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Muttertag 2.0

Über das niemals auslaufende Modell der Multitasking-Mutter und seinen wachsenden Benutzergruppen

von Angelika Petrich-Hornetz

BlumenMüttergespräch. Als ich kürzlich mit einer älteren Freundin über die Probleme einer gemeinsamen Bekannten sprach, die ihren Sohn auf eine andere als die für den Stadtteil zuständige Grundschule anmelden wollte, antwortete diese nur seufzend: Mein Gott, ich kenn’ das. Ich bin nur froh, dass ich diese ganze Scheiße hinter mir habe. Seitdem frage ich mich, ob Menschen ohne Kinder überhaupt verstehen, was diese gestandene Frau und Mutter von drei inzwischen erwachsenen, beruflich erfolgreichen und glücklichen Kindern damit wohl gemeint haben mag. Offensichtlich hatte nicht ihre Kinder als solche.

Die Bekannte ist eine berufstätige Frau mit einem Grundschulkind. Sie stellte vor ein paar Monaten fest, dass ihr das vergangene Glück des ganztägigen Kindergartens pünktlich zu kommenden Einschulung abhanden kommt. Dank Vormittagsschule drohte sie ihres Jobs verlustigt zu werden. Wer könnte einen sechsjährigen Jungen schon guten Gewissens zwei Kilometer zu Fuß oder per Fahrrad durch die Stadt mit einem Schlüssel um den Hals schicken, der dann außerdem von mittags bis abends auf sich selbst aufpassen soll?

Also musste eine ädequate Betreuung her. Und die fand sich in Form eines Horts - gegenüber einer anderen Grundschule gelegen, in einem anderen Stadtteil - und so fing das Theater an. Schließlich nahm sie eine Woche Urlaub und rannte von Pontius zu Pilatus, um als Bittstellerin zu agieren, denn es ging schließlich um nichts weniger als um die Existenzgrundlage ihrer Familie.

Die Antworten der Zuständigen waren kreativ. Sie reichten von dem äußerst hilfreichen Hinweis, dass eben nicht alle in der heißbegehrten, hortnahen Grundschule unterkommen könnten über den Rat sich an das Arbeitsamt zu wenden, weil sie doch – erst einmal arbeitslos geworden – Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte, bis hin zu der Bemerkung, ob es überhaupt gut für ein sechsjähriges Kind sei, wenn die Mutter arbeitete. Unser Fazit: In den Zeiten von Krippenbetreuungs-Debatten gehen die wahren Probleme von echten Schulkindern und ihren berufstätigen Müttern offenbar völlig unter.

Unsere Bekannte bekam nach zähem Ringen schließlich das, was sie brauchte, als sie damit drohte, sich an die lokale Presse zu wenden, Schlagzeile: Kündigung wegen städtischer Bürokratie. Die Praxis, dass sich Mütter die Hacken abrennen, um dieses oder jenes geregelt zu bekommen ist dabei kein Einzelfall. Selbst die Familienministerin von der Leyen stellte bei der Vorstellung des letztens Familienberichts fest, dass es die alltäglichen Hürden sind, an denen sich Eltern in Deutschland regelrecht aufreiben.

In einem Forum fand sich kürzlich die Notiz einer geschiedenen Frau, die für ihre Tochter ein Junior-Konto einrichten wollte. Sie fügte sich in das, was dann kommen sollte. Gleich zwei Beispiele dafür finden sich ebenfalls in unserer unmittelbaren Umgebung: Zwei allein erziehende Mütter, beides berufstätige Frauen mit eigenem Einkommen wollten vor ein paar Jahren für ihre Kinder ein Sparbuch eröffnen.

