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String-Tanga

Mit der Methode Eulenspiegel gegen die wahren Sünden des Sommers

von Angelika Petrich-Hornetz

StringtangaKaiserwetter, die Sonne lacht, der Himmel azurblau, das Meer einladend, weiße Segel, schöne Menschen. Der erste Strandtag und alles scheint perfekt. Da taucht er auf, der ästhetische Super-Gau und prompt ist die beste Sommerlaune dahin: Schlabberige Hinterbacken in String-Tangas wabern an Ufern und auf Strandpromenaden entlang. Ein trauriger Anlass, sich den Winter wieder herbeizusehnen, den man heilfroh doch gerade erst losgeworden ist.

Das hält die Träger und Trägerinnen dieses in den meisten Fällen unvorteilhaften Kleidungsstückes indes nicht davon ab, ihre schlechtesten Seiten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Es scheint sogar das besondere Unglück des Sommers zu sein, dass Körperteile, die an und für sich vielleicht noch ganz passabel aussehen, in ein besonders schlechtes Licht gerückt werden. Die allgemein bekannte Eigenschaft eines Hinterns beiderlei Geschlechts: Er hängt mit den Jahren, sofern das gute Stück nicht regelmäßig trainiert wird. Andererseits: Auch in jahrelanger sitzender Tätigkeit kann so ein Popo noch ganz flotte Formen haben. Manch einer hat eben Glück. Genauso gut können deshalb jugendliche Exemplare im Stringtanga ziemlich alt oder albern aussehen.

Das Bemerkenswerte an dem Teil, was angeblich auch sein Vorteil sein soll, ist der hohe Ansatz, also das lange Bein, das der Tanga kreieren soll - ein Mythos. Ein darin hängender Hintern - auch die leichten Formen - bleibt ein darin hängender Hintern. Dieser verläuft ab Beckenknochen abwärts zunächst nicht selten in einer geraden Linie oder gar in einer nach innen, zur Körpermitte geneigten Kurve, bevor sich erst etwa ab der Hälfte des Gesäßes so etwas wie Backen abzeichnen. Die können schließlich mehr oder weniger knackig, birnen- bis rosinenförmig hervortreten, um dann ebenso in mehr oder weniger Falten gelegt, halbrund oder abgeflacht oder einfach abrupt zu enden - dort wo die Beine beginnen. Was als Lendenschurz und in ähnlichen Formen bei achtzehnjährigen Brasilianerinnen, bei Indianern, Sumoringern oder Afrikanern apart wirken kann, sieht bei den meisten mittelalten Mitteleuropäern wie der letzte Versuch aus, wobei der Hang zur Behaarung des männlichen Mitteeuropäers noch ein Stringtanga-Kapitel für sich selbst ist.

StringtangaDie Variante Vollhintern mit makelloser Rundung findet man allenfalls bei sehr jungen und sehr durchtrainierten Menschen. Auch bei diesen sieht ein hervorstehender Hintern, auf dem möglicherweise ein Glas Wasser abgestellt werden kann, mit einem schnöden Band dazwischen nicht immer elegant aus. Bei vielen anderen – zugegeben den meisten Menschen - wirkt der String-Tanga einfach lächerlich.
Es ist längst nicht der einzige gewöhnungsbedürftige Anblick eines europäischen Sommers. Die Frage, die sich dem Betrachter beim Anblick von Stringtangas, Falten-Delkotées, schlaffen Muskel-Shirt-Trägern und weißen Socken in Sandalen aufdrängt, lautet: Was bringt jemanden dazu sich hässlicher zu machen, als er oder sie in Wirklichkeit ist?

