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Echte Liebe

von John*

Es dämmert. Dabei ist es draußen noch schön, die Luft duftet noch lau an diesem Herbstabend, der eher ein Spätsommer ist. Der Vorgeschmack auf den Winter gefällt mir nicht. Dann gehe und komme ich im Dunkeln. Mein Arbeitgeber will es so.

Sie mault, sie ist schlecht drauf. Unser Baby bekommt einen neuen Zahn. Wenigstens sehe ich es noch, darf es auf den Arm nehmen. Ohne die Zahnarie würde es jetzt wahrscheinlich schon schlafen. Ich freue mich über das ungewohnte Treffen, knuddel den Kleinen. Er grinst, noch mit Tränen in den Augen. Er schaut mit seinem einem Zahn ziemlich witzig aus. Ich muss laut loslachen. Der Kleine schaut mich neugierig an. Und sie lächelt entspannt - froh, das kleine Heul-Lach-Schrei-Paket endlich einmal abgeben zu dürfen.

Wir sind beide müde, hundemüde. Sie von schlaflosen Nächten, vom Kind- und Windelpakete-Schleppen und vom niemals endenden Wäschewaschen, ich von schlaflosen Nächten, von der Arbeit und der Verantwortung unsere Existenz momentan allein zu schultern. Wir geben unser Bestes, einfach ist es nicht. Sie hat gekocht, das schafft sie nicht immer, aber es ist immer genug da. Unsere ernährungsphysiologische Grundlage sozusagen, ohne die wir zusammenklappen würden. Wir essen schweigend, zu erschöpft zum reden - und lächeln uns an.

Der Kleine haut mit seiner kleinen, fetten Hand auf ihren Teller. Das nächste Malheur. Alles ist nass, er quiekt vor Vergnügen. Wir seufzen und necken ihn. Sie gibt ihn mir wieder, holt ein Geschirrtuch, wischt auf, lässt es liegen. Der Kleine greift danach, und stopft sich seine Beute samt Soßenflecken gierig in den Mund, kaut heftig darauf herum, entschlossen sich selbst zu helfen. Es hilft nicht. Der Gaumen tut immer noch weh. Er schreit laut klagend auf, als ob genau in diesem Moment die ganze Welt unterginge. Vor einem Jahr las ich einen Artikel über eine Familie, die aus ihrer Wohnung herausgeklagt wurde, weil sie zu laut war. Bevor unser Kind zur Welt kam, konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie so etwas überhaupt geht – zu laut sein.

Meine Ohren fangen an zu klingeln. Der Kleine schreit weiter. Sie hat eine Veilchenwurzel und Beißringe, die man im Eisfach zu wahren Eisklumpen kühlen kann. Missmutig greift er nach der Wurzel, beißt unlustig darauf herum und wirft sie uns vor die Füße. Er setzt wieder an und schreit los. Wir ahnen, uns blüht die nächste Nacht, die man als solche nicht mehr bezeichnen kann. Den Beißring will er nicht einmal anfassen. Ihr fällt was ein.

Sie sucht ihm Brotkorb, während ich das Baby auf dem Arm immer schneller wippe, als würde es irgend etwas nützen. Es hopst in meinem Arm auf und ab und wimmert vor sich hin. Das Ende der Welt scheint wirklich nahe. Er sieht richtig verzweifelt aus, ich auch. Sie dreht sich um, schaut uns an und lacht. Wir sehen wohl im Doppelpack der Verzweifelung ebenfalls lediglich komisch aus.

Sie hat ein Brot in der Hand. Es sieht brutal aus: hart, biologisch-dynamisch und drei Tage alt. Sie schneidet den Kanten ab und reicht ihn herüber. Die kleine Pranke greift danach, stopft sich das Stück mit beiden Fäustchen in den Mund, kaut wie wild darauf herum. Von rechts nach links, dann wieder rechts. Bekommt er gleich zwei Zähne auf einmal? Ich fühle mich völlig überfragt und in Folge dessen das erste Mal in meinem Leben total inkompetent. Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls schreit er nicht mehr. Ein Wunder. Er kaut und kaut und wir grinsen uns erschöpft an.

Ein wohlgenährtes Baby mit Pausbäckchen, das ein Brot bearbeitet, als hätte es eine Woche lang nichts mehr zu Essen bekommen. Die Hälfte des Brotkanten fliegt raus, ein bisschen scheint im Kind zu landen, der Rest befindet sich in einem halben Meter Umkreis verteilt auf dem Boden als gleichmäßiger Krümelteppich. Ich höre auf ihn zu schaukeln und zu schunkeln.. Er kaut weiter. Wir setzen uns. Sie macht einen Tee. Das Kind malmt mit Inbrunst. Manchmal seufzt es zufrieden. Es scheint zu helfen. Gott sei Dank. Wir nehmen uns vor, nur noch uraltes Vollkornbrot zu kaufen.

PaarWir trinken Tee. Das Kind nörgelt. Will auch trinken, bekommt es, liegt in meinem Arm und - wird schwerer. Sein Blick schweift ab, wird abwesend. Langsam schläft unser Dickerchen ein. Zuerst fällt ein Auge zu. Das andere ist noch geöffnet: Ein Bild für die Götter. Schließlich schlummert er, der Sauger fällt aus dem Mund. Vorsichtig tragen wir ihn in sein Bettchen.

Sie sagt, sie sei erledigt, geht ins Bad. Ich starre aus dem Fenster. Draußen ist es jetzt dunkel. Sie geht schon vor, ruft mir ein müdes, muss schnell schlafen, zu. Kein Kuss, keine Umarmung, zu anstrengend. Als ich ins Schlafzimmer komme, sehe ich von ihr nur noch ein aus der Decke hervorblitzendes Hinterteil. Früher hatte ich viele Frauen. Wenn sie anfingen zu langweilen, machte ich Schluss. Mein Job ist zu anspruchsvoll für irgendwelchen Stress im Privatleben. Doch wie heißt es so schön: an guten wie an schlechten Tagen. Schlecht ist unser Leben eigentlich nicht, aber auch nicht gerade la vie en rose.

Die Welt war früher voller Abenteuer, Abwechslung und wechselnder Begleitungen. Das Geschäft mit der Einsamkeit, der Sehnsucht und den Unzulänglichkeiten eines globalisierten Lebens. Heute sehe ich jeden Abend dieselbe, von der ich momentan ziemlich wenig habe. In ein paar Stunden muss ich wieder raus. Ich weiß, dass ich sie und das Zahnmonster gegen niemanden in der Welt eintauschen will. Trotz allem oder besser: genau deswegen.


2006-10-15 John*
Text: ©John* (Name der Redaktion bekannt)
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