Brüllendes KindDie erste erfuhr zu ihrem Erstaunen, dass sie das Scheidungsurteil und die Sorgerechtsentscheidung beibringen sollte, um für ihre Tochter ein lächerliches kleines Sparbuch zu eröffnen, auf dem hier und dort ein paar Euro von Mutti und Oma deponiert werden sollten. Sie blieb stur und der nervös werdende junge Banker eilte beflissen ganze drei Mal zu seinem Vorgesetzten. Nach dem letzten Besuch bei seiner Führungskraft und der Feststellung, dass die treusorgende Mutter bereits seit ein paar Jahrzehnten Bankkunde war und es nie Probleme gab, erließ der Vorgesetzte Gnade vor Regelwut und das Kind hatte endlich ein Sparbuch – auf das später sogar der Vater zum Geburtstag regelmäßig etwas einzahlte. Man nahm es der zähen Frau wohl irgendwann doch ab, dass sie tatsächlich für ihr Kind sparen wollte, und keineswegs vorhatte irgendwelche dunklen Geschäfte zu tätigen.

Die zweite, unverheiratet – das nannte man früher ledige Mutter – wurde von einem Werbeflyer einer Bank angelockt. Das Angebot bestand darin, dass auf ein neu eröffnetes Sparbuch für Kinder bereits ein kleiner Betrag eingezahlt worden war, als Bonus. Zu früh gefreut. Auch diese Mutter sollte zu ihrer großen Überraschung eine Scheidungsurkunde vorlegen sowie eine Sorgerechtsentscheidung – nur leider existierte beides nicht.

Die gute Frau fragte die Bankberaterin, woher sie denn eine Scheidungsurkunde bekommen solle, wenn sie nie verheiratet gewesen sei und somit auch nie geschieden worden war. Gleichfalls unmöglich die Forderung der Bankerin nach einer Sorgerechtsentscheidung: Es gab schlicht keine. Vor der Änderung des Kindschaftsrecht waren Mütter mit der Geburt automatisch die sorgeberechtigten Personen. Ob man das nun gut- oder schlechtheißen will: Unsere Bekannte konnte schließlich nichts für die damalige Gesetzesgebung der Bundesrepublik Deutschland.

Die Bankerberaterin wusste darauf auch keine Antwort doch blieb dabei: Ohne Scheidungsurteil und Sorgerechtsentscheidung könne sie hier für ihr Kind kein Sparbuch eröffnen, eigenes Einkommen, gutbürgerlicher Sparwille und Werbeflyer der Bank hin- oder her. Laut durch die Kundehalle fluchend verließ diese Mutter das Etablissement und suchte ihrerseits ihre eigene Bank des Vertrauens auf. Die wollten lediglich die Geburtsurkunde sehen und kannten ihre Kundin schließlich lange genug, die bis auf Weiteres für Werbung anderer Geldinstitute nicht mehr zu interessieren war.
Übrigens hat mein Mann vor ein paar Jahren für unseren Sohn auch ein Sparbuch eröffnet. Er musste weder eine Heiratsurkunde noch ein Einverständnis von mir in irgendeiner Form vorlegen. Ein Vater ein Wort, eine Mutter eine ewig abhängige Bittstellerin?

Vielleicht fehlt eine Stiftung Warentest, die ausschließlich unter familiären Gesichtspunkten den täglichen Kampf von Müttern gegen die öffentlichen und privaten Windmühlen in den Blickpunkt rückt, denn eines ist sicher: die Nervereien oder freundlicher ausgedrückt, die Beteiligung der Umwelt, die sich auf pures Gerede reduziert, am Status und am Alltag einer Mutter nehmen nicht ab, sondern nehmen zu. Immer mehr Menschen mischen mit und äußern ihre Meinung, wenn Mütter agieren. Selbst agieren die fleißigen Meinungsmacher allerdings wenig.

Während die Kommentierung bis hin zur Bevormundung mütterlichen Daseins früher vorwiegend der Familie , in erster Linie dem Ehemann, vorbehalten war, der vor fünfzig Jahren noch darüber entschied, ob seine Frau arbeiten durfte, um darüber nicht ihre ehelichen und familiären Pflichten zu vergessen, summierten sich in den letzten Jahren die Personen und Gruppen, die ungefragt großen Anteil am Dasein ihnen nicht selten völlig unbekannter Mütter nehmen - rein passiv wohlgemerkt.