Die Unvorteilhaftigkeit eines String-Tangas an allen, außer dem perfekten, Hintern ist deutlich sichtbar. Trotzdem quetscht sich halb Europa in diese Strandbekleidung. Die Meinungen und Geschmäcker sind bekanntlich ohnehin geteilt, wie eine ordentliche Strandbekleidung zu sein hat – besonders in Deutschland. Ein Großteil immer noch unbewältigter Konflikte zwischen neuen und alten Bundesländern spielt sich jedes Jahr aufs Neue an deutschen Küsten ab. Während die einen, die FKK-Kultur gewohnt, sich erst gar nicht mit der Frage einer Strand-Bekleidung auseinandersetzen, fühlen sich die anderen echauffiert und bestehen auf dem Mindeststandard eines winzigen Dreiecks zur Verhüllung der Scham.

Einiger sind sich zumindest die Damen in Ost und West beim Anblick von Herren in kurzen Hosen, weißen Socken und Sandalen: Bleiche Waden, möglichst stachelig behaart – das geht nicht. Der kleine grüne Kaktus gehört allenfalls auf den Balkon. An den wollte man tunlichst erst wieder nach dem Sommerurlaub denken, jedoch: Oh, weh, der ganze Urlaubsort ist voll mit erblassten Kakteen in weißen Socken und braunen Latschen.

Beim String-Tanga teilen sich die weiblichen Geister ähnlich wie beim Nacktbaden: Die einen meinen, sie sind so wie sie sind und das sei von der Umwelt kompromisslos zu ertragen. Die anderen plädieren für etwas mehr Rücksichtnahme. Doch wie soll das gehen? Während die westliche Ostseeküste schon immer mit abgetrennten FKK-Bezirken für etwas Deeskalation in dem Dauerdisput zwischen Nacktanhängern und –Gegnern sorgte, prallte an den östlichen Stränden der Ostsee, pünktlich zur Wiedervereinigung, die geballte sozialistische Natürlichkeit auf die kapitalistische Bikini-Kultur der alten Bundesrepublik. Irgendwann weit vorher mutierte die Bikini-Hose zwar längst zum String-Tanga, dessen winziges Dreieck den Unterschied zum Nacktsein marginal erscheinen lässt, doch genau diese messerscharfe Grenze bleibt auch achtzehn Jahre nach der Wiedervereinigung überraschend hart umkämpft.

Hintern im StringtangaDer Entwicklungsschritt zwischen Hose und Tanga war das Bänder-Höschen, das bis in die Gegenwart am Hinterteil noch ein etwas breiteres Stoffdreieck – als vorne – übrig lässt. Das wurde in seinen Anfängen an beiden Seiten mit einer niedlichen Schleife gehalten. Im weiteren Verlauf der Höschen-Historie wurden diese tunlichst durch je einen festen Knoten oder mit durchgehenden Stoffschnüren ersetzt. Hatten sich doch einige Witzbolde in der Adoleszenz gleich reihenweise – und die Babyboomer-Generation war bekanntlich auch in ihrer Jugend gut besetzt – einen Riesenspaß daraus gemacht, den sich sonnenden Strandschönheiten gleichen Alters, von diesen unbemerkt, die Schleifchen aufzuziehen.

Auch das leistete dem Stringtanga Vorschub. Der sitzt bombenfest, sozusagen einklemmt. Und wo hinten nichts ist, kann man auch nichts mehr entfernen. Kurz zuvor hatte man das Wundermittel entdeckt, das auch geborenen Dick- und Kurzbeinern angeblich lange Hessen machen sollte, so versprachen die Hersteller: Der hohe Beinansatz diktierte für Jahrzehnte die Schnitte der Bademode. Kaum jemandem fiel auf, das der damit halbe, sichtbare Hintern nicht bei allen Trägerinnen und Träger als Beinverlängerung durchging. Jede Hinterbacke lässt sich nun einmal nicht als verlängertes Bein verkaufen.

