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Notizen aus den USA

39. Folge

Alles eine Frage der Balance

von Ines Kistenbrügger

Laptop Die Berufswelt hat mich wieder. Seit Montag vergangener Woche tummele ich mich in Corporate America herum, verzichte auf Jogginghose und T-Shirt und trage ab jetzt Anzüge - und ich bin glücklich damit. Mein neuer Job ist in der Finanzwelt. Der MBA hat mir ermöglicht, den Schritt aus der Entwicklungsabteilung und aus dem Ingenieurs-Leben in Jeans und flachen Schuhen heraus in den Bereich der Finanzen zu vollziehen.

Damit bin ich im Gegensatz zu früher nicht mehr die einzige Frau oder in einer Minderheit von Frauen in einem sonst reinen Männerumfeld tätig, wie in meinem früheren Leben als Ingenieurin. Es ist ungewohnt für mich, mit Männern und Frauen gleichermaßen zu arbeiten. Und ich bin auch beleibe nicht die einzige Ausländerin - sondern einfach nur eine von vielen.
Auch, wenn es mich bis dahin nie störte als einzige weibliche Mitarbeiterin einen Sonderstatus inne gehabt zu haben, so muss ich zugeben, dass ich es im Moment doch sehr genieße einfach nur normal zu sein.

In meiner Abteilung arbeiten viele Frauen in allen Alterstufen, ob mit Kindern oder ohne. Genau das ist völlig neu für mich. Außerdem bin ich längst nicht die einzige mit Kindern im Vorkindergartenalter. Nein, es gibt gleich mehrere Frauen, die diese Balance zwischen Klein-Kindern und Job wagen.
Manche von ihnen arbeiten Teilzeit, andere Vollzeit, so wie ich. An meinem ersten Arbeitstag hörte mein Chef, dass ich kleine Kinder habe: Ohne zu zögern bestellte er mir sofort einen Laptop und eine SecurID, damit ich einfacher von zu Hause arbeiten könnte. Telecommuting nennt sich die Möglichkeit von zu Hause zu arbeiten. Hier, in den USA und in meiner Firma wird Familienfreundlichkeit nämlich groß geschrieben. Zusätzlich erfuhr ich, dass mein Arbeitgeber ein Programm sponsert, das im Krankheitsfall, bei Kindergartenausfall oder aus Dienstgründen eine Nanny für die Kinder zu Hause bezahlt, sollte diese notwendig werden – mit dem großzügigen Beitrag von 80 Prozent der Kosten.

Familienkompatibilität ist ein vorgelebtes Wort, von dem sich Deutsche in ihrer Wehleidigkeit und ihrem Konservatismus ruhig eine oder auch gleich zwei Scheiben abschneiden sollten. Es ist tatsächlich auch im Alltag möglich, Familie und den Beruf zu balancieren. Ich bin also nicht mehr nur die Mutter meiner Kinder, sondern eine eigenständige Frau, die einfach auch gleichzeitig eine Mutter ist.

KleinkindDoch ist alles wirklich so positiv? Die Gefahr beim Ansatz meines Arbeitgebers besteht darin, dass nun auch Arbeiten von zu Hause sowie Dienstreisen erwartet werden. Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen damit immer mehr. Überall erreichbar sein und immer den Arbeitsplatz mit dabei haben: Vielleicht ist es unsere Zukunft, dass es uns immer schwerer fallen wird, unsere Frei-Zeit von der Arbeits-Zeit zu trennen? Auf alle Fälle wird es eine Menge Disziplin von uns selbst erfordern, eine unsichtbare Grenze einzuführen, um sich notwendige Auszeit und Pausen von solch einem Hochleistungs-Leben zu nehmen.

Möchte ich statt diesem äußerst bewegten Alltag etwa zurück zum hauptberuflichen Windelwechseln, Putzen und Aufräumen – nur ab- und zu durch einen gelegentlichen Ausflug in den Zoo, auf den Spielplatz oder in die Spielgruppe unterbrochen? Nein, niemals! Einseitigkeit ist nichts für mich. Lieber setze ich mich abends um neun noch einmal an den Schreibtisch und schreibe einen Bericht zu Ende. Was wäre auch die Alternative? Die neueste Folge von America’s Next Topmodel? No, thanks.


Detroit, 2007-05-15 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: © Ines Kistenbrügger
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz

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