In der Vergangenheit gesellte sich als Kommentator zum Ehemann meist noch die eigene Mutter hinzu, der Großvater oder klassisch die Schwiegermutter sowie andere nahe, in der Regel weibliche Verwandte, wenn es um die Belange von Müttern und Kindern ging. Vielleicht äußerte sich auch manchmal der ein oder andere Lehrer oder Nachbarn. Ansonsten hielt sich die Beteiligung von außen am Leben von Familien und Müttern in Grenzen, schließlich gelten Kinder in Deutschland seit jeher als das Privatproblem ihrer Eltern, deren Entscheidungsbefugnis andererseits auch wenig in Frage gestellt wurde. Weitere Einflussnahme galt als verpönt und wurde nicht selten als Einmischung in innere Angelegenheiten gewertet. Es war Gemeinplatz, dass diese, wenn doch erfolgt, weitesgehend zu ignorieren sei.

Das ist anders geworden. Seit ein paar Jahren hat nicht nur jeder eine Meinung über Mütter im Allgemeinen und im Besonderen, sondern teilt diese auch gern und öffentlich mit. Ob mit oder ohne Kenntnis oder eigene Erfahrung, die persönliche Meinung wird in jedem Fall ohne Scheu vorgetragen, niemand scheint zu befürchten, damit etwa die eigenen Kompetenzen zu überschreiten. Man kann heute wildfremden Müttern ins Gesicht sagen, was man von ihnen und ihren Kindern hält. Mütter sind offenbar zu jeder Zeit nicht nur zuverlässiger Kommunikationspartner ihrer Kinder, sondern haben neuerdings in ständiger Erreichbarkeit sowie Ansprachebereitschaft für jedermann zur Verfügung zu stehen. Sprechzeiten gibt es nicht, eine Privatsphäre auch nicht, Mütter sind im Fokus des öffentlichen Interesses gelandet. Selten sind die Meinungsäußerungen Außenstehender von Müttern erbeten worden und noch seltener fallen ungefragte Bemerkungen positiv aus. In der Regel beschränken sich diese auf freche Dreistigkeiten bis hin zu klugen Belehrungen. Ein paar Kostproben?

KinderwagenHe, da! Nehmen Sie Ihre Gören gefälligst aus dem Weg.
(Alkoholisierter Fahrradfahrer weist eine Mutter mit zwei Kleinkindern auf dem Gehweg zurecht)

Früher war das alles anders. Da wurden die Kinder noch zu Höflichkeit erzogen.
Eine ältere Dame zur anderen an der Bushaltestelle, beim Blick auf eine Mutter, die verzweifelt versucht ihre wilde Horde von drei Jungs zur Ordnung zu rufen.

Kannst du nicht besser aufpassen?
(Autofahrer in einer Spielstraße, der zehn Zentimeter vor einem Kleinkind zum Stehen kommt, das an einer Kreuzung die Fahrbahn überquerte)

Können Sie nicht besser auf ihre Kinder aufpassen?
(Eine ältere Dame laut rufend auf ihrem Rad zu einer Mutter mit ihrer kleinen Tochter – zwischen drei und vier Jahren - auf einer Fußgängerbrücke, die auch von Fahrrädern befahren werden darf.)

Verschwinde! Das ist doch kein Spielplatz!!
(Ein sehr alter Herr zu einem kleinen Jungen, der auf einer Gartenmauer an der Straße balancierte.)

Wenn Sie auf ihr Kind nicht aufpassen können, dann können Sie eben auch nicht in den Urlaub fahren.
(Deutsches Studentenpaar zu einer Mutter am Flughafen, deren Kind aus der Warteschlange ausbüxte und durch die Halle rannte. Ein Schweizer Ehepaar nahm sich schließlich der Frau an, und schob deren Tasche in der Warteschlange vor, während diese ihren Sohn einfing.)

