer Reihe Schon vergessen? erinnern wir an die Greencard für indische und osteuropäische IT-Spezialisten. Am Vorabend zur Eröffnung der CeBIT im Jahr 2000 hatte der damalige Bundeskanzler Schröder die Initiative angekündigt.
von Annegret Handel-Kempf

Quasi ein Dream-Ticket für den Kanzler, der nach Wunsch der Absender sein Wissen über die Realität des bereits existierenden deutsch-indischen Austauschs an Manpower und Know How bei den Softwarespezialisten in Bangalore auf den zwölf Jahre alten Projekt-Green-Card-Stand bringen soll, schickte als Provokation und Animation das Indo-German-Export-Promotion-Projekt (IGEP) anno 2000 mit einer Eil-Einladung an Regierungschef Gerhard Schröder nach Berlin.

Hintergrund der Aktion Dream-Ticket nach Delhi waren die Debatten um eine Green Card für indische und osteuropäische Spezialisten der Informations-Technologie (IT), mit denen die von deutschen Unternehmen auf satte 75.000 offene Stellen geschätzten Vakanzen in der Bundesrepublik besetzt werden sollten. Bundeskanzler Schröder hatte in diesem Zusammenhang eine zeitlich beschränkte Einreise für bis zu 20.000 Software-Spezialisten angekündigt.

Die gegenwärtigen Diskussionen über eine begrenzte Einwanderung von ausländischen Spezialisten nach Deutschland sind absolut überflüssig und wecken nur falsche Emotionen, sagte damals IGEP-Sprecher Bernhard Trömel-Kühnert. Gesetzlich ist seit Gründung des auf deutscher Seite von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit getragenen Projekts IGEP vor zwölf Jahren alles geregelt, um indische Experten nach Deutschland zu holen. Die Unternehmen des Mittelstands, die selbst Versäumnisse eingeräumt haben, nutzten bisher nur nicht die Vermittlung von Manpower, Know How und Aufträgen über das IGEP.

Ob IBM, DaimlerChrysler, Siemens, Bosch oder Lufthansa – die großen Industriekonzerne hätten beizeiten die real existierenden Möglichkeiten der Bedarfsdeckung erkannt und gingen schon seit langem eingeschliffene Wege, um Softwarespezialisten aus ihren in Indien angesiedelten Joint Ventures zur Entwicklung und Herstellung von Software auch nach Deutschland zu holen. Dabei gäbe es auch keine Probleme mit den Einwanderungsbehörden. Die Mächtigen und Kapitalstarken machen es einfach und wollen daran auch nicht rütteln lassen. Bei den Großen funktioniert es. Beim Mittelstand funktionierte der Austausch von Wissen und Man Power bisher nicht, weil sie den indischen Staat bislang nicht ernst nahmen, und Indien auch den meisten Politikern und Offiziellen zu weit weg war, um sich vor Ort kundig zu machen, kritisierte Trömel-Kühnert.

Das bundeseigene IGEP, das mit 4000 Unternehmen in Indien erfolgreich zusammenarbeite, stehe mit seinen Experten bereit, die Bundesregierung und die notleidende deutsche Software-Industrie mit allem notwendigen Know How und bei der Kontaktaufnahme mit indischen Unternehmen zu unterstützen, so damals Trömel-Kühnert und weiter: Die indische Software-Industrie und die Experten des IGEP würden deutsche Minister und Delegationen in Delhi gerne herzlich begrüßen, um den notwendigen Aufbau von Kontakten herzustellen und kostruktiv zu begleiten. Die deutschen Unternehmer müssten allerdings dazu bereit sein, im Gegenzug für die ausgeliehenen Spezialisten auch Aufträge an indische Unternehmen zu geben. Es muss ein Konzept entwickelt werden, das eine win-win Situation für beide Seiten darstellt, der sich keine Seite entziehen kann. Die Bilateralität ist im gegenwärtigen Aktionismus unheimlich wichtig, so der IGEP-Sprecher.

Wir dürfen nicht noch einmal fünfzehn Jahre schlafen, und warten, bis die heutigen Kinder bedarfsgerecht am Computer ausgebildet sind, wie es der ehemalige Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers forderte, warnte Trömel-Kühnert, der gleichzeitig auch die Zwischenbilanz des IGEP zur Ausgleichs-Initiative Deutsche Azubis nach Indien ankündigte.

Eile täte not, so damals Trömel-Kühnert, da US-Präsident Bill Clinton ab 20. März für vier Tage mit Unternehmern, Ministern und Beratern Indien besuche und dabei diverse bilaterale Vereinbarungen unterzeichne. Die mitreisenden Unternehmer werden sicherlich die Chance nutzen, um bereits ausgehandelte Verträge mit Software-Firmen abzuschließen und Spezialisten in die USA abzuwerben, warnte der IGEP-Sprecher vor einem Exodus der in Deutschland benötigten Experten. Trömel-Kühnert: Der Erfolg der Green Card in Deutschland kann auch bilaterale Auswirkungen und Pilotfunktion auf andere Branchen haben, in denen Indien die Unterstützung und Beratung von Deutschland benötigt.

Lang ist's her. Inzwischen klagt die deutsche Wirtschaft dank brummender Konjunktur schon wieder über klaffende Lücken in ihren Spezialistenreihen sowie allgemein über den Fachkräftemangel in der IT und anderen technischen Berufen. Dass die Kanzler-Greencard, die lieber unabhängig arbeiten wollte, im einen oder anderen Unternehmen damals dann doch etwas gebracht hat, zeigt zum Beispiel Birgid Hankes Portrait der Softwarearchitektin Sadia aus Pakistan:
Zurück in die Traumstadt


2007-03-30 by Annegret Handel-Kempf
Text: © Annegret Handel-Kempf
Foto-Banner: © Cornelia Schaible

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