Mittlerweile formierte sich in der Badebekleidungs-Branche längst ein Gegentrend: Neben notorischen Badeanzug-Trägerinnen, die den Einteiler - dank geschickter Schnittführung dem Bikini schon seit Ewigkeiten in nichts nachstehend - vor allem deshalb schätzen, weil sie auf dem Weg zum Badevergnügen nur ein Teil und nicht gleich zwei suchen müssen, gibt es auch wieder Bikinis wie zu seiner Gründerzeit: sportliche Höschen, mit halbrundem Beinauschnitt, mit kurzem Bein-Ansatz oder auch längerem. Das steht auch zu dicken, zu dünnen und zu hängenden Oberschenkeln gut. Gegen allzuviel Stoff am Strand spricht dagegen weniger die Ästhetik, sondern ganz praktische Erwägungen: Viel davon bedeutet für diejenigen, die tatsächlich baden und schwimmen und nicht nur in der Sonne braten wollen, dass sie nass werden, und hat an der windigen See Folgen. Entweder Umziehen oder Frieren plus ein Gemisch von Seetang, Sand, Sonnenmilch und Salz zwischen Stoff und Haut zu ertragen – sehr unangenehm. Zu knapp bemessener oder weggelassener Stoff hat also durchaus seine Vorteile.

Letztendlich muss man sich darin kleiden, worin man sich wohlfühlt. Das macht es allerdings nicht unbedingt einfacher, bei Badesachen am allerwenigstens. Der Kartoffelsack ist nicht jedermans Sache, und kaum eine Verkäuferin ist auf diesem Planeten auffindbar, die sich ehrlich äußern will, oder gar die Zeit hat, sich der verzweifelten Kundin redlich zu widmen. Und das obwohl es – wie bei anderen Kleidungsstücken auch – tatsächlich für jede Figur das passende Outfit gibt, das gerade diese glücklich zur Geltung bringt, ob nun rundlicher, eher hager oder anderes - zu viel und zu wenig haben wir alle irgendwo.

Hintern im StringtangaNur, ohne Begleitung, die auch einmal hinten nachsehen kann, wie das gute Stück dort sitzt, ist die Einschätzung einer erfolgreichen Außenwirkung so gut wie unmöglich. Genau das, neben der Sucht, streifenfrei wie ein Grillhähnchen zu bräunen, scheint der wahre Grund zu sein, warum der String-Tanga ungeschlagen bleibt - weil nämlich kaum jemand dieses Teil jemals an sich selbst sehen konnte. Abgesehen von *Bruch- und Diebstahl-Schäden, veranlasste das sogar einige Bekleidungs-Geschäfte die vormals vorhandenen, für die Kunden sehr aufschlussreichen, *zweiten oder beweglichen Spiegel, die eine Rückenansicht erlaubten, tunlichst zu entfernen. Für den Umsatz reicht es vollkommen, wenn die Kundin nur vorne kauft. Tiefer, als eine Kundin hinten hässlich zu verhökern, kann man in der Branche wohl kaum noch sinken.

Der Konjunktur-Aufschwung, heißt es, lasse die Kundschaft wieder eher nach Qualität als nach Massenware greifen. Damit werden die Bademoden-Beraterinnen, die ehrlich und kritisch auf den Hintern der Käufer schauen und den Mut haben, ihnen zu sagen, was wirklich passt und schön aussieht, auch in diesem Sommer wieder zu einer sehr heiß begehrten - und genauso selten gesichteten Gattung. Ach, und wenn Sie an einem schönen Sommertag einem Mann in Rippenhemd, kurzen Hosen und den nicht totzukriegenden Socken in weißen Sandalen begegnen: Auch da hilft die Methode Eulenspiegel: Halten Sie ihm einfach einen Spiegel vor.

*Update: Inzwischen (2017 - 10 Jahre später !) wird gemunkelt, die immer weniger werdenen Spiegel fallen nach und nach dem Spardiktat zum Opfer, das Reinigungspersonal sei zu teuer.


2007-07-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text + Illus: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustration: ©Angelika Petrich-Hornetz
Foto Themenbanner: Dr. Elisabeth Kärcher

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