Gibt es für so was nicht auch eine Leine?
(Ein Mann vor der Tür eines Supermarktes zu einer Frau mit zwei kleinen Jungen, die ihre Mutter offensichtlich ordentlich auf Trab hielten)

Seitdem Kinderkrippen in den Medien Dauerthema sind, seitdem Tausende von arbeitsfähigen Müttern mit ihren Kindern von Hartz IV leben und seit der Erkenntnis von Politik, Wirtschaft und Demografie, dass nicht nur unser Rentensystem zusammenklappen wird, wenn nicht sämtliche Frauen am Erwerbsleben beteiligt werden, gehört die Kritik von Hinz und Kunz an der offensichtlich mangelnden Arbeits- und Erziehungsleistung von Müttern offenbar zum guten Konversations-Ton.

Doch wer meint, lediglich ein paar versprengte, männliche, kinderlose Singles beteiligen sich am ständigen Bekritteln, irrt gewaltig. Rentner, die ihre Kinder selbstverständlich besser erzogen haben als die gegenwärtigen Eltern, gegenwärtige Eltern mit einem ausgeprägten Interesse an ihrem sozio-kulturell besser gestellten Haushalt, Ehe- und andere Paare, die ihr ruhiges, kinderfreies Shopping-Erlebnis gestört sehen, gefrustete Lehrer, Nachbarn, Passanten auf der Straße - alle haben eine Meinung über Mütter, Mutter ist schließlich auch für alle da.

An jeder Mutter findet sich etwas auszusetzen, egal, ob es sich um die angeblich faule, reiche Unternehmersgattin handelt, die Rosen im Garten schneidet, während ihre Kinder den Kindergarten besuchen (Wozu braucht DIE denn einen Kindergarten??), oder die berufstätige Frau von gegenüber, die jeden Morgen um halb sieben aus dem Haus rennt und ihre Tochter zur Eile antreibt (Wie die immer hetzt, das ist doch nichts für die Kleine!): Alle diese Mütter machen in den Augen von mindestens je einem Kommentator grundsätzlich alles falsch.

Mit ihren Kindern haben sich diese Frauen unwissentlich vor allem eines zugelegt: die Ausweitung ihrer Angriffsfläche. Nichts ist einfacher, als an Müttern und ihren Kindern herumzumäkeln. Irgend etwas wird an ihren Kindern schon falsch oder zumindest auffällig sein, das eines Kommentars bedarf. Es ist eine einfache Übung, denn gemessen an der, zumindest äußerlichen, Unauffälligkeit und Angepasstheit von Erwachsenen ist das Gros der Kinder und Jugendlichen immer: zu laut, zu dreckig, zu unhöflich, zu lebendig, zu fröhlich - und viel zu eigensinnig.

Man redet heute über Mütter wie über das Wetter. Schließlich ist man informiert. Neben Horrormeldungen von Familiendramen, belesen sich ganze Heerscharen von kinderlosen und kinderfernen Menschen in ihrer Tageszeitung mindestens drei Mal die Woche über die Fortschritte im Krippenstreit und sind vollkommen im Bild über etwas, was sie eigentlich gar nichts angeht. Oder doch? Stopfen nicht alle Steuerzahler ihr sauer verdientes Geld in die missratene Brut unfähiger Mütter, die nicht in der Lage oder willig sind, aus diesem Pack gefälligst ordentliche Rentenzahler zu formen? Da darf man doch wenigstens noch ein Wörtchen mitreden, oder?

KinderkleidungKeine Frage, Krippen sind notwendig, suggerieren Politik und Berichterstattung parteiübergreifend. Schließlich müssen gerade die verwöhnten, faulen Weiber aus Alleinerziehenden-Haushalten und Alleinverdienerfamilien, die offensichtlich nichts besseres zu tun haben, als ihre Gören wahlweise zum Tennis oder zum Bolzplatz zu kutschieren, dann endlich richtig arbeiten – denn Arbeit, so eine wachsende, erstaunlich einhellige Meinung, können Kinder an sich ja nicht sein.

Dass die Krippen erst gebaut sind und es bis zum Ende einer berufsbefähigenden Ausbildung noch viel Arbeit, Zeit und Geld kostet, bis selbst nur ein einzelnes Kind endlich groß ist, das liest auch der aufmerksamste Leser der Gegenwart in seiner täglichen Zeitungslektüre nur selten in den wenigen Artikeln von familien-investigativen Journalisten.

Die Demografen haben Wichtigeres im Kopf und informieren uns, dass eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen DER Schlüssel zu höherer Altersicherung (für alle) sei, die SPD will das Ehegattensplitting deshalb auch vorsorglich kappen, damit sich auch ja keine Mutter mehr leisten kann, zu Hause bei ihren Kindern zu bleiben, egal wie viele sie hat, egal wie diese Kinder beschaffen seien mögen. Die Maßnahmen der CDU wie Studiengebühren und anderes belasteten besonders die Familien ebenfalls schwer. Und so mancher Zeitgenosse reagiert auf Mütter, die keiner regelmäßigen Berufstätigkeit nachgehen, schon deutlich aggressiv. Dabei fand die Hans-Böckler-Stiftung erst kürzlich heraus dass nur noch 13 Prozent der Beschäftigten das Glück regelmäßiger Arbeitszeiten von montags bis freitags haben. Haben diejenigen, die über Mütter urteilen, überhaupt eine Ahnung, wie diese ihren Alltag mit Kindern und Beruf bewältigen?

Auf der anderen Seite bastelt die Kultusministerkonferenz an einer Schülerdatenbank, um alle Schüler zu erfassen, weil sie sich damit erhofft, als alternde Gesellschaft die dann noch spärlich vertretene Jugend möglichst kostenneutral in den Griff zu bekommen. Denn diese Jugend soll fit für PISA und vor allem für das Erwerbsleben werden und damit als Einzahler für die Sozialsysteme fungieren. Ein bisschen viel des Anspruchs an eine Datenbank. Mit ihren Kindern werden dort künftig auch die Mütter erfasst. Wie viel Einblick diese in die Datensammlungen über sich und ihre Kinder haben werden, ist derzeit noch völlig offen.

Gleichzeitig klagen Kinderärzte und Lehrer unisono, gegenwärtig einzuschulende Kinder würden immer mehr Defizite aufweisen. Oder wurden solche Kinder früher nur weniger erfasst?. Eine bedrohlich steigende Zahl Kinder sei in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, die Kinder sind zu dick und könnten kein Deutsch. Und dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass man Kindern beschied, sie sollen gefälligst ihren Mund halten, wenn Erwachsene redeten. Dabei sind die Grünflächen in den Städten Hundeklos. Würden Kinder und Jugendliche in Rudeln tatsächlich außerhalb von ihren umzäunten Sportstädten, Schulen und Kindergärten draußen herumrennen oder sich gar an Ballspielen auf öffentlichen Plätzen körperlicher Ertüchtigung erfreuen, hätten zahlreiche Erwachsene in diesem Land kein Problem damit innerhalb von fünf Minuten die Polizei zu rufen.

Nein, es sind nach wie vor die Eltern und darunter immer noch vor allem die Mütter, die gefälligst höchstpersönlich für gesündere Ernährung zu sorgen und die mehr Sport mit ihren Kindern zu treiben haben. Die Mütter sollen ihren Kindern mehr vorlesen, mehr mit ihnen reden, mehr mit ihnen spielen. Sie sollen für frische Luft sorgen, für Anregungen und für Abwechslung. Sie sollen in jeder Hinsicht ein Vorbild sein – und daneben sollen sie den ganzen Tag lang arbeiten.

Und für all das werden immer noch vorwiegend die Mütter herangezogen. Väter werden von den üblichen Ansprechpartnern immer noch weitestgehend in Ruhe gelassen. Zum einen, weil Erzieherinnen, Lehrer und Kinderärzte näher an Eltern dran sind als andere und wissen, dass die politische Zukunftsmusik der doppelten Vollzeit-Berufstätigkeit von Elternpaaren gegenwärtig lediglich von einer dünnen, gehobenen Mittelschicht mit entsprechendem Einkommen und vorhandenem Personal oder kostenloser Großelternbetreuung in die Praxis umgesetzt werden kann.
Zum anderen spielen auch alte Rollenbilder mit, die bis vor kurzem immerhin noch Status Quo in diesem Land waren: Die Mutter ist nach wie vor für alles und jeden zuständig, zumindest, was ihre Kinder betrifft. Dieses Denken hat sich keineswegs geändert, sondern wurde von den fünfziger Jahren eins zu eins in die Gegenwart übernommen, in eine globale Gegenwart, die, so machen es andere Länder vor, es sich längst nicht mehr leisten kann, dass allein Mütter in der Zuständigkeit und Verantwortung ihrer Kindern stehen, weil sie noch andere Aufgaben haben. Die Gegenwart hat sich verändert, das Mutterbild dagegen nicht. Wie wenig Elternrealität der Allgemeinheit bekannt ist, zeigt vielleicht das kürzlich veröffentlichte Ergebnis australischer Forscher: Schreiende Kinder und damit durchwachte Nächte seien für die betroffenen Eltern tatsächlich gesundheitsschädlich. Ach, was. Und deren Rat? Eltern sollten dafür sorgen, dass die Kinder durchschliefen. Ach, so.

Immer noch setzen reine Vormittagsschulen munter Termine auf den Nachmittag – ohne jedes Betreuungsangebot. Wie die berufstätigen Eltern ihre Sprösslinge dorthin manövrieren und das ihren Arbeitgebern erklären sollen, ist mancher Schule auch heute noch genauso egal, wie es manchem Arbeitgebern auch heute noch ganz egal ist, wie eine Mutter gleichzeitig ihr verunfalltes Kind zum Arzt und sich selbst an den Arbeitsplatz teletransportern soll. Immer noch werden von Finanzfachfrauen, Betriebswirtschaftlerinnnen, Krankenhausmitarbeiterinnen im Schichtdienst und Softwarearchitektinnen, die auch Mütter sind, selbstgebackene Kuchen zu Unzeiten geordert, oder wie es einer Bekannten tatsächlich „passierte“, der beschieden worden war, am Vormittag geschlagenen Ei-Schnee zum Kinderbacken in die Schule zu befördern. Klar, der Tag hat 48 Stunden, Mütter haben acht Arme und vollbringen täglich aufs Neue Wunder am laufenden Band.

Dass frische Luft, gesunde Ernährung sowie eine anregende Umgebung eventuell gleichwohl herausfordernde, kommunale Aufgaben seien, haben bislang so wenige Kommunen umgesetzt, dass diese Perlen kinderfreundlicher Kultur sich längst von verschiedenen Fernsehteams gleich mehrerer Fernsehsender interviewen und ablichten lassen müssen, um einen staunenden TV-Publikum vorgeführt zu werden. Die älteren Zuschauer kommentieren dann lapidar, sie hätten früher weder Kindergeld noch irgendeine Unterstützung von außen erfahren, dafür aber eine 48-Stunden-Woche gehabt. Und schon haben die Mütter von heute den schwarzen Peter wieder in der Hand.

Kürzlich riet der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte e.V. folgerichtig: Wenn die Erwerbstätigkeit von Eltern dermaßen gewünscht und notwendig sei, wie überall beflissen bekundet werde, um unsere Sozialsysteme zu stabilisieren, müsste man auch die logische Konsequenz daraus ziehen und freie Arbeitsplätze vorbehaltlich an Eltern von Kindern vergeben. Die Intention dieses Vorschlags ist so verständlich wie nachvollziehbar. Nur den noch weit provokanteren Umkehrschluss wagte man nicht zu formulieren, nämlich, dass dann auch Kinderlose mit freier Zeit notwendig wären, die sich wenigstens zu einem minimalen Teil für die Kinder andere Leute interessierten und um diese kümmerten. Es gibt sie nämlich noch, und es wird sie auch mit Krippen noch geben - die mannigfachen Zeiten, die von allen bisherigen und allen angedachten Kinderbetreuungseinrichtungen ganz schlicht nicht abgedeckt werden können, um allen Eltern auf einem Arbeitsmarkt mit immer unregelmäßigeren Arbeitszeiten ein Vollzeiterwerbsleben zu gönnen.

Die liebenden Großmütter, Großväter, Geschwister, Tanten, die ihre Brüder, Schwestern, Enkel, Nichten und Neffen betreuen, wenn arbeitende Mütter nicht wissen, wohin mit den Kindern, werden seltener. Statt weniger, bleibt immer mehr, was Kinder belangt und betrifft, ausschließlich das private Problem von Eltern und insbesondere von Müttern. Es bleibt ihnen immer noch allein vorbehalten, sich um Kinderkrankheiten, Impfungen, Schule, Kindergarten, Ernährung, Sport und Kultur zu kümmern und sich darüber hinaus ein eigenes Erwerbseinkommen zuzulegen. Die doppelte Belastung von berufstätigen Eltern ist zumindest theoretisch bekannt, die wahre doppelt und dreifache Belastung von berufstätigen Müttern schon weniger - weil gerade letztere wenig klagen. Dazu fehlt ihnen schlicht die Zeit. Und so findet die Diskussion um Kindererziehung und Mütter vorwiegend in den Kommentaren, Einwürfen und Belehrungen von Außenstehenden statt. Sie diktieren, wie Mütter erziehen und reagieren sollten und wie nicht. Indes, die Ausführung des Geredes sowie die Verantwortung für dessen Ergebnis, die dürfen die Mutter auch gern weiter ganz allein übernehmen.

Wer in Deutschland ein Kind bekommt wird automatisch zur Mutter der Nation, an der sich jeder schadlos halten kann. Kaum jemand kommt im Jahr 2007 überhaupt noch auf die schon fast abstrus wirkende Idee, einer Frau Respekt zu erweisen, nur weil sie eine Mutter ist. Eine Mutter steht in der gesellschaftlichen Hierarchie an letzter Stelle. Wenn sie kein eigenes Einkommen hat, ist sie gleich nach ihren Kindern das schwächste Glied in der Kette einer Gesellschafts-Hierarchie, in der Menschen so viel wert wie ihr Einkommen sind. Allein dafür, dass sie ein oder mehrere Kinder großzieht, darf sie keine Anerkennung erwarten. Das geht so nebenbei. Eine etwas selbstverständlichere Haltung muss an sich auch nichts Schlechtes sein, nur, je weniger Kinder von der Gesellschaft als eine alltägliche Selbstverständlichkeit erfahren werden, desto schwerer wird es für die Mütter.

Seit Jahrzehnten ernten junge, schwangere Frauen in diesem Land vorwurfsvolle Blicke, inzwischen ernten auch schwangere Frauen im besten Alter vorwurfsvolle Blicke. Die negative Einstellung ihrer Mitmenschen bekommen Schwangere immer noch zu spüren. Doch an dem Umstand, dass eine schwangere Frau und später die Mutter, ob sie berufstätig ist oder nicht, die Unterstützung einer ihr wohlwollenden Gesellschaft braucht, hat sich eigentlich nichts geändert, außer, dass ihr die Anerkennung und die notwendige Unterstützung durch den Rest der Gesellschaft in der Gegenwart immer mehr entzogen wird. Im Übermaß angeboten werden den Müttern dagegen Meinungen, Bemerkungen, Beobachtung, Kritik, Maßregelung bis hin zu Bevormundung.

HmpfJeder beteiligt sich ungefragt an dem Leben der Mütter von heute. Jeder hat eine Mutter und empfindet sich als persönlicher Fachmann für Familienfragen, selbst, wenn er keine Familie hat. Jeder fühlt sich berufen, etwas über Mütter aus der näheren oder weiteren Umgebung oder sogar über diejenigen zu sagen, deren Leben gänzlich unbekannt ist.
Jeder denkt sich seinen Teil und sagt auch gern etwas dazu, wenn das Nachbarskind schreit, aber kommt jemand vorbei und sagt den vor Schlafmangel erschöpften Eltern: Ich übernehme, ruht euch doch ein Stündchen aus?. Mit einem Herzfehler geboren? Hat die Mutter etwa in der Schwangerschaft geraucht? Das Kind hat die dritte Mittelohrentzündung - liegt an der Mutter, ganz klar. Bakterien? Infektionswege? Nie gehört. Über die können Mütter sowieso höchstens noch mit medizinischem Fachpersonal für Kinder reden, eines von denen ihnen vorbehaltenen Reservaten. Wenn ein Kind ein Problem hat, ist es die Mutter, die ihr Kind wahlweise mit ihrer Berufstätigkeit, mit ihrer fehlenden Berufstätigkeit, mit ihrer Jugendlichkeit, mit ihrem fortgeschrittenen Alter, mit ihrem Familienstand oder sonst etwas Hergeholtem überfordert. Ganz egal, was sie tut, sie handelt immer unverantwortlich. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass sie ein Kind in diese Welt gesetzt hat.

Der Muttertag hat einen Relaunch nötig, wenn er seinen Protagonistinnen, den Müttern Verbesserungen bringen soll. Es gibt inzwischen Unternehmen, die ihren Mitarbeitern, die das Rauchen aufgeben, zwei Tage mehr Urlaub geben. Wie gut, dass der Muttertag auf einen Sonntag fällt, sonst könnte man den Arbeitgebern vorschlagen, Müttern – und Vätern – einen Extra-Tag Urlaub zu schenken, weil sie neben ihrer eigenen Arbeitsleistung langfristig für die Zukunft sorgen. Doch man redet lieber über Mütter, als wirklich etwas für sie zu tun.
Die derzeit öffentliche Anteilnahme an dem Thema Familie in Deutschland erschöpft sich wie immer vorwiegend in fruchtlosen Kommentaren, um sich selbst drehenden Diskussionen, sinnlosen Bemerkungen und theoretischen Ratschlägen auf zahlreichen Plattformen. Weit weniger findet eine Anteilnahme in Taten im richtigen Leben statt.

Danke für die Blumen, der Muttertag 2.0 lässt grüßen. Kinder sind anstrengend, aber sie sind gleichzeitig ein Geschenk und für sich genommen die reinste Freude. Doch eine Kindern und Müttern nicht wohlwollend sondern ablehnend eingestellte Umwelt, die ständig bekrittelt, alles besser weiß und sich ansonsten mit tatkräftiger Unterstützung sehr unvornehm zurückhält, sondern ständig neue Steine in den Weg legt, die ist das eigentliche Problem - die große Scheiße, die Mütter täglich erleben – und irgendwann nur noch froh sind, diese hinter sich lassen zu können - wenn die Kinder groß sind.

OléWenn Sie eine Mutter sind, genießen Sie den Ehren-Tag, so weit man Sie überhaupt lässt, und verschieben Sie diejenigen, die ständig ihre rein persönlichen Ansichten, Videos, Spiele und Kommentare in Ihrem Leben hochfahren wollen beherzt in den Junk-Mail-Ordner oder gleich in den Papierkorb. Solange die Umwelt der Meinung ist, Ihr Kind sei Ihr Privatproblem, filtern Sie die ständige Einmischung unbeteiligter Außenstehender aus Ihrem Alltag heraus, den Sie schließlich in alleiniger Verantwortung zu bewältigen haben. Und erinnern Sie diejenigen, die ständig von sich auf Sie schließen, auch gern per Reminder daran, dass gefälligst alle Erwachsenen ein Vorbild für alle Kinder zu sein haben, auch wenn sie selbst keine großziehen. Diese Vorbildfunktion von Erwachsenen für Kinder ist keineswegs nur auf Mütter begrenzt.

Wer weiß, vielleicht kommt der Muttertag doch noch aus der Peripherie harmloser, nicht ernstzunehmender Veranstaltungen heraus, wenn die Mütter es eines Tages satt haben, ewiger Spielball unwissender Kommentatoren und manövrierbare Masse familienunbelasteter Politik und Wirtschaft zu sein, sondern ihrerseits das Heft in die Hand nehmen und ihre Umwelt Fördern und Fordern? Wer am Muttertag nichts Zielführendes zur Unterstützung und Entlastung der Mütter beizutragen hat, der möge lieber schweigen als salbadern.


2007-05-10 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz

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